Wochen voller Visionen

Der Hirnscanner wundert sich über fragwürdige Belege für Nahtod-​Erfahrungen und wie schnell Journalisten Zahlen durcheinanderbringen. Und er stolpert über sensationelle Prothesen. Einziger Lichtblick: ein Artikel mit wenig Hype über Alzheimer.

Veröffentlicht: 20.10.2014

Diesmal hätte sich der Hirnscanner fast im Blätterwald verirrt. So dicht waren diesmal die Neuro-​Nachrichten gesät. Über die Verleihung des Nobelpreises an mehrere Neurowissenschaftler berichteten die Journalisten ausführlich. Daher will der Hirnscanner darauf gar nicht weiter eingehen. Schließlich hat es zahlreiche weitere Neuro-​Schlagzeilen in den vergangenen zwei Wochen gegeben.

Noch in der Nobelpreis-​Woche verkündeten die Medien die nächste Sensation: „Erste Hinweise auf ein Leben nach dem Tod!“ – so berichtete The Telegraph über eine Studie zu Nahtod-​Erfahrungen. Ganz so dramatische Überschriften wie der Telegraph wählten die deutschen Medien – von bild​.de abgesehen – zum Glück nicht. Darüber hinaus ließ die Berichterstattung allerdings sehr zu wünschen übrig. Dabei hätten Journalisten bei dieser Studie zeigen können, wofür sie eigentlich gebraucht werden.

Die Wissenschaftler der Studie waren mit einem hehren Ziel angetreten: Nahtod-​Erfahrungen objektiv zu untersuchen. Bisher existieren lediglich Berichte von wiederbelebten Menschen, die ein helles Licht oder sich selbst von oben gesehen hatten. Die Studie sollte nun herausfinden, ob Menschen nach dem Herzstillstand noch bewusst ihre Umgebung wahrnehmen können. Dazu hatte sich das Team um den Kardiologen Sam Parnia eine interessantes Methode ausgedacht: In mehreren Krankenhäusern hatten die Wissenschaftler Regale an Orten aufgestellt, an denen häufig Menschen wiederbelebt werden. Oben auf diese Regale hatten die Forscher Bilder geklebt, die allerdings nur von der Decke aus gesehen werden konnten. Die Idee: Wenn das Bewusstsein der Patienten während des Nahtodes den Körper verlassen und den Raum von oben wahrnähme, könnte es auch die Bilder sehen. „Und wenn niemand diese Bilder sieht, zeigt das, dass diese Erfahrungen Illusionen oder falsche Erinnerungen sind”, hatte Parnia vollmundig in einem BBC-​Interview zu Beginn der Studie verkündet.

Zu viele Zahlen und zu wenige Patienten

Im Laufe der Studie wurden in den teilnehmenden Krankenhäusern insgesamt 2060 Herzstillstand-​Patienten erfasst, von denen 330 überlebten. Insgesamt 140 von ihnen konnten die Wissenschaftler befragen, 101 von ihnen wurden dann noch eingehender interviewt. Diese und viele andere Zahlen brachten einige Journalisten durcheinander. Der Autor von Spiegel Online schrieb gleich zweimal, dass 46 Prozent der Patienten Erinnerungen hätten; bild​.de berichtete, dass 140 Patienten von bewussten Wahrnehmungen berichtet hätten. Tatsächlich meinten nur 55 der 140 Patienten, also 39 Prozent, während des Herzstillstandes bewusst etwas wahrgenommen oder erlebt zu haben. Die Wissenschaftler ließen sich diese Erlebnisse schildern und schätzten ein, ob es sich dabei tatsächlich um Nahtod-​Erlebnisse handelte: Dies war nur bei neun jener 55 Patienten der Fall. Sieben von diesen neun Patienten wiederum erinnerten zudem keine visuellen oder akustischen Eindrücke von der Zeit des Herzstillstandes. Dieses Beispiel zeigt wieder einmal: Es lohnt sich vor allem für Journalisten, ein bisschen mehr darauf zu achten, Zahlen nicht zu verdrehen und Prozentangaben auf die richtigen (Teil-)Mengen an Patienten zu beziehen.

Lediglich zwei berichteten schließlich, wie sie die Wiederbelebung bewusst miterlebt hätten. Einer von ihnen verstarb, bevor er ausführlicher befragt werden konnte. Der andere Patient beschrieb das behandelnde Arzt-​Team und erinnerte zwei Piep-​Töné von einer Maschine im Raum. Die Maschine piept nur alle drei Minuten; die Hirnaktivität erlischt jedoch in der Regel bereits früher nach dem Herzstillstand. Daher sieht der Forscher dies als Beleg für ein Bewusstsein zu einem Zeitpunkt, zu dem keine Hirnaktivität mehr erwartet wird.

Verlorenes Bewusstsein und vergessenes Versprechen

Der Hirnscanner glaubt nicht an Bewusstsein ohne Hirnaktivität. Eine plausible alternative Erklärung findet er in dem Artikel von Werner Bartens in der Süddeutschen Zeitung: Sauerstoffmangel, neuronale Entladungen und körpereigene Schmerzmittel können Halluzinationen und verzerrte Wahrnehmung hervorrufen. Dem Hirnscanner fallen noch weitere Einwände ein: Das Gehirn neigt dazu, „Leerstellen“ mit sogenannten Konfabulationen auszufüllen. Und wer schon einmal eine Arztserie im Fernsehen gesehen hat, baut leicht das charakteristische Piepen aus den Notfall-​Szenen in seine erfundene Erinnerung mit ein. Zudem wurden die Patienten zwischen drei Tagen bis zu einem Jahr nach dem Herzstillstand befragt. Durch so einen langen Zeitraum können die Erinnerungen zusätzlich verzerrt sein. Diese Kritik zu erwähnen, wäre Aufgabe der Journalisten gewesen – zumal die Forscher ein paar dieser Einschränkungen sogar selbst erwähnen.

