Vernachlässigte Kinder und nachlässige Medien

Graue Hirnsubstanz scheint nicht nur Heimkindern zu fehlen, sondern an einer bestimmten Stelle auch geizigen Menschen. Das erfuhr der Hirnscanner aus den Medien, in deren Berichterstattung er sich mehr kritische Substanz gewünscht hätte.

Veröffentlicht: 30.07.2012

Auch in den letzten Wochen traten Themen aus der Hirnforschung vor allem in einer bei den Medien beliebten Form auf: als Agenturmeldung. Vor allem eine Studie sorgte für ein wenig Rauschen im medialen Blätterwald. Sie beschäftigte sich mit der gesellschaftspolitisch wichtigen Frage, wie sich Vernachlässigung auf das Gehirn auswirkt.

„Aufenthalt im Kinderheim kann Entwicklung des Hirns beeinträchtigen“, überschreibt die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) eine Meldung der dpad. „Kinder, die ihre ersten Lebensjahre im Heim verbringen, behalten davon Spuren im Gehirn.“ Intensive Zuwendung in Pflegefamilien könne die Defizite jedoch wieder ausgleichen.

Die Meldung, die auch andere Medien wie Spiegel Online verbreiteten, bezieht sich auf eine Studie in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences. Ein amerikanisches Forscherteam unter anderem vom Boston Children’s Hospital hatte für seine Untersuchungen auf die Daten einer Langzeitstudie mit Kindern aus Heimen in Bukarest zurückgegriffen. Im Laufe des Projekts hatte man die Kleinen bis zum achten Lebensjahr begleitet und regelmäßig mit Magnetresonanztomografie untersucht. Bei ihnen fiel das Volumen der grauen Hirnsubstanz geringer aus als bei Kindern, die in Familien aufwuchsen. Als Erklärung verweisen die Forscher laut der Pressemeldung auf die mangelnde Zuwendung, die für solche Heimeinrichtungen typisch sei und die Entwicklung der Kleinen beeinträchtigen könne.

Magnetresonanztomographie

Magnetresonanztomographie/-/magnetic resonance imaging

Ein bildgebendes Verfahren, das Mediziner zur Diagnose von Fehlbildungen in unterschiedlichen Geweben oder Organen des Körpers einsetzen. Die Methode wird umgangssprachlich auch Kernspin genannt. Sie beruht darauf, dass die Kerne mancher Atome einen Eigendrehimpuls besitzen, der im Magnetfeld seine Richtung ändern kann. Diese Eigenschaft trifft unter anderem auf Wasserstoff zu. Deshalb können Gewebe, die viel Wasser enthalten, besonders gut dargestellt werden. Abkürzung: MRT.

Vorschnell einleuchtend

Das klingt zunächst plausibel und möglicherweise verhält es sich tatsächlich so. Schließlich zeigen mittlerweile sehr viele Studien, dass Zuwendung und eine anregungsreiche Umgebung für das Gehirn in Phasen der Entwicklung wichtig sind. Wenn die Kinder tatsächlich vernachlässigt wurden, wäre eine gestörte Hirnentwicklung demnach kein Wunder. Wo liegt also nun das Problem? In der Agenturmeldung wird nicht wirklich deutlich, ob die Wissenschaftler die Vernachlässigung in den betreffenden Heimen überhaupt untersucht und in ihre statistischen Berechnungen miteinbezogen hatten. Und war Vernachlässigung tatsächlich die Ursache dafür, dass der Aufenthalt im Heim die Hirnentwicklung störte?

Ein Blick in die Studie zeigt zunächst einmal, dass die Forscher eigentlich nichts über die Ursachen aussagen können. Die Daten der Langzeitstudie liefern letztlich nur einen statistischen Zusammenhang zwischen dem Heimaufenthalt und der Hirnentwicklung. Auf welchem Wege genau das Leben im Heim zu den Entwicklungsproblemen führen soll, können die Wissenschaftler aber nicht sagen. Denn nach Kenntnis des Hirnscanners hatten sie nicht untersucht, wie die Kinder in den Heimen behandelt wurden. Letztlich spekulieren sie nur und schreiben, die wahrscheinlichste Erklärung sei, dass Heimeinrichtungen den Kleinen nicht die für die normale Hirnentwicklung benötigte anregende Umgebung biete.

