Kühler Kopf und klare Träume

Wie wir einen kühlen Kopf bewahren und unsere Träume steuern können: Das wollten die Medien ihrem Publikum diesmal erklären. Außerdem warnten sie vor Handys. Der Hirnscanner recherchiert nach – und stößt dabei auf so manche Ungereimtheit.

Veröffentlicht: 19.05.2014

Hundemüde hat sich der Hirnscanner in den vergangenen Tagen gefühlt: So lange hatte er vergeblich nach spannenden Zeitungs– oder Online-​Artikeln über neurowissenschaftliche Themen gesucht. Die Schläfrigkeit des Hirnscanners rührte aber auch von den Themen, die er dann doch noch entdeckte: Studien zum Gähnen und Träumen.

Ohne kühlen Kopf

„Gähnen kühlt das Hirn“ berichtete die Wiener Zeitung; und auch deutsche Online-​Portale wie T​-online​.de verbreiteten diese Meldung, die auf einer Studie der Universität Wien beruht. Forscher hatten Fußgängern in Wien Fotos von gähnenden Menschen gezeigt. Anschließend sollten die Probanden angeben, ob und wie oft sie gegähnt oder ein Gähnen unterdrückt hätten. Das Ergebnis: Im Sommer gähnten die Probanden mehr als im Winter – je höher die Außentemperatur war, desto mehr. Die Forscher schlussfolgerten daraus, dass Gähnen möglicherweise dazu beiträgt, unser Gehirn zu kühlen. Dem Hirnscanner fallen da noch weitere Gehirn-​Klimaanlagen ein: Wenn es draußen warm wird, schwimmen auch mehr Menschen in Seen oder essen Eis. Und wer weiß, vielleicht gähnten die Versuchsteilnehmer im Sommer ja auch nur deswegen mehr als im Winter, weil sie am Vorabend im Biergarten versackt waren statt bei Adventskerzenschein vor dem Fernseher einzuschlafen. Von den Medien hätte sich der Hirnscanner jedenfalls einen kühlen Kopf gewünscht und den Hinweis, dass das gemeinsame Auftreten von zwei Ereignissen auf einen Zusammenhang hindeuten mag, aber diesen noch keineswegs belegt, geschweige denn Ursache und Wirkung erklärt.

Unklares über Klarträume

Nach dem vielen Gähnen sehnt sich der Hirnscanner nach einem Nickerchen. Wenn er den Medienberichten der vergangenen Tage glaubt, könnte er dabei sogar seine Träume selbst steuern. „So lassen sich künftig ihre [sic!] Träume beeinflussen“ versprach beispielsweise die Zeitung DIE WELT. Bei solch einer verheißungsvollen Überschrift muss der Artikel den Leser wohl zwangsläufig enttäuschen. Dabei steckt eine spannende und gut gemachte Studie dahinter. Ein Team um die Psychologin Ursula Voss von der Universität Frankfurt hatte 27 Probanden viermal für je eine Nacht ins Schlaflabor geladen. Die Teilnehmer hatten zuvor noch keine luziden Träume erlebt. Darunter versteht man Klarträume, bei denen sich der Schlafende bewusst ist, dass er träumt. Bei den schlafenden Probanden stimulierten die Forscher etwa zwei Minuten nach Beginn des REM-​Schlafes die frontotemporalen Bereiche ihres Gehirns mit leichten Stromimpulsen verschiedenen Frequenzen und weckten sie kurz danach. So konnten sie zeigen, dass nach Stimulationen mit einer Frequenz von 25 oder 40 Hertz deutlich mehr Probanden von luziden Träumen berichteten und auch deren Gehirnströme sich entsprechend geändert hatten. Albträume bereiten dem Hirnscanner jedoch, was die Medien aus diesem interessanten Befund machten: Spiegel Online und n​-tv​.de berichteten, dass die Forscher Auswirkungen auf luzide Träume nachgewiesen hätten. Was damit gemeint ist, bleibt unklar – einen schöneren Traum vielleicht? Dass es tatsächlich darum ging, die luziden Träume überhaupt erst einmal auszulösen, erwähnten die Journalisten jedenfalls nicht. Dem WELT-​Artikel und einer Meldung von bild der wissenschaft gelang es immerhin, das grundsätzliche Design der Studie zu erklären. Allerdings stört den Hirnscanner, dass es hieß, die Probanden wären alle in der vierten Nacht und nicht in allen vier Nächten stimuliert worden. Empfehlen möchte der Hirnscanner den Text bei WIRED von einem Kolumnisten, der selbst Neurowissenschaftler war. Er weist unter anderem daraufhin, dass die Probanden in ihren luziden Träumen nur ein relativ geringeres Gefühl von Kontrolle erleben.

