Von Kopfbällen und Ego-Shootern

Lithium im Trinkwasser, Folgeerscheinungen von Kopfbällen bei Amateurkickern, Hirnveränderungen durch Computerspiele. Die Themen des Hirnscanner könnten kaum unterschiedlicher sein, wecken aber trotzdem ganz ähnliche Empfindungen: Verwunderung — über die Nonchalance mancher Wissenschaftler -, Zweifel — am eigenen Zählvermögen — und Erstaunen — über die Vernachlässigung wissenschaftsjournalistischer Grundregeln.

Veröffentlicht: 06.12.2011

In den vergangenen Tagen ist viel über die Nachricht diskutiert worden, dass der norwegische Attentäter Anders Breivik, der diesen Sommer 77 Menschen getötet hatte, laut eines Gutachtens psychisch krank und damit unzurechnungsfähig sei. Zu Gewalt, Wahnsinn, Psychopathie und dem „Bösen im Menschen“ gibt es auch aus neurowissenschaftlicher Sicht einiges zu sagen, nur leider kam das in der medialen Berichterstattung ziemlich kurz. Dabei denkt der Hirnscanner nicht etwa an klare Antworten oder Handlungsanweisungen für die Politik, sondern an interessante Erklärungsansätze und Untersuchungen darüber, was im Gehirn von Leuten wie Breivik anders sein könnte. Immerhin: Der britische Guardian hat einen Beitrag des Autismus-​Forschers Simon Baron-​Cohen über die mangelnde Empathiefähigkeit des 32-​Jährigen Norwegers.

Wenn die Zeitungen dem Thema Neurowissenschaften und Gewalt mehr Platz einräumten, dann ging es in den letzten beiden Wochen wieder einmal um Computerspiele. Anlass: Beim Jahreskongress der amerikanischen Radiologen in Chicago hat Vincent Mathews von der Universität Indianapolis eine Studie vorgestellt, die sich der Frage widmet, welchen Effekt brutale Videospiele auf das Gehirn haben. Mathews untersuchte mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT) junge Männer, die binnen einer Woche insgesamt zehn Stunden ein „Killerspiel“ gezockt hatten, und verglich sie mit gleichaltrigen Probanden, die in dieser Zeit gar nicht am Computer spielen durften. Beide Gruppen absolvierten dann im fMRT-​Scanner unter anderem einen Test, bei dem sie die Schriftfarbe von Wörtern benennen mussten. In die Wortreihen eingestreut waren auch brutale Verben wie „schlagen“ oder „töten“.

Funktionelle Magnetresonanztomographie

Funktionelle Magnetresonanztomographie/-/functional magnetic resonance imaging

Eine Modifikation der Magnetresonanztomographie oder –tomografie (MRT, englisch MRI) die die Messung des regionalen Körperstoffwechsels erlaubt. In der Hirnforschung wird besonders häufig der BOLD-​Kontrast (blood oxygen level dependent) verwendet, der das unterschiedliche magnetische Verhalten sauerstoffreichen und sauerstoffarmen Bluts nutzt. Ein hoher Sauerstoffverbrauch kann mit erhöhter Aktivität korreliert werden. fMRT-​Messungen haben eine gute räumliche Auflösung und erlauben so detaillierte Information über die Aktivität eines bestimmten Areals im Gehirn.

Fragwürdige Schlussfolgerungen — keine Nachfragen

Die Versuchsteilnehmer, die das brutale Spiel gespielt hatten, zeigten bei diesen Wörtern eine geringere Aktivität in Bereichen des Gehirns, die für die Verarbeitung und Kontrolle von Emotionen wichtig sind. Nach einer Woche ohne Computerspiel war ihre Hirnaktivität in diesem Test zwar wieder auf dem Niveau der Kontrollgruppe, in einem anderen aber nicht. Laut Mathews ein Beweis dafür, dass Gewaltspiele zu anhaltenden Veränderungen der Hirnfunktion führen. Ein, wie der Hirnscanner meint, durchaus fragwürdiger Rückschluss – schon allein wegen des Beobachtungszeitraums von nur zwei Wochen.

Die Bewertung dieser Studie hängt ganz entscheidend davon ab, wie aussagekräftig die verwendeten Tests wirklich sind und ob die verminderte Aktivität sich auf irgendeine Art und Weise auch im Verhalten bemerkbar macht. Auf beides geben die zahlreichen Artikel zu Mathews Untersuchung leider keine Antwort. Weder im Beitrag der Ärztezeitung noch bei Time Magazine und auch nicht in den meisten anderen Artikeln kommt ein Experte zu Wort, der die Methodik einschätzt. Warum? Weil es zu der Studie eine hübsch geschriebene, schlagzeilentaugliche Pressemitteilung gab? Und weil es zwar zu den Grundregeln es Wissenschaftsjournalismus gehört, aber auch Aufwand bedeutet, die Meinung eines zweiten – neutralen – Experten einzuholen? Hoffentlich nicht!

Emotionen

Emotionen/-/emotions

Unter „Emotionen“ verstehen Neurowissenschaftler psychische Prozesse, die durch äußere Reize ausgelöst werden und eine Handlungsbereitschaft zur Folge haben. Emotionen entstehen im limbischen System, einem stammesgeschichtlich alten Teil des Gehirns. Der Psychologe Paul Ekman hat sechs kulturübergreifende Basisemotionen definiert, die sich in charakteristischen Gesichtsausdrücken widerspiegeln: Freude, Ärger, Angst, Überraschung, Trauer und Ekel.