Was der Hirnscanner aber noch schmerzlicher in allen Artikeln vermisst hat, war jeglicher Verweis auf die von den Forschern präparierten Regale. Ein Blick in die Original-​Studie verrät, dass kein Patient von Bildern auf Regalen berichtet hat. Die zwei Patienten mit Nahtod-​Erlebnissen waren zufällig in Räumen ohne Regale wiederbelebt wurden. Wissenschaftsjournalisten könnten Wissenschaftler an ihre ursprünglichen Versprechen erinnern. Stattdessen feiern sie lieber Sensationen, wie im Vorspann des Artikels zu Nahtod-​Erlebnissen von Spiegel Online: „Eine Studie zeigt jetzt, dass mehr dahinterstecken könnte als Fantasie.“ Der Hirnscanner denkt: Es gehört Fantasie dazu, um nach der Lektüre der Fachpublikation zu solch einem Schluss zu kommen.

Wahrnehmung

Wahrnehmung/Perceptio/perception

Der Begriff beschreibt den komplexen Prozess der Informationsgewinnung und –verarbeitung von Reizen aus der Umwelt sowie von inneren Zuständen eines Lebewesens. Das Gehirn kombiniert die Informationen, die teils bewusst und teils unbewusst wahrgenommen werden, zu einem subjektiv sinnvollen Gesamteindruck. Wenn die Daten, die es von den Sinnesorganen erhält, hierfür nicht ausreichen, ergänzt es diese mit Erfahrungswerten. Dies kann zu Fehlinterpretationen führen und erklärt, warum wir optischen Täuschungen erliegen oder auf Zaubertricks hereinfallen.

Grobe Schilderungen statt Fingerspitzengefühl

Noch eine weitere Sensation schafft es in den vergangenen zwei Wochen in zahlreiche Medien –diesmal jedoch keine übernatürliche, sondern eine technische: künstliche Hände mit Tastsinn. Sowohl ein amerikanisches als auch ein europäisches Forscherteam hat jeweils eine Prothese mit Fingerspitzengefühl entwickelt und an insgesamt drei Patienten getestet. Beide Prothesen enthalten Sensoren, die über Elektroden mit Nerven im Oberarm des Patienten verbunden waren. Auf diese Weise können die Informationen des Sensors als Tastinformationen in das Gehirn des Patienten gelangen.

In den Experimenten des amerikanischen Teams konnten die zwei Probanden mit der Prothese den Stiel einer Kirsche abzupfen, ohne diese zu zerdrücken. Der Hirnscanner ist jedoch enttäuscht, dass lediglich in der Neuen Züricher Zeitung erwähnt wird, dass dies den Probanden auch mit Augenbinde gelang. Wenn die Patienten der künstlichen Hand beim Greifen zuschauen konnten, war die Aufgabe selbstverständlich leichter. Doch auch in dem Fall mit freier Sicht verbesserte das sensorische Feedback ihre Leistung noch. Ebenso gelang es dem schwedischen Probanden zu erfühlen, wie hart ein Objekt ist, welche Form es hat und wie es am besten zu greifen ist – und zwar ohne es zu sehen.

Ebenfalls irreführend fand der Hirnscanner die Bemerkung von Spiegel Online, dass „die Patienten die Prothese bis zum Einreichen der Studie bereits bis zu zwei Jahre lang“ getragen hatten. Dies gilt zwar für die amerikanische Prothese – die Elektroden der künstlichen Hand des schwedischen Teams mussten jedoch nach einem Monat wieder entfernt werden. Zudem stört den Hirnscanner, dass sich die Meldungen in den verschiedenen Medien teilweise sehr stark ähneln, da sie auf einer Meldung der Nachrichtenagentur dpa beruhen – und somit überall die gleichen Fehler stehen können. Erfreulich findet der Hirnscanner allerdings, dass immerhin die meisten Texte wie der in der FAZ betonen, dass es sich um Einzelfall-​Berichte handelt. Auch betonen mehrere Journalisten, dass die Prothesen noch keineswegs perfekt und weitere Studien notwendig sind. Hierbei beziehen sie sich allerdings überwiegend auf einen Kommentar der Herausgeber der Fachzeitschrift Science Translation Medicine, wo beide Fallberichte erschienen sind.

Zum Schluss möchte der Hirnscanner noch einen Text empfehlen. In der Süddeutschen Zeitung berichtet Kathrin Zinkant über ein Alzheimer-​Modell aus menschlichen Zellen. Forschern war es gelungen, einem Nervenzellgeflecht in der Petrischale Erbanlagen für die familiäre Form der Alzheimer-​Demenz einzubauen. Wenige Wochen später bildeten sich erste Alzheimer-​Plaques. Während die Nachricht in den USA ein breites Medien-​Echo auslöste, berichtete in Deutschland kaum ein Medium darüber. Dafür gelingt es der SZ-​Journalistin jedoch fundiert, sachlich und verständlich über die Studie zu berichten, ohne dabei in allzu großen Optimismus zu verfallen. Mehr davon wünscht sich der Hirnscanner.

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