Kaffee schützt nicht vor Querschnittslähmung

Zugegeben: Es ist nicht immer einfach, über wissenschaftliche Forschungsergebnisse leicht verständlich und dabei auch korrekt zu schreiben. Zwei Themen aus den vergangenen zwei Wochen beweisen wieder, wie leicht Falsches oder gar Unsinn entsteht.

Veröffentlicht: 22.04.2014

Querschnittslähmung zu heilen: Das ist eine der größten Ambitionen der modernen Neurologie. Bisher ohne Erfolg. Doch dann berichtete vor wenigen Tagen ein Forscherteam: Es sei ihnen gelungen, unter gewissen Umständen die Bewegungsfähigkeit von Querschnittsgelähmten wieder herzustellen. Da ist es kein Wunder, dass selbst journalistische Profis wie Spiegel Online berichten: „Es ist wie ein Wunder.“ Solch sakrale Vergleiche sind zwar nicht unbedingt guter Stil, aber noch verzeihlich angesichts manch anderer Formulierung. Bild der Wissenschaft zum Beispiel scheute sich nicht, zum Sturm auf „vermeintlich nicht kurierbare Lähmungen“ zu blasen. Und das, obwohl von kurieren, also heilen, keine Rede sein kann. Doch der Reihe nach.

Querschnittslähmung

Querschnittslähmung/-/spinal paralysis

Hiermit bezeichnen Ärzte eine Kombination von Symptomen, die auftritt, wenn der Nervenstrang im Rückenmark durchtrennt wird. Auf welcher Höhe der Wirbelsäule die Verletzung geschieht, ist entscheidend für deren Konsequenzen: Gliedmaßen und Organe, deren Innervierung unterhalb der lädierten Stelle vom Rückenmark abzweigt, kann der Körper künftig nicht mehr selbst steuern. Mögliche Folgen reichen von einer teilweisen Lähmung der Gliedmaßen bis hin zum kompletten Kontrollverlust über Mastdarm und Blasé.

Querschnittsgelähmte können Beine bewegen – unter gewissen Umständen

Ein Team um die Neurologin Claudia Angeli von der Universität von Louisville in Kentucky, USA, berichtete im Fachmagazin Brain, dass sie vier querschnittsgelähmten Männern ein Stimulationsgerät implantiert hatten. Die 16 Elektroden des Geräts überbrücken jene Stelle am Rückenmark, an der die jeweilige Verletzung geschehen war. Solange das Gerät eingeschaltet war – und nur dann –, ermöglichten diese Elektroden, dass der sitzende oder liegende Patient Zeh, Fuß oder Bein beugen oder strecken konnte. Nur diese Parameter wurden untersucht und mehr sollte deswegen auch nicht behauptet werden. Doch die Artikel der Journalisten beschworen beim Leser Bilder von wieder laufenden Querschnittsgelähmten herauf – während tatsächlich keiner der Patienten in dem Experiment in der Lage war, wieder zu gehen. Die Schreibweise der meisten Journalisten verschleierte nämlich, dass die beobachteten Bewegungen keinesfalls gleichzusetzen sind mit einer vollumfänglichen Bewegungsfähigkeit.

Der exakte Mechanismus des beobachteten Effekts ist dabei genauso unklar wie die weiteren Aussichten für die Patienten. Ob sie jemals wieder durch eigene Kraft dauerhaft stehen oder gar laufen können, ist noch nicht abzusehen. Das soll nicht das Ergebnis der Studie kleinreden. Aber um es wie die Kollegen sakral zu sagen: Lassen wir die Kirche besser im Dorf.

Keiner der jungen Männer ist „geheilt“, und Kontrolle über ihre Beine haben sie nur solange, wie das Gerät angeschaltet ist. Spiegel Online übergeht diesen feinen Unterschied: „Vier Amerikaner, die seit einem Unfall querschnittsgelähmt sind, können ihre Beine wieder bewegen.“ Und der Hirnscanner kann fliegen – aber eben nur, wenn er in einem Flugzeug sitzt!

Auch dem Autor der Süddeutschen Zeitung unterläuft ein Faux pas, wenn er schreibt, dass die vier „Männer ihre Beine wieder willkürlich bewegen konnten, nachdem ihr Rückenmark gezielt mit einem eingebauten Stimulator elektrisch gereizt wurde“. Selbst wenn man freundlich übersieht, dass der Autor „willkürlich“ mit „willentlich“ verwechselt hat: „während“ der elektrischen Reize wäre korrekt gewesen. Oder „solange“. Aber „nachdem“ impliziert einen anhaltenden Effekt, also Heilung, – und davon kann keine Rede sein. Auch der Autor von Bild der Wissenschaft tappt in dieselbe Falle. Der ließ sich außerdem dazu hinreißen, in Bezug auf Querschnittslähmung allgemeingültig von „durchtrenntem“ Rückenmark zu sprechen. Dabei entsteht eine Querschnittslähmung eher, weil das Rückenmark gequetscht wird, statt, weil das Rückenmark durchtrennt wird. Zumal aus der Originalveröffentlichung nicht hervorgeht, wie das Rückenmark der vier Probanden verletzt war.

