Unruhige Nächte

Entfernte Hinweise, dass unter ganz bestimmten Umständen vielleicht Alzheimer-​typische Eiweiße zwischen Gehirnen übertragen werden könnten, sorgen für Unruhe. Wach hält auch eine neue Studie zum Wirkmechanismus von Kaffee.

Veröffentlicht: 21.09.2015

So viele Fragezeichen! „Ist Alzheimer übertragbar?“ fragen die deutschen Medien – als wüssten ihre Leser besser, was die aktuellen Ergebnisse einer britischen Forschergruppe wirklich bedeuten. Die sind aber auch nicht ganz einfach zu vermitteln: Die Wissenschaftler hatten acht Patienten obduziert, die an der Creutzfeldt-​Jakob-​Krankheit gestorben waren, und bei einem großen Teil von ihnen Alzheimer-​typische Veränderungen an einem bestimmten Eiweiß gefunden. Andere Anzeichen von Alzheimer fehlten sowohl im Gehirn als auch im Verhalten. Alle Patienten hatten vor Jahren Wachstumshormone erhalten, die damals noch aus menschlichen Gehirnen isoliert wurden. Die vermutliche Quelle der Prionen – fehlgefaltete Eiweiße, die die Creutzfeldt-​Jakob-​Krankheit verursachen – war also recht eindeutig. Gleichaltrige Kontrollpatienten mit nicht übertragenen Formen der Erkrankung zeigten die Veränderungen an dem Eiweiß kaum. So fanden die Forscher keine bessere Erklärung, als dass auch sie durch das verunreinigte Wachstumshormon verursacht worden sein könnten.

Vorsichtige Formulierungen

Viel Wenn und Aber also. Entsprechend vorsichtig formulieren die Medien von Frankfurter Allgemeiner Zeitung über Deutschlandfunk bis zu Spektrum der Wissenschaft: „Indizien“, „offenbar“, die Studie „legt nah“ oder „weist vorsichtig in diese Richtung“. Zeit–Redakteur Sven Stockrahm fängt gleich seinen Vorspann mit dem Satz an: „Niemand muss nun fürchten, sich bei Verwandten mit Demenz zu infizieren.“ Bei manchem Leser bleibt trotzdem zunächst hängen: „Was? Alzheimer ist ansteckend?“ Das belegen die Kommentare zu den Artikeln. Und der Tagesspiegel hilft wenig, wenn er vor Panikmache in den Medien warnt, gleichzeitig aber im ersten Absatz die „Urängste“ vor einer Ansteckung erst einmal so richtig heraufbeschwört.

Auch der dpa-​Meldung etwa in Hamburger Abendblatt, Rheinischer Post, Stuttgarter Zeitung, Focus und selbst in der Version bei Bild merkt man das Bemühen an, nicht nur verständlich zu berichten, sondern möglichst früh den Panik-​dämpfenden Hinweis unterzubringen: „Bei der Pflege oder dem Umgang mit Alzheimer-​Patienten bestehe aber keine Gefahr einer Ansteckung, betonen Experten.“ Trotzdem ist selbst die Aussage im ersten dpa-​Absatz weit hergeholt, „bei medizinischen Eingriffen wie Hirn-​OPs könnten Alzheimer-​typische Eiweiße auf gesunde Menschen übertragen werden.“ Betreffen doch die aktuellen vagen Verdachtsmomente gerade einmal einen ganz spezifischen medizinischen Eingriff, der nicht einmal mehr durchgeführt wird.

Demenz

Demenz/Dementia/dementia

Demenz ist ein erworbenes Defizit kognitiver, aber auch sozialer, motorischer und emotionaler Fähigkeiten. Die bekannteste Form ist Alzheimer. „De mentia“ bedeutet auf Deutsch „ohne Geist“.

Falscher Indikativ

Vollends problematisch wird es, wenn daraus beim Berliner Kurier oder der Augsburger Allgemeinen der Indikativ wird. O-​Ton bei letzterer: „Alzheimer ist also übertragbar, wenn Amyloid-​ß-​Eiweiße bei operativen Eingriffen am Gehirn über Blut oder Instrumente weitergegeben wird (sic!)“ Und auch die Überschrift in der Welt „Alzheimer unter bestimmten Bedingungen übertragbar“ lässt weniger Raum für Zweifel, als wohl angebracht wäre.

