Zusammenprall der Kulturen

Autor: Ragnar Vogt

Ein Buch über die Seele bekommt viel Aufmerksamkeit – denn es behandelt das Thema nicht metaphysisch, sondern neurowissenschaftlich. Diese Perspektive sorgte in den Medien für überraschende Erkenntnisse.

Veröffentlicht: 01.12.2014

„Seele“ und „Hirnforschung“ – das sind zwei Wörter, die auf den ersten Blick nicht so gut zusammenpassen. Von einer Seele sprechen eher gläubige oder esoterische Menschen. Sie sehen darin so etwas wie den metaphysischen Kern unseres Selbst, der losgelöst vom Körper existieren kann, um etwa in den Himmel zu wandern oder in anderer Gestalt wiedergeboren zu werden. Die Hirnforschung dagegen ist eine Naturwissenschaft. Sie ist nicht dem Glauben verhaftet, sondern konzentriert sich auf Dinge, die nachweisbar, wahrscheinlich oder wenigstens theoretisch plausibel sind.

Wenn nun zwei Begriffe aus solch unterschiedlichen Welten aufeinanderprallen, dann kann sehr leicht Unsinn bei herauskommen. So war der Hirnscanner sogleich misstrauisch, als er sah, dass in mehreren Medien genau so ein Aufeinanderprallen bereits in der Überschrift stattfand: „Die Seele ist eine Hirnfunktion“ titelte etwa Spiegel Online. Bei Deutschlandradio Kultur hieß es: „Die Seele sitzt im Kopf“. Doch das Misstrauen war nicht angebracht, im Gegenteil! Dieser Zusammenprall der Kulturen und ihrer unterschiedlichen Begriffe brachte ein paar Aha-​Effekte hervor, wohl beim Publikum, bei den Journalisten – und auch beim Autor dieser Hirnscanner-​Kolumne.

Die beiden Begriffe medienwirksam zusammengebracht haben die Bremer Hirnforscher Gerhard Roth und Nicole Strüber. Sie veröffentlichten das Sachbuch „Wie das Gehirn die Seele macht“. Darin fassen sie die neuronalen Grundlagen für Bewusstsein, Gefühle und Charakter zusammen. Das Buch ist zudem ein Plädoyer dafür, dass Erkenntnisse der Hirnforschung Einzug halten sollten in andere Wissenschaftsbereiche, etwa in Psychologie und Psychotherapieforschung, aber auch in Philosophie und andere Geisteswissenschaften.

Solche Bücher gibt es einige, aber durch die „Seele“ im Titel bekam das Werk besondere mediale Aufmerksamkeit. Dabei wandten die beiden Autoren einen einfachen Kniff an: Den Begriff der Seele muss man nicht als etwas Metaphysisches verstehen, das wissenschaftlich nicht greifbar ist. Man kann ihn auch als etwas ganz und gar Weltliches begreifen. Dann bedeutet Seele die Gesamtheit von Denken, Fühlen und Erleben einer Persönlichkeit.

Keine Selbstverständlichkeit für Kulturjournalisten

Der Dreh mit der Seele hat dazu geführt, dass sich nicht nur Wissenschaftsjournalisten (lesenswert etwa im Weserkurier) mit dem Buch auseinandergesetzt haben, sondern auch Autoren des Feuilleton. Und das hat interessante Erkenntnisse hervorgebracht.

So gibt es Dinge, die zwar für naturwissenschaftlich geprägte Menschen selbstverständlich sind. Sie sind es damit aber nicht zwangsläufig für den Rest der Gesellschaft – auch nicht für akademisch hoch gebildete Kulturjournalisten. Das Denken und Fühlen erschafft in erster Linie das Gehirn. Und somit ist auch die ganz weltlich definierte Seele ein Ergebnis von neuronalen Netzwerkaktivitäten. Das ist seit Jahrzehnten eine Gewissheit für jeden, der sich wissenschaftlich mit dem Gehirn befasst. Für viele andere Menschen dagegen ist das offenbar eine Neuigkeit.

Das kann man etwa nachhören in einem sehr unterhaltsamen Interview auf Deutschlandradio Kultur mit den beiden Buchautoren Roth und Strüber. Der Moderator fragt mehrmals nach, ob es wirklich der Kopf ist, in dem die Seele sitzt. Ob nicht etwa auch der Verdauungstrakt oder das Rückenmark eine Rolle spielen. Und stellt erstaunt fest, dass sich diese beiden Wissenschaftler tatsächlich hinstellen und kategorisch behaupten, die Suche nach dem Sitz der Seele sei beendet. Wobei Roth lässig darauf hinweist, er sei nicht der erste, der das behauptet, Hinweise darauf seien bereits in Antike bekannt gewesen.

Ungewöhnliche Gedanken

Dem Hirnscanner wurde durch die Berichterstattung über dieses Buch zudem klar, dass nicht immer die Wissenschaftsjournalisten mit ihrem Kopf voller Expertenwissen die besten Fragesteller sind. Wenn man etwa Autoren des Feuilletons mit ihrem unverstellten Blick auf Hirnforscher loslässt, dann können ungewöhnliche Gedanken herauskommen.

