Tiere werden allzu menschlich

Geschichten über zählende Küken und im Dialekt grunzende Affen: Journalisten lassen Tiere menscheln. Nun tun das auch Wissenschaftler, um genau wie die Medien ihre Arbeit zu verkaufen.

Veröffentlicht: 09.02.2015

Die zählenden Küken von Padua: Um diese flauschigen Federknäuel kamen Leser in der vergangenen Woche kaum herum. Kein Wunder, bringen die frisch geschlüpften Hühner doch alles mit, was Schreiber und Leser sich von einer Meldung aus der Wissenschaft so wünschen mögen: eine Publikation im renommierten Fachblatt Science, überraschende Beobachtungen, eine mögliche Relevanz für das menschliche Gehirn, dazu noch gekrönt von einem Video mit „Oh wie süß!“-Faktor.

„Angeborener Zahlensinn: Auch Küken zählen von links nach rechts“, titelt denn auch Spiegel Online. „Küken interpretieren Mengen wie wir“, schreibt etwas vorsichtiger Bild der Wissenschaft. Bei Stern Online, n24, Frankfurter Rundschau und anderen, die allesamt eine dpa-​Meldung übernommen haben, heißt es: „Wie das Hirn zählen möchte“. Und die FAZ stellt die Grundsatzfrage: „Können Küken wirklich zählen?“ – um sich gleich darauf im Vorspann selbst ein Bein zu stellen: Darum sei es in der Forschungsarbeit gar nicht gegangen. Denn dass Hühner und auch andere Tiere ein Gefühl für Zahlen und Mengen haben, das sei ja schon länger bekannt.

Spekulationen auch als solche benennen

Worum ging es also? Wissenschaftler der Universität Padua hatten drei Tage alte Küken mit Kärtchen konfrontiert, auf denen Punkte in unterschiedlichen Mengen prangten. Die Forscher wollten wissen, wie sich das frisch geschlüpfte Federvieh angesichts dieser „Zahlenkärtchen“ verhält. Bild der Wissenschaft erklärt das Experiment dankenswerterweise etwas genauer: „Für ihre Experimente brachten die Forscher ihren putzigen Probanden zunächst bei, dass sich hinter einem einzelnen Schild mit fünf Punkten Futter verbirgt. Bei den eigentlichen Experimenten konfrontierten sie die Küken dann mit zwei Schildern – einem rechts und einem links. Auf beiden waren in einem der Durchgänge jeweils zwei Punkte abgebildet, und hinter beiden Karten Futter. Es zeigte sich: Die Küken marschierten nach links und schauten hinter dem linken Schild nach dem Futter. Wenn die Forscher den Versuchstieren allerdings nun zwei Schilder mit jeweils acht Punkten präsentierten, liefen die Küken in die andere Richtung: Nun tapsten sie auf das rechte Schild zu.“

Die Forscher interpretierten ihre Beobachtungen in der Fachpublikation in Science folgendermaßen: Ändert ein Küken, das auf Kärtchen mit fünf Punkten trainiert ist, nun sein Verhalten angesichts der Zwei-​Punkte Kärtchen, so habe es erkannt, dass zwei weniger ist als fünf, und diese Erkenntnis mit links assoziiert. Acht Punkte dagegen erkannte es als mehr und wanderte – wohl einer Assoziation folgend – nach rechts. Prägten die Forscher ihre Baby-​Hühnchen dagegen von Anfang an auf Kärtchen mit deutlich mehr Punkten, tapsten sie in weiteren Runden immer nach links – egal, ob sie nun zwei oder acht Punkte vorgesetzt bekamen.

