Mehr Licht!

Autor: Ulrich Pontes

Zwei Berichte, die nach Wunderheilung klingen, haben das Interesse des Hirnscanners erregt. Beim genaueren Hinsehen verblassen die Meldungen zur Heilung von Querschnittslähmung und zur positiven Wirkung von Licht bei Depressionen allerdings etwas.

Veröffentlicht: 04.06.2012

Diesmal musste der Hirnscanner sein Beuteschema ein klein wenig aufweichen. Denn in den zurückliegenden zwei Wochen war neurowissenschaftliche Forschung in den Medien nur mit einem Thema präsent, und da ging es streng genommen weniger ums Gehirn als ums Rückenmark. Dafür allerdings war der Befund wahrhaft aufsehenerregend – und die zugehörigen Bilder beziehungsweise Videos ein echter Hingucker: Zögernd und zittrig, mit einer Art Klettergurt an einer komplizierten Konstruktion hängend, schleppt sich eine Ratte auf zwei Beinen über einen Laufsteg, setzt mühevoll ein Bein nach dem anderen – und schafft es doch sogar eine Treppe hinauf.

Süß, possierlich, irgendwie anrührend und art-​untypisch, überhaupt nicht ekelig wirkt das geplagte Tier dabei – was offenbar die Redakteure von ZEIT und BILD gleichermaßen angesprochen hat, denn beide Seiten zeigen dasselbe Video. Dass eine Ratte dermaßen unser Mitgefühl anregen kann, hat den Hirnscanner bass erstaunt und würde vielleicht eine eigene Forschungsfrage hergeben.

In der Schweizer Studie, veröffentlicht in Science, ging es allerdings um etwas anderes. Denn die untersuchten Ratten waren eigentlich querschnittsgelähmt. Trotzdem schafften es die Forscher, sie wieder zum Laufen zu bringen. Dazu spritzten sie ihnen einen Wirkstoffcocktail ins Rückenmark, der verschiedene Neurotransmitter-​Rezeptoren aktiviert, stimulierten die Nervenbahnen elektrisch und machten Lauftraining mit den Tieren, wobei ein Stückchen Schokolade eine entscheidende Rolle spielte. Das alles über Wochen immer und immer wieder. Fazit: Die Plastizität des Nervensystems führte zu einer bisher nicht für möglich gehaltenen Regeneration der Bewegungssteuerung. Damit verbindet sich nun die Hoffnung, auf ähnliche Weise vielleicht auch gelähmten Menschen helfen zu können.

Rückenmark

Rückenmark/Medulla spinalis/spinal cord

Das Rückenmark ist der Teil des zentralen Nervensystems, das in der Wirbelsäule liegt. Es verfügt sowohl über die weiße Substanz der Nervenfasern, als auch über die graue Substanz der Zellkerne. Einfache Reflexe wie der Kniesehnenreflex werden bereits hier verarbeitet, da sensorische und motorische Neuronen direkt verschaltet sind. Das Rückenmark wird in Zervikal-​, Thorakal-​, Lumbal und Sakralmark unterteilt.

Plastizität

Plastizität/-/neuroplasticity

Der Begriff beschreibt die Fähigkeit von Synapsen, Nervenzellen und ganzen Hirnarealen, sich abhängig vom Grad ihrer Nutzung zu verändern. Mit synaptischer Plastizität ist die Eigenschaft von Synapsen gemeint, ihre Erregbarkeit auf die Intensität der Reize einzustellen, die sie erreichen. Daneben unterliegen auch Größe und Vernetzungsgrad unterschiedlicher Hirnbereiche einem Wandel, der von ihrer jeweiligen Aktivität abhängt. Dieses Phänomen bezeichnen Neurowissenschaftler als corticale Plastizität.

Umleitung statt Reparatur

Grund genug also für eine Vielzahl von Medien, das Thema aufzugreifen. Die allermeisten begnügten sich freilich mit dem entsprechenden dpa-​Bericht, siehe etwa Focus oder Stern. Diesen Bericht findet der Hirnscanner in einigen Aspekten allerdings verbesserungswürdig. Zugutehalten kann man ihm, dass er das Experiment und den Fortschritt gegenüber einer früheren Studie brauchbar beschreibt sowie – wichtig bei solchen Themen – klar macht, dass sich der Erfolg nicht unbedingt auf menschliche Patienten übertragen lassen muss.

Nicht deutlich wird in dem dpa-​Text aber, dass das Rückenmark der Tiere zwar schwer verletzt, aber an keiner Stelle komplett durchtrennt war. Die Nerven wuchsen also nicht einfach wieder zusammen. Vielmehr bildeten sich um die Verletzungen herum Umleitungen für die vom Gehirn ausgesandten Steuersignale. Außerdem erwähnt der Text nicht, dass den Ratten bis zuletzt vor jedem Laufversuch das komplette Programm aus chemischer und elektrischer Stimulation verabreicht wurde. Das alles macht der auch ansonsten lebendiger geschriebene eigene Artikel des Tagesspiegel deutlich besser. Einen eigenen Autor auf ein Thema anzusetzen, lohnt sich also. Das zeigt auch der andere Nicht-​Agentur-​Bericht, den der Hirnscanner zu dem Ratten-​Reha-​Erfolg entdecken konnte: Auch der Text im Deutschen Ärzteblatt ist akkurater und umfassender als der dpa-​Bericht – dafür allerdings mit medizinischem Fachjargon gespickt.

