Leerstellen und Liebeswettbewerb

Autor: Ulrich Pontes

Nach der Assauer-​Alzheimer-​Inflation die Leere: Zuletzt spielte Hirnforschung kaum eine Rolle in den Medien. Dabei erschien dem Hirnscanner aber einiges berichtenswert – von der neuronalen Informationsverarbeitung bis zu einem bizarren Liebes-​Wettbewerb.

Veröffentlicht: 27.02.2012

Fahndet man abseits spezialisierter Medien wie das​Ge​hirn​.info nach Aktuellem zum Thema Hirnforschung, stieß man in den vergangenen zwei Wochen auf – fast nichts. Nachdem sich TV, Radio, Tageszeitungen und Magazine anlässlich Rudi Assauers Alzheimer-​Erkrankung eine Weile lang rauf und runter mit Demenz und Vergessen verausgabt haben (s. letzte Folge), scheint das Gehirn – ob krank oder gesund — nun erst mal selbst in Vergessenheit geraten beziehungsweise bei den Redaktionen unten durch zu sein.

Demenz

Demenz/Dementia/dementia

Demenz ist ein erworbenes Defizit kognitiver, aber auch sozialer, motorischer und emotionaler Fähigkeiten. Die bekannteste Form ist Alzheimer. „De mentia“ bedeutet auf Deutsch „ohne Geist“.

Zweifel am Verstand

Die eine erwähnenswerte Ausnahme bestätigt diese Vermutung noch: „Hirnforschung: Die gehen uns auf den Geist“ lautet der Titel einer Kolumne bei Spiegel Online. Bei näherer Betrachtung ist der Text dann allerdings weniger eine Absage an die Hirnforschung im Besonderen, als an den menschlichen Verstand im Allgemeinen. Anlass ist die Hirnforschung selbst mit ihrer Fülle an Erkenntnissen, die dazu geeignet scheinen, das menschliche Selbstbild ins Wanken zu bringen: Wahrnehmungen liefern oft kein realitätsgetreues, sondern ein von unseren Erwartungen vorherbestimmtes Bild der Umwelt; Freiheit ist angesichts der kausalen Abläufe im Gehirn womöglich kaum mehr als eine Illusion; scheinbar rationale Entscheidungen sind oft schon getroffen, bevor unser Verstand sich der Angelegenheit richtig bewusst wird.

Angesichts all dieser Zweifel am menschlichen Verstand verzichtet der Spiegel-​Online-​Autor schließlich resigniert darauf, eine verständliche These oder Konsequenz aus seinem Material zu destillieren. Der Hirnscanner meint: So wichtig und richtig kritische, naturwissenschaftlich fundierte Reflexion über die Grenzen unseres Geistes auch ist – bevor wir darüber in Verzweiflung verfallen, sollten wir uns erinnern, dass auch alle Ergebnisse der Hirnforschung und besonders deren Interpretation Produkte eben dieses begrenzten Geistes sind. Was nicht nur die Forschung relativiert, sondern umgekehrt auch vor Augen führt, was dieser Geist trotz seiner Begrenztheit alles hervorzubringen vermag.

Auge

Augapfel/Bulbus oculi/eye bulb

Das Auge ist das Sinnesorgan zur Wahrnehmung von Lichtreizen – von elektromagnetischer Strahlung eines bestimmten Frequenzbereiches. Das für den Menschen sichtbare Licht liegt im Bereich zwischen 380 und 780 Nanometer.

Was das Frontalhirn kann

Diese dem Hirnscanner mehr als angemessen erscheinende Differenziertheit des Blicks zeichnet ein Interview aus, das der bekannte und medial sehr präsente Ulmer Hirn– und Lernforscher Manfred Spitzer dem SWR-​Hörfunk gegeben hat. Die Sendung dreht sich um „Das Böse in der Hirnforschung“. Spitzer betont aber auch die guten Dinge, die unser Gehirn zu leisten imstande ist, jedenfalls im gesunden Zustand. So kann sich der Mensch etwa kraft bewusster Überlegung und seines Willens über unwillkürliche Impulse und Bewertungen hinwegsetzen und Unangenehmes um eines langfristigen Vorteils willen in Kauf nehmen. Spitzer nennt das: „Mit dem Frontalhirn ist ein Override möglich.“

