Liebe Redaktionen, lest meine Gedanken!

Einmal mehr können Forscher Gedanken lesen. Das wollen deutsche Medien dem Hirnscanner glauben machen. Darüber hinaus erhält er Erziehungstipps, die er eigentlich gar nicht wollte.

Veröffentlicht: 29.06.2015

Das ist eine Meldung, die Medien lieben: „Hirnforscher können Gedanken lesen!“ Diese Aussage begegnet dem Hirnscanner in schöner Regelmäßigkeit. Und das, obwohl man bislang von der Möglichkeit des Gedankenlesens noch weit entfernt ist. Doch auch dieses Mal konnten sich die Medien nicht zurückhalten. Bei Heil​prax​is​net​.de heißt es: „Gedankenlesen: Wissenschaftler erkennen Sprache aus menschlichen Hirnströmen.“

Die Presse​.com schreibt kurz und knapp: „Forscher können Gedanken lesen“. Focus Online wiederum setzt immerhin noch ein Fragezeichen hinter „Gedankenlesen“. Andere Medien formulieren es gleich ein wenig vorsichtiger: „Forscher rekonstruieren Sprache aus Hirnströmen“, schreibt etwa der Berliner Tagesspiegel.

Und was war nun tatsächlich passiert? Wissenschaftler unter anderem vom Karlsruher Institut für Technologie hatten sieben Epilepsiepatienten ein Elektrodennetz (Elektrokortikographie) direkt auf die Großhirnrinde gelegt. Die Patienten sollten dann Texte wie etwa eine Rede von John F. Kennedy laut vorlesen. Welt​.de. schreibt dazu: „Die Forscher wussten also zunächst, welche Laute wann gesprochen wurden und legten mit Hilfe der dabei gemessenen Hirnströme Datenbanken mit Prototypen von etwa 50 verschiedenen Lauten an.“ Und weiter: „Auf Basis von Algorithmen gelang es anschließend, allein anhand der Gehirnströme zu verstehen, was gesagt wurde.“ Dazu wurden Laute im Kontext von Wörtern und ganzen Satzphrasen betrachtet, so Welt​.de.

Was das genau bedeuten soll, kann man als Leser indes nur erahnen. Auch von anderen Medien erfährt man es nicht. Kein Wunder: Bedienten sich die meisten deutschen Beiträge doch großzügig bei einer Agenturmeldung der dpa. Allzu „gleichgeschaltet“ fällt daher auch die Berichterstattung aus.

Keine Direktübertragung

Näheres erfuhr der Hirnscanner allerdings über eine Pressemitteilung des Karlsruher Instituts für Technologie: Die Forscher griffen demnach auf Methoden der automatischen Spracherkennung zurück. Informationen aus dem Cortex wurden mit „linguistischem Wissen und Algorithmen des maschinellen Lernens kombiniert, um die wahrscheinlichste Wortsequenz zu extrahieren.“ Das von den Probanden Gesagte wurde also gar nicht alleine und direkt aus der Hirnaktivität rekonstruiert. Vollkommen daneben ist angesichts dieser Tatsache die Überschrift auf Focus online: „Gedankenlesen? Forscher hören Worte direkt aus dem Hirn“. Natürlich handelte sich nicht um eine Direktübertragung aus der Denkzentrale. Dafür war der „Übersetzungsprozess“ dann doch ein bisschen zu kompliziert.

Immerhin geht die von den meisten Medien dankbar übernommene dpa-​Meldung auch auf die Grenzen des Ansatzes ein. So zitiert sie einen der beteiligten Forscher mit den Worten: „Wir bekommen damit aussagekräftige Ergebnisse, die in der Erkennungsgenauigkeit zwar noch weit von der akustischen Spracherkennung entfernt sind, aber sehr deutlich über dem Zufall liegen“.“ Was das nun genau in Zahlen heißt, wird auf DiePresse​.com deutlich: Hier hat man trotz großzügiger Übernahme der Agenturmeldung selbst einen Blick in die Studie riskiert. Man erfährt, dass die Forscher bei der Worterkennung eine Fehlerquote von unter 25 Prozent erreichen konnten.