Schließlich ließe sich den Forschern auch ein gewisses finanzielles Interesse daran unterstellen, Sorge um eine Übertragbarkeit von Alzheimer zu schüren: Zwei von ihnen halten Anteile an einer Firma, die Produkte zur Prionen-​Dekontamination – etwa von OP-​Besteck – entwickelt. Pikanterweise fehlte im Fachartikel bei Nature ausgerechnet dieses Detail im Hinweis auf mögliche Interessenkonflikte zunächst und musste in der Folgeausgabe nachgereicht werden. Darauf hatte kurz nach der Veröffentlichung bereits der britische National Health Service hingewiesen. In den deutschen Medien dagegen kam dieser Nachtrag kaum noch vor – höchstens, um ihn seinerseits kritisch einzuordnen: Wenn an der Übertragbarkeit von Alzheimer „irgendetwas dran sein sollte, spielt das [finanzielle Interesse der Autoren] keine Rolle mehr“, kommentiert Jörg Albrecht in der FAZ. Und Ulrich Bahnsen hat für die Zeit nachrecherchiert, wie wenig finanziellen Gewinn die Forscher konkret zu erwarten haben. Nur: Musste er an der Stelle wirklich eine Frage als Überschrift wählen – „Erst Panik machen, dann Medikamente verkaufen?“ –, die er im Text mit „eher nicht“ beantwortet?

Innere Uhr aus dem Takt

Wer mit all diesen Sorgen noch ruhig schlafen kann, dem sei eine ordentliche Dosis Koffein vor dem Zubettgehen empfohlen. Wie die sich auf die innere Uhr des Menschen auswirkt, haben Forscher um Kenneth Wright von der University of Colorado in Boulder untersucht. Ihr Ergebnis: Nicht nur verschiebt die abendliche Einnahme von Koffein gegenüber der Placebokontrolle die Einschlaf– und Aufwachzeiten um etwa 40 Minuten nach hinten. Entsprechend später beginnen auch die Level des Zirbeldrüsenhormons Melatonin zu steigen, die dem menschlichen Tag-​Nacht-​Rhythmus den Takt vorgeben.

„Koffein zu später Stunde könnte demnach mit ein Grund dafür sein, dass immer mehr Menschen über Schlafstörungen klagen“, folgert der Focus daraus – als hätte man das tatsächlich nicht vorher ahnen können. Und ob man die Wirkung eines doppelten Espresso tatsächlich nur deshalb „extrem“ nennen muss, weil jetzt ein weiterer Mechanismus dafür bekannt ist, sei auch einmal dahingestellt. Dafür leistet das Magazin in einem zweiten Artikel zum Thema, was sonst so oft fehlt: Es darf tatsächlich ein externer Experte zu Wort kommen und die Grenzen der neuen Erkenntnis ausloten. In beiden Focus-​Texten fehlt aber der Hinweis darauf, dass es zur Kontrolle auch eine Versuchsbedingung gab, in der die Teilnehmer nur einen Placebo erhielten.

Melatonin

Melatonin/-/melatonin

Melatonin ist ein Hormon, das bei Dunkelheit von der Zirbeldrüse im Gehirn freigesetzt wird. Die Melatoninkonzentration ist in der Nacht am höchsten und nimmt dann im Laufe des Tages ab. Damit ist es ein wichtiger Botenstoff der „inneren Uhr“ und scheint besonders an der Steuerung des Schlafes beteiligt zu sein.

Schlafstörungen

Schlafstörung/-/sleep disorder

Ein Sammelbegriff für verschiedene Phänomene, die sich dadurch auszeichnen, dass die Betroffenen keinen erholsamen Schlaf haben. Hierzu können sowohl psychische als auch organische Ursachen beitragen. Die Symptome reichen von Problemen beim Einschlafen und Durchschlafen bis hin zu unerwünschten Verhaltensweisen im Schlaf wie etwa Schlafwandeln, ruhelose Beine beim Einschlafen („restless legs“), Atemaussetzer im Schlaf („Schlafapnoe“) etc. Schätzungen zufolge leiden in den westlichen Ländern bis zu 30 Prozent aller Erwachsenen an irgendeiner Form von Schlafstörung. Die Suche nach den Ursachen ist häufig kompliziert, eine Analyse im Schlaflabor die beste Untersuchungsmethode.

Wichtige Details

Zur Einordnung der Ergebnisse dürfte das aber ähnlich wichtig sein wie die begrenzte Probandenzahl von gerade einmal fünf Studienteilnehmern, die etwa Deutschlandfunk und Bild unterschlagen. Beide haben außerdem gemeinsam, dass sie mehr behaupten, als der Versuchsaufbau selbst hergibt: Der trifft weder Aussagen zum Nachmittagskaffee, vor dem im Radiobeitrag gewarnt wird, noch lässt sich wie in der Bild-​Dachzeile eine Verstellung der inneren Uhr „pro Tasse“ aus den Ergebnissen herleiten.

Dabei bezieht der kurze Bild-​Text sich auf die sicherlich detaillierteste Darstellung des Versuchsablaufs in den Medien, zu finden bei scinexx​.de. Da kommt es dem Hirnscanner schon wieder etwas übertrieben vor, noch den genauen Inhalt des Placebos aufzuführen. Reismehl war es, falls jemand fragt. Vielleicht hätte der Bild-​Autor bei den Artikeln von Spektrum der Wissenschaft, Augsburger Allgemeine oder aponet​.de weniger den Überblick verloren.

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