Starke Thesen, schwache Berichterstattung

Noch immer ist kein Kraut gewachsen gegen unkritische Berichterstattung über Hirnforschung. Eines gegen Alzheimer aber schon. Das verkünden zumindest einige Medien. Und andere vermelden, dass es beim normalen Altern gar nicht geistig bergab geht.

Veröffentlicht: 27.01.2014

Der Winter hat nun endlich so richtig Einzug gehalten in Deutschland. Die Natur stirbt den alljährlich wiederkehrenden Tod. Da passen die Nachrichten, die der Hirnscanner diesmal im Visier hat, gut zur winterlichen Stimmung. Denn es geht diesmal ums Altern. Aber keine Sorge, die Nachrichten sind positiv. Zumindest sofern man ihnen Glauben schenken mag.

„Hirnleistung baut im Alter nicht ab“, hieß es zur Überraschung des Hirnscanners auf aponet​.de, dem Offiziellen Gesundheitsportal der deutschen ApothekerInnen. Die Südwest Presse spricht von der „Weisheit des Gehirns“. Und auf der Website des SWR decken Tübinger Forscher auf: „Das Gedächtnis wird im Alter gar nicht schlechter.“ Der Leiter der Studie, der Sprachwissenschaftler Michael Ramscar von der Universität Tübingen verrät auf swr​.de auch den Grund: „Das menschliche Gehirn arbeitet im Alter zwar langsamer, aber nur, weil es im Laufe der Zeit mehr Wissen gespeichert hat.“

Dann folgt ein Satz, der wenigstens klarmacht, dass es sich bei dieser Erkenntnis längst noch nicht um eine unumstößliche Tatsache handelt: „Das wollen Ramscar und seine Kollegen durch Computermodelle herausgefunden haben.“ Die Computermodelle nämlich könnten menschliches Verhalten in Tests zur geistigen Leistungsfähigkeit vorhersagen und auswerten. „Wenn die Wissenschaftler in diese Modelle weniger Datensätze einspeisten, ähnelten die Leistungen jenen von Jugendlichen“, heißt es weiter. Wenn es sich allerdings um sehr große Datenmengen handelte, ähnlich der Erfahrung eines ganzen Lebens, glich die Leistung des Computers eher jener von Erwachsenen. Dabei habe den Forschern zufolge nicht etwa die Leistungsfähigkeit nachgelassen. Das Computermodell sei langsamer geworden, weil es mehr Informationen verarbeiten musste. Mit älteren Gehirnen sei es nun wie mit Computern, die mit riesigen Datensätzen programmiert sind. Sie brauchen einfach länger, um Ergebnisse zu produzieren, so Ramscar.

Gedächtnis

Gedächtnis/-/memory

Gedächtnis ist ein Oberbegriff für alle Arten von Informationsspeicherung im Organismus. Dazu gehören neben dem reinen Behalten auch die Aufnahme der Information, deren Ordnung und der Abruf.

Starke These, schwache Berichterstattung

In ihrer Studie sprechen die Tübinger Forscher denn auch vom „Mythos vom geistigen Abbau“. Den Ansatz findet der Hirnscanner durchaus spannend. Und die These, dass das Gehirn im Alter langsamer wird, weil es mehr Informationen zu verarbeiten hat, klingt durchaus plausibel. Nur ob die Computermodelle auch jenseits des Labors die echten kognitiven Veränderungen im Alter widerspiegeln, ist ihm völlig unklar. Gerade bei solch einer gewagten These wäre eine unabhängige Expertenstimme wichtiger denn je gewesen. Immerhin würde sie doch so manche beliebte Lehrmeinung in der Alternsforschung ins Wanken bringen. Eine unabhängige Einschätzung findet sich aber in den genannten Medien nicht. Stattdessen stand einmal mehr eine Pressemitteilung der Universität Tübingen Pâté für die Berichterstattung.

Fündig bei der Suche nach einer unabhängigen Expertenmeinung wurde der Hirnscanner im englischsprachigen Raum. Sie stammt von dem Psychologen Thomas Hills von der britischen University of Warwick auf der Webseite der Zeitschrift „Psychology Today“. Thomas Hills findet die zentrale Botschaft — mehr Informationen = längere Verarbeitungszeit — ziemlich intuitiv. Und er verweist auf frühere Forschungsergebnisse, die zumindest in eine ähnliche Richtung gehen: Beispielsweise dass ältere Menschen tendenziell in manchen Aufgaben zur Entscheidungsfindung besser abschneiden.

Sensation: Medien berichten unkritisch! Was die Tübinger Wissenschaftler um Michael Ramscar auf jeden Fall nicht leugnen wollen, ist der geistige Verfall im Zuge von neurologischen Erkrankungen. Aber hier scheint Hilfe schon auf dem Weg zu sein. Denn: „Forscher heilen Alzheimer! Wissenschaftler gelingt Medizin-​Sensation“, behauptet Bild​.de vollmundig. Angesichts der Naivität solch marktschreierischer Meldungen weiß der Hirnscanner manchmal nicht, ob er lachen oder weinen soll. Glücklicherweise fällt der Artikel selbst dann doch etwas differenzierter aus. Denn die Forscher haben in ihrer Studie nur im Mausmodell die positive Wirkung von Johanniskraut nachweisen können: „Bei Mäusen sorgte ein bestimmtes Extrakt der Pflanze dafür, dass die löslichen Vorstufen der für die Erkrankung zuständigen Ablagerungen aus dem Gehirn abtransportiert wurden.“

Allerdings gibt es auch Hinweise auf positive Wirkungen des potentiellen Wunderkrauts beim Menschen: „Bei schweren Alzheimer-​Patienten, die ein bereits zugelassenes Johanniskraut-​Präparat eigentlich gegen Depressionen einnahmen, besserte sich der Zustand deutlich.“ Das sagte Jens Pahnke vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in Magdeburg auf Bild​.de.

Vollkommen unklar bleibt hier, ob diese Befunde in einer kontrollierten Studie zutage gefördert wurden. Oder ob es sich nur um unsystematisch gesammelte Erfahrungswerte von Patienten handelt. Ein Interview auf n​-tv​.de mit Pahnke lässt eher auf Letzteres schließen: Das am besten wirksame Extrakt von den im Mausmodell getesteten stellte sich in aktuellen Rückmeldungen der Patienten und Hausärzte als sehr wirksam heraus, so Pahnke.

Depression

Depression/-/depression

Phasenhaft auftretende psychische Erkrankung, deren Hauptsymptome die traurige Verstimmung sowie der Verlust von Freude, Antrieb und Interesse sind.

Beim Tier top, beim Menschen oft ein Flop

Überhaupt vermisste der Hirnscanner in der deutschen Berichterstattung einen ganz bestimmten Hinweis. Nämlich dass bei neurologischen Erkrankungen viel versprechende Wirkstofftests am Tiermodell nicht immer bedeuten, auch beim Menschen gleichermaßen erfolgreich zu sein. Was beim Tier top ist, erweist sich beim Menschen oft als Flop. Auch auf aerzteblatt​.de fehlte dieser Hinweis: Hier wurde schon im Dezember des letzten Jahres eher unaufgeregt über die Studie berichtet.

Einen Durchbruch in der Alzheimer-​Forschung würde sich der Hirnscanner natürlich wünschen. Aber auch eine kritische Berichterstattung! Zumindest ist dem Hirnscanner über dem ganzen Kritisieren warm geworden. Das ist ja auch schon was.

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