Liebe im Hirn, Frust beim Lesen

Bei angenehmen Themen wie Liebe und Lust oder ernsten Themen wie Alzheimer ärgert sich der Hirnscanner gleichermaßen über verkürzte Darstellungen. Außerdem hätte er gerne gewusst, warum ein Google-​Hirn eine Vorliebe für Katzen entwickelt.

Veröffentlicht: 02.07.2012

Themen aus der Hirnforschung sind deutschen Medien in der letzten Zeit oft nur eine Agenturmeldung wert. Kein Wunder, dass der Leser dann Forschungsergebnisse oft allzu verkürzt serviert bekommt und Einschätzungen unabhängiger Forscher Mangelware sind.

Starke Behauptungen und fehlende Relativierungen

„Alzheimer wird beim Zellkontakt übertragen“, betitelte die Welt kürzlich eine Meldung der Nachrichtenagentur dapd. „Alzheimer-​Proteine verbreiten sich über direkte Zellkontakte“, lautet im Hamburger Abendblatt die Überschrift derselben Meldung. Darüber, dass die Zeitungen das Ergebnis in der Überschrift wie eine amtliche Tatsache präsentieren, sieht der Hirnscanner noch einmal hinweg. Innerhalb der Artikel hätte er aber doch lieber die eine oder andere vorsichtigere Formulierung gelesen. Denn schwedische Forscher von der Linköping University beschreiben im Journal of Neuroscience zunächst einmal nur, wie sich in Kulturen von tierischen und menschlichen Zellen toxische Ansammlungen von Beta-​Amyloid von Nervenzelle zu Nervenzelle verbreiten. Diese Ansammlungen von Proteinen stehen tatsächlich im Verdacht, mit der neurodegenerativen Erkrankung Alzheimer in Verbindung zu stehen. Ihren Weg von Nervenzelle zu Nervenzelle präsentieren die Forscher aber lediglich als eine Möglichkeit, wie sich Alzheimer im Gehirn ausbreiten könnte.

Neuron

Neuron/-/neuron

Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

Neurodegeneration

Neurodegeneration/-/neurodegeneration

Sammelbegriff für Krankheiten, in deren Verlauf Nervenzellen sukzessive ihre Struktur oder Funktion verlieren, bis sie teilweise sogar daran zugrunde gehen. Vielfach sind falsch gefaltete Proteine der Auslöser – wie etwa bestimmte Formen der Eiweiße Beta-​Amyloid und Tau im Falle von Alzheimer. Bei anderen Krankheiten, beispielsweise bei Parkinson oder Chorea Huntington, werden Proteine innerhalb der Neurone nicht richtig abgebaut. In der Folge lagern sich dort toxische Aggregate ab, was zu den jeweiligen Krankheitserscheinungen führt. Während Chorea Huntington eindeutig genetisch bedingt ist, scheint es bei Parkinson und Alzheimer allenfalls bestimmte Ausprägungsformen von Genen zu geben, welche ihre Entstehung begünstigen. Keine dieser neurodegenerativen Erkrankungen kann bisher geheilt werden.

Einseitige O-​Töné

Leider stützen sich zudem die Einschätzungen in der Berichterstattung nur auf die Aussagen der beteiligten Forscher. Die Welt beispielsweise lässt die Wissenschaftler von einem wichtigen „Fortschritt in der Alzheimer-​Forschung“ sprechen. Ob das unabhängige Wissenschaftler genauso sehen, hätte den Hirnscanner schon interessiert. Wie sehr sich die Medien auf Agenturmeldungen verlassen, fällt dem Hirnscanner immer dann besonders ins Auge, wenn bei allen der gleiche Fehler steht. So auch in diesem Fall. Denn anders als behauptet ist die Studie nicht im „Journal of Neurology“ erschienen, sondern eben im „Journal of Neuroscience“ – ein Fehler der Agenturmeldung. So zog sich denn auch die eigene Suche des Hirnscanners nach dem Originalpaper etwas länger hin. Zeitungen sollten sich also nicht blind auf Agenturmeldungen verlassen, auch wenn sie für diese bezahlen. Zwar ist es in der Regel besser, eine Agenturmeldung zu veröffentlichen als die PR von Pressemitteilungen unkritisch zu übernehmen. Ein kleiner Faktencheck und ein Blick in die Originalstudie können dennoch nicht schaden.

