Schädliche Substanzen und schrumpfende Gehirne

Drogen und andere möglicherweise für das Gehirn schädliche Substanzen standen in den letzten zwei Wochen bei den Medien hoch im Kurs. Sehr zum Ärger des Hirnscanners ging mit den Medienschaffenden dabei öfters einmal die Phantasie durch.

Veröffentlicht: 07.05.2012

Der Hirnscanner macht diesmal zu Beginn ein kleines Gedankenexperiment: Nehmen wir einmal an, ein Rückgang der Störche fällt zeitlich zusammen mit einem Rückgang der Zahl der Neugeborenen. Würden wir daraus den Glauben ableiten, Störche brächten tatsächlich die Babys? Wohl kaum.

Eines lernt man im Wissenschaftsjournalismus ziemlich schnell: Ein zeitlicher Zusammenhang (Korrelation) zwischen zwei Ereignissen ist nicht das gleiche wie ein ursächlicher (Kausalität). Nur weil zwei Ereignisse annähernd gleichzeitig auftreten, bedeutet das noch lange nicht, dass das eine das andere verursacht. Doch in vielen Berichten scheint es ein äußerst beliebter Zeitvertreib, aus dem einen das andere zu machen. So geschehen auch in den letzten vierzehn Tagen.

Lässt Kokain Hirnmasse schwinden?

„Kokain lässt Gehirn schrumpfen“ klingt nun mal einfach besser als etwa „Forscher fanden einen Zusammenhang zwischen Kokainkonsum und der Alterung des Gehirns“. Hat sich der Hirnscanner die wenig spektakuläre Überschrift gerade ausgedacht, stammt die knalligere Version von der taz. Wenn in der plakativen Kürze der Überschriften Informationen verloren gehen oder man den Leser ködern will, drückt der Hirnscanner gerne noch mal ein Auge zu. Im Beitrag selbst zeigt sich aber ein ähnliches Bild: „Der häufige Genuss von Kokain beschleunigt die Alterung des Gehirns.“ Selbst in einer nicht allzu langen Meldung lassen sich Sachverhalte richtig darstellen. Und etwas vorsichtigere Formulierungen kosten auch nicht allzu viel Platz.

Anlass der Meldung war eine Studie in der Fachzeitschrift „Molecular Psychiatry“. Forscher unter anderem von der University of Cambridge hatten die graue Hirnsubstanz kokainabhängiger und gesunder Probanden mittels Magnetresonanztomografie verglichen. Zwar mussten alle Probanden mit zunehmendem Alter einen Schwund an Hirnsubstanz in cortikalen und subcortikalen Hirnregionen hinnehmen. Aber der Verlust pro Jahr war bei den Süchtigen fast doppelt so hoch. Die Wissenschaftler selbst fragen vorsichtig in der Überschrift ihrer Studie: „Cocaine dependence: a fast-​track for brain aging?“ zu deutsch etwa: „Kokainabhängigkeit: ein Beschleuniger der Hirnalterung?“

Auch die Pressemitteilung der University of Cambridge formuliert zurückhaltend: „Chronic cocaine use may speed up aging of brain“ — „Chronischer Konsum von Kokain beschleunigt möglicherweise Alterung des Gehirns“. Ganz anders eben die deutschen Medien: Spiegel Online verkündet zumindest in der Überschrift vollmundig: „Kokainkonsum lässt Hirnrinde schrumpfen“. Im Beitrag selbst sprechen sie dann aber erfreulicherweise nur davon, dass die Studie eine beschleunigte Alterung durch häufigen Genuss der Droge nahe lege.

Auge

Augapfel/Bulbus oculi/eye bulb

Das Auge ist das Sinnesorgan zur Wahrnehmung von Lichtreizen – von elektromagnetischer Strahlung eines bestimmten Frequenzbereiches. Das für den Menschen sichtbare Licht liegt im Bereich zwischen 380 und 780 Nanometer.

