Heureka und Hurra statt kritischer Aufklärung

Autor: Ulrich Pontes

Über Spektakuläres aus den Neurowissenschaften wird regelmäßig berichtet. Journalisten machen dabei kleine Fehler. Viel mehr nervt aber, dass gerade deutsche Medien gute Gelegenheiten verpassen, den Neurohype kritisch zu hinterfragen.

Veröffentlicht: 24.09.2012

Schokolade ist die wohl süßeste Versuchung, die die Menschheit erfunden hat – der Hirnscanner weiß, wovon er spricht. Und hat somit vollstes Verständnis, dass für Wissenschaftsredaktionen, die nun mal Inhalte und nicht Süßigkeiten verkaufen wollen, Forschungsergebnisse mit Schokoladenbezug ein gefundenes Fressen sind. Es ist also folgerichtig und in keiner Weise zu kritisieren, dass in den vergangenen Tagen eine Meldung zu neurochemischen Mechanismen des Schokoladen-​Heißhungers Karriere gemacht hat: „Schokolade löst ungehemmte Essgier aus“, titelt etwa Spiegel Online.

Dass dabei eine offensichtlich fehlgeleitete Rechtschreibkorrektur aus dem Fachmagazin „Current Biology“ mal eben „Current Biologie“ gemacht hat – geschenkt. Dass die Laborratten M&Ms vorgesetzt bekamen, in dem zitierten Beitrag und der offenbar zugrundeliegenden Agenturmeldung jedoch nur von „Schokolade“ die Rede ist – Leckermäuler mögen die Nase rümpfen. Schade jedoch ist, wenn in der Kürze der Meldung ein entscheidender Aspekt der Studie überhaupt keine Erwähnung findet. Für den Gier-​Mechanismus, den die Forscher auf eindrucksvolle Weise verifiziert haben, ist nämlich eine Hirnregion verantwortlich, der man das überhaupt nicht zugetraut hätte: das dorsale Striatum. Immerhin zwei deutschsprachige Portale hat der Hirnscanner entdeckt, die den ganzen Zusammenhang angemessen und anschaulich darstellen: den Tagesspiegel sowie den ORF, der dieses Mal überhaupt viele Punkte sammelt – aber dazu später mehr.

Nase

Nase/Nasus/nose

Das Riechorgan von Wirbeltieren. In der Nasenhöhle wird die Luft durch Flimmerhärchen gereinigt, im oberen Bereich liegt das Riechepithel, mit dem Gerüche aufgenommen werden.

dorsal

dorsal/-/dorsal

Die Lagebezeichnung dorsal bedeutet „zum Rücken hin“ gelegen. Im Bezug auf das Nervensystem handelt es sich um eine Richtung senkrecht zur neuralen Achse, also nach oben zum Kopf oder nach hinten.
Bei Tieren ohne aufrechten Gang ist die Bezeichnung einfacher, dort bedeutet sie immer zum Rücken hin. Durch den aufrechten Gang des Menschen knickt das Gehirn im Bezug auf das Rückenmark ab, wodurch dorsal zu „oben“ wird.

Striatum

Striatum/Corpus striatum/striatum

Eine Struktur der Basalganglien. Sie umfasst den Nucleus accumbens, das Putamen und den Nucleus caudatus. Das Striatum ist die Eingangsstruktur der Basalganglien und spielt eine tragende Rolle bei Bewegungsabläufen.

Welt-​Alzheimertag: Springer vs. Springer

Zunächst ein Blick auf das andere nachrichtlich relevante Neuro-​Thema der vergangenen zwei Wochen, den Welt-​Alzheimertag. Von der umfangreichen Berichterstattung beschäftigt sich nur ein relativ kleiner Teil speziell mit der Erforschung von Therapiemöglichkeiten. Der Hirnscanner findet das schade. Auf den ersten Blick positiv tut sich da die Bild-​Zeitung hervor. Liest man weiter, relativiert sich der Eindruck allerdings. Da wird unter Berufung auf einen einzigen Wissenschaftler eine allzu wagemutige Prognose aufgestellt: „Alzheimer-​Impfung könnte in zwei Jahren da sein“, heißt es zwar grammatisch im Konjunktiv, aber inhaltlich gänzlich unkritisch. Der Leser bekommt den Eindruck, bald werde sich eine beginnende Alzheimer-​Demenz per Spritze komplett stoppen lassen.

