Von Träumen und Alpträumen

Autor: Ragnar Vogt

Ratten träumen offenbar von der Zukunft. Obwohl die Studie kompliziert ist, berichten viele Medien korrekt. Auch Journalisten träumen von der Zukunft. Aktuelle Sparmaßnahmen bereiten ihnen aber derzeit Alpdrücke.

Veröffentlicht: 13.07.2015

Der Hund zuckt im Schlaf und fiept dabei. Er scheint zu träumen. Wovon? Leider kann er das einem nicht erzählen. Auch bei allen anderen Tieren wissen wir fast nichts über deren Träume, dabei wäre es doch so spannend: Träumt meine Katze von der Mäusejagd? Mein Kaninchen von der Sommerwiese oder mein Hamster vom Laufrad? Fragen, die sich sicher schon viele Tierbesitzer gestellt haben. Dieses Interesse erklärt sicherlich auch, warum einige Medien ein entsprechendes Forschungsergebnis aufgegriffen haben: „Ratten träumen von Orten, an denen sie gerne wären“ titelt etwa spek​trum​.de. Nanu, wird der kritische Leser sogleich denken, das klingt nach einer Überinterpretation der Forschung durch Journalisten. Woher wollen die Forscher denn wissen, wo die Ratten gern wären und woher wissen sie, was die Tiere träumen?

Doch die auch ansonsten sehr gewissenhaften Kollegen von spek​trum​.de übertreiben nicht: Der Versuchsaufbau war tatsächlich so gewählt, dass solche Aussagen möglich sind. Kurz zusammengefasst, haben die Forscher die Aktivität der so genannten Place Cells im Hippocampus der Tiere gemessen. Diese Zellen bilden eine Art innere Landkarte im Gehirn (hier anschaulich erklärt mit einer dasGehirn.info-Animation). Und dort rekapitulieren Ratten auch im Schlaf nochmals die Orte, an denen sie schon einmal waren. Das ist schon länger bekannt, dafür gab es 2014 sogar einen Nobelpreis.

Neu ist die nun gefundene Erkenntnis, dass im Schlaf auch Place Cells für Orte aktiviert werden, an denen die Ratten noch nicht waren. Sie hatten diese Orte in einem Labyrinth gesehen, dort gab es Futter. Der Weg dorthin war aber vergittert. Im spektrum.de-Artikel wird wissenschaftlich korrekt die Aussage der Schlagzeile noch durch Formulierungen wie „gewissermaßen“ und „scheinen“ eingeschränkt: „Gewissermaßen scheinen die Nager also davon geträumt zu haben, den gewünschten Ort zu erreichen – zumindest hat ihr Gehirn die komplette Route zum Leckerbissen aktiviert und „durchgespielt“, ähnlich wie dies im Schlaf für tatsächlich absolvierte Laufwege geschieht.“

Hippocampus

Hippocampus/Hippocampus/hippocampual formatio

Der Hippocampus ist der größte Teil des Archicortex und ein Areal im Temporallappen. Er ist zudem ein wichtiger Teil des limbischen Systems. Funktional ist er an Gedächtnisprozessen, aber auch an räumlicher Orientierung beteiligt. Er umfasst das Subiculum, den Gyrus dentatus und das Ammonshorn mit seinen vier Feldern CA1-​CA4.

Veränderungen in der Struktur des Hippocampus durch Stress werden mit Schmerzchronifizierung in Zusammenhang gebracht. Der Hippocampus spielt auch eine wichtige Rolle bei der Verstärkung von Schmerz durch Angst.

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Neben Spek​tum​.de beschreiben auch welt​.de und scinexx​.de den Versuchsaufbau sehr anschaulich und eingängig. In allen drei Artikeln fehlt nur – wie so oft in dieser Kolumne bemängelt – eine Einordnung der Forschung durch unabhängige Wissenschaftler. Das ist nicht unwichtig, schließlich können weder Journalist noch Leser immer einschätzen, ob eine Studie wirklich eine neue Erkenntnis gewinnt, und ob die gewählte Methode tatsächlich genau jene Aussagen zulässt, die die Forscher publizieren. Allzuoft wird diese wichtige Zusatzrecherche aber ausgelassen – aus Zeitdruck oder Kostengründen, vermutlich.

Möglicherweise aber bekommen wir bald häufiger unabhängige Einschätzungen zu Studienergebnissen in deutschen Medien zu lesen, sollte es tatsächlich gelingen, nach britischem Vorbild ein gut funktionierendes Science Media Center auch in Deutschland zu etablieren. Dieses will als unabhängiger, gemeinnütziger Service für Redaktionen wissenschaftliche Zusammenhänge aufbereiten – und so die Qualität des Wissenschaftsjournalismus verbessern. Finanziert wird es über die Klaus-​Tschira-​Stiftung. Im Frühjahr 2016 soll es mit seiner Arbeit beginnen.

Geholfen hätte ein solcher Service vermutlich auch dem Autor des österreichischen Kurier. Er berichtete über die Forschung zu den träumenden Ratten – nur leider fehlerhaft. Dort heißt es im zweiten Satz: „Wie Forscher vom University College London jetzt herausgefunden haben, können auch die Gehirne von Ratten während des Schlafes aktiv sein.“ Falsch: Dass die Gehirne von Tieren auch nachts aktiv sind, weiß man nun schon sehr lange. Das versucht der Kurier-​Autor auch an späterer Stelle richtig zu stellen und schreibt: „Die eigentliche Überraschung der Studie sei aber nicht, dass die Tiere träumen, sondern wie sie es tun.“ Um dann das Forschungsergebnis ein zweites Mal zu wiederholen. Offenbar hat der Autor nicht ganz verstanden, wovon er schreibt.

