Schrumpfende Gehirne, schrumpfende Qualität?

Diabetes lasse das Gehirn kleiner werden, berichten Medien. Der Hirnscanner sieht das als Zeichen schwindender Qualität des Wissenschaftsjournalismus. Er schaut auch, wie bei den Nachbarn in den Niederlanden über Neurowissenschaften berichtet wird.

Veröffentlicht: 26.08.2014

Kritische Berichterstattung über Wissenschaft im Allgemeinen und über Hirnforschung im Besonderen ist in Zeiten leerer Redaktionskassen Mangelware. Das bewiesen einmal mehr die vergangenen Wochen. Die Medien scheuten vor allem zweierlei: Kosten und Mühen. Beispielhaft ist hier mal wieder eine Folge aus unserer beliebten Serie „XYZ lässt Gehirn schrumpfen.“ Diesmal geht es um Diabetes.

Die Ärztezeitung ist hier noch lobend zu erwähnen. In der Überschrift eines Beitrags fragt sie nämlich einigermaßen vorsichtig: „Lässt Diabetes das Gehirn schrumpfen?“ US-​amerikanische Forscher hatten in einer Studie die Größe des Gehirns damit verglichen, wie lange die Versuchsteilnehmer schon Diabetes haben und wie hoch ihr Nüchtern-​Blutzuckerwert ist. Das Ergebnis fasste die Ärztezeitung so zusammen: „Je länger die Patienten bereits an Typ-​2-​Diabetes erkrankt waren und je höher der Blutzuckerspiegel war, desto kleiner war ihr Gehirn.“ Die mögliche Interpretation formuliert die Ärztezeitung angenehm zurückhaltend: Im Verlauf der Typ-​II-​Diabetes komme es offenbar dazu, dass sich das Gehirn verkleinere. Bei der Frage nach den Ursachen macht sie deutlich, dass es sich (noch) um eine Spekulation handelt: „Die Ursache könnte an der beschleunigten Alterung liegen.“

Unausgewogen: Übernahme einer Pressemitteilung

So viel Zurückhaltung ist nicht die Sache eines Beitrag des Internetportals der Deutschen Apothekerzeitung. Hier steht ein ursächlicher Zusammenhang fest: „Typ-​2-​Diabetes lässt das Hirn schrumpfen“, heißt es im Brustton der Überzeugung. Dabei konnte die Studie diesen Beweis gar nicht liefern. Sie hatte ja lediglich einen statistischen Zusammenhang zwischen der Dauer der Erkrankung und des Volumens der Hirnsubstanz festgestellt.

Der eigentliche Aufreger für den Hirnscanner kommt aber noch. Der Beitrag wird mit einem Bild illustriert, auf dem ein korpulenter Mann zu sehen ist. Und der dazugehörige Text fragt: „Nicht nur dick, sondern auch doof?“ Das ist nicht nur vollkommen respektlos, sondern auch noch falsch. Diabetiker sind nicht per se dick, geschweige denn (deswegen) weniger intelligent.

Die Gleichung hinter der diskriminierenden Frage ist offensichtlich folgende: geringere Hirnmasse = dümmer. Dabei stimmt diese Gleichung nicht: Eine geringere Hirnmasse geht nicht automatisch mit geringerer Intelligenz einher. Zumal die Forscher die geistige Leistungsfähigkeit der Probanden nicht abgefragt hatten. In diesen Fall ließe sich allerhöchstens behaupten, dass die bisher lediglich vermutete (!) beschleunigte Alterung des Gehirns von Diabetikern einen schnelleren Verfall der kognitiven Fähigkeiten nach sich zieht.

Dass die beiden Beiträge der Ärztezeitung und der Deutschen Apothekerzeitung insgesamt auffällig gleich klingen, hat einen einfachen Grund: Beide übernahmen mehr oder weniger 1:1 eine Pressemitteilung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG). Damit übernahmen sie offensichtlich auch ungefiltert die Interpretation der Studie durch die DDG, ohne sich eine eigene Meinung zu bilden. Eigene Recherché wollten beide Medien also offensichtlich nicht investieren. Mehr noch als die schrumpfenden Gehirne von Diabetikern sieht der Hirnscanner insofern die schrumpfende Qualität der Wissenschaftsberichterstattung mit Sorge.

Intelligenz

Intelligenz/-/intelligence

Sammelbegriff für die kognitive Leistungsfähigkeit des Menschen. Dem britischen Psychologen Charles Spearman zufolge sind kognitive Leistungen, die Menschen auf unterschiedlichen Gebieten erbringen, mit einem Generalfaktor (g-​Faktor) der Intelligenz korreliert. Demnach lasse sich die Intelligenz durch einen einzigen Wert ausdrücken. Hierzu hat u.a. der US-​Amerikaner Howard Gardner ein Gegenkonzept entwickelt, die „Theorie der multiplen Intelligenzen“. Dieser Theorie zufolge entfaltet sich die Intelligenz unabhängig voneinander auf folgenden acht Gebieten: sprachlich-​linguistisch, logisch-​mathematisch, musikalisch-​rhythmisch, bildlich-​räumlich, körperlich-​kinästhetisch, naturalistisch, intrapersonal und interpersonal.

