Wunderzellen oder nicht?

Aus Hautzellen neue Nervenzellen machen – das schafften deutsche Forscher. In den Berichten darüber fehlte dem Hirnscanner jedoch eine kritische Einordnung der Ergebnisse.

Veröffentlicht: 27.03.2012

Die letzte Woche feierte die deutsche Wissenschaftspresse eine regelrechte Hans-​Schöler-​One-​Man-​Show. Tatsächlich hatte der Stammzellforscher und Direktor des Max-​Planck-​Instituts für molekulare Biomedizin in Münster etwas Interessantes zu berichten. Er präsentierte eine neue Technik, mit der sich Hautzellen direkt – ohne den Umweg über ethisch umstrittene embryonale Stammzellen – in Nervenzell-​Vorläufer verwandeln lassen. Das klingt toll, schließlich kann man ja nie genug Nervenzellen haben, insbesondere wenn sie bei Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson oder Multipler Sklerose millionenfach absterben.

Folglich berichteten zahlreiche renommierte Zeitungen wie die Frankfurter Rundschau, die Welt oder die Rheinische Post darüber. Die Westfälischen Nachrichten titelten gar „Schölers neuester Coup“. Allerdings basierten die Meldungen in den meisten Fällen nicht auf eigener Recherché, sondern die Informationen stammten vom Nachrichtendienst dpa. Das ist durchaus üblich, schließlich zahlen die Zeitungen ordentliche Gebühren, um bei Bedarf dessen Meldungen abzudrucken. Leider jedoch enthielt die dpa-​Meldung kaum mehr als die Perspektive des Forschers Schöler – beziehungsweise dessen Pressemitteilung. So allerdings ist ohne Eigenrecherche der jeweiligen Redaktion keine objektive Berichterstattung möglich.

Neuron

Neuron/-/neuron

Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

Multiple Sklerose

Multiple Sklerose/Encephalomyelitis disseminata/multiple sclerosis

Eine häufige neurologische Krankheit, die vorwiegend im jungen Erwachsenenalter auftritt. Aus noch ungeklärtem Grund greifen körpereigene Zellen die Myelinscheiden der Nervenzellen an und zerstören diese. Das kann im gesamten zentralen Nervensystem geschehen, weshalb zwei verschiedene Multiple-​Sklerose-​Patienten an ganz unterschiedlichen Symptomen leiden können. Besonders häufig sind Sehstörungen und Taubheitsgefühle in den Gliedmaßen.

Forscher sind stolz auf ihre Arbeit

Denn auch Forscher sind trotz ihres wissenschaftlichen Berufsethos zur Objektivität nun mal stolz auf ihre eigene Arbeit und präsentieren sie möglichst positiv. Und das ist auch gut so, denn wie viele andere auch müssen sie um Fördermittel für ihre Forschung kämpfen. Doch Aufgabe der Presse ist es – wie bei der Pressemitteilung einer Firma über ihr neues revolutionäres Dampfbügeleisen – kritisch zu hinterfragen, ob das denn nun tatsächlich so eine Revolution und viele (weitere) Millionen öffentliche Fördergelder wert ist.

Bitte nicht falsch verstehen: Vielleicht ist die Forschung von Professor Schöler tatsächlich der lang ersehnte Durchbruch, auf den Alzheimer– oder Multiple-​Sklerose-​Patienten schon so lange warten, weil die künstlichen Nervenzellen die aufgrund der Krankheit absterbenden Neurone ersetzen könnten (Morbus Alzheimer). Doch um das als Leser verstehen oder glauben zu können, braucht es die Einschätzung anderer, unabhängiger Experten.

Neuron

Neuron/-/neuron

Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

Neuron

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Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

Wo bleibt die kritische Einschätzung?

Zum Beispiel hätte man Marius Wernig, einen Stammzellforscher an der Stanford University, fragen können, wie einzigartig Schölers Forschungsergebnis eigentlich ist. Das wäre leicht gewesen, denn der Mann ist deutschsprachig – und kompetent: Wernig hat laut Fachmagazin Nature schon 2010 und Anfang 2012 Bindegewebszellen, also Hautzellen, in Nervenzellen umgewandelt, wie ein nur kurzer Ausflug zu gängigen Recherché-​Websites beweist. Auch Sheng Ding vom Gladstone Institute in San Francisco hat im Sommer 2011 ähnliche Ergebnisse wie Schöler präsentiert, im Übrigen bereits mit menschlichen Zellen, nicht nur mit Mauszellen. Und dann gibt es noch Alexander Meissner, Konrad Hochedlinger, Rudolf Jaenisch und jede Menge andere deutschsprachige Stammzellforscher mit Erfahrung auf diesem Gebiet.

Vielleicht ist Schölers Methode aber tatsächlich sehr viel besser, und wenn das Wernig oder Deng oder andere per E-​Mail oder Telefon bestätigt hätten, könnte zumindest der kritische Hirnscanner das viel eher glauben.

