Porno und Pädophilie – Die Trugschluss-Fallen

Autor: Ragnar Vogt

Zwei Forschungsergebnisse – über Pädophilie und Pornographie – bekamen viel Aufmerksamkeit in den Medien. Doch beide Themen bargen Trugschluss-​Fallen – in die einige Medien auch prompt tappten, vor allem mit ihren Überschriften.

Veröffentlicht: 02.06.2014

Gerade im Onlinejournalismus sind Überschriften eine knifflige Sache. Sie müssen eine Idee davon vermitteln, worum es in dem Artikel gehen soll. Sie sollten möglichst originell sein und auf das Thema neugierig machen. Jeder einzelne Artikel buhlt um die Aufmerksamkeit des Lesers. Von daher sollte die Überschrift möglichst zugespitzt und plakativ sein. Doch gleichzeitig muss sie auch korrekt sein, sollte keine zu groben Vereinfachungen oder gar Verfälschungen enthalten.

Das ist ein Spagat, der besonders im Wissenschaftsjournalismus nicht leicht ist. Zu sehr vereinfachen darf man in der Überschrift allein deshalb nicht, weil sehr viele Nutzer ausschließlich die Überschrift wahrnehmen. Steht dort etwas nicht ganz Korrektes, dann setzt sich in den Köpfen schnell falsches Wissen fest – egal wie gut im Artikel selbst der Sachverhalt dargestellt wird.

Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit/-/attention

Aufmerksamkeit dient uns als Werkzeug, innere und äußere Reize bewusst wahrzunehmen. Dies gelingt uns, indem wir unsere mentalen Ressourcen auf eine begrenzte Anzahl von Bewusstseinsinhalten konzentrieren. Während manche Stimuli automatisch unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, können wir andere kontrolliert auswählen. Unbewusst verarbeitet das Gehirn immer auch Reize, die gerade nicht im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen.

Das Hirn der Pädophilen

Dass dieser Spagat nicht immer gelingt, zeigen zwei aktuelle Beispiele. Im ersten geht es um das in der Gesellschaft sehr emotional diskutierte Thema Pädophilie. „Hirn pädophiler Männer reagiert anders auf Kindergesichter“ titelte etwa die Onlineausgabe der Westdeutschen Zeitung. Sie macht es richtig mit der Überschrift, anders als viele andere Medien.

Grundlage des Artikels der Westdeutschen Zeitung ist eine dpa-​Meldung, die auch von sehr vielen anderen Medien übernommen wurde. Es geht um eine Studie von Wissenschaftlern um den Sexualforscher Jorge Ponseti von der Universität Kiel. Sie hatten gesunden und pädophilen Männern Fotos von Kindern und Erwachsenen gezeigt und ihre Hirnaktivitäten im funktionalen Kernspintomografen verglichen. Die Forscher stellten fest: Wenn Pädophile Kindergesichter sehen, haben sie eine erhöhte Aktivität in Bereichen der Gesichtsverarbeitung und in Arealen, die für die Verarbeitung von sexuellen Reizen zuständig sind. Gesunde Männer zeigen ein solches Muster auch, allerdings wenn sie Erwachsene ihres bevorzugten Geschlechts sehen. Die dpa-​Meldung fasst diese Studie gut zusammen. Es kommt auch der Studienautor Ponseti zu Wort – und zwar mit anderen Zitaten als in der Pressemitteilung der Universität Kiel. Der dpa-​Autor hat offenbar löblicherweise mit dem Forscher gesprochen.

Emotionen

Emotionen/-/emotions

Unter „Emotionen“ verstehen Neurowissenschaftler psychische Prozesse, die durch äußere Reize ausgelöst werden und eine Handlungsbereitschaft zur Folge haben. Emotionen entstehen im limbischen System, einem stammesgeschichtlich alten Teil des Gehirns. Der Psychologe Paul Ekman hat sechs kulturübergreifende Basisemotionen definiert, die sich in charakteristischen Gesichtsausdrücken widerspiegeln: Freude, Ärger, Angst, Überraschung, Trauer und Ekel.

