Von Einstiegsdrogen und Handystrahlung

Sieben Wochen bis Weihnachten – und die Supermarktregale sind voll mit Pfeffernüssen, Dominosteinen und Lebkuchenherzen. Wie die meisten Menschen ist der Hirnscanner nach mindestens einer dieser Süßigkeiten süchtig. Ein guter Zeitpunkt also, um über Sucht zu schreiben.

Veröffentlicht: 08.11.2011

Fangen wir mit dem Einstieg an, dem Einstieg in die harten Drogen und die Sucht, die das Leben erfüllt, bis für nichts anderes mehr Platz ist. Die Nachricht, dass Mäuse, die Nikotin über das Trinkwasser gefüttert bekommen, später stärker auf Kokain reagieren, war eine der Neuronachrichten, die in den letzten beiden Wochen viel Druckerschwärze aufgebraucht haben. Immerhin impliziert diese Forschungsarbeit, dass Rauchen tatsächlich den Einstieg in harte Drogen begünstigen kann.

Aber nicht alle Druckerschwärze war sinnvoll eingesetzt. In einem Artikel in der österreichischen Tageszeitung Standard heißt es über die Ergebnisse: „Auf molekularer Ebene wurde die vermehrte Ausschüttung des Gens FosB festgestellt, das ‘als molekularer Marker für Abhängigkeit gilt’.“ Natürlich wurde das Gen nicht ausgeschüttet, sondern abgelesen. Selbst das fertige Eiweiß wird nicht ausgeschüttet. Es ist ein Transkriptionsfaktor, der in der Zelle bleibt und dort verschiedene andere Gene reguliert.

Gen

Gen/-/gene

Informationseinheit auf der DNA. Den Kernbestandteil eines Gens übersetzen darauf spezialisierte Enzyme in so genannte Ribonukleinsäure (RNA). Während manche Ribonukleinsäuren selbst wichtige Funktionen in der Zelle ausführen, geben andere die Reihenfolge vor, in der die Zelle einzelne Aminosäuren zu einem bestimmten Protein zusammenbauen soll. Das Gen liefert also den Code für dieses Protein. Zusätzlich gehören zu einem Gen noch regulatorische Elemente auf der DNA, die sicherstellen, dass das Gen genau dann abgelesen wird, wenn die Zelle oder der Organismus dessen Produkt auch wirklich benötigen.

Gen

Gen/-/gene

Informationseinheit auf der DNA. Den Kernbestandteil eines Gens übersetzen darauf spezialisierte Enzyme in so genannte Ribonukleinsäure (RNA). Während manche Ribonukleinsäuren selbst wichtige Funktionen in der Zelle ausführen, geben andere die Reihenfolge vor, in der die Zelle einzelne Aminosäuren zu einem bestimmten Protein zusammenbauen soll. Das Gen liefert also den Code für dieses Protein. Zusätzlich gehören zu einem Gen noch regulatorische Elemente auf der DNA, die sicherstellen, dass das Gen genau dann abgelesen wird, wenn die Zelle oder der Organismus dessen Produkt auch wirklich benötigen.

Gen

Gen/-/gene

Informationseinheit auf der DNA. Den Kernbestandteil eines Gens übersetzen darauf spezialisierte Enzyme in so genannte Ribonukleinsäure (RNA). Während manche Ribonukleinsäuren selbst wichtige Funktionen in der Zelle ausführen, geben andere die Reihenfolge vor, in der die Zelle einzelne Aminosäuren zu einem bestimmten Protein zusammenbauen soll. Das Gen liefert also den Code für dieses Protein. Zusätzlich gehören zu einem Gen noch regulatorische Elemente auf der DNA, die sicherstellen, dass das Gen genau dann abgelesen wird, wenn die Zelle oder der Organismus dessen Produkt auch wirklich benötigen.