So weit, so gut. Der Hirnscanner fragt sich aber: Werden die Interpretationen der Wissenschaftler hier nicht allzu kritiklos hingenommen? Steht eine Publikation in einem großen Fachjournal alleine schon für das Prädikat „glaubwürdig“? Denn was haben die Forscher letztlich gesehen? Die Küken sind angesichts der unterschiedlichen Punktezahl in unterschiedliche Richtungen gelaufen. Und irgendwie scheinen sie weniger Punkte mit links zu verknüpfen und mehr mit rechts. Warum – dafür kann zu diesem Zeitpunkt niemand eine überzeugende Erklärung liefern, sondern lediglich spekulieren.

„Wissenschaftler vermuten, dass die Asymmetrie der beiden Gehirnhälften etwas mit dieser Art der Zahlenrepräsentation im Raum zu tun hat“, schreibt die FAZ. Außerdem folgern die Forscher, das Gehirn habe möglicherweise eine natürliche Zahlenorientierung: von links nach rechts aufsteigend. Diese sei in der Evolution bereits entstanden bevor sich die Entwicklungslinien von Vogel und Mensch getrennt haben. „Wie das intuitive Gefühl für Mengen ist auch deren räumliche Zuordnung nicht an die jeweilige Kultur oder Bildung geknüpft“, behauptet dazu Bild der Wissenschaft. Oder anders gesagt: Dass Menschen in anderen Kulturkreisen – so etwa arabisch schreibende Personen – ihre Zahlenkolonnen von rechts nach links orientieren, sei durch die Kultur überlagert wie es die dpa-​Meldung in Stern und Co. ausdrückt.

Ein bisschen zu viel der Interpretation aus einem Küken-​Versuch: Das will der Hirnscanner spontan rufen. Werden die kleinen Piepmätze da nicht ein bisschen zu sehr vermenschlicht? Allein Spiegel Online gibt Hilfestellung und verweist auf eine ältere Studie mit menschlichen Babys, die nahelegt, „dass es beim Menschen eine wahrscheinlich angeborene Präferenz für das Zählen von links nach rechts gibt“. Die Behauptungen begründen also nicht allein auf dem Küken-​Versuch. Aber warum schreibt das fast keiner?

Wenn Forscher mit menschelnden Tieren werben

Doch davon abgesehen: Anthropomorphismen – so der Fachbegriff dafür, wenn etwas menschliche Eigenschaften zugeschrieben bekommt – schienen ohnehin Trend zu sein in den vergangenen Wochen. Was kreuchte und fleuchte da nicht alles durch die Medien: Kakerlaken mit Persönlichkeit (Bild der Wissenschaft), Wache schiebende Murmeltiere als Außenseiter (süddeutsche.de), Dialekt sprechende Schimpansen.

Tiere ein bisschen menscheln zu lassen, macht einfach Spaß – beim Schreiben ebenso wie beim Lesen. Noch mehr, wenn interessante Beobachtungen dahinter stecken. Die Schimpansen haben es dem Hirnscanner dabei besonders angetan. Wie man etwa bei Bild der Wissenschaft und im Hamburger Abendblatt lesen konnte, artikulieren sich Schimpansen im Zoo von Edinburgh und einem niederländischen Safari-​Park unterschiedlich. Das ist nicht weiter überraschend. Denn dass Affen, aber auch andere Tierarten Dialekte haben, ist schon seit einigen Jahren bekannt. Die Forscher stellten bei ihren Beobachtungen aber überraschend fest: Schimpansen einer Gruppe, die von den Niederlanden nach Edinburgh umgesiedelt wurden, passten sich im Laufe der Jahre an den lokal vorherrschenden Dialekt an. Gab es Äpfel, klangen die Grunzlaute der Affen schließlich eher schottisch (Der Hirnscanner entschuldigt sich in aller Form dafür, dass es sich diesen Anthropomorphismus nicht verkneifen konnte). Damit belegen die Forscher erstmals, dass Tiere aktiv ihre Lautäußerung verändern und an das Lokalkolorit der neuen Umgebung anpassen können.