Offensive Kommunikation

Die Erkenntnisse zu den träumenden Ratten kamen wie so viele nur durch den Einsatz von Versuchstieren zustande. Streng reglementiert und kontrolliert, wie es die Tierschutzkonvention gebietet. Dass die Versuche bei Tierschützern dennoch nach wie vor umstritten sind, darüber haben wir an dieser Stelle schon ausführlich berichtet. Und auch über die aktuellen Folgen solcher Proteste: Im Mai kündigte der Hirnforscher Nikos Logothetis nach massiven Drohungen und Anfeindungen seinen Rückzug aus den Affenversuchen an, die er eigentlich für seine Studien zu bewusster Wahrnehmung dringend benötigt. Logothetis arbeitet als Direktor am Tübinger Max-​Planck-​Institut für biologische Kybernetik.

Diese Entwicklung hat nun offensichtlich auch die Universität Tübingen aufgeschreckt, an der ebenfalls Affenversuche durchgeführt werden. Die Universitätsleitung machte das einzig richtige: Sie lud die Presse zu einem Ortstermin in ihre Tierversuchslabore ein. Leider berichtete – anders als im Fall Logothetis – nur die lokale Presse, nicht aber die überregionalen Medien. Nur die Stuttgarter Zeitung, Stuttgarter Nachrichten und die Badische Zeitung schrieben über die Bemühungen der Universität Tübingen, den Dialog zu fördern und auch Probleme in der Wissenschaft zu thematisieren – etwa eine bessere Transparenz auch bei solchen Tierversuchen einzufordern, die nicht die gewünschten Ergebnisse brachten. Diese landeten noch zu oft in der Schublade, so dass die Gefahr bestehe, dass dieselben Tests in anderen Laboren wiederholt würden. Es wäre ein guter Schritt, hier umzudenken, findet der Hirnscanner.

Und um auch im eigenen Métier ein wenig Transparenz einzuführen, soll es zum Schluss nun noch einmal ganz allgemein werden. Es geht um den Wissenschaftsjournalismus – und eine Entwicklung, die so manchem Journalisten derzeit Alpträume beschert: Der nach dem ZDF größte öffentlich-​rechtliche Sender, der WDR, muss sparen. Und das will er unter anderem beim Wissenschaftsjournalismus, wie zum Beispiel Technology Review berichtet. So soll etwa die Zuarbeit zur täglichen 3Sat-​Wissenschaftssendung nano eingestellt werden. Weil der WDR derzeit 60 Prozent aller nano-​Beiträge produziert, ist bei einem Ausstieg des Senders die gesamte Sendung in Gefahr – so zumindest erläutert es der Kölner Stadtanzeiger. Auch die WDR-​Sendung W wie Wissen soll angeblich beschränkt werden.

Im Fernsehen gibt es immer weniger Sendeplätze, an denen ausführlich über Forschungsthemen berichtet werden kann. Sollten tatsächlich diese beiden Magazin-​Sendungen eingestellt oder ausgedünnt werden, bleiben für freie Wissenschaftsjournalisten kaum noch Möglichkeiten, für das Fernsehen zu arbeiten. Entsprechend wütende Briefe schrieben nun freie WDR-​Autoren an den Intendanten. Auch die Wissenschaftspressekonferenz (wpk), der Fachverband der Wissenschaftsjournalisten, der auch das oben erwähnte Science-​Media-​Center mitinitiierte, beteiligt sich unter dem Motto „Wissenschaft ist keine Nische“ an dem Protest. Die wpk veröffentlichte einen Aufruf, den viele Menschen aus dem Wissenschaftsbetrieb unterzeichneten.

Dem möchte sich der Hirnscanner anschließen: Wenn es einen einleuchtenden Grund gibt, mit Gebühren den öffentlich-​rechtlichen Rundfunk zu finanzieren, dann ist es die Förderung des unabhängigen Journalismus. Ein wichtiger Bereich unserer Gesellschaft ist die Wissenschaft. Beschneidet nun ein sehr großer Gebühren-​Sender das ohnehin vernachlässigte Wissenschaftsressort in einem so großen Umfang, dann ist das nicht nur traurig für die Kollegen, und nicht nur ärgerlich für wissenschaftsinteressierte Fernseh-​Zuschauer, es stellt auch die Existenzberechtigung des gesamten öffentlich-​rechtlichen Rundfunks infrage.

Wahrnehmung

Wahrnehmung/Perceptio/perception

Der Begriff beschreibt den komplexen Prozess der Informationsgewinnung und –verarbeitung von Reizen aus der Umwelt sowie von inneren Zuständen eines Lebewesens. Das Gehirn kombiniert die Informationen, die teils bewusst und teils unbewusst wahrgenommen werden, zu einem subjektiv sinnvollen Gesamteindruck. Wenn die Daten, die es von den Sinnesorganen erhält, hierfür nicht ausreichen, ergänzt es diese mit Erfahrungswerten. Dies kann zu Fehlinterpretationen führen und erklärt, warum wir optischen Täuschungen erliegen oder auf Zaubertricks hereinfallen.

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