Kernspintomograf

Kernspintomograf/-/magnetic resonance scanner

Ein Gerät, das Mediziner für die Magnetresonanztomografie (MRT) einsetzen. Die MRT ist ein bildgebendes Verfahren zur Diagnose von Fehlbildungen in unterschiedlichen Geweben oder Organen des Körpers. Insbesondere Körperbestandteile, die viel Wasser enthalten, lassen sich mit dieser Methode gut darstellen. Patienten werden dafür in eine Röhre (Scanner) geschoben und einem starken Magnetfeld ausgesetzt. Sie bekommen aber keine Röntgenstrahlen oder andere Formen ionisierender Strahlung ab.

Verrät, erkennt, entlarvt

Viele Medien haben die dpa-​Meldung kaum geändert, sodass der Inhalt im Artikel selbst korrekt dargestellt ist. Was einige Redakteure allerdings leider verändert haben, ist die Überschrift: „Hirnreaktion verrät Pädophile“ heißt es beispielsweise auf n​-tv​.de. „Forscher erkennen Pädophilie an Hirnaktivität“ titelt der Kölner Stadtanzeiger. Und „Hirnaktivität entlarvt Pädophilie bei Männern“ vermeldet welt​.de.

Das alles suggeriert, dass die Forscher mit ihrem Test Menschen mit pädophilen Neigungen überführen konnten. Doch das stimmt nicht. Die Forscher wussten ja schon vor dem Test, wer pädophil ist und wer nicht. So musste nichts verraten oder entlarvt werden. Einen “Pädophilen-​Test“ per Kernspintomografie gibt es nämlich noch nicht, das steht auch in der Meldung: „Ob mittels der Hirnreaktion auf Kindergesichter eine objektive Diagnose der Pädophilie möglich ist, wird derzeit am Institut untersucht.“ Der Blog StimmtHaltNicht weist sehr pointiert auf diesen Fehlschluss hin.

Mit der Überschrift treibt es News​.de auf die Spitze: „Jetzt gibt’s den Lügendetektor für Kinderschänder.“ Abgesehen davon, dass es einen solchen Test eben noch nicht gibt, wird hier noch ein weiterer beliebter Fehlschluss in den Medien deutlich: Ein Pädophiler ist nicht zwangsläufig ein Kinderschänder. Denn es gibt einige Menschen mit dieser Veranlagung, die ihren Trieb nicht ausleben und Kindern keine sexuelle Gewalt antun.

Falsche Fotoauswahl

Neben der Überschrift ist auch das Foto das Aushängeschild eines Artikels – und auch hier kann man Fehler machen. Einige Medien wie Spiegel Online oder N24​.de bebildern ihre Artikel mit einem Foto von einem Mann mit EEG-​Haube. Mit einem EEG wurden die Männer aber nicht untersucht. Sie wurden in die Röhre eines Hirnscanners geschoben.

Was zudem fehlt in der dpa-​Meldung – und auch in den wenigen Artikeln ohne dpa-​Material, etwa von dem Wissensmagazin scinexx: eine Einordnung der Studie durch einen unabhängigen Forscher. Ein solches Fehlen kreidet der Hirnscanner immer wieder an, manchen Leser mag diese ständige Leier ermüden. Doch dieser Fall zeigt deutlich, warum ein solcher wissenschaftlich fundierter Blick von außen so nötig ist. Denn möglicherweise wäre dann aufgefallen, dass die Ergebnisse nicht sonderlich aussagekräftig sind. Das behauptet zumindest der Blog The Neurocritic: Die Stichprobe sei viel zu klein gewesen und die statistischen Berechnungen seien unzureichend. So könne etwa nicht ausgeschlossen werden, dass es sich um so genannte falsch-​positive Ergebnisse handele, also um Resultate, die nur dem Anschein nach die Hypothese bestätigen.

EEG

Elektroencephalogramm/-/electroencephalography

Bei dem Elektroencephalogramm, kurz EEG handelt es sich um eine Aufzeichnung der elektrischen Aktivität des Gehirns (Hirnströme). Die Hirnströme werden an der Kopfoberfläche oder mittels implantierter Elektroden im Gehirn selbst gemessen. Die Zeitauflösung liegt im Millisekundenbereich, die räumliche Auflösung ist hingegen sehr schlecht. Entdecker der elektrischen Hirnwellen bzw. des EEG ist der Neurologe Hans Berger (1873−1941) aus Jena.