Cortex

Großhirnrinde/Cortex cerebri/cerebral cortex

Der Cortex cerebri, kurz Cortex genannt, bezeichnet die äußerste Schicht des Großhirns. Sie ist 2,5 mm bis 5 mm dick und reich an Nervenzellen. Die Großhirnrinde ist stark gefaltet, vergleichbar einem Taschentuch in einem Becher. So entstehen zahlreiche Windungen (Gyri), Spalten (Fissurae) und Furchen (Sulci). Ausgefaltet beträgt die Oberfläche des Cortex ca 1.800 cm2.

Vom Gedankenlesen noch weit entfernt

Auf eine weitere Einordnung stieß der Hirnscanner beim österreichischen sci​ence​.ORF​.at, deren Redaktion lobenswerterweise einen eigenen Beitrag verfasst hat: Bislang könnten die Forscher lediglich 10 bis 100 Wörter aus den Hirnströmen auslesen, erfuhr er hier. Echtes Gedankenlesen ist dann doch etwas anderes. Zumal es bei der Studie ja um gesprochene und nicht um gedachte Worte ging. Das den Lesern auch zu vermitteln, hätte aber offensichtlich von einigen Kollegen zu viel gedankliche Eigenleistung erfordert. Sehr schade.

Ein bisschen mehr Einsatz seitens der Redaktionen hätte sich der Hirnscanner auch bei einem anderen Thema gewünscht. „Dreijährige zeigen überraschend viel Mitgefühl“, lautet die Überschrift eines Beitrags auf Spiegel Online. Auch dieser Artikel beruht auf einer Meldung der dpa. Forscher am Max-​Planck-​Institut für evolutionäre Anthropologie hatten eine Studie mit Drei– und Fünfjährigen durchgeführt. In den Experimenten konnten die Kleinen einer Handpuppe Gegenstände wegnehmen, die diese vorher von einer anderen Handpuppe „stibitzt“ hatte.

Wie sich zeigte, setzten sich die kleinen Racker für das „Opfer“ – die bestohlene Handpuppe – ähnlich stark ein, als wären sie selbst betroffen. Insgesamt entschieden sie sich meist dafür, den Gegenstand an den Besitzer zurückzugeben. War ihnen das nicht möglich, dann versuchen sie immerhin, den Dritten daran zu hindern, den weggenommenen Gegenstand zu nutzen. „Die Wissenschaftler ziehen daraus den Schluss, dass schon kleine Kinder vor allem die Konsequenzen für das Opfer im Blick haben“, so Spiegel Online. „Dabei neigen sie eher dazu, dem Opfer zu helfen, als den Profiteur zu bestrafen.“

Ungefragte Erziehungstipps

Was den Hirnscanner stört, ist weniger, dass die Studie nicht in die bereits bestehende Forschungslage eingeordnet wird. Immerhin gab es bereits zuvor Untersuchungen, denen zufolge schon kleine Kinder einen Sinn für Gerechtigkeit haben. Vielmehr findet der Hirnscanner problematisch, welche weit reichenden Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen gezogen werden. So zitiert Spiegel Online eine der beteiligten Forscherinnen mit den Worten: „Eltern können den Gerechtigkeitssinn fördern, wenn sie neben Bestrafung vor allem auf wiederherstellende Gerechtigkeit setzen.“ Der Moment der Wiedergutmachung sei offensichtlich viel eindrücklicher als reine Bestrafung. Ob das diese eine Studie hergibt, da ist der Hirnscanner skeptisch. Das hält aber etwa Welt​.de nicht davon ab, in der Überschrift ihres Artikels vollmundig zu verkünden: „Wie Sie Ihre Kinder zu Gerechtigkeit erziehen“.

Zum Abschluss möchte der Hirnscanner auch noch mal ein Lob aussprechen. Denn ein anderer Beitrag auf Spiegel Online thematisiert kritisch und fundiert das Geschäft mit der Angst vor Demenz. Mittlerweile bieten einige Arztpraxen Selbstzahlern Tests an, die ihr Erkrankungsrisiko bestimmen sollen. Um das Alzheimer-​Risiko zu ermitteln, untersucht man dabei mit Magnetresonanztomografie den für das Gedächtnis wichtigen Hippocampus. Eine Software berechnet daraufhin, ob es wahrscheinlich ist, innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre zu erkranken.