„Für mehr Anerkennung lernen die Tiere sogar Fremdsprachen“, behauptet das Hamburger Abendblatt in diesem Zusammenhang (Dass ein Dialekt keine Fremdsprache ist, überhört der Hirnscanner einfach einmal). Das Hamburger Abendblatt fährt fort: „Aber warum, fragen sich die Wissenschaftler?“ Genau damit trifft der Artikel den springenden Punkt. Denn: Man. Weiß. Es. Nicht. Nicht einmal, ob es wirklich um Anerkennung geht. „Es wäre sehr spannend herauszufinden, welche Motivation dahinter steckt“, sagt daher auch einer der Studienautoren, Simon Townsend von der Universität Zürich. „Ist es, damit sie besser verstanden werden? Oder wollen sie einfach wie ihre Freunde klingen?“

Motivation

Motivation/-/motivation

Ein Motiv ist ein Beweggrund. Wird dieser wirksam, spürt das Lebewesen Motivation – es strebt danach, sein Bedürfnis zu befriedigen. Zum Beispiel nach Nahrung, Schutz oder Fortpflanzung.

Ein Sprichwort als Ratgeber

So viel Zurückhaltung vonseiten der Wissenschaftler ist längst nicht immer an der Tagesordnung. Denn nicht nur Journalisten und Redaktionen wollen mit plakativen Formulierungen und saftigen Thesen Leser anlocken.

Auch Wissenschaftler müssen ihre Arbeit verkaufen. Und so tendieren viele Forscher immer mehr dazu, ihren Ergebnissen mit teils waghalsigen Interpretationen mehr Gewicht zu verleihen und mit wissenschaftlichen Modewörtern aufzupeppen – um mehr Aufmerksamkeit zu erregen, in hochrangigen Fachjournalen veröffentlichen zu können und Fördergelder für die Finanzierung ihrer Forschung einzutreiben.

Genau das aber sollte jeder im Auge behalten, der über Forschung schreibt. In diesem Sinne geht erneut ein Punkt an Spiegel Online mit seiner Darstellung der zählenden Küken von Padua. Autor Holger Dambeck nennt im Artikel die Hypothese des Züricher ETH-​Forschers Peter Brugger zumindest „provokant“. Dieser stellt im Kommentar, der begleitend zum Fachartikel in Science erschienen ist, waghalsige Überlegungen an: Die rechte Hirnhälfte sei für negative Emotionen und die linke Körperhälfte zuständig. Deshalb würde möglicherweise rechts mit mehr – also besser – verbunden. Möglicherweise. Man weiß es aber nicht. Und letztlich verhält es sich auch in der Wissenschaft wie bei einem alten Sprichwort: Man soll die Küken nicht zählen, bevor sie geschlüpft sind.

Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit/-/attention

Aufmerksamkeit dient uns als Werkzeug, innere und äußere Reize bewusst wahrzunehmen. Dies gelingt uns, indem wir unsere mentalen Ressourcen auf eine begrenzte Anzahl von Bewusstseinsinhalten konzentrieren. Während manche Stimuli automatisch unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, können wir andere kontrolliert auswählen. Unbewusst verarbeitet das Gehirn immer auch Reize, die gerade nicht im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen.

Auge

Augapfel/Bulbus oculi/eye bulb

Das Auge ist das Sinnesorgan zur Wahrnehmung von Lichtreizen – von elektromagnetischer Strahlung eines bestimmten Frequenzbereiches. Das für den Menschen sichtbare Licht liegt im Bereich zwischen 380 und 780 Nanometer.

Emotionen

Emotionen/-/emotions

Unter „Emotionen“ verstehen Neurowissenschaftler psychische Prozesse, die durch äußere Reize ausgelöst werden und eine Handlungsbereitschaft zur Folge haben. Emotionen entstehen im limbischen System, einem stammesgeschichtlich alten Teil des Gehirns. Der Psychologe Paul Ekman hat sechs kulturübergreifende Basisemotionen definiert, die sich in charakteristischen Gesichtsausdrücken widerspiegeln: Freude, Ärger, Angst, Überraschung, Trauer und Ekel.

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