Strukturierte, narkotisierte und zweisprachige Gehirne

Mit einfach gestrickten Gehirnen und ebensolchen Artikeln beschäftigt sich der Hirnscanner diesmal. Daneben versucht er auch beim Thema Narkose immer bei klarem Bewusstsein zu bleiben – und ärgert sich, nicht zweisprachig aufgewachsen zu sein.

Veröffentlicht: 10.04.2012

Das Gehirn ist offensichtlich simpler strukturiert als bislang gedacht. Einen guten wissenschaftsjournalistischen Artikel zu schreiben, bleibt allerdings weiterhin eine schwierige und komplexe Angelegenheit — wie der Hirnscanner auch diesmal wieder feststellen muss.

Geometrische Muster im Gehirn

Anlass für diese doppelte Entdeckung war eine neue Studie im renommierten Fachmagazin Science. Forscher unter anderem vom Massachusetts General Hospital hatten sich der anspruchsvollen Aufgabe angenommen, die dreidimensionale Struktur nachzuvollziehen, die Nervenfaserverbindungen zwischen Hirnregionen im Vorderhirn ausbilden. Dafür griffen sie auf eine Variante der Diffusions-​Magnetresonanztomografie zurück und untersuchten Menschen und verschiedene Affenarten. Trotz der unglaublichen Komplexität des Oberstübchens fanden sie zu ihrer eigenen Überraschung: Die Faserverbindungen bilden ein wohlgeordnetes, dreidimensionales, rechtwinkliges Gitter. Die Nervenfasern verlaufen parallel zueinander und kreuzen sich in nahezu rechten Winkeln. Die faszinierenden Bilder der Studie trugen sicherlich dazu bei, dass dieses Thema mit das größte Medienecho in den letzten vierzehn Tagen erfuhr.

Die „Westdeutsche Zeitung“ sprach von erstaunlichen Mustern im Gehirn, die „eher säuberlich gewebtem Stoff als einem Kabelgewirr“ glichen. Für eine Einschätzung der Ergebnisse ließ die Zeitung den Direktor des amerikanischen National Institute of Mental Health zu Wort kommen. Der sprach von einem „Meilenstein der menschlichen Neuroanatomie“. Um einen Meilenstein kann es sich durchaus handeln. Doch gerne hätte der Hirnscanner eine unabhängige Expertenmeinung vernommen, um die Bedeutung der Ergebnisse wirklich einschätzen zu können. Wenn er dann bei einer „investigativen Recherché“ darauf stößt, dass das National Institute of Mental Health die Studie mitfinanziert hat, schmälert das die Freude des Hirnscanners an der Entdeckung und lässt vermuten, dass zumindest der Artikel wohl kein Meilenstein des Wissenschaftsjournalismus geworden ist.

Überhaupt hegt er den Verdacht, dass die große „Inspiration“ für den Beitrag von einer Pressemitteilung des National Institute of Mental Health kommt. Immerhin stammen die Zitate des Direktors offensichtlich daher. Und auch ansonsten stieß der Hirnscanner auf eine Reihe von unauffällig-​auffälligen Übereinstimmungen. Daneben fand er enge Bezüge zu einer weiteren Pressemitteilung. Wahrscheinlich musste es wieder einmal schnell gehen in der Redaktion — da waren die Pressemitteilungen möglicherweise ein gefundenes Fressen.

Wie man es mit ein klein wenig Mühe besser macht, zeigt „Spiegel Online“. Die Nachrichtenseite ließ Karl Zilles and Katrin Amunts vom Institut für Neurowissenschaften und Medizin am Forschungszentrum Jülich zu Wort kommen. So erfuhr der gespannte Hirnscanner, dass Katrin Amunts in den Ergebnissen der Science-​Studie Vorteile für ihre eigene Arbeit sieht, da sie selbst am Mikroskop den Verlauf von Nervenbahnen nachspürt.

Gehirn beim Aufwachen aus der Narkose

Beim weiteren Durchforsten des medialen Blätterwaldes stieß der Hirnscanner auf einen anderen Beitrag, der sich offenbar allzu sehr auf eine englischsprachige Pressemitteilung verlassen hat. „Das Bewusstsein wacht zuletzt aus Narkose auf“, textete die „Berliner Zeitung“. Reichlich unglücklich findet der Hirnscanner bereits diese Überschrift zu einer Meldung der Nachrichtenagentur dapd. Einmal ganz davon abgesehen, ob das Bewusstsein selbst in einem metaphorischen Sinne aufwachen kann, trifft es auch nicht den Inhalt der Studie, die im „Journal of Neuroscience“ veröffentlicht wurde. Die Forscher von der finnischen University of Turku berichten darin, dass sich besonders evolutionär ältere Areale wie der Hirnstamm und der Thalamus regten, als zuvor narkotisierte Probanden das Bewusstsein wiedererlangten. Neocortikale Gebiete, die für Bewusstsein in einem höheren Sinne unerlässlich sind, waren dagegen (zunächst) kaum aktiv.

