Inflationäre Heilsversprechungen

Medien benutzen das Wort „heilen“ gerne und oft. Ähnlich wie „Sex“ weckt es das Interesse der Leser, und beide Begriffe bergen ein Versprechen. Nur genau an dieser Stelle wäre mehr Verantwortungsbewusstsein angebracht, findet der Hirnscanner.

Veröffentlicht: 10.09.2012

Wer seinen Fokus beim Lesen allein auf Hirnforschung beschränkt, könnte manchmal meinen, es passiere nicht viel in der Welt. Zumindest der Hirnscanner ist ein bisschen gelangweilt von seinen Streifzügen durch die Medienlandschaft in den letzen beiden Wochen. Dabei geht es ihm weniger darum, dass es keine interessanten Berichte gäbe. Es kann ja nicht jede Woche nobelpreisverdächtige Entdeckungen geben, die unser Bild vom Gehirn kräftig durchrütteln und auf den Kopf stellen. Vielmehr ärgert er sich, wie selten offensichtlich eine Meldung wichtig genug erscheint, um mehr als den Text einer Nachrichtenagentur ins Netz zu stellen. Und ihm wird schlecht, wenn er sieht, wie inflationär dabei Wörter wie „Heilung“ in die Überschriften gestreut werden.

Denn ein sensiblerer Umgang mit fertigen Meldungen und Pressetexten täte Not – vor allem wenn bereits im Titel unterschwellige Versprechen gegeben werden. „Heilung“ zum Beispiel ist ein Reizwort und es verkauft sich fast so gut wie „Sex“. Wer würde nicht klicken, wenn ein Artikel endlich den Ausweg aus einer schlimmen Krankheit verspricht oder aus einem Leiden, das die Lebensqualität der Betroffenen entsetzlich einschränkt? Da fühlt man doch mit und freut sich, wenn es endlich etwas dagegen gibt. Oder man ist sogar selbst betroffen und bangt auf den Durchbruch in der Forschung. Dann wird „Heilung der Kankheit xy“ einen besonders aufmerken lassen.

Nasenspray für geruchsblinde Mäuse

Doch genau hier steckt das Problem: Das Wort „Heilung“ birgt immer auch ein Versprechen. Und wer es benutzt, sollte sich dieser Verantwortung auch bewusst sein. Und er sollte lieber zweimal prüfen, ob Agenturmeldung oder Pressemitteilung – und vor allem die dahinter steckende Forschungsarbeit – dieses Versprechen überhaupt halten kann. So wie diese Woche, als die Nachricht von einer nature-​Publikation die Runde machte, in der Forscher einen Weg beschreiben, geruchsblinde Mäuse wieder riechen zu lassen – zumindest vorübergehend, wenn man genau hinschaut.

Die Versuchstiere hatten einen Gendefekt, der zu verkümmerten Riechzellen in der Nase führt. Diese Fehlbildung ist auch bei Menschen mit angeborener Geruchsblindheit die Ursache dafür, dass sie nicht oder nur vermindert riechen können. Dem internationalen Forscherteam war es gelungen, per Nasenspray ein Gen in die defekten Riechzellen der Nager einzuschleusen, das ihren Geruchssinn wieder herstellte. Die Forscher konnten nicht nur nachweisen, dass das im Gen verschlüsselte Eiweißmolekül gebildet wurde und sich die Sinneszellen erholten. Ließen sie die Mäuse an Duftstoffen schnüffeln, konnten die Wissenschaftler zudem Hirnströme im Gehirn der Nager messen, die denen von normalen Artgenossen ähnelten.

Das ist in der Tat ein beachtliches Ergebnis. Und man kann mit Fug und Recht behaupten, dass die Forscher damit möglicherweise einen Therapieansatz gegen Geruchsblindheit gefunden haben – wenn es auch angezeigt wäre, zu erwähnen, dass es vom erfolgreichen Tierexperiment noch ein weiter Weg ist zur Therapie beim Menschen. Völlig fehl am Platz ist aber, dass das Hamburger Abendblatt „Gentherapie kann Geruchsblindheit heilen“ titelt und sogar das Ärzteblatt behauptet: „Gentherapie heilt Geruchsstörung bei Mäusen“. Spiegel Online hält sich zwar in der Titelzeile zurück, doch dann muss man lesen: „Forscher haben bei Mäusen eine angeborene Geruchsblindheit per Gentherapie geheilt“. Und das sind nur drei Beispiele von vielen.

Nase

Nase/Nasus/nose

Das Riechorgan von Wirbeltieren. In der Nasenhöhle wird die Luft durch Flimmerhärchen gereinigt, im oberen Bereich liegt das Riechepithel, mit dem Gerüche aufgenommen werden.

Gen

Gen/-/gene

Informationseinheit auf der DNA. Den Kernbestandteil eines Gens übersetzen darauf spezialisierte Enzyme in so genannte Ribonukleinsäure (RNA). Während manche Ribonukleinsäuren selbst wichtige Funktionen in der Zelle ausführen, geben andere die Reihenfolge vor, in der die Zelle einzelne Aminosäuren zu einem bestimmten Protein zusammenbauen soll. Das Gen liefert also den Code für dieses Protein. Zusätzlich gehören zu einem Gen noch regulatorische Elemente auf der DNA, die sicherstellen, dass das Gen genau dann abgelesen wird, wenn die Zelle oder der Organismus dessen Produkt auch wirklich benötigen.

„Heilung“ bedeutet etwas anderes

„Geheilt“ wurden die Mäuse genau genommen aber gar nicht: Denn wie die Forscher beschreiben, hielt die Wirkung der Behandlung nur etwa einen Monat an. „Heilung“ aber bedeutet, dass ein Defekt gänzlich behoben ist, eine Krankheit vollständig kuriert. Ist man gezwungen, ein Therapeutikum immer wieder zu geben, so kann man allenfalls von der erfolgreichen Behandlung einer chronischen Erkrankung sprechen. Ein Diabetiker ist schließlich auch nicht plötzlich gesund, nur weil er durch Insulingabe seinen Zuckerspiegel im Griff hat.

Das Schlimme ist aber, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt. Denn „geheilt“ wird in den Medien gerne und häufig. In den letzten beiden Wochen etwa bei Gehirn&Geist, wo im Untertitel Aminosäuren bei Mäusen eine seltene Form von Autismus heilten, und man weiter unten lesen kann, dass die Tiere „weitgehend symptomfrei“ waren. Der Definition von Heilung als Wiederherstellung der Gesundheit unter Erreichen des Ausgangszustandes (nachzulesen beispielsweise bei Wikipedia) oder eben des Normzustandes entspricht das nicht.

Das mag alles furchtbar spitzfindig klingen, aber wie gesagt: Wer von Heilung spricht, gibt ein Versprechen und sollte sich auch der Verantwortung dessen bewusst sein. Oder es am besten gar nicht erst tun, findet der Hirnscanner.

Autismus

Autismus/-/autism

Gravierende Entwicklungsstörung, die sich oft in reduzierten sozialen Fähigkeiten, verminderter Kommunikation und stereotypem Verhalten ausdrückt.

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