Vorsichtiger, und somit korrekter, formulierten das Deutsche Ärzteblatt und tagess​chau​.de. Sie bewiesen, dass es durchaus möglich ist, die Tragweite der neuen Methode zu erläutern, ohne dabei unsinnig, unwahr oder sakral zu werden. Der folgende Ausschnitt aus dem Artikel von tagess​chau​.de liefert einen Beweis: „Auch wenn alle vier Patienten nicht dauerhaft geheilt und weiter auf den Rollstuhl angewiesen sind – die neu gewonnene Bewegungsfähigkeit empfinden alle als enormen Gewinn an Lebensqualität. Durch das regelmäßige Training von Beinen und Hüften können sie nun auch Blasé und Darm wieder besser kontrollieren. Sogar das sexuelle Empfinden verbesserte sich.“

Rückenmark

Rückenmark/Medulla spinalis/spinal cord

Das Rückenmark ist der Teil des zentralen Nervensystems, das in der Wirbelsäule liegt. Es verfügt sowohl über die weiße Substanz der Nervenfasern, als auch über die graue Substanz der Zellkerne. Einfache Reflexe wie der Kniesehnenreflex werden bereits hier verarbeitet, da sensorische und motorische Neuronen direkt verschaltet sind. Das Rückenmark wird in Zervikal-​, Thorakal-​, Lumbal und Sakralmark unterteilt.

Querschnittslähmung

Querschnittslähmung/-/spinal paralysis

Hiermit bezeichnen Ärzte eine Kombination von Symptomen, die auftritt, wenn der Nervenstrang im Rückenmark durchtrennt wird. Auf welcher Höhe der Wirbelsäule die Verletzung geschieht, ist entscheidend für deren Konsequenzen: Gliedmaßen und Organe, deren Innervierung unterhalb der lädierten Stelle vom Rückenmark abzweigt, kann der Körper künftig nicht mehr selbst steuern. Mögliche Folgen reichen von einer teilweisen Lähmung der Gliedmaßen bis hin zum kompletten Kontrollverlust über Mastdarm und Blasé.

Kaffee gegen Alzheimer?

Außerdem fand der Hirnscanner mal wieder ein Paradebeispiel dafür, wie Medien eine Meldung der Deutschen Presseagentur (dpa) nahezu unverändert übernehmen und daraus Humbug entstehen kann. In alphabetischer Reihenfolge veröffentlichten die Online-​Ausgaben von Berliner Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Focus, Kölnische Rundschau, n-​tv und Stern fast exakt das, was die dpa ihnen geliefert hatte. Die Huffington Post kürzte den Text noch etwas, was den Text nicht besser machte. Der Merkur erhält einen Doppelpreis für Plattitüden in der Kategorie „Überschrift plus Erklärungsversuch“ für die Schlagzeile „Kaffee schützt vor Demenz und Alzheimer“ und die Erläuterung „Koffein verhindert (…) die Eiweißablagerungen an den Nervenzellen im Gehirn“.

Berliner Morgenpost, Frankfurter Rundschau und T-​Online machten sich immerhin die Mühe, aus der Wissenschaftsmeldung einen eigenen Artikel zu erstellen und sogar eine der Autorinnen der Originalveröffentlichung zu befragen.

Darum ging es bei all diesen Meldungen: Ein Team um die Neurologin Cyril Laurent von den Universitäten Bonn und Lille verabreichte Mäusen eine Substanz, die so ähnlich wirkt wie Koffein: Dieser Stoff aktiviert den Adenosin-​Rezeptor vom Typ A2A – allerdings selektiver und effektiver als Koffein dies tut. Die untersuchten Mäuse hatten laut Fachpublikation im Journal Neurobiology of Aging eine veränderte Gensequenz und diese Veränderung führt dazu, dass das tau-​Protein im Gehirn eher verklumpt – und das wiederum ist eines der beiden Hauptmerkmale der Alzheimer-​Krankheit. Jene Mäuse, die den Koffein-​ähnlichen Stoff über das Trinkwasser verabreicht bekommen hatten, zeigten danach weniger Anzeichen einer tau-​Pathologie. Und sie schnitten besser in Verhaltensexperimenten ab, die eine Gedächtnisleistung nachweisen sollte. In der Sprache der dpa heißt das: „[E]in Koffein-​ähnlicher Wirkstoff [hemmt] im Laborversuch mit Mäusen Ablagerungen des sogenannten Tau-​Proteins im Gehirn“.

In diesem Satz sind die Bezüge so unklar, dass mehr Fragen auftauchen: Hat der Wirkstoff gemeinsam mit den Mäusen Laborversuche durchgeführt? An welchen Gehirnen? Und wie konnte das passieren? Korrekt hätte es heißen müssen: Bei Mäusen, die einen Koffein-​ähnlichen Wirkstoff zu trinken bekamen, hat sich im Gehirn weniger sogenanntes Tau-​Protein abgelagert, als in den Gehirnen von Mäusen, die diesen Wirkstoff nicht bekamen.

Der Hirnscanner hat deswegen zwei Bitten: Die Deutsche Presseagentur möge bitte etwas achtsamer formulieren – und die anderen Redaktionen mögen bitte Meldungen von Nachrichtenagenturen genauer prüfen. Bevor unsinnige Sätze hier wie da publiziert werden.

Ein weiteres Beispiel für Sinnlosigkeit lieferte in diesem Zusammenhang Focus Online: „Die Forschung steht auf der Kippe.“ Tut sie das? Und wieso? Weil die Kippe zum Kaffee so gut passt und vor Laboren keine Aschenbecher mehr stehen, so dass „die Forschung“ dazu gezwungen ist, ihre Kippe auf dem Boden auszutreten?

Es entsteht eher der Eindruck, als habe hier so manche Redaktion auf dem Schlauch gestanden hat, nachdem sie die dpa-​Meldung gelesen hatte. Oder währenddessen. Hoffentlich aber nicht seitdem.

Demenz

Demenz/Dementia/dementia

Demenz ist ein erworbenes Defizit kognitiver, aber auch sozialer, motorischer und emotionaler Fähigkeiten. Die bekannteste Form ist Alzheimer. „De mentia“ bedeutet auf Deutsch „ohne Geist“.

Neuron

Neuron/-/neuron

Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

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