Neuron

Neuron/-/neuron

Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

Überprüfen des Praxisbezugs

Wenn schon nicht Wernig oder Ding, dann hätte man aber auch Schöler selbst dazu fragen können, wie sich seine Forschungsergebnisse von denen der Kollegen unterscheiden. Und wenn man schon beim kritischen Nachfragen ist: Wie und warum sollen denn ausgerechnet künstlich gezüchtete Nervenzellen in einem Hirn überleben, das offenbar aufgrund einer zugrunde liegenden Erkrankung ständig Nervenzellen verliert? Ganz zu schweigen von Fragen zu den Kosten einer solchen Stammzelltherapie und der Logistik, die nötig wäre, um Zellen eines Patienten in ein Speziallabor zu schicken, um sie in Nervenzellen umwandeln zu lassen und zurück zum Patienten und in dessen Hirn zu schaffen. Auch darauf hätte der Hirnscanner gern eine Antwort bekommen.

Besonders brisant wird das Stützen auf nur eine Quelle, was die Behauptung Schölers aus der Pressemitteilung betrifft, dass die neuen Kunst-​Zellen ein geringeres Krebsrisiko als bisher züchtbare Zellen bergen. Immerhin fand das Eingang in die dpa-​Meldung und somit auch in die Headlines von Berliner Morgenpost, Stern​.de, Märkische Allgemeine und andere. Auch als gut in das Thema eingearbeiteter Journalist dürfte es schwer fallen, die dazu gemachten Experimente in CellStemCell selbst beurteilen zu können – weshalb man auf eine unabhängige Einschätzung angewiesen ist.

Neuron

Neuron/-/neuron

Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Statt journalistischer Überprüfung von Fakten begnügten sich die Kollegen mit Pressemitteilungen. Und so muss man Absatz um Absatz die Wiederholung der Hoffnungsmache lesen, die dem Leser gebetsmühlenartig seit mindestens vierzehn, gefühlten zwanzig Jahren präsentiert wird: „Die große Hoffnung der Stammzellforscher ist es, derartige Krankheiten mit maßgeschneiderten Zellersatztherapien zu lindern oder gar zu heilen“, heißt es beispielsweise in der Frankfurter Rundschau. Seit 1981, seitdem embryonale Stammzellen bei der Maus, und 1998, seit das menschliche Pendant in Zellkulturen erforscht werden, ist dieser Satz immer wieder zu lesen. Ist es nicht an der Zeit, einmal kritisch nachzufragen, warum das immer noch nur eine Hoffnung geblieben ist? Oder warum man nun mit Schölers „neuestem Coup“ (Westfälische Nachrichten) diese alte Hoffnung wieder auffrischen soll? Glauben die Leser diesen Satz noch?

Immerhin wird in diesem Artikel der FR (wie auch in der Märkischen Allgemeinen und anderen, die die ursprüngliche dpa-​Meldung genutzt haben) noch eine zweite, Bonner, Forschergruppe genannt, die zeitgleich ähnliche Forschungsergebnisse produziert, aber wohl die Pressetrommel nicht so erfolgreich gerührt hatte. Das hat man ausgerechnet bei der Rheinischen Post – liegt Bonn nicht am Rhein? – nicht erwähnt, vermutlich gar nicht gewusst.

Warum alternative, unabhängige Einschätzungen dieser und jeder anderen Forschung so wichtig sind, sagt Schöler selbst, zum Beispiel beim Hamburger Abendblatt: „Damit der Sprung von der Grundlagenforschung zur Anwendung gelinge, müssten jetzt die passenden infrastrukturellen Rahmenbedingungen geschaffen werden. (…) Wir brauchen die politischen Weichenstellungen, um in Richtung Anwendung weiterarbeiten zu können.“ Und um keinen falschen Eindruck zu hinterlassen: Auch das stammt nur aus der Pressemitteilung des Max-​Planck-​Instituts.

Der Hirnscanner kann da nur zustimmen. Aber: Das Ziel solcher Weichenstellungen sollte es immer sein, jene Forschungen und Techniken mit den objektiv besten Therapie-​Aussichten besonders zu fördern, und dazu braucht es eine kritische Begutachtung – auch durch die Presse. Außerdem sollte nicht nur eine, öffentlich gerade interessante, Technik dabei begutachtet werden, sondern verschiedene Therapieansätze. Und wenn es dann am Ende Schölers Technik ist, die das Rennen macht – sehr gern.

Auch Artikel über das Hirn können hirnlos sein. Darum will der Hirnscanner nicht nur auf spannende Beiträge aufmerksam machen, Interviews empfehlen und Themen kommentieren, sondern auch Schlagzeilen hinterfragen und Fehler aufzeigen (wo sie anderen passiert sind) . Hinweise auf interessante Interviews, aufregende Artikel und peinliche Porträts werden unter redaktion@​dasgehirn.​info gerne entgegengenommen.

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