Mathe, Monster und entgleiste Gesichter

Autor: Ulrich Pontes

Die Erkennung von Monstern und anderen Fratzen sowie der Horror, den Mathematik bei vielen Menschen auslöst: Schaurig ging es rund um Halloween in der Neuro-​Berichterstattung zu – den Hirnscanner schauderte indes aus ganz anderen Gründen.

Veröffentlicht: 06.11.2012

Beginnen wir ganz hinten: beim Schlusslicht tagess​chau​.de vom 5. November, Titel: Mathe tut weh. Das vereinfacht zwar leicht das zugrunde liegende Ergebnis von Forschern der Universität von Chicago (zur Pressemitteilung), aber es mag als Schlagzeile durchaus angehen – auch wenn wir von das​Ge​hirn​.info den Sachverhalt für die entsprechende Kurzmeldung deutlich präziser auf den Punkt gebracht haben: „Angst vor Mathe verarbeitet das Gehirn ähnlich wie körperlichen Schmerz.“ Genau das ist die Kernaussage der Studie, bei der Versuchsteilnehmer im Kernspintomografen verschiedene Aufgaben lösen sollten. Bei Probanden mit ausgeprägter Angst vor Mathe wurden dabei Hirnareale aktiv, die sonst mit körperlicher Bedrohung und Schmerzempfinden assoziiert werden – und zwar jeweils dann, wenn eine Matheaufgabe angekündigt wurde, nicht dagegen während des eigentlichen Rechnens oder bei nichtmathematischen Aufgaben.

Kernspintomograf

Kernspintomograf/-/magnetic resonance scanner

Ein Gerät, das Mediziner für die Magnetresonanztomografie (MRT) einsetzen. Die MRT ist ein bildgebendes Verfahren zur Diagnose von Fehlbildungen in unterschiedlichen Geweben oder Organen des Körpers. Insbesondere Körperbestandteile, die viel Wasser enthalten, lassen sich mit dieser Methode gut darstellen. Patienten werden dafür in eine Röhre (Scanner) geschoben und einem starken Magnetfeld ausgesetzt. Sie bekommen aber keine Röntgenstrahlen oder andere Formen ionisierender Strahlung ab.

tagess​chau​.de: Schlusslicht in jeder Hinsicht

Diese Zusammenhänge lassen sich in dem Artikel auf tagess​chau​.de nur schwerlich wiedererkennen. Es ist offenbar der Versuch, das an sich schon kuriose Ergebnis noch glossierend zu überspitzen. Zu beurteilen ob das gelungen ist, überlässt der Hirnscanner anderen. Aber wo sich der Text auf Fakten bezieht, sollte er diese korrekt wiedergeben. Leider scheitert er daran mehrfach: Nicht „verschiedene mathematische Probleme“ sollten die Probanden lösen, wie auf tagess​chau​.de zu lesen, sondern mathematische und andere Probleme; nicht das „Präsentieren der Aufgaben“ löste die Reaktion aus, sondern deren Ankündigung; „was den Menschen vor Jahrmillionen vor Raubtieren (…) fliehen ließ, lässt ihn heute vor Gleichungen und geometrischen Figuren erschaudern“, schreibt tagess​chau​.de, die Studie betont hingegen, dass die Reaktionen auf Mathematik denen ähneln, die soziale Ablehnung in uns auslöst. Schließlich erschien die Studie am 31. Oktober, tagess​chau​.de ließ sich mit dem Beitrag aber bis zum 5. November Zeit – der Text ist also wahrhaft das Schlusslicht der Berichterstattung zum Thema.

Besser macht es die knappe Agenturmeldung von dpa, nachzulesen etwa beim Focus oder auf n​-tv​.de. Allerdings heißt es darin, dass die Erwartung der Mathe-​Aufgabe „jene Hirnregion (Einzahl und bestimmer Artikel! — Anm. d. Hirnscanners) aktivierte, mit der Schmerz und körperliche Gewalt verarbeitet werden“. Tatsächlich waren aber mehrere Hirnregionen betroffen. Diese wurden in früheren Studien teils mit Schmerz, teils mit körperlicher Gewalt in Verbindung gebracht, sind deswegen aber auch noch lange nicht das alleinige für Schmerz und Gewalt zuständige Netzwerk. Da ist der dpa eben ein kleiner grammatischer Lapsus unterlaufen, könnte man argumentieren. Der Hirnscanner findet aber: Die Formulierung des Agenturtextes erweckt letztlich einen völlig falschen Eindruck. Sie klingt nämlich nach einer Maschine, bei der für eine bestimmte Aufgabe ein klar definierter Teil aktiv wird – und das wird weder dem Gehirn in seiner Komplexität noch dem sehr vorläufigen Stand unseres Wissens gerecht.

Ein Fall für Plagiatsjäger?

