Sexismus, Biologismus und der Sitz des Bösen

Autor: Judith Rauch

Erstaunlich wenig hatten Psychologen und Hirnforscher zur Sexismus-​Debatte beizutragen. Mehr Sensibilität herrscht bei der Frage, ob ADHS wirklich eine Krankheit ist. Und ob man das Böse so einfach im Hirn lokalisieren kann.

Veröffentlicht: 11.02.2013

Der Hirnscanner ist diesmal eine Hirnscannerin – und als solche beim Thema Sexismus nicht ganz unvoreingenommen. Zumal sie sich bereits als Bloggerin dazu geäußert hat. So kommt sie auch jetzt um das Thema nicht herum, denn es dominierte zumindest die erste Woche ihres Medienbeobachtungs-​Zeitraums. Sie hat sich also darauf konzentriert, was die Wissenschaft, speziell die Neurowissenschaft zum Sexismus zu sagen hat.

Ein erster Aufschrei – um es mit den Stilmitteln der Twitter-​Community zu sagen – kam vom Hirnforscher, Philosophen und Buchautor Stephan Schleim in seinem Scilogs-​Blog. Leider hatte er wenig Wissenschaftliches zu berichten, dafür viel Persönliches. Es ging unter anderem um alkoholbedingtes sexuelles Fehlverhalten mehrerer Frauen ihm gegenüber. Frauen, Alkohol und die Folgen – ein möglicherweise unterbelichtetes Thema der Neurowissenschaft. Doch abgesehen davon ist es ärgerlich, wie er die Sexismusdebatte so verdeht, dass die Männer auf einmal nur noch Opfer sind.

Auf eine andere Forschungslücke weist Schleim gegen Ende seines viel kommentierten Blogposts zu Recht hin: Eine „Psychologie der Macht“ könne „auch jenseits der Sexismus-​Debatte“ untersuchen, wieso Menschen andere demütigen und die öffentliche Demütigung anderer, etwa in TV-​Ekel-​Shows, genießen. Das wäre sicher wünschenswert.

Eine Botschaft auf Beziehungsebene

Danach wagte sich die Psychologin Christiane Gelitz, Redakteurin der Zeitschrift Gehirn und Geist aus dem Spektrum-​Verlag, aus der Deckung. Ihr Kommentar „Brüderle im Geiste“ analysiert gekonnt die Strategien der Verteidiger des von einer Reporterin kritisierten FDP-​Politikers und entlarvt sie selbst als sexistisch. Zu dem fatalen „Kompliment“, das Brüderle der Journalistin an der Hotelbar gemacht haben soll, meint Gelitz: „In solchen Anzüglichkeiten kann, gewollt oder ungewollt, eine Botschaft auf der Beziehungsebene stecken, wie einst der Psychologe Friedemann Schulz von Thun entschlüsselte: Ich darf deine Attraktivität bewerten, wir sprechen hier nicht auf Augenhöhe.“ Damit spätestens wird aus einem Witz eine Demonstration von Macht.

Auch Gelitz´ Kommentar rief eine Menge Reaktionen hervor, darunter solche, die als unfreiwilliger Beleg ihrer These gelten können: „Es ehrt Spektrum ja“, schreibt Leser Kunibert Hurtig, „eine so gutaussehende junge Frau zu Wort bzw. zu Schreib kommen zu lassen. Ich erwarte jedoch ein Mindestmaß an intellektuellem Anspruch und nicht dieses aufgeregte Gegacker, das allenthalben durch den Blätterwald schallt.“ Warum es Frauen allerdings gar nicht gut tut, sich allzu sehr auf ihr gutes Aussehen zu konzentrieren, darüber berichtete gegen Ende des Beobachtungszeitraums bild der wissenschaft.