Wen interessiert, warum Spitzer auch die Aussage, dass alles menschliche Verhalten neurobiologisch determiniert sei, für „Nonsens“ hält oder welchen Sinn das Böse aus seiner Sicht hat, dem sei empfohlen, sich das Interview anzuhören. Der Hirnscanner will stattdessen nun das aktivieren, was laut Spitzer den Menschen gerade ausmacht: Nämlich die Fähigkeit, im Konjunktiv zu denken und das Kontrafaktische in seine Überlegungen einzubeziehen: Es soll um die Frage gehen, welche Hirnforschungsthemen sich in den letzten beiden Wochen gut gemacht hätten in den Medien.

medial

Medial/-/medial

Eine Lagebezeichnung – medial bedeutet „zur Mitte hin“ gelegen. Im Bezug auf das Nervensystem handelt es sich um eine Richtung zum Körper hin, weg von den Seiten.

Präfrontaler Cortex

Präfrontaler Cortex/-/prefrontal cortex

Der vordere Teil des Frontallappens, kurz PFC ist ein wichtiges Integrationszentrum des Cortex (Großhirnrinde): Hier laufen sensorische Informationen zusammen, werden entsprechende Reaktionen entworfen und Emotionen reguliert. Der PFC gilt als Sitz der exekutiven Funktionen (die das eigene Verhalten unter Berücksichtigung der Bedingungen der Umwelt steuern) und des Arbeitsgedächtnisses. Auch spielt er bei der Bewertung des Schmerzreizes eine entscheidende Rolle.

Schmerz-​Schalter und Grundrechenarten

Da hat zum Beispiel ein Forscherteam, zu dem auch deutsche Wissenschaftler gehörten, es in Laborversuchen geschafft, die Schmerz-​Weiterleitung quasi per Lichtschalter ein– und auszuknipsen. Ein faszinierendes Experiment, basierend auf einer relativ simplen Grundidee – wenn auch noch weit von der Anwendung entfernt, wie die Wissenschaftler in dem in Nature veröffentlichten Artikel auch ganz klar sagen. Neben angloamerikanischen Medien hat immerhin der österreichische Standard berichtet. Offenbar litt das Nachbarland nicht ganz so unter den Assauer-​Nachwehen.

Ähnlich hochrangig publiziert, nämlich in Nature Reviews Neuroscience, und ebenfalls mit deutscher Beteiligung. Eine Überblicksarbeit über die „Grundrechenarten des Gehirns“ und ihre messbaren „Fingerabdrücke“, wie es die Pressemitteilung formuliert. Etwas präziser ausgedrückt geht es um so genannte kanonische neuronale Berechnungen – grundlegende Informationsverarbeitungsprozesse, die bei ganz unterschiedlichen kognitiven Leistungen und an ganz unterschiedlichen Stellen im Gehirn auftreten können – und um deren elektromagnetische Signatur: Die Forscher vermuten, dass diese „Grundrechenarten“ über spezifische Frequenzmuster in Magneto– und Elektroenzephalogrammen identifizierbar sein dürften.

Ein spannender Ansatz bei dem schwierigen Bemühen, die Informationsverarbeitung im Gehirn besser und zusammenhängender zu verstehen. Allerdings hat er in der Presse, auch schon vor Assauer, wenig Widerhall gefunden. Warum? Nun, der Hirnscanner befürchtet, dass simple, durch bunte Hirnaktivitäts-​Bilder untermauerbare Kausalzusammenhänge nach dem Schema „Verhalten X sitzt in Hirnregion Y und wird durch Gen Z ermöglicht oder verhindert“ das Motivations– und Belohnungssystem von Journalisten einfach stärker aktivieren als abstraktere und komplexere Mechanismen – ganz unabhängig von ihrer tatsächlichen Erklärkraft.

Gen

Gen/-/gene

Informationseinheit auf der DNA. Den Kernbestandteil eines Gens übersetzen darauf spezialisierte Enzyme in so genannte Ribonukleinsäure (RNA). Während manche Ribonukleinsäuren selbst wichtige Funktionen in der Zelle ausführen, geben andere die Reihenfolge vor, in der die Zelle einzelne Aminosäuren zu einem bestimmten Protein zusammenbauen soll. Das Gen liefert also den Code für dieses Protein. Zusätzlich gehören zu einem Gen noch regulatorische Elemente auf der DNA, die sicherstellen, dass das Gen genau dann abgelesen wird, wenn die Zelle oder der Organismus dessen Produkt auch wirklich benötigen.

