Vitamin D(emenz) und eigene Großartigkeit

Die Berichterstattung über die Verbindung von einen Mangel an Vitamin D und Demenz ist vorbildlich. „Best practise“-Beispiele sind auch Artikel über einen neuen Schnelltest, der Narzissten mit nur einer Frage entlarven soll.

Veröffentlicht: 11.08.2014

Die Band Deichkind sang vor zwei Jahren, was der Hirnscanner nicht besser ausdrücken könnte: „Leider geil.“ Tja, liebe Leser, so ist das nun mal, wenn man großartig ist. Die meisten sogenannten normalen Menschen verstehen das einfach nicht. Aber warum nicht aussprechen, wie es ist? Ich bin schön, ich bin schlau, und ich bin von selber darauf gekommen.

Aber keine Sorge. Der Hirnscanner ist nicht übergeschnappt – das war Ironie. Und bevor der Hirnscanner missverstanden wird: Hier endet die Ironie.

„Sind Sie ein Narzisst?“

Also im Ernst, liebe Leser: Kennen Sie derartige Gedanken? Und wenn ja, trauen Sie sich auch, diese auszusprechen? Dann stehen die Chancen nicht schlecht, dass Sie ein Narzisst sind. Ein – laut Definition – selbstverliebter, egoistischer und eitler Mensch; manche überdecken damit Minderwertigkeitskomplexe, andere gieren damit nach Bewunderung. Das kann, muss aber nicht gleich eine kranke Persönlichkeit bedeuten. Um die Diagnose einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung stellen oder ausschließen zu können, mussten bisher Psychologen und Psychiater mit ihrem Patienten zeitintensive Fragenkataloge abarbeiten. Das ginge auch einfacher, so Brad Bushman und Kollegen von der University of Ohio, USA, und zwar mit einer einzigen Frage: „Wie sehr stimmen Sie mit dieser Aussage überein: ‚Ich bin ein Narzisst‘?“ Zur Antwort genügte es, eine Zahl zu nennen zwischen 1 (trifft nicht auf mich zu) und 7 (trifft stark auf mich zu).

Laut des Fachartikels im Wissenschaftsjournal PLoS One decken sich die Ergebnisse weitgehend mit denen verschiedener Fragenkataloge, die gegen die neue „single item narcissism scale“ verglichen wurden. Bedenkt man die Definition von Narzissmus, die den Probanden vor der Fragestellung genannt wurde, erscheint es überraschend, dass jemand auf diese Frage positiv antworten würde. Doch genau hier greift die Frage an: denn für einen Narzissten ist es nicht negativ, großartig zu sein. Wieso also nicht dazu stehen, dass man „leider geil“ ist?

Die Aufwertung der eigenen Persönlichkeit durch die Abwertung anderer ist ebenfalls ein starker Hinweis auf eine narzisstische Störung. Gut, dass der Hirnscanner nicht darauf angewiesen ist, andere nieder zu machen, um sich gut zu fühlen, sonst hätte er jetzt ein Problem. Denn dann müsste er die Berichterstattung über die Ergebnisse der Psychologen schlechtmachen, obwohl sie doch gut war. Die Süddeutsche Zeitung zum Beispiel berichtete in ihrer Printausgabe wie auch online zwar kurz, aber korrekt. Einzig, dass der Autor darauf verzichtet hat, auf die Beschränkungen des neuen Tests hinzuweisen, könnte moniert werden.

Dies wiederum taten sowohl das Online-​Magazin scinexx als auch dessen Partner Bild der Wissenschaft. Beide Medien berichteten differenziert und sachlich richtig und sie ließen in den Artikeln auch den verantwortlichen Autor der Originalveröffentlichung zu Wort kommen, um die Ergebnisse zu erläutern. Beide Redaktionen verdienen besonderes Lob, da sie auch darauf hinwiesen, dass eine einzelne Frage nicht umfassende und zeitintensivere Tests ersetzen soll, jedoch für Schnell– oder Onlinetests durchaus hilfreich sein kann.

Geistig frisch dank Sonne und Fisch?

Auch die zweite Meldung, die der Hirnscanner in dieser Ausgabe analysiert, bietet keinen Anlass zur Beschwerde. Schon öfter hat der Hirnscanner über die Berichterstattung zum Thema Alzheimer geschrieben, leider nicht immer ausschließlich positiv: Immer wieder monierte der Hirnscanner überzogene Vereinfachungen und Versprechungen. Umso erfreulicher ist es, dass bei der aktuellen Berichterstattung das nicht nötig ist. Im Gegenteil: Besonders erwähnt werden soll die Einleitung jenes Artikels, der in der Süddeutschen Zeitung erschienen ist: „Wenn die Krankheit nicht zu heilen ist und weder eine spezifische Therapie noch Vorbeugung möglich sind, wird aus einem kleinen Hoffnungsschimmer schnell ein helles Leuchten. So muss man wohl die voreiligen Sensationsmeldungen verstehen, in denen regelmäßig grandiose Behandlungserfolge und hochwirksame Präventionsstrategien gegen Alzheimer und andere Formen der Demenz verkündet werden. Betrachtet man den wissenschaftlichen Kern dieser Nachrichten und fragt nach dem Nutzen für Patienten, bleibt oft wenig übrig – oder gar nichts.“