So fragt etwa eine Kulturjournalistin für den Tagesspiegel den Hirnforscher Roth: „Angenommen, man könnte nach meinem Tod das Gehirn in allen Details rekonstruieren – würde mein Ich wieder auftauchen?“ Und bekommt zur Antwort, dass so eine exakte Rekonstruktion eines Gehirns möglicherweise binnen 3.000 Jahren machbar wäre, allerdings hätte dieses Replikat noch immer nicht das Ich des Originalgehirns. Und der Spiegel-​Online-​Journalist entlockt Roth die Beobachtung, dass viele Geisteswissenschaftler eine Abwehrhaltung gegenüber der Hirnforschung einnehmen – manche gar einen Hass auf diese hätten.

Der Hirnscanner ist nicht allein

Auch wenn der Hirnscanner heute neugierig das Experiment „Kulturjournalisten befragen Hirnforscher“ betrachtet hat, so ist normalerweise das Nörgeln und Kritteln an der Arbeit von Wissenschaftsjournalisten der Gegenstand dieser Kolumne. Und damit sind wir nicht allein, deshalb sollen hier an dieser Stelle auch mal die Kollegen gewürdigt werden, die ähnliches tun. Besonders empfohlen sei medien​-dok​tor​.de, ein Projekt vom Lehrstuhl Wissenschaftsjournalismus der TU Dortmund. Seit 2010 wird dort die Qualität von Medienberichten über Medizinthemen geprüft. Später kamen noch Umweltthemen hinzu, und neuerdings bewerten die Medien-​Doktoren auch Pressemitteilungen von Wissenschaftseinrichtungen.

Neurothemen tauchen auch immer wieder auf, schließlich gibt es Überschneidungen zur Medizin. So findet man aktuell ein Medien-​Doktor-​Gutachten zu dem Focus-​Online-​Artikel „Die Pille gegen Alkohol“. Es geht um das neue Medikament Nalmefen, das Alkoholsüchtigen beim Entzug helfen soll.

Wird in dem journalistischen Beitrag ein unabhängiger Forscher zu der Studie befragt? Wird die Forschung verständlich erklärt? Und wird die Studie in den aktuellen Forschungsstand eingeordnet? Das sind Fragen, die auch der Hirnscanner gerne stellt. Beim Medien-​Doktor, das zeigt etwa die Besprechung des Focus-​Online-​Artikels, werden diese Fragen und noch weitere Kriterien systematisch abgearbeitet, sodass ein sehr fundiertes Urteil entsteht. Und das ist im vorliegenden Fall vernichtend: „Der mögliche Nutzen wird dabei nicht ausreichend verständlich erklärt, auf Risiken und Nebenwirkungen wird ebenso wenig eingegangen, wie auf die Grenzen und Schwächen der beiden Studien.“ Immerhin bekommt der Artikel drei von fünf Sternen, scheint also nicht kompletter Blödsinn gewesen zu sein.

Auf jeden Fall hilft der Medien-​Doktor den Wissenschaftsjournalismus zu verbessern. Der Hirnscanner wünscht sich lediglich, dass er sich mehr mit Neuro-​Artikeln beschäftigt. Dass hier immer wieder Bedarf für eine kritische Betrachtung herrscht, zeigt nicht zuletzt diese Kolumne.

Kern

Kern/-/nucleus

Der Kern ist in einer Zelle der Zellkern, der unter anderem die Chromosomen enthält. Im Nervensystem ist der Kern eine Ansammlung von Zellkörpern – im zentralen Nervensystem als graue Masse, ansonsten als Ganglien bezeichnet.

Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit/-/attention

Aufmerksamkeit dient uns als Werkzeug, innere und äußere Reize bewusst wahrzunehmen. Dies gelingt uns, indem wir unsere mentalen Ressourcen auf eine begrenzte Anzahl von Bewusstseinsinhalten konzentrieren. Während manche Stimuli automatisch unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, können wir andere kontrolliert auswählen. Unbewusst verarbeitet das Gehirn immer auch Reize, die gerade nicht im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen.

Rückenmark

Rückenmark/Medulla spinalis/spinal cord

Das Rückenmark ist der Teil des zentralen Nervensystems, das in der Wirbelsäule liegt. Es verfügt sowohl über die weiße Substanz der Nervenfasern, als auch über die graue Substanz der Zellkerne. Einfache Reflexe wie der Kniesehnenreflex werden bereits hier verarbeitet, da sensorische und motorische Neuronen direkt verschaltet sind. Das Rückenmark wird in Zervikal-​, Thorakal-​, Lumbal und Sakralmark unterteilt.

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Wer die Seele im Hirn sucht, sucht sie dort vergebens.

Das Hirn kann sich wohl eine Seele zusammenreimen. Das ist aber auch alles, was es in diesem Zusammenhang kann.

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