Frust statt Leselust

Mehr Frust als Lust bereitete dem Hirnscanner auch die Berichterstattung zu einem ganz anderen Thema. „Das Gehirn trennt zwischen Lust und Liebe“, schrieb das Hamburger Abendblatt. „Lust und Liebe aktivieren laut Wissenschaft ganz unterschiedliche Gehirnareale“, formulierte wiederum die Frankfurter Rundschau. Die Menschen hätten wohl recht, die „Sex ganz gut von der Liebe trennen“ könnten, heißt es in der Rundschau weiter. In dem eigentlichen Artikel – wiederum in all diesen Medien eine Meldung der dapd – ist der Tenor dann aber ein wenig anders: Neben Unterschieden gebe es auch auffallende Gemeinsamkeiten.

Liebe als Sucht

Tatsächlich betont ein internationales Forscherteam in einer Metaanalyse im Journal of Sexual Medicine mehr die neuronalen Gemeinsamkeiten als die Unterschiede von Lust und Liebe. Die Wissenschaftler kommen nach Ansicht des Hirnscanners allerdings ganz schön ins Spekulieren darüber, ob Liebe nicht aus Lust hervorgehe. Letztlich sei Liebe auch nichts anderes als eine Art Sucht, zitiert etwa der Tagesspiegel einen beteiligten Forscher. Liebe sei eine Gewohnheit, die sich aus den befriedigenden Erfahrungen der gestillten Lust entwickle. Das ist dem Hirnscanner angesichts der komplexen Erfahrung der Liebe dann doch etwas zu kurz gedacht. Aber solche Aussagen greift der Tagesspiegel leider nur allzu begierig auf und behauptet bereits im Vorspann der Meldung, Beziehungen basierten auf Sucht.

Google-​Hirn und eine merkwürdige Vorliebe für Katzen

Ein anderes spannendes Thema kam zum Unmut des Hirnscanners auf deutschen Wissenschaftsseiten gar nicht vor. „Google-​Gehirn erkennt eine Katze“, meldete der schweizerische Blick. „Google-​Hirn entwickelt Vorliebe für Katzenfotos“, schrieb der österreichische Standard. Forscher von Google und der Stanford University hatten ein künstliches neuronales Netz aus 16.000 Prozessoren mit einer Milliarde Verbindungen gebastelt, dafür gedacht, Gesichter auf Fotos zu erkennen. Für eine Studie hatten die Wissenschaftler das Netzwerk mit 10 Millionen zufällig ausgewählten Einzelbildern von Youtube-​Videos gefüttert.

Das Besondere an diesem Training: Die Standbilder waren unbenannt. Niemand teilte dem Netzwerk außerdem mit, ob es gerade das Bild eines Auto oder eines Vogel vorgesetzt bekam und nach welchen Kriterien es sich bei der Mustererkennung richten soll. Dennoch erzielte das Netzwerk bei der Auswertung von 20.000 Bildern mit Hilfe von speziellen Algorithmen vor allem bei menschlichen Gesichtern und Katzen eine hohe Trefferquote. Gerne hätte der Hirnscanner in den Medien etwas über den Mechanismus hinter dem Lernprozess und der Mustererkennung erfahren. Und vor allem die Antwort auf eine Frage hätte den Hirnscanner brennend interessiert: Woher stammte diese Vorliebe für Katzenbilder?

Auch Artikel über das Hirn können hirnlos sein. Darum will der Hirnscanner nicht nur auf spannende Beiträge aufmerksam machen, Interviews empfehlen und Themen kommentieren, sondern auch Schlagzeilen hinterfragen und Fehler aufzeigen (wo sie anderen passiert sind). Hinweise auf interessante Interviews, aufregende Artikel und peinliche Porträts werden unter redaktion@​dasgehirn.​info gerne entgegengenommen.

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