Von Cyborgs und wolllüstigen Damen

Wissenschaft muss man auch verkaufen, das ist dem Hirnscanner klar. Aber bitte nicht mit überinterpretierten Science-​Fiction-​Szenarien. Und auch der Spruch „Sex sells“ muss nicht davon abhalten, entsprechende Geschichten gründlich zu recherchieren.

Veröffentlicht: 15.06.2015

„Es klingt wie Science Fiction.“ Wenn eine Wissenschaftsnachricht so beginnt, hat der Journalist die neue Technik häufig genug überinterpretiert. Andererseits: Alltäglich ist es wirklich nicht, wenn Wissenschaftler ein winziges, nanoskaliges Netz aus Elektronikkomponenten per Spritze in Mäusegehirne platzieren und darüber auf bis zu 16 Kanälen gleichzeitig Hirnströme messen können. Genau das haben Forscher aus Harvard vergangene Woche in Nature Nanotechnology berichtet. Schon die Pressestelle der Universität assoziiert die Technik mit medizinischen Geräten eines Science-​Fiction-​Romans – und das im ersten Satz. Weiter unten bezeichnet sie die Ergebnisse von Vorläuferstudien, bei denen Zellen in ein solches Netz hinein wuchsen, gar als „Cyborg“-Gewebe.

Diese Terminologie übernimmt selbst der Artikel im Nachrichtenteil der Mutterzeitschrift Nature – der aber ansonsten die Studie, den Bedarf einer solchen neuen Technik und mögliche Anwendungen vorbildlich mit Hilfe unbeteiligter Experten einordnet. So soll den Hirnscanner in diesem Fall allein der Hinweis auf das fantastische Element gar nicht weiter stören.

Journalistische Leistung: Einordnen

Auch Scinexx berichtet nach dem obligatorischen ersten Satz über Science und Fiktion durchaus seriös. Der Artikel gibt das Experiment und seine Ergebnisse sachlich wieder. Sogar eine Einordnung in die bisherige Forschung zu flexiblen Sensoren leistet das Online-​Magazin. Die euphorischen Zitate über die möglichen Anwendungen der Technik stammen allerdings alle aus der Harvard-​Pressemitteilung und damit von den beteiligten Forschern. Hier wäre eine zweite Stimme eindeutig angebracht gewesen. Eine Kritik, die man auch Spektrum der Wissenschaft online entgegen halten muss.

Doch hier will der Hirnscanner mal ein Auge zudrücken – angesichts von Artikeln, die sich noch nicht einmal die Mühe machen, die Studie überhaupt einzuordnen. Auf Welt der Physik wird lange nicht einmal klar, welchem Zweck es dienen soll, elektronische Bauteile in lebendiges Gewebe einzusetzen. Erst der dritte von vier Absätzen erwähnt, dass sich damit Gehirnaktivität messen lässt. Ausführlich berichtet der Text hingegen vom Design der injizierten Netze.

Wirklich durchgegangen ist die Fantasie mit dem Autor bei Telepolis. Kleine Schnitzer ließen sich noch vergeben. So wird bei ihm aus einer Nadelkanüle, die eigentlich einhundert Mikrometer groß ist, ein nur einhundert Nanometer kleines Rohr. Oder er stellt fest, die Kommunikation der Elektroden mit der Außenwelt könne „dabei drahtlos erfolgen“, ohne zu ergänzen, dass diese Aussage bisher ungetestete Zukunftsmusik ist. Er macht auch an keiner Stelle deutlich, dass über die gespritzte Elektronik Hirnaktivität gemessen werden kann. Lieber bezeichnet er die so behandelten Tiere als „die ersten Cyborgs“ und stellt sie gleich in der Einleitung in eine Reihe mit Science-​Fiction-​Helden, die durch eine Spritze übermenschliche Fähigkeiten gewinnen: „Die Elektronik-​Spritze ist jetzt Realität.“ Das möchte der Hirnscanner dann doch bezweifeln.