Der Zellkern der Geschichte

Aber mehr als dieser Fehler stört den Hirnscanner, dass die wirklich interessante Wahrheit zu kurz kommt: Nikotin hemmt ein Eiweiß namens HDAC und verändert dadurch die Packungsdichte des Erbgutes. Das öffnet gewissermaßen die DNS, so dass viele Gene, unter anderem FosB, leichter abzulesen sind. Bekommen die Mäuse dann Kokain, kann das Rauschgift die Aktivität von FosB leichter ankurbeln und das führt zu dem gesteigerten Suchtverhalten der Tiere. Das ist der Kern der Forschungsarbeit – und sollte doch in zwei, drei Sätzen erwähnt werden. Begrenzter Platz? Dann schlägt der Hirnscanner gleich einen ganzen Absatz zur Kürzung vor, der sich mit der Rückkehr der Forscherin nach Österreich und ihrer Arbeit dort beschäftigt. Für die Nikotin-​Geschichte nicht wirklich erheblich.

Die Agentur dapd hat den Kern der Arbeit auch nicht ausführlicher, aber immerhin richtig aufgeschrieben und nutzt den restlichen Platz sinnvoller, indem sie die Möglichkeit aufzeigt, neue Medikamente zu entwickeln. Die Details besser aufbereitet hat das Ärzteblatt. Und am besten hat wohl Nature den Mechanismus erklärt.

Warum der Mechanismus dem Hirnscanner so wichtig ist? Weil Wissenschaftler eben meist Mechanismen untersuchen und guter Wissenschaftsjournalismus versuchen sollte, diese Arbeit zu erklären. Jeder Leser hat dann theoretisch die Chance nachzuvollziehen, was eine Forschungsarbeit tatsächlich bedeutet. Schreibt der Journalist dagegen nur, „die Forscher nutzten molekulare Methoden und bestätigten so, dass Nikotin das Gehirn für Kokain empfänglicher macht“, sind die molekularen Methoden auch nichts anderes als Alchemie.

Nur leider sind Mechanismen erstens, häufig sehr schwer zu verstehen, und zweitens meist noch schwerer, kurz, verständlich und interessant aufzuschreiben. So ein Artikel benötigt dann eben mehr Zeit und Arbeit als ein Text über die Pressekonferenz zum jüngsten Steuersenkungsplan. Und Zeit bedeutet Personal und Personal Geld und Geld ist knapp. Gerade in Zeiten des Internets und gerade für ein „Sonderthema“ wie Wissenschaft. Diesen Mechanismus versteht jeder.

Kleine Notiz am Rande: Wissenschaft ist international. Die wichtigsten Forscher auf der ganzen Welt publizieren heute in denselben englischsprachigen Journals und man sollte meinen, dass es für die Relevanz eines Ergebnisses kaum eine Rolle spielt, woher der Forscher stammt. Doch selbst bei aktuellen Forschungsnachrichten aus den großen Journals spielt Patriotismus offenbar noch eine große Rolle. Über die interessante Nikotin-​Studie in „Science Translational Medicine“ wurde jedenfalls hauptsächlich in den USA und Österreich berichtet. Und wo kamen die Forscher (unter anderem Nobelpreisträger Eric Kandel und seine Ehefrau, die Soziologin Denise Kandel) her: Aus den USA und Österreich.

Kern

Kern/-/nucleus

Der Kern ist in einer Zelle der Zellkern, der unter anderem die Chromosomen enthält. Im Nervensystem ist der Kern eine Ansammlung von Zellkörpern – im zentralen Nervensystem als graue Masse, ansonsten als Ganglien bezeichnet.