Schwierigkeiten mit Zahlen

Meist wird es ja gern gesehen, wenn Fußballer mit Köpfchen spielen – zumindest im übertragenen Sinne. Mit Kopfbällen tun die Sportler ihrem Denkorgan aber womöglich keinen Gefallen. Michael Lipton vom Einstein Medical College Center in New York hat ebenfalls beim Radiologenkongress in Chicago eine Studie vorgestellt, bei der er 38 Amateur-​Fußballer in den Magnetresonanztomografen legte. Die Kicker, die angaben, zwischen 1000 und 1500 mal im Jahr das runde Leder zu köpfen, zeigten im MRT Veränderungen im Gehirn, die denen bei einem Schädel-​Hirn-​Trauma ähneln. In Kognitions-​Tests war ihr Erinnerungsvermögen dann auch schlechter, als das von Spielern, die seltener mit dem Kopf zum Ball gingen.

Manche Journalisten machen sich gerne über Fußballer lustig und so empfiehlt die „Welt“ in ihrer Unterzeile: „Fußballer können schon einmal das Zählen üben“. Dabei scheinen dieses Mal vor allem die Journalisten selbst in Zahlenschwierigkeiten zu stecken: Zunächst einmal warnen zwar fast alle Schlagzeilen ganz richtig vor „zu vielen“ Kopfbällen. Die USA Today aber titelt: „Heading a football could lead to brain damage“, also: Einen Fußball zu köpfen, kann zu Gehirnschäden führen. Dabei ist es von einem Kopfball zu 1000 – 1500 im Jahr doch schon ein weiter Weg. Ganz durcheinander geht es dann aber bei der Zahl der Versuchspersonen. Die Welt und Spiegel Online, die sich beide auf eine dpa-​Meldung beziehen, sprechen von 38 Spielern, die untersucht wurden. Ebenso das Time-​Magazin. USA Today und Boston Globe berichten hingegen von 32 Spielern, das Ärzteblatt von 34 Spielern.

Der Grund für die Unterschiede: Es ist natürlich kaum ein Journalist vor Ort gewesen und hat tatsächlich Liptons Vortrag gehört. Stattdessen sind Pressemitteilungen die Grundlage der Berichterstattung und da gibt es zwei verschiedene: Eine vom Veranstalter des Radiologenkongresses und eine von der Pressestelle des Einstein Medical College. Eine kurze E-​Mail an letztere klärt auf: Die Studie läuft noch. Die Pressemitteilung des Radiologenkongresses beruht auf einer Kurzzusammenfassung, die vor dem Kongress eingereicht wurde. Damals waren erst 32 Spieler untersucht, inzwischen sind es 38. Wer also seinen Lesern aktuelle Ergebnisse vom Kongress berichtet, sollte auch von 38 Spielern sprechen. 32 Spieler können lediglich einer veralteten Pressemitteilung entnommen sein. Und woher nimmt das Ärzteblatt, das beide Pressemitteilungen verlinkt, die 34 Spieler? Da bekommt dann auch der Hirnscanner Zahlenschwierigkeiten.

Magnetresonanztomographie

Magnetresonanztomographie/-/magnetic resonance imaging

Ein bildgebendes Verfahren, das Mediziner zur Diagnose von Fehlbildungen in unterschiedlichen Geweben oder Organen des Körpers einsetzen. Die Methode wird umgangssprachlich auch Kernspin genannt. Sie beruht darauf, dass die Kerne mancher Atome einen Eigendrehimpuls besitzen, der im Magnetfeld seine Richtung ändern kann. Diese Eigenschaft trifft unter anderem auf Wasserstoff zu. Deshalb können Gewebe, die viel Wasser enthalten, besonders gut dargestellt werden. Abkürzung: MRT.

Mit Wasser gegen Suizide

Zum Schluss noch etwas, um die Fantasie anzuregen: Im Guardian berichtet Sarah Boseley von einem irischen Psychiater, der vorgeschlagen hat, Lithium ins Trinkwasser zu geben. Das Alkali-​Metall wird in der Medizin unter anderem eingesetzt, um die manischen Phasen von Patienten mit einer bipolaren Störung zu behandeln. Studien haben ergeben, dass in Gegenden mit höherem Lithiumgehalt im Trinkwasser weniger Selbstmorde stattfinden. Da liegt es nahe, dass Autorin Boseley an Huxleys „Schöné, neue Welt“ erinnert, in der alle Menschen mit der Droge „Soma“ zufrieden gestellt werden sollten.
Ein paar Sätze zu den Nebenwirkungen von Lithium hätten dem Blogeintrag allerdings nicht geschadet. Immerhin ist der Abstand zwischen einer medikamentösen Dosis und einer giftigen, die therapeutische Breite also, bei Lithium gering. Und eine Vergiftung kann in leichten Fällen zu Zittern, Konzentrationsschwäche und Müdigkeit und in schweren Fällen bis hin zu einem Koma führen. Der Hirnscanner ist allerdings auch ganz ohne Lithium im Trinkwasser müde und verabschiedet sich für dieses Mal.

Auch Artikel über das Hirn können hirnlos sein. Darum will der Hirnscanner nicht nur auf spannende Beiträge aufmerksam machen, Interviews empfehlen und Themen kommentieren, sondern auch Schlagzeilen hinterfragen und Fehler aufzeigen (wo sie anderen passiert sind) . Hinweise auf interessante Interviews, aufregende Artikel und peinliche Porträts werden unter hirnscanner@​kaikupferschmidt.​de gerne entgegengenommen.

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