Kopf verdreht und Kopf geradegerückt

Wenn Pubertierende impulsiv sind, heißt es schnell: „Das Gehirn ist schuld!“ Bei solchen Neuro-​Mythen sind Medien leider oft Geburtshelfer. In Einzelfällen aber auch Totengräber. Etwa bei: „Hirnjogging macht schlau!“ – denn das tut es nicht.

Veröffentlicht: 23.02.2015

„Die Hormone sind schuld!“, hieß es früher, wenn Pubertierende ungeschützt Sex gehabt hatten, ohne Führerschein zu einer Spritztour mit dem Auto der Eltern aufgebrochen waren oder ein wenig zu ausgiebig mit Drogen experimentiert hatten. Heute hingegen heißt es gerne: In der Pubertät dominieren „impulsive“ gegenüber „besonnenen“ Hirnregionen. Hirnforscher und Entwicklungspsychologen greifen gerne auf diese (ergänzende) Erklärung zurück – und die Medien greifen dies immer wieder begeistert auf. So sieht der Hirnscanner einen neuen Neuromythos am Horizont auftauchen.

Das Gehirn ist nur zu zehn Prozent aktiv; die linke Hirnhälfte ist die logisch denkende Seite; die rechte Hälfte die kreative: Mythen rund ums Gehirn haben in den Köpfen vieler Menschen ein munteres Eigenleben entwickelt. Und so ganz unschuldig daran sind die Medien nicht gerade. Das hat diese Kolumne schon mehrfach gezeigt. Etwa, wenn die Medien wieder einmal eine einzelne Hirnstudie als letzte Wahrheit verkaufen.

In den vergangenen Wochen wurde wieder einmal der Mythos vom impulsiven Teenagergehirn unkritisch verbreitet. Der britische Telegraph etwa brachte kürzlich einen ausführlichen Beitrag mit der Neurowissenschaftlerin Sarah-​Jayne Blakemore vom University College London. Blakemore und der Telegraph-​Artikel warten mit einer ziemlich einfachen Erklärung für impulsive und risikoreiche Handlungen von Jugendlichen auf: „Dieses Verhalten wird vom limbischen System gesteuert, einer Reihe von Hirnregionen, die während der Adoleszenz besonders leicht auf das belohnende Gefühl der Risikobereitschaft reagieren.“ Erschwerend käme dann noch hinzu, dass der für die Kontrolle von Impulsen wichtige präfrontale Cortex in dieser Zeit einer massiven Wandlung unterworfen sei.

Präfrontaler Cortex

Präfrontaler Cortex/-/prefrontal cortex

Der vordere Teil des Frontallappens, kurz PFC ist ein wichtiges Integrationszentrum des Cortex (Großhirnrinde): Hier laufen sensorische Informationen zusammen, werden entsprechende Reaktionen entworfen und Emotionen reguliert. Der PFC gilt als Sitz der exekutiven Funktionen (die das eigene Verhalten unter Berücksichtigung der Bedingungen der Umwelt steuern) und des Arbeitsgedächtnisses. Auch spielt er bei der Bewertung des Schmerzreizes eine entscheidende Rolle.

Das Gehirn in der Pubertät?

Auch die Neurologin Frances Jensen von der University of Pennsylvania erklärt das manchmal kopflose Handeln der Jugend mit einem noch nicht ausgereiften präfrontalen Cortex – zum Beispiel in ihrem aktuellem Buch „The Teenage brain“, für das sie momentan im englischsprachigen Raum kräftig die Werbetrommel rührt.

Es stimmt schon: Der präfrontale Cortex ist im Vergleich zu anderen Hirnregionen in Sachen Entwicklung ein Nachzügler. Und es stimmt auch, dass einigen Laborstudien zufolge das Belohnungssystem von Jugendlichen besonders aktiv ist. Doch viele dieser Untersuchungen sind extrem künstlich durchgeführt und weit weg von der Lebenswelt der Pubertierenden.