Die Grenzen einer guten Nachricht

Dass viele Menschen auch Entzugserscheinungen bekommen, wenn man ihnen ihr Handy nimmt, ist hinlänglich bekannt. Der amerikanische Biologe Robert Trivers nennt sein Blackberry deshalb gerne „Crackberry“. Aber droht Vieltelefonierern mehr als die Telefonsucht? Am meisten wurde in den letzten zwei Wochen wohl über eine dänische Studie berichtet, die keinen Zusammenhang zwischen Mobilfunknutzung und Hirntumoren finden konnte. Guardian, New York Times, Süddeutsche Zeitung , Spiegel Online, und Zeit Online berichteten alle über die Studie. Die Mankos der Untersuchung: Für Kinder und Jugendliche hatten die Wissenschaftler keine Daten. Außerdem lagen ihnen auch bei Erwachsenen keine Daten über die tatsächliche Nutzung des Handys vor, nur ob jemand als Handynutzer registriert war oder nicht. Ein Däné, der nur ein Firmenhandy hat, könnte also etwa in der Gruppe der Nichttelefonierer gelandet sein. Und wer nach 1996 sein erstes Handy bekam, lief in der Studie als Nichttelefonierer weiter. Hinzu kommt das methodische Problem, dass sich die völlige Abwesenheit eines Risikos kaum beweisen lässt. Die Mankos der Berichterstattung: Eigentlich keine.

Im Gegenteil: Die Aufmerksamkeit, die Journalisten der Studie schenkten, widerlegt sowohl die Behauptung, „only bad news“ seien „good news“ – wie auch die häufig geäußerte Kritik, dass negative Forschungsergebnisse nicht genügend Platz eingeräumt bekommen. Und wenn die Bedeutung jeder Studie so genau auseinandergenommen würde wie in diesem Fall, mit Informationen über ihren Aufbau und ihre methodischen Mängel, dann würde der Hirnscanner hier jede Woche ein Loblied anstimmen.

Am Ende noch ein Lesetipp: Der Wissenschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 6. November beschäftigt sich in mehreren interessanten Artikeln mit neurodegenerativen Erkrankungen: Kuru, Creutzfeld-​Jakob, Alzheimer. Wem der Name Carleton Gadjusek noch nichts sagt, dem empfiehlt der Hirnscanner einen Blick in das Spezial. Gadjusek war ein in jeder Hinsicht außergewöhnlicher Forscher – oder wie sein ehemaliger Chef es formuliert: „Wir können noch von Glück sagen, dass Carleton zu den Guten gehörte. Wäre er ein Soziopath gewesen, hätte er eine weltweite Katastrophe ausgelöst.“

Und jetzt? Keine Zigarette danach. Aber vielleicht einen Lebkuchen…

Auch Artikel über das Hirn können hirnlos sein. Darum will der Hirnscanner nicht nur auf spannende Beiträge aufmerksam machen, Interviews empfehlen und Themen kommentieren, sondern auch Schlagzeilen hinterfragen und Fehler aufzeigen (wo sie anderen passiert sind) . Hinweise auf interessante Interviews, aufregende Artikel und peinliche Porträts werden unter hirnscanner@​kaikupferschmidt.​de gerne entgegengenommen.

Neurodegeneration

Neurodegeneration/-/neurodegeneration

Sammelbegriff für Krankheiten, in deren Verlauf Nervenzellen sukzessive ihre Struktur oder Funktion verlieren, bis sie teilweise sogar daran zugrunde gehen. Vielfach sind falsch gefaltete Proteine der Auslöser – wie etwa bestimmte Formen der Eiweiße Beta-​Amyloid und Tau im Falle von Alzheimer. Bei anderen Krankheiten, beispielsweise bei Parkinson oder Chorea Huntington, werden Proteine innerhalb der Neurone nicht richtig abgebaut. In der Folge lagern sich dort toxische Aggregate ab, was zu den jeweiligen Krankheitserscheinungen führt. Während Chorea Huntington eindeutig genetisch bedingt ist, scheint es bei Parkinson und Alzheimer allenfalls bestimmte Ausprägungsformen von Genen zu geben, welche ihre Entstehung begünstigen. Keine dieser neurodegenerativen Erkrankungen kann bisher geheilt werden.

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