Narben im Gehirn und Kinder vor Gericht

Diese Woche beschäftigt sich der Hirnscanner mit den wohl hässlichsten Labortieren der Welt und der Frage, was die Hirnforschung im Gerichtssaal sucht.

Veröffentlicht: 20.12.2011

Die angelsächsische Presse stellte sich vergangene Woche in Sachen Neurowissenschaften ganz pragmatische Fragen: Welchen Einfluss sollten die Erkenntnisse der Hirnforschung auf das Rechtssystem haben? Gibt es dank ihr neue Methoden, Lügner zweifelsfrei zu überführen? Und last but not least: Wie verändert die Hirnforschung unsere Vorstellung von der Verantwortung für eine Straftat?

Den Anlass dafür bot die britische Royal Society. Die wissenschaftliche Akademie im Vereinigten Königreich hat sich in einem lesenswerten Report, der vergangene Woche veröffentlicht wurde, mit diesen Fragen beschäftigt. Ihre Antwort in Kurzform: Zurzeit gibt es relativ wenig Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften, die direkt im Gericht angewendet werden könnten oder sollten. Zudem ist es unwahrscheinlich, dass die Wissenschaft Konzepte der Rechtsprechung grundlegend verändern wird.

Die Presse hat sich allerdings zu großen Teilen andere Aspekte des Papers herausgegriffen, um darüber zu berichten. Die BBC, der Guardian und einige andere Medien stellen den Punkt heraus, in dem die Royal Society am stärksten Stellung bezieht: Das Alter, ab dem Menschen in England, Schottland und Wales vor Gericht gestellt werden können, sei mit 10 Jahren möglicherweise zu jung. Die Forschung der letzten zehn Jahre habe gezeigt, dass das Gehirn sich in diesem Alter noch massiv verändere, insbesondere auch der präfrontale Cortex, der an Entscheidungen beteiligt ist. Dieser Bereich des Gehirns gehört zu denen, die am langsamsten reifen und ist erst im Alter von etwa 20 Jahren voll entwickelt.

Dagegen heben der Daily Telegraph und die britische Presseagentur hervor, die Hirnforschung könnte bald helfen, Menschen zu identifizieren, die Schmerzen nur simulieren, um nicht arbeiten zu müssen. Im Report selbst steht dazu allerdings nur, dass es zurzeit noch nicht möglich sei zu unterscheiden, ob jemand Schmerzen nur simuliert oder wirklich erlebt.

Kernaussagen sind zumutbar

Was den Hirnscanner ärgert: In den meisten der bisher genannten Artikel gehen die Kern-​Aussagen des Gehirnreports unter, wenn sie überhaupt erwähnt werden. Besser machen es die wissenschaftlicheren Medien wie Science (Schlagzeile: Courtroom Neuroscience Not Ready For Prime Time), The Scientist (Neuroscience not ready for the courtroom) oder New Scientist (Brain Scans should not be used in Court … for now).

Die Frage ist natürlich, wie so oft, was von den Medien als journalistische Nachricht empfunden wird. Die reichweitenstarken Medien haben sich in diesem Fall mehrheitlich entschieden, einen gesellschaftlichen Missstand anzuprangern: Kinder im Alter von 10 Jahren, deren Gehirn noch nicht gereift ist, werden vor Gericht wie Erwachsene behandelt. Oder mit Ängsten und Hoffnungen zu spielen: Empfänger von Transferleistungen könnten demnächst per Hirnscan überprüft werden. Die Kernaussage des Reports — dass die Hirnforschung bisher im Gerichtssaal wenig zu sagen hat und zu sagen haben sollte — wird offenbar als zu uninteressant, zu abstrakt empfunden.

