Zickenalarm und Risikofreude

Autor: Ulrich Pontes

Launen und Demenz olé, Risikofreude bei Finanzfragen oje: Launische Frauen haben ein erhöhtes Demenzrisiko – zumindest die Art der Berichterstattung darüber gefällt dem Hirnscanner. Weniger Erfreuliches hat er in einem Wirtschaftsmagazin entdeckt.

Veröffentlicht: 06.10.2014

Kleiner Nachtrag vorneweg: Während der Hirnscanner den folgenden Befund schrieb, wurde der Nobelpreis für Physiologie oder Medizin 2014 bekannt gegeben – und die Wahl ist aus Hirnscanner-​Sicht mehr als erfreulich! Den diesjährigen Preis teilen sich nämlich drei Hirnforscher: der amerikanisch-​britische Wissenschaftler John O’Keefe sowie das norwegische Ehepaar May-​Britt und Edvard Moser. Ausgezeichnet werden sie für die Entdeckung jener Neuronen bei Mäusen und Menschen, die für die Orientierung im Raum zuständig sind (sogenannte grid cells, siehe „Landvermesser im Gehirn“. Während die Nobelpreis-​Berichterstattung anläuft, konzentriert sich der Hirnscanner nun auf den Befund über die Neuro-​Berichterstattung der vergangenen Tage.

Zickenalarm beim Hirnscanner! Aber nicht etwa, weil Mitarbeiterinnen von das​ge​hirn​.info sich zoffen, sondern weil der Hirnscanner einen Artikel aus der Tageszeitung Welt untersucht, der mit dem merkwürdigem Titel „Zicken bekommen häufiger Alzheimer“ daherkam. Die Überschrift klingt etwas zynisch und schadenfroh, der Hirnscanner dachte sofort an den Spruch „Wer zuletzt lacht … “. Doch der erste Eindruck täuscht.

Der Artikel in der Welt handelt von einer schwedischen Studie, die Frauen über inzwischen fast vier Jahrzehnte begleitet und bestimmte Persönlichkeitsmerkmale erfasst hat. Und diese Studie weist auf eine deutliche Korrelation zwischen Neurotizismus und Demenz-​Erkrankungen hin: Wer in mittleren Lebensjahren unausgeglichen war – etwa zu Neid, Launenhaftigkeit, Reizbarkeit und Nervosität neigte –, wurde später mit höherer Wahrscheinlichkeit dement.

Über dieses Forschungsergebnis ist der Hirnscanner zwar nicht sonderlich begeistert – aber wohl über die Aufarbeitung in dem nüchternen Text (abgesehen von der Überschrift): Erstens werden die zentralen Resultate knapp und prägnant dargestellt. Zweitens wird deutlich darauf hingewiesen, dass damit keine direkte Kausalbeziehung nachgewiesen wird, sondern es mehrere Erklärungsmöglichkeiten gibt, was Ursache und was Folge ist. Drittens wird eine komplementäre Studie erwähnt, die in eine ähnliche Richtung weist – sie hatte herausgefunden, dass besonders entspannte Menschen seltener dement wurden als andere. Und viertens werden vor allem aber – wie vom Hirnscanner immer wieder gefordert – tatsächlich unabhängige Expertenmeinungen zitiert, die die Studie einordnen (und ihr hohe Qualität bescheinigen). Da ist der kleine Makel, dass der Link zur Original-​Studie fehlt, leicht zu verschmerzen.

Neuron

Neuron/-/neuron

Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

Zweimal der gleiche Text – aber mit unterschiedlichen Zahlen

Allerdings gebührt das Lob weniger der Welt als der Nachrichtenagentur dpa: Von dieser stammt der gescannte Artikel nämlich, wie sich per Google News leicht herausfinden lässt. So findet sich etwa bei N24, web​.de oder den Westfälischen Nachrichten mehr oder weniger der gleiche Text, dort auch jeweils mit vollständigem Quellenhinweis.

Ein Kuriosum stellt in diesem Fall stern​.de dar: auch hier der gleiche Text, nur etwas stärker redigiert – zum einen versucht der Texteinstieg, etwas fetziger daherzukommen (nun gut), zum anderen aber stimmen die zitierten Zahlen aus der Studie nicht mit den anderen journalistischen Artikeln überein. Laut stern​.de sollen deutlich mehr Frauen an der Studie teilgenommen haben und etwas mehr Frauen dement geworden sein. Diese Zahlen stammen allerdings nicht aus dem angegebenen aktuellen Fachartikel, sondern aus einem früheren Zwischenbericht derselben Langzeitstudie. Noch kurioser: Sucht man weiter, findet man auf stern​.de eine zweite Fassung desselben Artikels. Dieser wurde einen Tag später onlinegestellt – und kommt weniger redigiert und mit den korrekten aktuellen Zahlen daher.