Auge

Augapfel/Bulbus oculi/eye bulb

Das Auge ist das Sinnesorgan zur Wahrnehmung von Lichtreizen – von elektromagnetischer Strahlung eines bestimmten Frequenzbereiches. Das für den Menschen sichtbare Licht liegt im Bereich zwischen 380 und 780 Nanometer.

Sex sells

Noch besser als Cyborgs verkauft sich – Sex. Fast kein Medium ließ es aus, über den Zulassungsfortschritt von Flibanserin zu berichten. „Viagra für Frauen“ betiteln sie das Mittel, „Pink Viagra“ oder „Lustpille“. Kein Wunder, führten doch offenbar schon die Nachrichtenagenturen dpa und AFP ihre Texte mit diesen Namen ein. Das neue Medikament soll Frauen helfen, die unter ihrer sexuellen Unlust leiden.

Anders als die blaue Pille für Männer muss Flibanserin dafür im Gehirn eingreifen. Der genaue Mechanismus ist noch unklar, laut Pressemitteilung der Herstellerfirma verändert der Wirkstoff aber die Konzentration der Neurotransmitter Noradrenalin, Serotonin und Dopamin im Präfrontalcortex. Die AFP-​Meldung versagt allerdings bei der Beschreibung des Wirkmechanismus – und entsprechend zahlreiche Medien, die damit weiterarbeiten. „Flibanserin ist ursprünglich ein Antidepressivum“, schreibt die Agentur. Zwar wurde das Mittel einst mit diesem Ziel entwickelt, kam jedoch mangels entsprechender Effekte nie als Wirkstoff gegen Depression auf den Markt, wie die amerikanische Food and Drug Administration in einem „Briefing Document“ darlegt (auf Seite 265).

Weiter ist vom „lusthemmenden Hormon Serotonin“ die Rede. So schwammig die Übergänge zwischen Neurotransmitter und Hormon an mancher Stelle auch sein mögen: Flibanserin wirkt auf Serotonin-​Rezeptoren an den Synapsen, mit der Ausschüttung von Hormonen ins Blut hat das nichts zu tun. Auch die Konzentration von Dopamin und Noradrenalin erhöht Flibanserin zwar, aber nicht im Blut, wie die AFP-​Meldung dann auch noch behauptet.

Neurotransmitter

Neurotransmitter/-/neurotransmitter

Ein Neurotransmitter ist ein chemischer Botenstoff, eine Mittlersubstanz. An den Orten der Zell-​Zellkommunikation wird er vom Senderneuron ausgeschüttet und wirkt auf das Empfängerneuron erregend oder hemmend.

Serotonin

Serotonin/-/serotonin

Ein Neurotransmitter, der bei der Informationsübertragung zwischen Neuronen an deren Synapsen als Botenstoff dient. Er wird primär in den Raphé-​Kernen des Mesencephalons produziert und spielt eine maßgebliche Rolle bei Schlaf und Wachsamkeit, sowie der emotionalen Befindlichkeit.

Dopamin

Dopamin/-/dopamine

Dopamin ist ein wichtiger Botenstoff des zentralen Nervensystems, der in die Gruppe der Catecholamine gehört. Es spielt eine Rolle bei Motorik, Motivation, Emotion und kognitiven Prozessen. Störungen in der Funktion dieses Transmitters spielen eine Rolle bei vielen Erkrankungen des Gehirns, wie Schizophrenie, Depression, Parkinsonsche Krankheit, oder Substanzabhängigkeit.

Depression

Depression/-/depression

Phasenhaft auftretende psychische Erkrankung, deren Hauptsymptome die traurige Verstimmung sowie der Verlust von Freude, Antrieb und Interesse sind.

Hormon

Hormon/-/hormone

Hormone sind chemische Botenstoffe im Körper. Sie dienen der meist langsamen Übermittlung von Informationen, in der Regel zwischen dem Gehirn und dem Körper, z.B. der Regulation des Blutzuckerspiegels. Viele Hormone werden in Drüsenzellen gebildet und in das Blut abgegeben. Am Zielort, z.B einem Organ, docken sie an Bindestellen an und lösen Prozesse im Inneren der Zelle aus. Hormone haben eine breitere Wirkung als Neurotransmitter, sie können verschiedene Funktionen in vielen Zellen des Körpers beeinflussen.