Demenz

Demenz/Dementia/dementia

Demenz ist ein erworbenes Defizit kognitiver, aber auch sozialer, motorischer und emotionaler Fähigkeiten. Die bekannteste Form ist Alzheimer. „De mentia“ bedeutet auf Deutsch „ohne Geist“.

Magnetresonanztomographie

Magnetresonanztomographie/-/magnetic resonance imaging

Ein bildgebendes Verfahren, das Mediziner zur Diagnose von Fehlbildungen in unterschiedlichen Geweben oder Organen des Körpers einsetzen. Die Methode wird umgangssprachlich auch Kernspin genannt. Sie beruht darauf, dass die Kerne mancher Atome einen Eigendrehimpuls besitzen, der im Magnetfeld seine Richtung ändern kann. Diese Eigenschaft trifft unter anderem auf Wasserstoff zu. Deshalb können Gewebe, die viel Wasser enthalten, besonders gut dargestellt werden. Abkürzung: MRT.

Gedächtnis

Gedächtnis/-/memory

Gedächtnis ist ein Oberbegriff für alle Arten von Informationsspeicherung im Organismus. Dazu gehören neben dem reinen Behalten auch die Aufnahme der Information, deren Ordnung und der Abruf.

Hippocampus

Hippocampus/Hippocampus/hippocampual formatio

Der Hippocampus ist der größte Teil des Archicortex und ein Areal im Temporallappen. Er ist zudem ein wichtiger Teil des limbischen Systems. Funktional ist er an Gedächtnisprozessen, aber auch an räumlicher Orientierung beteiligt. Er umfasst das Subiculum, den Gyrus dentatus und das Ammonshorn mit seinen vier Feldern CA1-​CA4.

Veränderungen in der Struktur des Hippocampus durch Stress werden mit Schmerzchronifizierung in Zusammenhang gebracht. Der Hippocampus spielt auch eine wichtige Rolle bei der Verstärkung von Schmerz durch Angst.

Große Versprechen, fragwürdige Ergebnisse

Die Versprechen sind groß: Durch eine frühe Diagnose verbesserten sich die Therapieaussichten, zitiert Spiegel Online einen kommerziellen Anbieter. Doch in Wahrheit, erfährt man im Artikel, liefere das Angebot für Selbstzahler eben nicht einmal eine echte Diagnose: „Betroffene erfahren bloß, ob sie ein statistisch erhöhtes Risiko haben, demnächst zu erkranken.“

Denn wie die Autorin des Beitrags ganz richtig schreibt, kann ein schrumpfender Hippocampus ein frühes Anzeichen von Alzheimer sein, muss es aber nicht. Daher ist eine frühe Diagnose mit Unsicherheit behaftet. Außerdem ist eine Behandlung der Alzheimer-​Demenz bislang ohnehin nur sehr eingeschränkt möglich. Die Autorin lässt in ihrem Beitrag mehrere Experten zu Wort kommen, sowohl unabhängige als auch solche, die an der Früherkennung für Selbstzahler verdienen. Sie zeichnet so ein insgesamt kritisches, aber auch ausgewogenes Bild.

Bitte mehr von solchen Beiträgen – das ist ein Gedanke, den Hirnforscher gerne aus dem Kopf des Hirnscanners „auslesen“ und an die Redaktionen übermitteln können.

Hippocampus

Hippocampus/Hippocampus/hippocampual formatio

Der Hippocampus ist der größte Teil des Archicortex und ein Areal im Temporallappen. Er ist zudem ein wichtiger Teil des limbischen Systems. Funktional ist er an Gedächtnisprozessen, aber auch an räumlicher Orientierung beteiligt. Er umfasst das Subiculum, den Gyrus dentatus und das Ammonshorn mit seinen vier Feldern CA1-​CA4.

Veränderungen in der Struktur des Hippocampus durch Stress werden mit Schmerzchronifizierung in Zusammenhang gebracht. Der Hippocampus spielt auch eine wichtige Rolle bei der Verstärkung von Schmerz durch Angst.

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