Gehirn zu groß?

Der Hirnscanner stieß in den vergangenen Tagen noch auf eine andere Schlagzeile, die ihn sofort misstrauisch machte: „Sie lieben riskante Geldanlagen? Schuld ist vielleicht Ihr großes Gehirn“ titelt das – in dieser Kolumne zugegeben eher selten berücksichtigte – manager magazin online. Ein Einfluss der Gehirngröße auf Charaktereigenschaften: Das erinnert ja fast schon an die Phrenologie des frühen 19. Jahrhunderts, die davon ausging, dass Schädelform und Schädelgröße die Persönlichkeit beeinflusse.

Die Merkwürdigkeit der Überschrift wird dann schon im Vorspann aufgelöst. Dort heißt es präziser: „Je dicker eine bestimmte Region des Gehirns eines Menschen, desto größer ist dessen Risikoneigung in finanziellen Dingen.“ Mit der „bestimmten Region“ ist ein Areal im rechten hinteren Scheitellappen gemeint, wie später noch deutlich wird; und „dicker“ bezieht sich auf Volumenmessungen der Grauen Substanz Allerdings wird es dann wieder merkwürdig: Als Quelle gibt der Text einen Artikel aus Businessweek an. Das US-​Wirtschaftsmagazin zählte für den Hirnscanner bislang nicht zum Kanon relevanter Fachzeitschriften mit Forschungsaufsätzen über Neurowissenschaften. Der Klick zur Businessweek offenbart denn auch: Bei der angeblichen Quelle handelt es sich tatsächlich nicht etwa um eine wissenschaftliche Original-​Veröffentlichung, sondern um einen journalistischen Bericht über eine Studie, die im Journal of Neuroscience veröffentlicht wurde.

Parietallappen

Parietallappen/Lobus parietalis/parietal lobe

Wird auch Scheitellappen genannt und ist einer der vier großen Lappen der Großhirnrinde. Er liegt hinter dem Frontal– und oberhalb des Occipitallappens. In seinem vorderen Bereich finden somatosensorische Prozesse statt, im hinteren werden sensorische Informationen integriert, wodurch eine Handhabung von Objekten und die Orientierung im Raum ermöglicht werden.

Graue Substanz

Graue Substanz/-/gray matter

Als graue Substanz wird eine Ansammlung von Nervenzellkörpern bezeichnet, wie sie in Kerngebieten oder im Cortex (Großhirnrinde) vorkommt.

Originalquelle unverzichtbar

Unter Berufung auf eine andere journalistische Publikation zu berichten, ist zwar gängige Praxis im Journalismus – aber nur dann, wenn diese Publikation über exklusive Informationen verfügt. Und das war hier definitiv nicht der Fall. Zumal für die thematisierte Studie nicht nur die Zusammenfassung öffentlich war, sondern das Paper sogar im Volltext frei zugänglich ist. Das manager magazin online hätte also durchaus die Primärquelle nutzen und als Quelle angeben können. Offenbar hat hier ein Wirtschaftsjournalist einen Ausflug in fremdes Terrain – den Wissenschaftsjournalismus – unternommen, ohne die dortigen Standards zu kennen.

Obwohl der Hirnscanner nicht gar zu harsch urteilen möchte: Einen journalistischen Artikel abzuschreiben, ohne die Originalquelle zu konsultieren, ist wohl auch nicht viel schlimmer, als sich allein auf eine Pressemitteilung zu stützen, ohne einen Blick in den Fachartikel zu werfen – was ja im Wissenschaftsjournalismus leider nach wie vor immer wieder geschieht, egal, ob aus Zeitdruck, Bequemlichkeit oder Unwissenheit.

Warum der Rückgriff auf die Originalquelle nicht verzichtbar ist, wird an diesem Beispiel jedenfalls gut deutlich: Der Text im manager magazin online übernimmt Fehler aus der Businessweek-„Vorlage“ beziehungsweise wandelt dort schwammig Ausgedrücktes hier in Fehler um. So kamen die zitierten Beispielfragen – etwa: „Hätten Sie lieber zehn Dollar sicher oder eine 50-​Prozent-​Chance auf 50 Dollar?“ – so im Experiment größtenteils nicht vor. Und es stimmt auch nicht, dass die Hirnscans „zum Teil während der Interviews, zum Teil aber auch erst danach“ durchgeführt wurden. Zum einen handelte es sich nicht um Interviews, sondern um einen per Bildschirm und Knopfdruck durchgeführten Test – ein Gespräch zwischen Forscher und Versuchsteilnehmer wäre während des Scans angesichts der Geräuschkulisse eines Magnetresonanztomografen kaum möglich. Zum anderen wurden laut Originalpaper die Scans zum Teil „während“, zum Teil „an einem anderen Tag“, zum Teil direkt vor dem Verhaltensexperiment gemacht. Es gibt immer wieder Details, die harmlos daherkommen: Aber darauf zu achten, diese korrekt wiederzugeben, gehört zu den Mindeststandards journalistischen Handwerks.