Noradrenalin

Noradrenalin/-/noradranalin

Gehört neben Dopamin und Adrenalin zu den Catecholaminen. Es wird im Nebennierenmark und in Zellen des Locus coeruleus produziert und wirkt meist anregend. Noradrenalin wird oft mit Stress in Verbindung gebracht.

Und dann: die Bilder

So weit, so traurig. Und dann fällt der Blick des Hirnscanners auf die Bilder, die viele der Artikel begleiten. Variante eins: Man ignoriere sämtliche Unterschiede zwischen Viagra und dem Mittel, das jetzt als seine Entsprechung für Frauen angepriesen wird, um den Text mit einem Viagra-​Foto bebildern zu können. Das hat – ein Beispiel unter vielen – die Mittelbayrische Zeitung getan. Variante zwei: Man nutze die Gelegenheit, leicht bekleidete Damen zu präsentieren. Sie werden sich denken können, welche Variante häufiger anzutreffen war: Beispiele reichen vom Hamburger Abendblatt über Spiegel Online bis zum Express. Und auch inhaltlich führt das Boulevardblatt bewusst in die Irre. „Ein Wundermittel, das Frauen hemmungslos und willig macht?“, fragt gleich der zweite Satz. Die Antwort ist natürlich: Nein.

Beruhigender Weise gibt es aber auch Medien, die es besser machen und die Agenturmeldungen um mehr ergänzen als nur aufreizende Bilder. Doch auch da kann einiges schief gehen. So wie beim Stern: Der bedient sich für seinen Vorbericht bei den hinter einer Paywall versteckten Quellen der Süddeutschen Zeitung – und zitiert sie nicht einmal richtig. Aus „Die FDA benutzt antiquierte, von Männern abgeleitete Bewertungsmaßstäbe“, wird da „Die FDA arbeite mit antiquierten Bewertungsmaßstäben, die von Männern festgelegt würden“. Auch insgesamt sitzt der Stern ziemlich deutlich der Darstellung der Herstellerfirma auf. Bisher sei Flibanserin nur noch nicht zugelassen, weil die FDA die (sexuellen) Probleme von Männern ernster nehme als die von Frauen. Dass die Firma eine Frauenrechtsgruppe finanziert, die für die Markteinführung kämpft, das erwähnt der Text zwar – entschärft diese brisante Information aber sogleich mit dem Wörtchen „inzwischen“.

So geht es auch

In die Gegenrichtung drängen die Argumente bei der Frankfurter Rundschau: Die Pharmafirma habe „mit Unterstützung von Frauenorganisationen in den vergangenen Monaten eine riesige politische Kampagne lanciert“. Den Wirkmechanismus von Flibanserin erläutert der Text zwar nur kurz, aber ohne die Fehler der Agentur-​Abhängigen. Der Fokus liegt bei der FR auf den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und auf dem „politischen Ereignis“, zu dem die Zulassung des Medikaments geworden ist.

Auf diese gesellschaftliche Diskussion lässt sich die Welt gar nicht erst ein. Die Autorin Teresa Nauber erklärt stattdessen ausführlich und verständlich Geschichte und Wirkmechanismus von Flibanserin. Mit Hilfe von Experten ordnet sie ein: Warum ist es für die häufigste Sexualstörung der Frau so viel schwieriger, ein Mittel zu finden als für das mechanische Problem der Männer? Was bewirkt das neue Medikament und bei wem? Und was sagen die Durchschnittswerte aus den klinischen Studien darüber, wie viel sexuelle Erfüllung die Patientinnen wirklich gewinnen? Dieser Text hat den Hirnscanner dann wieder mit der Medienlandschaft der vergangenen zwei Wochen versöhnt. Selbst Geschichten, die sich auch von alleine verkaufen, können eben noch viel mehr bieten, wenn man sie gründlich recherchiert und sachlich darstellt.

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