Magnetresonanztomographie

Magnetresonanztomographie/-/magnetic resonance imaging

Ein bildgebendes Verfahren, das Mediziner zur Diagnose von Fehlbildungen in unterschiedlichen Geweben oder Organen des Körpers einsetzen. Die Methode wird umgangssprachlich auch Kernspin genannt. Sie beruht darauf, dass die Kerne mancher Atome einen Eigendrehimpuls besitzen, der im Magnetfeld seine Richtung ändern kann. Diese Eigenschaft trifft unter anderem auf Wasserstoff zu. Deshalb können Gewebe, die viel Wasser enthalten, besonders gut dargestellt werden. Abkürzung: MRT.

Cortex

Großhirnrinde/Cortex cerebri/cerebral cortex

Der Cortex cerebri, kurz Cortex genannt, bezeichnet die äußerste Schicht des Großhirns. Sie ist 2,5 mm bis 5 mm dick und reich an Nervenzellen. Die Großhirnrinde ist stark gefaltet, vergleichbar einem Taschentuch in einem Becher. So entstehen zahlreiche Windungen (Gyri), Spalten (Fissurae) und Furchen (Sulci). Ausgefaltet beträgt die Oberfläche des Cortex ca 1.800 cm2.

Schädigt Pestizid Gehirn schon im Mutterleib?

Eine ähnlich erstaunliche Verwandlung von einer Korrelation in einen ursächlichen Zusammenhang vollzieht sich via medialer Kreativität bei einem anderen Thema. „Pestizid schädigt Gehirn von Kindern im Mutterleib“ meldete „Die Welt“. Ein in Deutschland gängiges Schädlingsbekämpfungsmittel verursache bleibende Schäden im Gehirn von Kindern im Mutterleib. Es lasse wichtige Bereiche der Großhirnrinde schrumpfen und führe später zu spürbaren Einbußen in den geistigen Leistungen der Kinder.

Der Beitrag bezieht sich auf eine Studie von Virginia Rauh von der Columbia University in New York und ihren Kollegen in der Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“.

Die Forscher untersuchten 40 Kinder, bei denen das Nabelschnurblut vor der Geburt eine unterschiedlich hohe Konzentration des Insektizids aufgewiesen hatte. Tatsächlich konnten sie mit Hilfe von Magnetresonanztomografie bei den Kleinen Anomalien in der Hirnentwicklung aufspüren. Letztlich sprechen die Wissenschaftler aber nur von einem Zusammenhang, den sie festgestellt hätten. Auch die Pressemitteilung der Columbia University formuliert vorsichtiger.

Immerhin gibt es für den Hirnscanner auch Anlass zur Freude. Denn der Artikel in der „Welt“ holt eine unabhängige Meinung bei dem Direktor des Instituts für Arbeits-​, Sozial-​, und Umweltmedizin der Universität Erlangen ein. Hans Drexler nimmt der „Welt“ zufolge das Thema ernst, die Ergebnisse seien biologisch plausibel. Auch der Hirnscanner will das Thema nicht verharmlosen oder leugnen, ist hier aber mehr denn je für präzise Formulierungen.

Magnetresonanztomographie

Magnetresonanztomographie/-/magnetic resonance imaging

Ein bildgebendes Verfahren, das Mediziner zur Diagnose von Fehlbildungen in unterschiedlichen Geweben oder Organen des Körpers einsetzen. Die Methode wird umgangssprachlich auch Kernspin genannt. Sie beruht darauf, dass die Kerne mancher Atome einen Eigendrehimpuls besitzen, der im Magnetfeld seine Richtung ändern kann. Diese Eigenschaft trifft unter anderem auf Wasserstoff zu. Deshalb können Gewebe, die viel Wasser enthalten, besonders gut dargestellt werden. Abkürzung: MRT.