Das Hirn der Pornogucker

Auch beim zweiten Beispiel für missglückte Überschriften bleiben wir beim Thema Sexualität. Forscher vom Max-​Planck-​Institut für Bildungsforschung in Berlin haben herausgefunden, dass Männer, die oft Pornofilme schauen, ein verändertes Gehirn haben. Unter anderem sind bestimmte Bereiche des Striatums im Vergleich zu Nicht-​Porno-​Konsumenten kleiner. Auch wird ihr Belohnungszentrum nicht so stark aktiviert durch den Anblick von pornografischen Filmen.

In diesem Ergebnis lauert ebenfalls eine Trugschluss-​Falle: Man könnte vermuten, dass der Pornokonsum das Hirn hat schrumpfen lassen. Es ist aber auch eine andere Interpretation der Ergebnisse möglich: Es könnte auch sein, dass manche Menschen eine solche veränderte Hirnarchitektur ohnehin haben, und diese bringt sie dazu, Pornos zu konsumieren.

Striatum

Striatum/Corpus striatum/striatum

Eine Struktur der Basalganglien. Sie umfasst den Nucleus accumbens, das Putamen und den Nucleus caudatus. Das Striatum ist die Eingangsstruktur der Basalganglien und spielt eine tragende Rolle bei Bewegungsabläufen.

Mesolimbisches System

Mesolimbisches System/-/mesolimbic pathway

Ein System aus Neuronen, die Dopamin als Botenstoff verwenden und das entscheidend an der Entstehung positiver Gefühle beteiligt ist. Die Zellkörper liegen im unteren Tegmentums und ziehen unter anderem in die Amygdala, den Hippocampus und – besonders wichtig – den Nucleus accumbens, wo sie ihre Endköpfchen haben.

In der Trugschluss-​Falle

Wie viele deutschsprachige Medien tappten mit ihrer Überschrift in diese Falle? Überraschung: Nur ein einziges Medium! Die sonst nicht immer für Recherchetiefe stehende Schweizer Website 20min​.ch war es nicht. Selbst die Onlineseite der Königin des Plakativen, die Bildzeitung, bleibt auffällig korrekt.

Die Auflösung: Die Berliner Boulevardzeitung BZ erliegt dem Trugschluss. Sie titelt: „Pornos lassen das Gehirn schrumpfen“. Und steigt ein mit dem Satz: „Feministinnen vermuten es schon lange, jetzt belegt eine Berliner Studie: Männer, die viel Pornos schauen, haben ein kleineres Gehirn.“ Also Pornogucker sind dumm, soll man da wohl rauslesen – auch wenn die Intelligenz in der Studie gar nicht untersucht wurde.

So ganz weit von den Tatsachen wollten sich die Boulevard-​Dichter von der BZ nicht entfernen. Sie klären am Ende dann doch auf: „So geht aus ihr (der Studie) nicht klar hervor, ob tatsächlich der Konsum von Pornos zu den beobachteten Veränderungen im Gehirn führt – oder ob Männer, deren Gehirn auf diese Weise ausgebildet ist, eher zu Erotikfilmen greifen als andere.“ Aber dennoch: Hängen bleibt die Überschrift, und das Halbwissen „Porno lässt Hirn schrumpfen“ könnte ganzen Generationen von Pubertierenden ein schlechtes Gewissen aufbürden, vergleichbar mit dem falschen Mythos vergangener Jahrhunderte, Onanie mache blind oder dumm.

Wer übrigens etwas mehr über das Thema erfahren will, inklusive einem kleinen Exkurs zum Striatum, dem sei ein Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ans Herz gelegt.

Intelligenz

Intelligenz/-/intelligence

Sammelbegriff für die kognitive Leistungsfähigkeit des Menschen. Dem britischen Psychologen Charles Spearman zufolge sind kognitive Leistungen, die Menschen auf unterschiedlichen Gebieten erbringen, mit einem Generalfaktor (g-​Faktor) der Intelligenz korreliert. Demnach lasse sich die Intelligenz durch einen einzigen Wert ausdrücken. Hierzu hat u.a. der US-​Amerikaner Howard Gardner ein Gegenkonzept entwickelt, die „Theorie der multiplen Intelligenzen“. Dieser Theorie zufolge entfaltet sich die Intelligenz unabhängig voneinander auf folgenden acht Gebieten: sprachlich-​linguistisch, logisch-​mathematisch, musikalisch-​rhythmisch, bildlich-​räumlich, körperlich-​kinästhetisch, naturalistisch, intrapersonal und interpersonal.

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