Fragwürdiges über Gefahren von Handys

Unsanft aus allen Träumen gerissen hat den Hirnscanner schließlich eine Meldung zu Handys und Tumoren. „Massive Handynutzung kann zu Hirntumoren führen“ verkündete die Frankfurter Allgemeine Zeitung und bezieht sich auf eine französische Studie mit mehr als 1000 Probanden. „Menschen, die ihr Handy mehr als fünfzehn Stunden pro Monat über fünf Jahre hinweg nutzen, hatten ein zwei– bis dreifach erhöhtes Risiko, einen Hirntumor zu entwickeln“, heißt es in dem Artikel. Vor Schreck wäre dem Hirnscanner fast das Smartphone entglitten. Allerdings erinnert er sich auch, dass seit Jahren immer wieder widersprüchliche Studien zu dem Thema erscheinen. Eine kurze Recherché verrät schnell, dass die Sorge aufgrund der neuen Studie vermutlich unbegründet ist:

Erstens fanden die Wissenschaftler über alle Probanden hinweg keinen Zusammenhang von Handynutzung und den beiden untersuchten Gehirntumoren Gliome und Meningeome; erst als sie nur die deutlich kleinere Gruppe der Intensivnutzer betrachteten und mit den Nichtnutzern verglichen, fanden sie einen Effekt.

Zweitens erfassten die Forscher die Handynutzung, indem sie die Probanden baten, sich zu erinnern – ein sehr fehleranfällige Messung: Möglicherweise überschätzen die Tumorpatienten ihren Konsum, weil sie nach einer (vermeintlich) plausiblen Ursache für die Erkrankung suchen. Drittens wurden die Tumore der Studienteilnehmer zwischen 2004 und 2006 diagnostiziert und benötigen eine gewisse Zeit, um sich zu entwickeln. Ergebnisse mit damaliger Handytechnik auf die heutige Zeit zu übertragen, erscheint dem Hirnscanner fragwürdig; zumal das Bundesamt für Strahlenschutz festgestellt hat, dass zunehmend strahlungsarme Handys auf dem Markt sind. Daher freut sich der Hirnscanner, dass zumindest einzelne Journalisten das Problem der Selbstauskunft oder der technischen Weiterentwicklung erwähnten (FAZ, siehe oben).

Auch erwähnen mehrere Artikel noch eine andere Untersuchung: die Interphone-​Studie, was der Hirnscanner prinzipiell begrüßt. Allerdings vertraute auch diese Studie auf die rückblickende Auskunft der Patienten, und darauf wiederum bezogen sich die Wissenschaftler der nun aktuellen Publikation. Gerade bei einem Thema, das Menschen so beunruhigen kann, hätte sich der Hirnscanner etwas Bestimmtes gewünscht: nämlich dass die Journalisten auch Kohorten-​Studien zitieren, die Menschen nach ihrem Handykonsum befragen und dann verfolgen, ob jemand Tumore bekommt und, wenn ja, wer welche Art von Tumoren. Dieses Studiendesign ist zwar aufwendiger, aber eben auch zuverlässiger. Zwei solcher Studien stellt beispielsweise ein Scienceblog vor und konstatiert: Diese Langzeitstudien hätten bislang keinen eindeutigen Zusammenhang von Handykonsum und Gehirntumoren gefunden – eine Recherché, die auch dem klassischen Journalismus gut getan hätte.

Zudem ärgert es den Hirnscanner, dass keiner der Journalisten sich die Mühe gemacht hat, die Basisrate der erwähnten Hirntumoren zu recherchieren. Bei beiden Tumorarten – Gliome und Meningeome – erkranken jeweils jährlich etwa 6 von 100.000 Einwohnern. Nur mit dieser Zusatzinfo können die Leser ein dreifach erhöhtes Risiko einordnen. Immerhin ergänzt die FAZ am 16. Mai 2014 den Artikel online um eine kritische Stellungnahme von Joachim Schüz von der International Agency for Research on Cancer.

Lesenswertes über Labortiere

Nachdem der Hirnscanner so viel genörgelt hat, möchte er auch noch ein Lob aussprechen: In der Wochenzeitung DIE ZEIT vom 15. Mai (N° 21/​2014) beschäftigt sich der Wissensteil vorbildlich mit der aktuellen Tierschutz-​Debatte. Bereits vor zwei Wochen hatte der Hirnscanner von einer Zeitungsanzeige von Tierschützern und der dadurch ausgelösten Debatte um Labortiere berichtet. Die ZEIT fragt nun, inwiefern auch Tiere Menschenrechte benötigen, und beschreibt in verschiedenen Artikel nicht nur die Lage der Labortiere, sondern auch der Zoo-​, Nutz– und Haustiere. Dem Hirnscanner gefällt besonders gut, wie Dirk Asendorpf in dem Artikel „Was passiert da im Labor?“ die emotionale Debatte um Affen als Versuchstiere mit Fakten bereichert – und zwar für alle Seiten. So erklärt der Autor, dass die Labortiere im Vergleich zu den Tieren, die wir in Deutschland für den Fleischkonsum mästen, nur ein halbes Prozent ausmachen und etwa drei Viertel von ihnen Mäuse sind. Zudem macht er auf die Mäuse und Ratten aufmerksam, die nach ihrer Geburt getötet werden, weil sie nicht die gewünschte genetische Ausstattung aufweisen für den jeweiligen Versuch, und von daher bisher in keiner Statistik auftauchen. Insofern: Die Tatsache, dass auch noch solche gut recherchierten und ausgewogenen Beiträge erscheinen, lässt den Hirnscanner doch wieder gut schlafen.

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