Mesolimbisches System

Mesolimbisches System/-/mesolimbic pathway

Ein System aus Neuronen, die Dopamin als Botenstoff verwenden und das entscheidend an der Entstehung positiver Gefühle beteiligt ist. Die Zellkörper liegen im unteren Tegmentums und ziehen unter anderem in die Amygdala, den Hippocampus und – besonders wichtig – den Nucleus accumbens, wo sie ihre Endköpfchen haben.

Liebes-​Wettstreit in der Röhre

Wenn das Belohnungszentrum der Journalisten das einzig relevante Kriterium wäre, hätte es freilich ein anderes Thema auf jeden Fall in viele Medien schaffen müssen. Denn darin spielten nicht nur besagte Aktivitätsbilder eine zentrale Rolle, sondern es ging gleichzeitig um Liebe, um einen Wettstreit und ganz viel „human touch“ – ein Thema wie eine eierlegende Wollmilchsau also: US-​Filmmacher Brent Hoff hat zusammen mit Neurowissenschaftlern einen Liebeswettbewerb im Kernspintomographen veranstaltet. Die Probanden mussten sich fünf Minuten lang in die Röhre legen und dabei im Kopf so intensive Liebesgefühle wie möglich entwickeln. Währenddessen wurde die Aktivität in Regionen gemessen, die für romantische Liebesgefühle relevant sind, besonders in den mit den Neurotransmittern Dopamin, Serotonin und Oxytocin assoziierten Arealen. Gewinner wurde der Versuchsteilnehmer, in dessen Gehirn die höchste Aktivität nachweisbar war.

Ein zunächst schrecklich anmutendes Experiment, wie Hoff dem US-​Magazin Wired gegenüber zugab. Warum er es trotzdem wagte und welche überraschenden Dinge dabei herauskamen, kann dort und in der Huffington Post nachgelesen werden. Auf beiden Seiten ist auch der 15-​minütige Film abrufbar, der dabei herauskam – ein vielschichtiger Einblick sowohl in die Möglichkeiten der Hirnforschung wie auch in ihre Grenzen, wenn es darum geht, das Innenleben von Menschen zu erfassen.

Auch Artikel über das Hirn können hirnlos sein. Darum will der Hirnscanner nicht nur auf spannende Beiträge aufmerksam machen, Interviews empfehlen und Themen kommentieren, sondern auch Schlagzeilen hinterfragen und Fehler aufzeigen (wo sie anderen passiert sind) . Hinweise auf interessante Interviews, aufregende Artikel und peinliche Porträts werden unter redaktion@​dasgehirn.​info gerne entgegengenommen.

Mesolimbisches System

Mesolimbisches System/-/mesolimbic pathway

Ein System aus Neuronen, die Dopamin als Botenstoff verwenden und das entscheidend an der Entstehung positiver Gefühle beteiligt ist. Die Zellkörper liegen im unteren Tegmentums und ziehen unter anderem in die Amygdala, den Hippocampus und – besonders wichtig – den Nucleus accumbens, wo sie ihre Endköpfchen haben.

Serotonin

Serotonin/-/serotonin

Ein Neurotransmitter, der bei der Informationsübertragung zwischen Neuronen an deren Synapsen als Botenstoff dient. Er wird primär in den Raphé-​Kernen des Mesencephalons produziert und spielt eine maßgebliche Rolle bei Schlaf und Wachsamkeit, sowie der emotionalen Befindlichkeit.

Oxytocin

Oxytozin/-/oxytocin

Ein im Nucleus paraventricularis und im Nucleus supraopticus des Hypothalamus gebildetes Hormon, welches aus dem Hypophysenhinterlappen ins Blut ausgeschüttet wird. Es leitet bei der Geburt die Wehen ein und wird beim Stillen sowie beim Orgasmus ausgeschüttet. Es scheint die Paarbindung zu erhöhen und Vertrauen zu schaffen. Neuere Erkenntnisse weißen darauf hin, dass das oft als Kuschelhormon bezeichnete Oxytocin jedoch weitaus komplexer ist und seine Effekte auch eine Abgrenzung zur andern Gruppen (out-​groups) beinhalten.

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