Mit dem gleichen Zitate-​Material deutlich umsichtiger agiert die Nordwest-​Zeitung: „Forscher weckt Hoffnung“, heißt es da vorsichtig schon in der Überschrift. Und gleich im ersten Satz des Artikels wird unmissverständlich klar gemacht, dass es sich um eine einzelne Meinung handelt. Den Bild-​Journalisten empfiehlt der Hirnscanner deshalb, sich wenigstens im eigenen Haus, also im Springer-​Verlag, besser zu vernetzen. Ist doch, ebenfalls am Welt-​Alzheimertag, im Schwesterblatt Welt eine ganz andere Geschichte zu lesen: von regelmäßigen Rückschlägen und der Unmöglichkeit von Prognosen. Titel: „Medikament gegen Alzheimer bis heute nicht in Sicht“.

„Neuro-​Trash“ und tote Lachse

Aber der Versuch, den Überblick zu gewinnen, ist halt meistens mühsam – weswegen er in einer schnelllebigen Medienwelt selten unternommen wird, nicht nur bei der Bild-​Zeitung. Und deswegen will der Hirnscanner nun auch noch eine Grundsatzkritik loswerden. Natürlich ist es wichtig, dass Wissenschaftsjournalisten über spektakuläre Forschungsergebnisse aus der Neurologie berichten. Sie dürfen sich aber nicht darauf beschränken, denn dann entsteht eine Schieflage. Der Journalismus droht, zur PR-​Maschine für eine Forschung zu verkommen, der zunehmend die ultimative Deutungsmacht für alle möglichen Lebenslagen zugeschrieben wird. Welche Blüten das treiben kann, hat gerade ein Artikel des britischen New Statesman als „Neuro-​Trash“, „Neuro-​Schwachsinn“ und „Neuro-​Science-​ismus“ angeprangert.

Auch jenseits intellektueller Debatten hätte es aber in letzter Zeit gute Gelegenheiten gegeben, der Hurra– und Heureka-​Berichterstattung aus den Labors etwas entgegenzusetzen. Etwa anlässlich der Ig-​Nobelpreise. Die Verleihung der Preise für schräge Forschung findet schließlich durchaus Beachtung. Vergangene Woche ging nun eine der Auszeichnungen an eine Arbeit, die ein methodisches Grundproblem vieler Neuro-​Studien auf lustige und eindrückliche Weise aufgespießt hat: Per Kernspintomografie konnten Forscher 2011 „beweisen“, dass ein toter Lachs auf verschiedene Gefühlsregungen in menschlichen Gesichtern reagiert (zur Studie als Download-​pdf). Möglich machten das die „geeigneten“ – auch in anderen Studien angewandten – Methoden bei der statistischen Auswertung der Messergebnisse. Den deutschsprachigen Medien war diese Studie angesichts weiterer Ig-​Nobelpreise für Affenhintern, Pferdeschwänze und Kaffeekleckereien allerdings höchstens einen Halbsatz wert. Die einzige Ausnahme ist der schon eingangs gelobte ORF.

Gut zu dem aufsehenerregenden Lachs-​Befund passt die aktuelle Untersuchung „Das geheime Leben der Experimente: Methoden-​Berichterstattung in der fMRI-​Literatur“ aus dem Fachblatt NeuroImage. Die Analyse von 241 jüngeren Kernspin-​Studien kam zu dem erschreckenden Ergebnis, dass in einem großen Teil der Artikel entscheidende Details zur Versuchsdurchführung fehlen. So wird es anderen Forschern unmöglich gemacht, Experimente zu wiederholen, die Ergebnisse zu überprüfen und darauf aufbauend weiterzuforschen – eigentlich eine unverzichtbare Voraussetzung, um einen einheitlichen Forschungsstand zu etablieren. Doch im deutschsprachigen Raum scheint davon niemand Notiz genommen zu haben, außer … na, erraten Sie es? Genau, dem ORF. Gerade eine solche hinterfragende Betrachtung der Forschung ist aber wichtig, um die zweite wichtige Rolle des Wissenschaftsjournalismus neben der Heureka-​Berichterstattung zu erfüllen: Eine kritische Öffentlichkeit gegenüber der Forschungslandschaft zu schaffen.

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