Dem hat der Hirnscanner nichts hinzuzufügen. Außer der Würdigung, dass die Vorsicht, die der Hirnscanner nicht müde wird einzufordern, in den vorliegenden Nachrichten nicht nur Anwendung fand, sondern, wie im obigen Beispiel deutlich, auch ausgesprochen wurde. Doch worum ging es?

Neurologen um David Llewellyn von der Universität Exeter in Großbritannien hatten einen Zusammenhang zwischen dem Mangel an Vitamin D und der Wahrscheinlichkeit gefunden, an Demenz zu erkranken, wie sie im Fachblatt Neurology berichteten. Vitamin D wird in der Haut gebildet, und zwar mit Hilfe von UV-​Licht aus einer Vorstufe des Vitamins. Vitamin D kommt auch in fettem Seefisch, in Eiern und in Milchprodukten vor, aber diese Art der Versorgung mit dem Vitamin spielt hierzulande kaum eine Rolle. In der Studie wurden bei 1658 Personen im Alter von mindestens 65 Jahren, die keine Anzeichen von Demenz zeigten, der Vitamin-​D-​Spiegel im Blut untersucht. Sechs Jahre später waren 171 Studienteilnehmer an Demenz erkrankt, davon 102 an der Alzheimer-​Form. Es zeigte sich, dass diejenigen, welche zu Beginn der Untersuchung einen Mangel an Vitamin D aufgewiesen hatten, die Wahrscheinlichkeit, eine Demenz zu entwickeln, um 53 Prozent erhöht war. Bei schwerem Mangel war die Wahrscheinlichkeit gar auf 125 Prozent gestiegen.

Demenz

Demenz/Dementia/dementia

Demenz ist ein erworbenes Defizit kognitiver, aber auch sozialer, motorischer und emotionaler Fähigkeiten. Die bekannteste Form ist Alzheimer. „De mentia“ bedeutet auf Deutsch „ohne Geist“.

Kern

Kern/-/nucleus

Der Kern ist in einer Zelle der Zellkern, der unter anderem die Chromosomen enthält. Im Nervensystem ist der Kern eine Ansammlung von Zellkörpern – im zentralen Nervensystem als graue Masse, ansonsten als Ganglien bezeichnet.

Kleines Wort, großer Unterschied

Das Erfreuliche an der Berichterstattung ist, dass sowohl im Artikel der Süddeutschen Zeitung als auch im Online-​Magazin Scinexx, auf Spiegel Online als auch in der Online-​Ausgabe des Ärzteblatts explizit darauf hingewiesen wurde, dass die Studie keine Kausalität entdeckt hat, sondern eine Korrelation – sprich: Es gibt einen Zusammenhang, aber es wird nicht gesagt, was Ursache und was Wirkung ist. Auf diesen Hinweis verzichtete hingegen aponet – gab jedoch an, dass Vitamin D auch in Tablettenform eingenommen werden kann und dass dies besonders im Winter sinnvoll sein könnte. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass aponet das Online-​Portal der deutschen Apothekerinnen und Apotheker ist. Auch erweckte die Formulierung „Nach sechs Jahren entwickelte sich bei 171 Teilnehmern eine Demenz und 102 waren an Alzheimer erkrankt“, den Eindruck, dass insgesamt 273 Teilnehmer an Demenz erkrankt waren. Ein einzelnes „davon“ hätte dieses Missverständnis verhindern können.

Davon abgesehen kann der Hirnscanner zu der Diagnose kommen: Alle untersuchten Artikel wiesen eine dem Thema angemessene sprachliche Sorgfalt auf und verzichteten auf überzogene Heilsversprechen. Der Hirnscanner beglückwünscht die Autoren und Redaktionen und begibt sich nun – Achtung: Ironie, kein Narzissmus – mit einer Makrele in den Stadtpark und tankt etwas Sonne. Aber nicht zu lange, sonst drohen Sonnenbrand oder gar Hautkrebs. Und das wäre leider ungeil.

Demenz

Demenz/Dementia/dementia

Demenz ist ein erworbenes Defizit kognitiver, aber auch sozialer, motorischer und emotionaler Fähigkeiten. Die bekannteste Form ist Alzheimer. „De mentia“ bedeutet auf Deutsch „ohne Geist“.

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