Über die (Be-)Deutung von Bildern

Von wegen „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“! Der Hirnscanner ist irritiert von einer Abbildung und wünscht sich eine wortreiche Erklärung. Etwa so wie in einem Artikel über defekte Gene vor Gericht.

Veröffentlicht: 16.12.2014

Ein schwarzer Hintergrund, darauf ein rotes Kreuz, und davor wiederum bilden bunte Fäden grob die Form eines menschlichen Gehirns in der Seitenansicht. Ist das ein Kunstwerk – oder ein Forschungsfoto mit künstlerischer Freiheit? Der Hirnscanner hat dieses Bild, das in der Ausgabe 50 der Wochenzeitung ZEIT erschienen ist, genauer unter die Lupe genommen – und wähnte sich schnell ähnlich ratlos wie im Museum.

Im Volksmund heißt es: „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.“ Doch das muss nicht immer gelten. In manchen Bildern stecken derart viele Informationen, dass sie keinen Sinn ergeben, wenn sie ohne erklärende Worte veröffentlicht werden. Deswegen gibt es einerseits die Bildunterschrift, die grob erklärt, was abgebildet ist, und andererseits einen dazugehörigen Text, in journalistischen Medien also einen Artikel. Dies gilt umso mehr, je komplexer das Bild ist.

Beispielsweise Aufnahmen des Gehirns. Zumal diese höchst selten klassische Fotografien sind. Moderne bildgebende Verfahren funktionieren nicht mit Licht: Das sichtbare Licht mag durch die Haut schimmern, aber den Schädelknochen durchdringt es nicht. Hirnscans werden aus unterschiedlichen Signalen berechnet. Davon hängtab, ob das Bild wertvolle Information oder wertlosen Unsinn darstellt. Das tote Lachshirn, in dem sich mittels Kernspintomografie Aktivität messen ließ, ist ein berühmtes Beispiel dafür. Der Hirnscanner findet deswegen: Wissenschaftsjournalisten sollten all dies für den Rezipienten in Erfahrung bringen und verständlich aufarbeiten.

Ein Gewirr aus Fasern und Verbindungen

Bei dem Bild mit schwarzem Hintergrund, rotem Kreuz und buntem Gehirn hatte der Hirnscanner jedoch den Eindruck: Es gibt zwar eine Bildunterschrift, aber diese fünf Sätze sind jeder für sich sinnfrei, und zusammengenommen ergeben sie schlicht Unsinn. Die Abbildung stammt aus einer Fachpublikation von Forschern, die sich schon länger mit Frühchen beschäftigen. Nachfolgend die Sätze im Original-​Wortlaut der ZEIT, unterbrochen von den Fragen, die sich der Hirnscanner beim Lesen und Betrachten gestellt hat.

Was ist mit „Verbindungen“ gemeint? Synapsen? Die sähen weniger wie Linien aus, sondern eher wie Punkte. Also Axone? Die kann man als Fasern oder Ausläufer bezeichnen, aber nicht als Verbindungen. Davon abgesehen: Stellt die Abbildung alle „Verbindungen“ dar oder nur einige? Wenn letzteres: Welche und wieso?

Es ist das fundamentale Prinzip des Kernspintomografie-​Verfahrens, kleinste Bewegungen in Wassermolekülen darzustellen. Genauer gesagt: Bewegungen in den Wasserstoff-​Atomen des Wasser-​Moleküls. Noch genauer gesagt: des Spins des einen Protons im Kern eines Wasserstoff-​Atoms. Deswegen heißt es ja Kern-​Spin-​Tomografie. Aber warum wird die „Bewegung“ überhaupt erwähnt? Ist am Verfahren der Schweizer Forscher etwas neu? Wenn ja, was? Und vielleicht am wichtigsten: Wie kann die Struktur von Nervenfasern die Bewegung von Wassermolekülen beeinflussen? Was ist damit gemeint?

Was heißt „deutlich zu früh“ und was heißt „reif“? Welche Schwangerschaftswoche? Haben die Forscher die Gehirne der Kinder miteinander verglichen oder eher deren Aufnahmen?

Aha. Mal davon abgesehen, dass nach Nervenverbindungen, Nervenfasern nun mit Nervenfaserbündeln der dritte Begriff eingeführt wird. Was heißt „oft“? Wie viel Prozent? War der Unterschied signifikant? Und viel wichtiger: Was ist mit Effizienz der Verlegung gemeint? Die Art, wie sie verlegt wurden? Oder die Menge an Fasern, Dicke oder Länge? Ihre Übertragungsrate? Eben war von der Struktur der Nervenfasern die Rede, nun von der Effizienz der Verlegung von Nervenfaserbündeln. Besteht hier ein Zusammenhang? Wenn ja, welcher? Und schlussendlich: Während der Schwangerschaft geschieht etwas, was man Entwicklung nennt. Ist es wirklich so überraschend, dass vor deren Abschluss keine maximale Effizienz erreicht ist? Die entscheidende Frage wäre doch gewesen: Kann der Entwicklungsunterschied nach der Geburt aufgeholt werden? Oder ist er dauerhaft?