Um nicht nur zu kritisieren, nun einige Empfehlungen: Halbwegs ausführlich und korrekt ist die Darstellung der Studie in einem Text der dapd, der unter anderem bei der Welt, beim Hamburger Abendblatt und bei Scinexx erschienen ist. Vergleicht man ihn mit der Pressemitteilung, wird deutlich, dass die Autorin löblicherweise die Originalarbeit gelesen hat. Schade ist nur, dass sie keine unabhängigen Experten zitiert und auch nicht darauf eingeht, was Mathe-​geplagte Schüler nun gegen ihre Angst tun könnten – obwohl zu dieser Frage keine zwei Wochen früher eine weitere Studie der Chicagoer Forscher erschien (zur Pressemitteilung).

Gefallen hat dem Hirnscanner auch der Text in den Schwesterblättern Frankfurter Rundschau und Berliner Zeitung. Dieser zitiert Thomas Mann, um – völlig zurecht – zu verdeutlichen, dass die Erkenntnis „Angst vor der Schule macht körperliche Schmerzen“ gar nicht so neu ist. Im weiteren Verlauf weist dieser Artikel dann allerdings verblüffende Parallelen zu dem (laut Datumsangaben einen Tag früher erschienenen) dapd-​Text auf, ohne die Agentur als Quelle zu nennen. Muss der Hirnscanner denn nun auch noch unter die Plagiatsjäger gehen?!

Monster und andere Fratzen

Gewundert hat den Hirnscanner schließlich, dass eine Reihe namhafter Medien das Mathe-​Thema gar nicht aufgegriffen hat – was mit reduzierten Feiertagsbesetzungen zu Reformationstag und Allerheiligen zu tun haben könnte oder auch damit, dass eine andere Studie einfach besser zu Halloween passte. Kanadische Forscher fanden heraus: Selbst bei Monstern schauen wir als erstes auf die Augen, sogar wenn diese gar nicht im Gesicht sitzen. Bemerkenswert daran findet der Hirnscanner vor allem, dass selbst die Redaktionen wissenschaftlicher Fachmagazine – in diesem Fall Biology Letters – mittlerweile offenbar darauf achten, anderen Medien die Themen passgenau zu Anlässen wie Halloween zu liefern: Die Studie, Wochen vorher zur Veröffentlichung akzeptiert, wurde just am 31. Oktober publiziert.

Da es sich bei den Monsterfratzen aber um ein reines Verhaltensexperiment handelte, soll es hier zum Abschluss lieber um eine Studie gehen, die substanziell Neues zur Neurobiologie der Gesichtserkennung beiträgt. Es handelt sich dabei um einen glücklichen Zufallsfund: Als Neurologen aus Stanford bei einem Epilepsie-​Patienten per elektrischer Stimulation nach der Hirnregion fahndeten, die seine Anfälle auslöst, erschienen dem Patienten plötzlich alle Gesichter entstellt, während der Rest normal blieb: „Sie haben sich gerade in jemand anderen verwandelt – Ihre Nase wurde schlaff und wanderte nach links“, teilte der Patient dem verblüfften Arzt mit. Eine tolle Geschichte, ordentlich erzählt etwa bei Spiegel Online, WAZ, Welt und Scinexx.

Nase

Nase/Nasus/nose

Das Riechorgan von Wirbeltieren. In der Nasenhöhle wird die Luft durch Flimmerhärchen gereinigt, im oberen Bereich liegt das Riechepithel, mit dem Gerüche aufgenommen werden.

PR– und Agenturmeldung aus einer Hand

Am einzelnen Text hat der Hirnscanner hier gar nicht groß zu kritteln. Aber: Wer sich die Mühe macht, die Links alle anzuklicken, findet überall den identischen Text! Dass hier – übrigens ebenso wie bei den beiden oben behandelten Themen – jeweils ein– und derselbe Artikel einerseits als Eigenbeitrag auf dem Wissenschafts-​PR-​Portal Scinexx erscheint und andererseits als Korrespondentenbericht der Agentur dapd auf zahlreichen vermeintlich unabhängigen journalistischen Nachrichtenseiten veröffentlicht wird, findet der Hirnscanner dann doch zu viel der Monokultur. Denn ohne Konkurrenz leidet früher oder später unweigerlich die Qualität.

Was im redaktionellen Einheitsbrei schon jetzt auf der Strecke geblieben ist, zeigt exemplarisch ein einziger Klick zu einem englischsprachigen Bericht: Der San Francisco Chronicle erzählt die gleiche Geschichte nicht nur reportagiger und damit lebendiger, sondern lässt auch einen unabhängigen Experten zu Wort kommen. Schließlich besticht er durch mehr Menschlichkeit: Anders als im dapd-​Text bleiben hier trotz Begeisterung über den Neuro-​Fund auch noch einige Sätze Aufmerksamkeit für den Patienten und sein weiteres Schicksal.

Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit/-/attention

Aufmerksamkeit dient uns als Werkzeug, innere und äußere Reize bewusst wahrzunehmen. Dies gelingt uns, indem wir unsere mentalen Ressourcen auf eine begrenzte Anzahl von Bewusstseinsinhalten konzentrieren. Während manche Stimuli automatisch unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, können wir andere kontrolliert auswählen. Unbewusst verarbeitet das Gehirn immer auch Reize, die gerade nicht im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen.

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