Die „Berliner Zeitung“ nun stellt diese Hauptaussage der Studie in einen erfundenen Zusammenhang, der zugegeben nahe liegt: „Forscher haben aufgeklärt, warum Patienten nach einer Narkose oft verwirrt sind und erst langsam zu sich kommen“, heißt es vollmundig. Dabei geht leider das eigentliche Ziel und der Hintergrund der Studie ziemlich unter: Die Wissenschaftler hatten nach dem minimalen Korrelat von Bewusstsein gefahndet. Warum Patienten nach einer OP-​Narkose verwirrt sind, interessierte sie wenn, dann nur am Rande.

Ärgerlicherweise bauscht der Artikel zudem eine eher spekulative Nebenbemerkung der Wissenschaftler zu einer der Hauptaussagen auf: So könne die Studie möglicherweise erklären, warum Anästhesisten manchmal während der OP nicht bemerken, wenn Patienten beginnen, wieder aus dem Koma aufzuwachen. Denn diese fragten per EEG nur die Aktivitäten der Großhirnrinde ab. Einen verdächtig ähnlichen Weg geht auch eine Pressemitteilung von der Academy of Finnland, die offensichtlich Pâté für den Artikel der Berliner Zeitung stand. Sie schießt in ähnlichen Punkten an der eigentlichen Studie vorbei und öfters über das Ziel hinaus. Bereits die unkritische Überschrift “Scientists solving the mystery of human consciousness” (übersetzt: Forscher lösen das Mysterium des menschlichen Bewusstseins“) weckt wenig Vertrauen.

Hirnstamm

Hirnstamm/Truncus cerebri/brainstem

Der „Stamm“ des Gehirns, an dem alle anderen Gehirnstrukturen sozusagen „aufgehängt“ sind. Er umfasst – von unten nach oben – die Medulla oblongata, die Pons und das Mesencephalon. Nach unten geht er in das Rückenmark über.

Thalamus dorsalis

Thalamus dorsalis/Thalamus dorsalis/thalamus

Der Thalamus ist die größte Struktur des Zwischenhirns und ist oberhalb des Hypothalamus gelegen. Der Thalamus gilt als „Tor zum Bewusstsein“, da seine Kerne Durchgangstation für sämtliche Information an den Cortex (Großhirnrinde) sind. Gleichzeitig erhalten sie auch viele kortikale Eingänge. Die Kerne des Thalamus werden zu Gruppen zusammengefasst.

EEG

Elektroencephalogramm/-/electroencephalography

Bei dem Elektroencephalogramm, kurz EEG handelt es sich um eine Aufzeichnung der elektrischen Aktivität des Gehirns (Hirnströme). Die Hirnströme werden an der Kopfoberfläche oder mittels implantierter Elektroden im Gehirn selbst gemessen. Die Zeitauflösung liegt im Millisekundenbereich, die räumliche Auflösung ist hingegen sehr schlecht. Entdecker der elektrischen Hirnwellen bzw. des EEG ist der Neurologe Hans Berger (1873−1941) aus Jena.

Zweisprachigkeit im Alter

Weitaus glücklicher ist der Hirnscanner dagegen mit der Berichterstattung zu einem ganz anderen Thema in der „Welt“: „Zweisprachigkeit verzögert Symptome von Demenz“, heißt es da in einer redaktionell bearbeiteten Meldung der dapd. Das Gehirn von Betroffenen habe durch den jahrelangen Gebrauch zweier Sprachen eine Art geistiger Reserve entwickelt, die zwar nicht die Schäden im Gehirn aufhalten, aber die Symptome verlangsamen könne.

Bevor er sich ärgerte, selbst nur mit einer Sprache aufgewachsen zu sein, riskierte der Hirnscanner einen Blick in die zugrunde liegende Überblicksstudie eines kanadischen und US-​amerikanischen Forscherteams im Fachblatt „Trends in Cognitive Sciences“. Und siehe da: Der Unmut über die verpassten Chancen in der Kindheit wich der Freude darüber, dass der Artikel in der „Welt“ die grundlegenden Aspekte der Studie richtig wiedergegeben hatte. Schön wären allerdings noch einige einschränkende Worte gewesen. Immerhin konnten einige der verglichenen Studien nur teilweise die wundersamen Kräfte der Zweisprachigkeit nachweisen. Außerdem ist der Weg noch reichlich unverstanden, auf dem Bilingualität die Symptome einer Demenz verlangsamt. Aber wie immer gilt: Ein journalistischer Text kann nicht alles erreichen. Der Hirnscanner freut sich auch über kleine Meilensteine.

Auch Artikel über das Hirn können hirnlos sein. Darum will der Hirnscanner nicht nur auf spannende Beiträge aufmerksam machen, Interviews empfehlen und Themen kommentieren, sondern auch Schlagzeilen hinterfragen und Fehler aufzeigen (wo sie anderen passiert sind). Hinweise auf interessante Interviews, aufregende Artikel und peinliche Porträts werden unter redaktion@​dasgehirn.​info gerne entgegengenommen.

Demenz

Demenz/Dementia/dementia

Demenz ist ein erworbenes Defizit kognitiver, aber auch sozialer, motorischer und emotionaler Fähigkeiten. Die bekannteste Form ist Alzheimer. „De mentia“ bedeutet auf Deutsch „ohne Geist“.

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