Das zeigten wieder einmal Forschungen, die kürzlich für ein unkritisches Medienecho sorgten: Ein Team um Beatriz Luna von der University of Pittsburgh School of Medicine bat im Scanner liegende Kinder, Jugendliche und Erwachsene, ein zufällig auf einem Bildschirm auftauchendes Licht zu ignorieren: ein Test, um zu prüfen, ob der präfrontale Cortex den Impuls zu unterdrücken vermag, ins Licht zu schauen. Und siehe da: Den Jugendlichen gelang das seltener als den Erwachsenen. Den Forschern zufolge war das Kontrollzentrum der Jugendlichen vom Belohnungszentrum gewissermaßen „überstimmt“ worden.

Präfrontaler Cortex

Präfrontaler Cortex/-/prefrontal cortex

Der vordere Teil des Frontallappens, kurz PFC ist ein wichtiges Integrationszentrum des Cortex (Großhirnrinde): Hier laufen sensorische Informationen zusammen, werden entsprechende Reaktionen entworfen und Emotionen reguliert. Der PFC gilt als Sitz der exekutiven Funktionen (die das eigene Verhalten unter Berücksichtigung der Bedingungen der Umwelt steuern) und des Arbeitsgedächtnisses. Auch spielt er bei der Bewertung des Schmerzreizes eine entscheidende Rolle.

Präfrontaler Cortex

Präfrontaler Cortex/-/prefrontal cortex

Der vordere Teil des Frontallappens, kurz PFC ist ein wichtiges Integrationszentrum des Cortex (Großhirnrinde): Hier laufen sensorische Informationen zusammen, werden entsprechende Reaktionen entworfen und Emotionen reguliert. Der PFC gilt als Sitz der exekutiven Funktionen (die das eigene Verhalten unter Berücksichtigung der Bedingungen der Umwelt steuern) und des Arbeitsgedächtnisses. Auch spielt er bei der Bewertung des Schmerzreizes eine entscheidende Rolle.

Mesolimbisches System

Mesolimbisches System/-/mesolimbic pathway

Ein System aus Neuronen, die Dopamin als Botenstoff verwenden und das entscheidend an der Entstehung positiver Gefühle beteiligt ist. Die Zellkörper liegen im unteren Tegmentums und ziehen unter anderem in die Amygdala, den Hippocampus und – besonders wichtig – den Nucleus accumbens, wo sie ihre Endköpfchen haben.

Cortex

Großhirnrinde/Cortex cerebri/cerebral cortex

Der Cortex cerebri, kurz Cortex genannt, bezeichnet die äußerste Schicht des Großhirns. Sie ist 2,5 mm bis 5 mm dick und reich an Nervenzellen. Die Großhirnrinde ist stark gefaltet, vergleichbar einem Taschentuch in einem Becher. So entstehen zahlreiche Windungen (Gyri), Spalten (Fissurae) und Furchen (Sulci). Ausgefaltet beträgt die Oberfläche des Cortex ca 1.800 cm2.

Mesolimbisches System

Mesolimbisches System/-/mesolimbic pathway

Ein System aus Neuronen, die Dopamin als Botenstoff verwenden und das entscheidend an der Entstehung positiver Gefühle beteiligt ist. Die Zellkörper liegen im unteren Tegmentums und ziehen unter anderem in die Amygdala, den Hippocampus und – besonders wichtig – den Nucleus accumbens, wo sie ihre Endköpfchen haben.

Weit hergeholter Zusammenhang

Doch der Zusammenhang zwischen der Unfähigkeit, ein Licht zu ignorieren, und dem impulsiven Risikoverhalten von Jugendlichen scheint dem Hirnscanner doch ein wenig weit hergeholt. Die Forscher hielt das aber nicht davon ab, hier einen Zusammenhang herzustellen. Auch die britische Sunday Times störte das offensichtlich ebenfalls nicht und erklärte kurzerhand, dass risikoreiche Verhalten hänge mit Hirnregionen zusammen, die die Jugendlichen mit einer ordentlichen Dosis Dopamin belohnen würden.

Zudem ist bislang der vermeintlich ursächliche Zusammenhang zwischen der Hirnentwicklung und dem „kopflosen“ Verhalten von Jugendlichen keineswegs eindeutig belegt. Hierfür sind unter anderem Langzeitstudien notwendig, die Menschen von der Kindheit über die Adoleszenz bis ins frühe Erwachsenenalter begleiten und die Hirnentwicklung mit der psychologischen Entwicklung abgleichen. Und sie müssen auch prüfen, inwieweit Umweltfaktoren eine Rolle spielen.