Was Putzlappen mit Sex zu tun haben

Schlimmer noch als Sexismus sei nur der Biologismus, schreibt Berufsberaterin Uta Glaubitz auf Spiegel Online – und liefert damit den perfekten Übergang zum nächsten Hirnscanner-​Thema. Ein Tiefpunkt des Biologismus – der Zuschreibung sozialer Rollen aufgrund der Biologie – war sicherlich erreicht, als Wibke Bruhns, einst Deutschlands erste Nachrichtensprecherin, in der Talkshow von Günther Jauch behauptete, Männer und Frauen gehörten verschiedenen Spezies an. Dieser Nonsens ist nicht nur der Hirnscannerin sauer aufgestoßen, auch der Postillon hat sich satirisch darüber mokiert.

Doch ist nicht auch ein Forschungsergebnis wie dieses biologistisch? „Putzende Männer haben weniger Sex“, meldeten von dapd über ORF bis zur gedruckten Zeit so ziemlich alle Medien. Bild der wissenschaft drehte es positiv: „Warum Männer sich um Garten, Geld und Auto kümmern sollten“, fotografisch garniert von einem sexy Kerl mit Heckenschere. Was möglicherweise ein Zufallsergebnis innerhalb einer großen amerikanischen Familienstudie war – Paare mit „klassischer“ Arbeitsteilung im Haushalt berichteten über mehr sexuelle Aktivitäten als egalitäre Paare (ob sie sie hatten, ist eine andere Frage) – wurde zum Medien-​Renner durch die Deutung, für die Erotik seien klar definierte Geschlechterrollen gut.

Gene oder Gesellschaft?

Wir Autoren von das​Ge​hirn​.info schreiben häufig über die Ursachen psychischer Krankheiten. Nach derzeitigem Forschungsstand spielen oft auch genetische Faktoren eine Rolle. Diese Berichte bringen auch uns manchmal den Vorwurf ein, unser Denken sei biologistisch geprägt. Gibt es einen Trend zur Biologisierung psychischer Störungen? Demnächst will sich eine Veranstaltung in München dieses Themas annehmen.

Im Fall des Aufmerksamkeits-​Defizit/​Hyperaktivitätssyndroms (ADHS) ist die Debatte bereits voll entbrannt. Anlass: Eine große Krankenversicherung, die Barmer GEK, hat einen brisante Report veröffentlicht: Die Zahl der Diagnosen bei Kindern und Jugendlichen sei in Deutschland seit 2006 um 42 Prozent gestiegen, mehr als zwei Millionen Packungen Ritalin würden von deutschen Ärzten dagegen verordnet. „Sind wirklich so viel mehr Kinder krank? Oder ist ADHS zur Modekrankheit geworden?“, fragte Parvin Sadigh für Zeit Online den Psychologen Johannes Streif. Der gab differenzierte Antworten und outete sich selbst als Betroffener. Allerdings hat er den betroffenen Kindern etwas voraus: „Als Erwachsener ist man weniger gezwungen, stundenlang in kollektiven Zwangsstrukturen wie Klassenzimmern zu sitzen.“ Es kommt also immer auf die Umstände an, ob man mit einer Störung leben kann oder nicht. Die Gene allein sind es auf keinen Fall.

Gen

Gen/-/gene

Informationseinheit auf der DNA. Den Kernbestandteil eines Gens übersetzen darauf spezialisierte Enzyme in so genannte Ribonukleinsäure (RNA). Während manche Ribonukleinsäuren selbst wichtige Funktionen in der Zelle ausführen, geben andere die Reihenfolge vor, in der die Zelle einzelne Aminosäuren zu einem bestimmten Protein zusammenbauen soll. Das Gen liefert also den Code für dieses Protein. Zusätzlich gehören zu einem Gen noch regulatorische Elemente auf der DNA, die sicherstellen, dass das Gen genau dann abgelesen wird, wenn die Zelle oder der Organismus dessen Produkt auch wirklich benötigen.

Der mysteriöse Zentrallappen

Ganz zum Schluss noch ein Beispiel für ein echtes Kommunikatons-​Desaster zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Am 5. Februar titelte die Bremer Bild-​Ausgabe: „Bremer Hirnforscher hat´s entdeckt: Hier sitzt das Böse!“ und zeigte eine MRT-​Aufnahme, in dem eine verdächtige schwarze Stelle rot umrandet war. Das Böse sitze „in den vorderen Zentrallappen unseres Gehirns“, behauptete der Schreiber.