Knifflige Interpretationen

Auch die Interpretation einzelner Ergebnisse der Studie ist schwieriger als uns die Medien glauben machen wollen. Denn im Laufe der normalen Entwicklung nimmt die aus synaptischen Kontakten bestehende graue Substanz zunächst einmal zu. In einem weiteren Schritt nimmt sie dann allerdings wieder ab — ein Vorgang, der oftmals als Feintuning interpretiert wird: nur effektive Verbindungen werden beibehalten, andere gekappt. Deshalb können die Forscher selbst nicht genau sagen, was die geringere Hirnsubstanz der Heimkinder bedeutet: eine beschleunigte oder eine gestörte Entwicklung?

Man sieht also, was zunächst so eindeutig und intuitiv einleuchtend klang, ist auf den zweiten Blick viel schwieriger. Der Hirnscanner möchte dabei gar nicht leugnen, dass das Leben im Heim oftmals alles andere als ein guter Start ins Leben ist. Aber gerade bei einem gesellschaftlich wichtigen und heiklen Thema hätte er sich in der Berichterstattung einige Hinweise auf die Schwierigkeiten derartiger Untersuchungen gewünscht.

Graue Substanz

Graue Substanz/-/gray matter

Als graue Substanz wird eine Ansammlung von Nervenzellkörpern bezeichnet, wie sie in Kerngebieten oder im Cortex (Großhirnrinde) vorkommt.

Geiz spart auch an der Hirngröße?

Bei einem anderen Thema, dessen mediale Aufbereitung der Hirnscanner kritisch sieht, kam der grauen Hirnsubstanz ebenfalls einige Aufmerksamkeit zu: Wenig gelungen etwa erscheint bereits die Überschrift, die der Südkurier für eine dpa-​Meldung fand: „Großes Hirn, großes Herz?“, um dann gemäß der Agenturmeldung weiter zu behaupten: „Geizkragen haben weniger graue Hirnsubstanz als Menschen, die so großherzig und selbstlos sind wie einst Mutter Teresa.“

Mit dem Autor der Agenturmeldung scheint zumindest zu Beginn des Beitrags ein wenig die Fantasie durchgegangen zu sein. Denn in der zugrunde liegenden Studie in der Fachzeitschrift Neuron interessierte sich ein Schweizer Forschungsteam von der Universität Zürich weder für die Gesamtgröße des Gehirns noch speziell für Geiz. Die Wissenschaftler wollten stattdessen die neurobiologischen Grundlagen von eigennützigem und uneigennützigem Verhalten erkunden. Zu diesem Zweck ließen sie Probanden im Scanner in diversen Spielen zwischen sich und einem anderen Geld verteilen. Die Neigung der Freiwilligen zu Uneigennützigkeit spiegelte sich in der grauen Substanz an der Grenze von Schläfen– und Scheitellappen wider: Probanden, bei denen diese Region ausgeprägter war, verhielten sich selbstloser. Diese Region ist schon länger dafür bekannt, dass sie aktiv wird, wenn man sich in die Perspektive eines anderen Menschen hineinversetzt.

Immerhin zitiert die Pressemeldung der dpa eine einschränkende Formulierung der Forscher. Man solle aus ihren Ergebnissen keinesfalls den Schluss ziehen, dass altruistisches Verhalten nur biologisch bestimmt sei. Das ist zumindest schon einmal ein Anfang, findet der Hirnscanner und hofft auf kritischere Berichterstattung in den nächsten Wochen.

Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit/-/attention

Aufmerksamkeit dient uns als Werkzeug, innere und äußere Reize bewusst wahrzunehmen. Dies gelingt uns, indem wir unsere mentalen Ressourcen auf eine begrenzte Anzahl von Bewusstseinsinhalten konzentrieren. Während manche Stimuli automatisch unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, können wir andere kontrolliert auswählen. Unbewusst verarbeitet das Gehirn immer auch Reize, die gerade nicht im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen.

Graue Substanz

Graue Substanz/-/gray matter

Als graue Substanz wird eine Ansammlung von Nervenzellkörpern bezeichnet, wie sie in Kerngebieten oder im Cortex (Großhirnrinde) vorkommt.

Parietallappen

Parietallappen/Lobus parietalis/parietal lobe

Wird auch Scheitellappen genannt und ist einer der vier großen Lappen der Großhirnrinde. Er liegt hinter dem Frontal– und oberhalb des Occipitallappens. In seinem vorderen Bereich finden somatosensorische Prozesse statt, im hinteren werden sensorische Informationen integriert, wodurch eine Handhabung von Objekten und die Orientierung im Raum ermöglicht werden.

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