Notwendige Vorsätze für 2013

Autor: Ulrich Pontes

Zum Start ins neue Jahr sieht der Hirnscanner die Zeit für eine Standpauke gekommen: Die Neuroberichterstattung ist leider zu sehr dominiert von schlechten Pressemitteilungen, unzureichenden Meldungen und oft sogar fehlender Recherché.

Veröffentlicht: 14.01.2013

Immerhin: Thema war sie mehrfach, die Hirnforschung in den deutschen Print– und Onlinemedien. Damit sind die positiven Aspekte der Neuroberichterstattung der vergangenen Wochen aber leider auch schon großteils abgehandelt. Viele Berichte sind mittelmäßig: Zwar geben sie interessante Studien wieder, etwa über den Zusammenhang zwischen Gehirngröße und der Zahl der Nachkommen oder Intelligenzmessungen mithilfe der „Sesamstraße“, dabei vermeiden sie explizite Patzer. Aber den Luxus journalistischen Mehrwerts – sprich eigene Rechercheergebnisse, Hintergründe und Einordnungen über den Inhalt der jeweiligen Pressemitteilungen hinaus – konnte der Hirnscanner fast nirgends finden.

Welche Blüten diese bedenkliche Recherchepraxis – oder besser: Praxis, nicht ernsthaft zu recherchieren – gerade im Fall einer schlechten Pressemitteilung treiben kann, zeigt das Beispiel einer Untersuchung zu den neuronalen Effekten von Psychotherapie. Deutsche Forscher steckten Patienten, die an einer Panikstörung verbunden mit Agoraphobie leiden, in den Hirnscanner. Und das vor einer Serie verhaltenstherapeutischer Sitzungen und dann noch einmal danach. Im Scanner unterzogen sie die Personen einem Furcht-​Konditionierungsexperiment, bei dem bestimmte geometrische Formen gezeigt und manche davon mit einem unangenehmen Geräusch verknüpft wurden.

Eine innovative Studie wurde ausgewertet!

Dabei stellten sie bei den Panikpatienten zunächst eine Hyperaktivität in der linken unteren Stirnwindung des Cortex fest – nach der Verhaltenstherapie war diese Auffälligkeit verschwunden. Somit war ein Ergebnis der Therapie im Hirnscanner sichtbar. Diese Neuigkeit ist in der zugehörigen Pressemitteilung der Marburger Universität gut versteckt: Unter der aussagekräftigen Überschrift „Der Effekt von Psychotherapie auf das Gehirn“ wird einleitend die Häufigkeit psychischer Erkrankungen referiert; dabei bleibt leider unklar, ob nun drei bis fünf Prozent der Menschen oder aber der psychisch Erkrankten an einer Panikstörung leiden. Dann kommt die Sensation: „Eine innovative Studie zum Einfluss von Psychotherapie auf Hirnprozesse (…) wurde (…) überwacht und ausgewertet.“ In der Mitte des Textes nähert man sich der Neuigkeit, wenn – leider ziemlich kryptisch – die Sprache auf eine „besondere Rolle des linken inferior frontalen Cortex bei der Furchtkonditionierung bei Patienten mit Panikstörung“ kommt. Im vorletzten Absatz steht endlich eine greifbare Botschaft: „Eine ‚geistige’ Methode, nämlich Psychotherapie, verändert plastisch das ‚materielle’ Gehirn.“ Wobei es der Hirnscanner allerdings mindestens erklärungsbedürftig findet, eine Reduktion neuronaler Aktivität als „plastische Veränderung des Gehirns“ zu deklarieren.

Nun ja. Eine Textvorlage, die bei der redaktionellen Bearbeitung viel Luft nach oben bietet, sollte man meinen. Zudem die Originalstudie frei zugänglich im Netz steht. Leider lösen sich viele Redaktionen aber nur kaum vom vorgegebenen Text: DocCheck News übernimmt die Pressemitteilung weitgehend. Im Standard liest sich die Meldung zwar besser, aber der naheliegende Klick auf die Studie unterblieb offenbar auch hier: Bei der zweideutigen Prozentangabe aus der Pressemitteilung hat man sich mit „zwischen rund 3 und 5 Prozent jener Menschen, die von einer behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankung betroffen sind“, leider für die falsche Interpretation entschieden.

Cortex

Großhirnrinde/Cortex cerebri/cerebral cortex

Der Cortex cerebri, kurz Cortex genannt, bezeichnet die äußerste Schicht des Großhirns. Sie ist 2,5 mm bis 5 mm dick und reich an Nervenzellen. Die Großhirnrinde ist stark gefaltet, vergleichbar einem Taschentuch in einem Becher. So entstehen zahlreiche Windungen (Gyri), Spalten (Fissurae) und Furchen (Sulci). Ausgefaltet beträgt die Oberfläche des Cortex ca 1.800 cm2.

inferior

inferior/inferior/inferior

Eine anatomische Lagebezeichnung — inferior bedeutet weiter unten gelegen, der untere Teil.

Furchtkonditionierung

Furchtkonditionierung/-/fear conditioning

Die Koppelung eines neutralen Reizes an einen Reiz, der Furcht auslösen kann – zum Beispiel zuerst ein leiser Ton, danach ein lautes, erschreckendes Geräusch. Nach der Konditionierung löst auch die alleinige Präsentation des neutralen Reizes bereits Furcht aus.

Lernen verändert das Gehirn – wow!

Auch die von der WAZ wiedergegebene Meldung der Agentur dapd beinhaltet nicht mehr als eine etwas sinnvoller gegliederte, redigierte Fassung der Pressemitteilung – deren grammatisch merkwürdige Bezeichnung „inferior frontaler Cortex“ bleibt eins zu eins erhalten. Das gewöhnlich gut informierte Portal Scinexx wiederum schildert den Sachverhalt zwar ausführlich, hat den Hirnscanner aber mit der Einstiegsbotschaft „Psychotherapie verändert das Gehirn“ verblüfft: Dass eine anerkannt effektive Methode, um etwas zu lernen (hier: den Umgang mit Angst), sich auf unser Denkorgan auswirkt, ist nun wirklich kaum erwähnenswert, geschweige denn eine Neuigkeit.

Immerhin ein „befriedigend“ für seine solide Kurzmeldung würde der Hirnscanner dem Hamburger Abendblatt geben. Nur eine Publikation hat es geschafft, das Experiment kompetent und deutlich verständlicher zu erklären als in der Pressemitteilung: das Ärzteblatt. Aber Anlass zu großer Freude ist auch dieser Artikel nicht: Neben unnötigem medizinischem Fachjargon stört auch hier die fehlende kritische Distanz. So bleibt die in der Studie selbst eingestandene Tatsache unerwähnt, dass eigentlich die Untersuchung einer kranken Kontrollgruppe fehlt, um den gemessenen Effekt eindeutig auf die Therapie zurückführen zu können. Und unabhängige Experten bleiben sowieso außen vor – ein Missstand, der in der Neuro-​Berichterstattung leider zur Regel verkommen scheint.

Weshalb der Hirnscanner abschließend den Wissenschaftsredaktionen, die sich nicht überflüssig machen wollen, noch drei gute Vorsätze für 2013 ans Herz legen möchte:

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