Wenig ausgewogen: Neuroforschung in der niederländischen Presse

Dass es um die Qualität der medialen Aufbereitung der Hirnforschung nicht zum Besten steht, legt auch eine Studie im Online-​Fachjournal PLoS One nahe. Neuroforscher und Kommunikationswissenschaftler hatten verschiedene niederländische überregionale Tageszeitungen unter die Lupe genommen. Um es gleich vorweg zu nehmen: Natürlich möchte der Hirnscanner nicht behaupten, man könne die Ergebnisse 1:1 auf die deutsche Medienlandschaft übertragen. Dennoch kommt ihm vieles unangenehm bekannt vor: Insgesamt sei die Genauigkeit und Detailliertheit der untersuchten Beiträge gering gewesen, so die Studie. Will heißen, die Zeitungen hatten beispielsweise oftmals die bei der Forschung eingesetzten Methoden und Techniken nicht beschrieben. Auch waren viele Berichte nicht sehr kritisch und ausgewogen. Sie berichteten also nicht einerseits die Vorzüge und andererseits die Grenzen einer Forschung.

Die Qualitätszeitungen versorgten ihre Leser zwar insgesamt mehr mit Detailinformationen als populär gemachte Zeitungen, aber im Allgemeinen würden die Leser nicht sonderlich gut mit den Details einer Forschung vertraut gemacht, so die niederländischen Wissenschaftler. In der Folge wären die Leser auch nicht in der Lage, die Qualität und Bedeutung der Neuroforschung einschätzen zu können. Es sei zwar unumgänglich, Hirnforschung für die Öffentlichkeit zu verallgemeinern und zu vereinfachen. Deshalb bestehe aber die aktuelle Herausforderung darin, sicherzustellen, dass die vereinfachte Botschaft immer noch korrekt sei.

Ausgewogen: Gastbeitrag in der FAZ

Wie man ausgewogen berichten kann, zeigt ein Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) des Neurowissenschaftlers Johannes Dichgans, Leiter des Senats am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen. Dichgans schreibt darüber, welche Rolle die Hirnforschung für die Behandlung von neurologischen Erkrankungen wie Parkinson oder Alzheimer spielt. Die Hirnforschung und Neurologie hätten in den letzten Jahrzehnten zusammen viel erreicht. Er macht aber auch deutlich: „Fast alle Behandlungen, über die wir verfügen, wirken auf die Symptome, aber nicht auf die Ursachen.“ Dichgans nennt als Beispiel die Parkinson-​Erkrankung. Zwar könne man mit Hilfe einer Art Hirnschrittmacher die Symptome von Parkinson lindern. Die Ursachen hinter der neurodegenerativen Erkrankung seien aber längst nicht bekannt.

Nach diesem ersten erfreulichen Blick auf diesen Artikel in der FAZ hat der Hirnscanner noch den Hintergrund näher beleuchtet – und dabei festgestellt: Dieser Gastbeitrag ist im Rahmen einer Serie der FAZ über die Möglichkeiten und Grenzen der Hirnforschung entstanden – und hierfür kooperiert die Zeitung mit der gemeinnützigen Hertie-​Stiftung. Die Hertie-​Stiftung wiederum ist ein wichtiger Förderer der Hirnforschung in Deutschland – und finanziert auch das Onlineportal www​.das​ge​hirn​.info und somit den Hirnscanner. Man möge das Lob für den Gastkommentar in der FAZ also bitte nicht als Eigenlob verstehen. Der Hirnscanner versucht jedenfalls nach wie vor, dreierlei zu sein: selbstreflektierend, neutral und kritisch.

Neurodegeneration

Neurodegeneration/-/neurodegeneration

Sammelbegriff für Krankheiten, in deren Verlauf Nervenzellen sukzessive ihre Struktur oder Funktion verlieren, bis sie teilweise sogar daran zugrunde gehen. Vielfach sind falsch gefaltete Proteine der Auslöser – wie etwa bestimmte Formen der Eiweiße Beta-​Amyloid und Tau im Falle von Alzheimer. Bei anderen Krankheiten, beispielsweise bei Parkinson oder Chorea Huntington, werden Proteine innerhalb der Neurone nicht richtig abgebaut. In der Folge lagern sich dort toxische Aggregate ab, was zu den jeweiligen Krankheitserscheinungen führt. Während Chorea Huntington eindeutig genetisch bedingt ist, scheint es bei Parkinson und Alzheimer allenfalls bestimmte Ausprägungsformen von Genen zu geben, welche ihre Entstehung begünstigen. Keine dieser neurodegenerativen Erkrankungen kann bisher geheilt werden.

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