Rückenmark

Rückenmark/Medulla spinalis/spinal cord

Das Rückenmark ist der Teil des zentralen Nervensystems, das in der Wirbelsäule liegt. Es verfügt sowohl über die weiße Substanz der Nervenfasern, als auch über die graue Substanz der Zellkerne. Einfache Reflexe wie der Kniesehnenreflex werden bereits hier verarbeitet, da sensorische und motorische Neuronen direkt verschaltet sind. Das Rückenmark wird in Zervikal-​, Thorakal-​, Lumbal und Sakralmark unterteilt.

Licht-​Walkman gegen Depression?

Mindestens ebenso sensationell wie die Ratten-​Heilung mutet ein anderes Forschungsergebnis an, auf das der Hirnscanner gestoßen ist: Nervenzellen im Gehirn, also im Inneren des Schädels, sollen auf Licht reagieren, hell leuchtende Ohrstöpsel auf diese Weise gar gegen Winterdepression helfen. Das berichtet jedenfalls das Portal der Wirtschaftswoche unter Berufung auf eine Studie im (eher unbekannten) World Journal of Neuroscience.

Eine Sensation? Der Hirnscanner ist da skeptisch. Nur eines ist der Artikel der Wirtschaftswoche mit Sicherheit: ein toller PR-​Erfolg. Die Autoren der zitierten Studie sind nämlich, wie sie auch offenlegen, eng mit der finnischen Firma Valkee verbandelt. Und Valkee verkauft – na, wer hat einen Tipp? Genau: eine Art Licht-​Walkman, ein Kästchen, von dem über Glasfaserkabel helles Licht direkt ins Ohr geleitet wird. Werbeversprechen: Sechs bis zwölf Minuten täglich machen dem Winterblues den Garaus. Eigentlich zu schön, um wahr zu sein, sieht man mal davon ab, dass so ein Kästchen 199 Euro kostet.

Nun ist freilich nicht auszuschließen, dass Forschung spektakuläre und völlig unerwartete Ergebnisse zutage fördert. Aber hier liegt die Sache doch so, dass die Alarmglocken erst einmal laut schrillen – und ein Journalist eins auf keinen Fall tun sollte: das zugehörige PR-​Material unkritisch zum scheinbar seriösen, selbst recherchierten Artikel umzuschreiben, ohne sich von unabhängigen Experten eine Einschätzung zu holen. Aber genau das ist hier passiert.

Neuron

Neuron/-/neuron

Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

Ohr

Ohr/Auris/ear

Das Ohr ist nicht nur das Organ des Hörens, sondern auch des Gleichgewichts. Unterschieden werden das äußere Ohr mit Ohrmuschel und äußerem Gehörgang, das Mittelohr mit Trommelfell und den Gehörknöchelchen sowie das eigentliche Hör– und Gleichgewichtsorgan, das Innenohr mit der Gehörschnecke (Cochlea) und den Bogengängen.

Zu viel Licht und tote Lachse

Das heißt, eigentlich ist es sogar noch schlimmer: Während die Pressemitteilung wenigstens die Verbindung der Studie zu Valkee offen eingesteht, fehlt im Wiwo-​Artikel jeglicher Hinweis auf die Firma und das Produkt. Dafür bläst er das Studienergebnis noch zusätzlich auf: Pressemitteilung und Studie behaupten lediglich, dass Gehirngewebe auf Lichtbestrahlung durch die Ohren reagiert. Der Artikel geht dagegen einen großen Schritt weiter und behauptet, damit sei die Wirkung gegen Depression nachgewiesen. Die einzigen angeblichen Belege dafür stammen allerdings aus noch kleineren, methodisch schlechteren und in noch abseitigeren Publikationen veröffentlichten Studien.

Man könnte nun spekulieren, inwieweit die Kritikfähigkeit der Wiwo-​Autorin ihrerseits durch massive Licht-​, genauer: Sonneneinstrahlung auf den Schädel moduliert war. Aber da der Hirnscanner ja konstruktiv sein will, nutzt er die letzten Zeilen lieber für zwei Linktipps, die sich alle (Neuro-)Wissenschaftsjournalisten und sonstigen Interessenten mal mit etwas Zeit zu Gemüte führen sollten: Allgemeine Tipps und Kriterien für Wissenschafts– und Medizinberichterstattung hat medien​-dok​tor​.de zusammengestellt.

Speziell bei der Gehirnforschung kommt ein weiteres Problem hinzu, auch im vorliegenden Fall: Meistens spielen funktionelle Kernspin-​Aufnahmen eine wichtige Rolle. Und wenn die dabei errechneten bunten Bildchen auch noch so suggestiv und einleuchtend wirken mögen: Gerade auf ganz neue und interessante Ergebnisse sollten wir stets mit Misstrauen reagieren – sonst leben wir, wie der britische Observer vergangene Woche erinnert hat, bald in einer Welt, in der auch tote Lachse nachweisbar geistige Leistungen vollbringen.

Auch Artikel über das Hirn können hirnlos sein. Darum will der Hirnscanner nicht nur auf spannende Beiträge aufmerksam machen, Interviews empfehlen und Themen kommentieren, sondern auch Schlagzeilen hinterfragen und Fehler aufzeigen (wo sie anderen passiert sind). Hinweise auf interessante Interviews, aufregende Artikel und peinliche Porträts werden unter redaktion@​dasgehirn.​info gerne entgegengenommen.

Depression

Depression/-/depression

Phasenhaft auftretende psychische Erkrankung, deren Hauptsymptome die traurige Verstimmung sowie der Verlust von Freude, Antrieb und Interesse sind.

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