Noch mehr Phantasie und das Stille-​Post-​Prinzip

Ein Beispiel dafür, wie man mit viel Kreativität aus einer Studie ein recht eigenes Thema basteln kann, lieferten in den letzten Wochen andere Medien: „Hang zu Drogenmissbrauch im Hirn veranlagt“ berichtete beispielsweise RP Online. Das Hamburger Abendblatt ließ sich die Überschrift: „Drogenmissbrauch lässt sich im Gehirn erkennen“ einfallen.

Doch gehen die beiden Beiträge an der eigentlichen Intention der zu Grunde liegenden Untersuchung in der Fachzeitschrift „Nature Neuroscience“ ein wenig vorbei. Eine groß angelegte internationale Studie von Forschern um Robert Whelan and Hugh Garava von der University of Vermont nahm verschiedene Formen von mangelnder Impulskontrolle bei Jugendlichen unter die Lupe: Die Wissenschaftler überprüften unter anderem die Impulsivität von Jugendlichen, die schon mit Drogen experimentiert hatten, und von Teenagern mit ADHS-​Symptomen. Sowohl der unvorsichtige Griff zu Drogen als auch die Aufmerksamkeitsstörung bringt man mit einer schwachen Impulskontrolle in Verbindung. Doch handelt es sich in beiden Fällen tatsächlich um dieselbe Form von Impulsivität?

Bei einer für eine Bildgebungsstudie mit funktioneller Magnetresonanztomografie erstaunlich großen Probandenzahl von rund 1900 Freiwilligen fanden die Forscher heraus: Probanden mit Drogenerfahrung in der frühen Jugend hatten unter anderem tendenziell eine reduzierte Aktivität im orbitofrontalen Cortex, der für Impulskontrolle wichtig ist. Bei der übermäßigen Impulsivität von ADHS-​Symptomen waren dagegen offensichtlich andere Hirnregionen im Spiel.

Es geht also eigentlich gar nicht darum, Drogenkonsum im Gehirn zu erkennen. Die Studie zeigt vielmehr, dass die schwächelnde Impulskontrolle bei ADHS und der Neigung zum Drogenkonsum offensichtlich jeweils mit unterschiedlichen Hirnnetzwerken zusammenhängt. Dieses eigentliche Ergebnis kommt in der Berichterstattung von RP Online und dem Hamburger Abendblatt nur am Rande vor. Sind die beiden Artikel letztlich eine dpa-​Meldung, ist diese offensichtlich von der Pressemitteilung der University of Vermont inspiriert. Diese amerikanische Pressemitteilung gibt schon die missverständliche Marschrichtung vor. Doch lässt sie Hugh Garava auch die eigentliche Aussage der Studie formulieren: Impulsivität lasse sich jeweils auf verschiedene Hirnregionen verteilen.

Es ist halt wie so oft das Stille-​Post-​Prinzip am Werk – mit jedem Hörer geht ein Stückchen Information mehr verloren.

Auch Artikel über das Hirn können hirnlos sein. Darum will der Hirnscanner nicht nur auf spannende Beiträge aufmerksam machen, Interviews empfehlen und Themen kommentieren, sondern auch Schlagzeilen hinterfragen und Fehler aufzeigen (wo sie anderen passiert sind). Hinweise auf interessante Interviews, aufregende Artikel und peinliche Porträts werden unter redaktion@​dasgehirn.​info gerne entgegengenommen.

Magnetresonanztomographie

Magnetresonanztomographie/-/magnetic resonance imaging

Ein bildgebendes Verfahren, das Mediziner zur Diagnose von Fehlbildungen in unterschiedlichen Geweben oder Organen des Körpers einsetzen. Die Methode wird umgangssprachlich auch Kernspin genannt. Sie beruht darauf, dass die Kerne mancher Atome einen Eigendrehimpuls besitzen, der im Magnetfeld seine Richtung ändern kann. Diese Eigenschaft trifft unter anderem auf Wasserstoff zu. Deshalb können Gewebe, die viel Wasser enthalten, besonders gut dargestellt werden. Abkürzung: MRT.

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