Der Hirnscanner glaubt, dass das ein Fehler ist. In den letzten Jahren gab es immer wieder Artikel, die hervorgehoben haben, wie dramatisch die Hirnforschung die Rechtsprechung verändern könnte. Der Bericht der Royal Society nennt einige wichtige Punkte, die in dieser Diskussion beachtet werden sollten, etwa die Tatsache, dass die relevanten Studien in der Regel statistische Unterschiede zwischen den Gehirnen von zwei Gruppen von Personen nachweisen. Das bedeutet aber nicht, dass diese Unterschiede für jede einzelne Person gelten. Der Bericht der Royal Society wäre eine gute Chance gewesen, diese Hürden und Hindernisse zu thematisieren, die die Hirnforschung auf dem Weg in den Gerichtssaal nehmen muss, einmal zu erklären und Lesern eine realistischere Einschätzung zu ermöglichen. Das kann, das sollte man dem Leser einer Wissenschaftsseite zumuten.

„Narben“ im Gehirn

In vielen deutschen Medien wurde vergangene Woche eine Studie von Forschern der Universität Münster vorgestellt. Demnach zeigen psychisch gesunde Erwachsene, die als Kinder misshandelt wurden, unter anderem eine stärkere Aktivierung des Mandelkerns, wenn ihnen Fotos von wütenden oder ängstlichen Gesichtern gezeigt wurden. Focus, Bild, Hamburger Abendblatt und zahlreiche andere Medien berichteten über diese „Narben“ im Gehirn.

Aber was ist daran eigentlich neu oder überraschend? Dass das furchtbare Erlebnis, als Kind misshandelt zu werden, tiefe Spuren in der Psyche hinterlassen kann, ist wohl unbestritten. Und dass solche psychischen Veränderungen nicht einfach vom Äther des Geistes getragen werden, sondern auf irgendeiner Form von veränderter Reizverarbeitung im Gehirn basieren, dürfte heute jeder vermuten, der schon einmal eine Neuronachricht gelesen hat. Warum finden solche Meldungen also besonders häufig ihren Weg in die Zeitungen? Vielleicht, weil wir eben doch im Inneren noch immer Dualisten sind und – Vorwissen hin oder her – stets aufs Neue überrascht sind, wenn wir eine biologische Veränderung finden, die mit einer Veränderung des Geistes einhergeht.

Hässlich, aber ohne Schmerzen

Über manche Forschung wird schon deswegen berichtet, weil es die Möglichkeit gibt, ein bestimmtes Foto zu zeigen: die Macht der Bilder. Das Paradebeispiel ist der Nacktmull. Den meisten Wissenschaftsredakteuren juckt es förmlich in den Fingern, das hässliche, rosa-​faltige Nagetier in regelmäßigen Abständen abzubilden. Diese Woche bot eine Veröffentlichung von Forschern des Max-​Delbrück-​Centrums in Berlin im Fachblatt „Science“ die Möglichkeit dazu: Die Wissenschaftler konnten zeigen, weshalb Nacktmulle keinen Säureschmerz empfinden. Der Grund lässt sich zum Beispiel bei der Süddeutschen, beim Deutschlandfunk oder der Financial Times Deutschland nachlesen.

Die Arbeit der Berliner Forscher ist ohne Frage interessant, aber wäre ein gewöhnlicheres Tier Gegenstand der Forschung gewesen, wäre wohl sehr viel weniger berichtet worden. Nicht umsonst schreibt Stern​.de als Dachzeile nicht „Schmerzforschung“ oder „Zoologie“ sondern „Hässliches Nagetier“. Unter journalistischen Gesichtspunkten hält der Hirnscanner das auch für völlig legitim. Schließlich wecken solche Bilder das Interesse des Lesers. Und ist das einmal wach, liest der Mensch ja vielleicht auch noch die restlichen Artikel.

Auch Artikel über das Hirn können hirnlos sein. Darum will der Hirnscanner nicht nur auf spannende Beiträge aufmerksam machen, Interviews empfehlen und Themen kommentieren, sondern auch Schlagzeilen hinterfragen und Fehler aufzeigen (wo sie anderen passiert sind) . Hinweise auf interessante Interviews, aufregende Artikel und peinliche Porträts werden unter hirnscanner@​kaikupferschmidt.​de gerne entgegengenommen.

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