Dopamin

Dopamin/-/dopamine

Dopamin ist ein wichtiger Botenstoff des zentralen Nervensystems, der in die Gruppe der Catecholamine gehört. Es spielt eine Rolle bei Motorik, Motivation, Emotion und kognitiven Prozessen. Störungen in der Funktion dieses Transmitters spielen eine Rolle bei vielen Erkrankungen des Gehirns, wie Schizophrenie, Depression, Parkinsonsche Krankheit, oder Substanzabhängigkeit.

Impulsivität in der Jugend (k)ein unabänderliches Schicksal

Außerdem wird eines immer wieder nur zu gerne unter den Teppich gekehrt: Längst nicht alle Jugendlichen sind unbesonnen und risikobereit. Das Motto „Die Teens können halt nichts für ihr Verhalten! Ihr Gehirn ist schuld!“ ist sicher keine biologische Notwendigkeit, denkt der Hirnscanner (siehe auch Frage an das Gehirn: „Welchen Zweck hat der Umbau des Gehirns in der Pubertät?“). Mittlerweile kritisieren auch einige Forscher, dass davon ausgegangen wird, das Gehirn eines Jugendlichen sei grundsätzlich risikobereit. Doch diese Stimmen kommen in den Medienberichten meist nicht vor. Und so bleibt dieser Mythos vom pubertären Gehirn wohl bestehen.

Der Hirnscanner hofft, dass sich das noch auswächst. Vielleicht hilft ja ein Vorbild. Denn manchmal können Medien tatsächlich anders. Das zeigte dieser Tage ein Beitrag auf der​Stan​dard​.at, der sich kritisch mit der verbreiteten Vorstellung auseinandersetzt, dass Hirnjogging schlau mache. Konrekt ging es um Hirntraining am Computer. Ein ganzer Industriezweig verdient mittlerweile viel Geld mit den Hoffnungen der Menschen auf geistige Fitness und mit deren Angst vor dem geistigen Verfall im Alter. Der Beitrag schildert ganz richtig, dass Hirntraining am Computer in den vergangenen Jahren unter vielen Forschern in Misskredit geraten ist.

Jede Betätigung hinterlässt Spuren

„Alles, was wir intensiv üben, hinterlasse Spuren im Gehirn“, zitiert der Beitrag etwa Lutz Jäncke, Leiter des Lehrstuhls für Neuropsychologie an der Universität Zürich. Das gelte natürlich auch für kognitives Training am Computer. Das Problem sieht Jäncke aber wie viele andere Kollegen darin, ob sich ein Effekt jenseits der trainierten Aufgaben offenbart.

Tatsächlich haben viele Studien zwar gezeigt: Wenn Menschen etwa ihre Gedächtnisleistung trainieren, wird ihr Gedächtnis auch besser. Aber deswegen müssen sie nicht schneller im Kopf rechnen können oder andere geistige Fertigkeiten auf Trab bringen. Das beschreibt auch der zwar relativ kurze, dafür aber recht fundierte Beitrag anhand einer Reihe von Studien (siehe auch Wissenschaftliches Gehirnjogging?).

Der Hirnscanner kann sich einer Empfehlung von Lutz Jäncke nur anschließen: Statt viel Geld für Hirntrainings am Computer auszugeben, sollte man lieber sein Geld in einen Sprachkurs investieren oder in Bücher, die Neuromythen entlarven und gerade Konjunktur haben, oder sich gleich ganz bei der Stadtbibliothek anmelden. Und den Medien würde der Hirnscanner wünschen, dass sie in Zukunft verstärkt helfen, alte Neuromythen zu Grabe zu tragen, statt neuen Mythen bei der Geburt zu helfen.

Gedächtnis

Gedächtnis/-/memory

Gedächtnis ist ein Oberbegriff für alle Arten von Informationsspeicherung im Organismus. Dazu gehören neben dem reinen Behalten auch die Aufnahme der Information, deren Ordnung und der Abruf.

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