Doch diese Aussage kann ein einziges Bild kaum treffen. Darauf hinzuweisen wäre auch Aufgabe desjenigen gewesen, der über das Bild berichtet. Leider wurden hier jedoch keine Fragen beantwortet, sondern aufgeworfen. Das reduziert die Forschung auf einen Blickfang, der statt langfristiger Erkenntnis nur kurzfristige Unterhaltung bietet. Was ihr sicher nicht gerecht wird.

Kern

Kern/-/nucleus

Der Kern ist in einer Zelle der Zellkern, der unter anderem die Chromosomen enthält. Im Nervensystem ist der Kern eine Ansammlung von Zellkörpern – im zentralen Nervensystem als graue Masse, ansonsten als Ganglien bezeichnet.

„Falsch funktionierend“ ist falsch

Manchmal gibt es besondere Gründe, einem Menschen in den Kopf schauen zu wollen. Etwa, wenn jemand etwas Schreckliches tut. Vor Gericht obliegt es dem Richter, festzustellen, ob der Täter in der Lage ist, seine Handlung zu verantworten. Kinder und Jugendliche haben diese Verantwortung nicht immer, Menschen mit geistiger Behinderung auch nicht. Aber was ist mit Alkohol– oder Drogeneinfluss? Hirnschäden? Gendefekten? Die Online-​Ausgabe des Tagesspiegels berichtet über Hirnforschung und Justiz unter dem Titel „Mörderische Gehirne“.

Danach lässt der Untertitel den Hirnscanner stutzen: „Viele Gewaltverbrecher haben defekte Gene und falsch funktionierende Hirnregionen. Aber soll das die Strafe mildern?“ Lassen sich Gewaltverbrechen auf „falsch“ funktionierende Hirnregionen zurückführen? Richtig oder falsch: Das sind Wertungen, die in Bezug auf Physiologie unangebracht sind. Glücklicherweise lässt der Autor einen Forscher zu Wort kommen, der ein vielbeachtetes Gutachten verfasst hatte. Dieses bescheinigte Abdelmek Bayout, einem Mann, der des Mordes angeklagt war, einen Gendefekt; daraufhin wurde der Angeklagte für teilweise unzurechnungsfähig erklärt und seine Schuld um ein Jahr reduziert. Der Hirnscanner ist froh, dass der Autor des Artikels den Forscher mit folgendem Satz noch selbst zu Wort kommen lässt: „In unserem Gutachten war keine Rede davon, dass die Tat aufgrund der Gendefekte ausgeübt wurde.“ Eine wichtige Klarstellung.

Auch in diesem Text wird von bildgebenden Verfahren berichtet und vom Versuch, Taten auf die Funktionsweise einzelner Hirnregionen zurückzuführen. Man kann manche Wortwahl für kritikwürdig erachten, aber lobenswert ist, dass der Autor mehrere Experten zu Wort kommen lässt. Dadurch werden Zusammenhänge zwischen veränderter Hirnaktivität und aggressivem Verhalten deutlich und zugleich ist der Artikel insgesamt differenziert. Immerhin geht es vor Gericht um die Frage nach der Schuld. Und der Artikel betont, dass es keinen Sinn macht, Schuld in Genen oder Hirnregionen zu suchen.

Schuld kann nur ein Mensch tragen. Die Neurophysiologie und die DNA machen da nur einen kleinen Teil aus. Einzelne Gene oder eine beschädigte Hirnregion können dazu führen, dass ein Mensch einen Impuls nicht kontrollieren kann, und das mag eine Straftat begünstigen – aber deswegen haben die Gene oder Hirnregionen nicht Schuld an einer Tat. Wir können einander nicht ohne weiteres in die Köpfe sehen, auch wenn wir das manchmal wollten. Und selbst wenn wir hineinsehen – mit Kernspintomografie zum Beispiel –, dann müssen wir nicht nur auf das dabei entstandene Bild achten, sondern besonders darauf, wie dieses Bild entstanden ist. Nur so können wir verstehen, was es zeigt und was das bedeutet.

Gen

Gen/-/gene

Informationseinheit auf der DNA. Den Kernbestandteil eines Gens übersetzen darauf spezialisierte Enzyme in so genannte Ribonukleinsäure (RNA). Während manche Ribonukleinsäuren selbst wichtige Funktionen in der Zelle ausführen, geben andere die Reihenfolge vor, in der die Zelle einzelne Aminosäuren zu einem bestimmten Protein zusammenbauen soll. Das Gen liefert also den Code für dieses Protein. Zusätzlich gehören zu einem Gen noch regulatorische Elemente auf der DNA, die sicherstellen, dass das Gen genau dann abgelesen wird, wenn die Zelle oder der Organismus dessen Produkt auch wirklich benötigen.

Gen

Gen/-/gene

Informationseinheit auf der DNA. Den Kernbestandteil eines Gens übersetzen darauf spezialisierte Enzyme in so genannte Ribonukleinsäure (RNA). Während manche Ribonukleinsäuren selbst wichtige Funktionen in der Zelle ausführen, geben andere die Reihenfolge vor, in der die Zelle einzelne Aminosäuren zu einem bestimmten Protein zusammenbauen soll. Das Gen liefert also den Code für dieses Protein. Zusätzlich gehören zu einem Gen noch regulatorische Elemente auf der DNA, die sicherstellen, dass das Gen genau dann abgelesen wird, wenn die Zelle oder der Organismus dessen Produkt auch wirklich benötigen.

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