Am nächsten Tag schon funkte Blogger Daniel Rettig „Mumpitz-​Alarm“ und wies unter anderem darauf hin, dass es im Großhirn zwar einen Frontal-​, einen Parietallappen, einen Okzipitallappen und einen Temporallappen gibt, aber keinen Zentrallappen. Da hatte der Mumpitz aber bereits seinen Weg nach England gefunden, zur Daily Mail, und auch dort hatten Spötter ihre Freude dran.

Inzwischen hat Gerhard Roth, der Bremer Hirnforscher, um den es geht, reagiert und die Sache richtiggestellt: „Professor Roth und seine Mitarbeiter befassen sich derzeit mit den Folgen frühkindlicher Traumatisierung auf das Gehirn als mögliche Teilursache für späteres kriminelles Verhalten. Es gibt unterschiedliche Typen kriminellen Verhaltens, und diese können mit Störungen unterschiedlicher Zentren des limbischen Systems, unter anderem des unteren Stirnhirns (orbitofrontaler Cortex) aufgrund früher Psychotraumatisierungen in Verbindung gebracht werden.“ Wer übrigens mehr zu Roths Forschung über Straftäter erfahren will, sollte dieses Video auf das​Ge​hirn​.info anschauen.

Großhirn

Großhirn/Telencephalon/cerebrum

Das Großhirn umfasst die Großhirnrinde, (graue Substanz), die Nervenfasern (weiße Substanz) und die Basalganglien. Es ist der größte Teil des Gehirns. Die Rinde kann in vier Rindenfelder unterteilt werden: Temporallappen, Frontallappen, Okzipitallappen und Parietallappen.
Seine Aufgaben sind die Koordination von Wahrnehmung, Motivation, Lernen und Denken.

Okzipitallappen

Okzipitallappen/Lobus occipitalis/occipital lobe

Einer der vier großen Lappen der Großhirnrinde. Der Okzipital– oder Hinterhauptslappen liegt über dem Kleinhirn. Nach vorne grenzt er an den Scheitel– sowie an den Schläfenlappen an. Der Sulcus calcarinus unterteilt den Okzipitallappen in eine obere und eine untere Hälfte, den Cuneus und den Gyrus lingualis. Funktional findet in diesem Bereich des Gehirns die zentrale Verarbeitung visueller Informationen statt — sowohl die primäre als auch die sekundäre Sehrinde haben ihren Sitz im Okzipitallappen.

Temporallappen

Temporallappen/Lobus temporalis/temporal lobe

Der Temporallappen ist einer der vier großen Lappen des Großhirns. Auf Höhe der Ohren gelegen erfüllt er zahlreiche Aufgaben – zum Temporallappen gehören der auditive Cortex genauso wie der Hippocampus und das Wernicke-​Sprachzentrum.

Präfrontaler Cortex

Präfrontaler Cortex/-/prefrontal cortex

Der vordere Teil des Frontallappens, kurz PFC ist ein wichtiges Integrationszentrum des Cortex (Großhirnrinde): Hier laufen sensorische Informationen zusammen, werden entsprechende Reaktionen entworfen und Emotionen reguliert. Der PFC gilt als Sitz der exekutiven Funktionen (die das eigene Verhalten unter Berücksichtigung der Bedingungen der Umwelt steuern) und des Arbeitsgedächtnisses. Auch spielt er bei der Bewertung des Schmerzreizes eine entscheidende Rolle.

Cortex

Großhirnrinde/Cortex cerebri/cerebral cortex

Der Cortex cerebri, kurz Cortex genannt, bezeichnet die äußerste Schicht des Großhirns. Sie ist 2,5 mm bis 5 mm dick und reich an Nervenzellen. Die Großhirnrinde ist stark gefaltet, vergleichbar einem Taschentuch in einem Becher. So entstehen zahlreiche Windungen (Gyri), Spalten (Fissurae) und Furchen (Sulci). Ausgefaltet beträgt die Oberfläche des Cortex ca 1.800 cm2.

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