Von Schwalben und Studien

Neben diesem eher formalen Lapsus taucht bei dem Artikel im manager magazin online noch eine weitere Schwierigkeit auf – ein leider sehr grundlegendes Problem vieler wissenschaftsjournalistischer Texte: das sogenannte single study syndrome. Es bedeutet: Es wird nur über eine einzelne Studie berichtet; damit akzeptiert man diese eine einzelne wissenschaftliche Studie bereits als ausreichenden Beweis für etwas – und dann lässt sich so ziemlich alles beweisen. Dabei gilt: Eine Schwalbe macht noch keinen Frühling – ebenso macht eine einzelne Studie noch keine verlässliche Erkenntnis. Und im vorliegenden Fall ist das Ergebnis der Studie tatsächlich eine große Überraschung. Nicht, weil überhaupt ein Areal im Gehirn gefunden wurde, dessen Volumen mit der Risikobereitschaft korreliert, sondern weil dieses Areal ausgerechnet im rechten hinteren Scheitellappen sein soll. So gibt es beispielsweise viele Studien, die – auf Basis von Aktivitätsbestimmungen (etwa per funktioneller Kernspintomografie) statt Strukturbestimmungen wie hier – Risiko-​Entscheidungen im präfrontalen Cortex ansiedeln, also eher Richtung Stirn statt am Hinterkopf rechts oben. Das heißt nun nicht, dass man über solch ein Einzelergebnis nicht berichten darf. Nur: Wenn man es doch tut, dann sollte eben die Einordnung mit Hilfe des bisherigen allgemeinen Kenntnisstands nicht fehlen. Leider fehlt dieser Hintergrund aber sowohl im manager magazin online als auch in der Businessweek.

Besser macht es der Blogger Neurocritic, dessen Beitrag zu dieser Studie der Hirnscanner abschließend empfehlen möchte. Nicht nur, weil der Blogpost den bisher formulierten Ansprüchen genügt – vor allem widmet sich der Blogger jenem Punkt aus dem Originalpaper, der vielleicht der spannendste an der ganzen Studie ist: Und zwar schlagen die Autoren bereits im Abstract vor, dass doch – sollte sich ihr Resultat in breiter angelegten Experimenten bestätigen – die Politik diese Erkenntnis nutzen könnte, indem sie auf die Vielzahl vorliegender, aus medizinischen Gründen angefertigter Hirnscans zugreift und daraus politisch nützliche Erkenntnisse über die allgemeine finanzielle Risikobereitschaft der Bevölkerung ableitet. Ein Gedanke, der nicht nur konkrete Datenschutzprobleme und praktische Fragen aufwirft, sondern auch eine sehr grundlegende ethische Problematik: Inwieweit wollen wir eine schöné neue Welt, in der individuelle Ergebnisse aus Hirnuntersuchungen für alle möglichen Zwecke ausgewertet werden?

Parietallappen

Parietallappen/Lobus parietalis/parietal lobe

Wird auch Scheitellappen genannt und ist einer der vier großen Lappen der Großhirnrinde. Er liegt hinter dem Frontal– und oberhalb des Occipitallappens. In seinem vorderen Bereich finden somatosensorische Prozesse statt, im hinteren werden sensorische Informationen integriert, wodurch eine Handhabung von Objekten und die Orientierung im Raum ermöglicht werden.

Präfrontaler Cortex

Präfrontaler Cortex/-/prefrontal cortex

Der vordere Teil des Frontallappens, kurz PFC ist ein wichtiges Integrationszentrum des Cortex (Großhirnrinde): Hier laufen sensorische Informationen zusammen, werden entsprechende Reaktionen entworfen und Emotionen reguliert. Der PFC gilt als Sitz der exekutiven Funktionen (die das eigene Verhalten unter Berücksichtigung der Bedingungen der Umwelt steuern) und des Arbeitsgedächtnisses. Auch spielt er bei der Bewertung des Schmerzreizes eine entscheidende Rolle.

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