Gerechtigkeit, Dummheit und Gedankenlesen

Autor: Ulrich Pontes

Anlässlich einer in vielen Medien beleuchteten Studie sinniert der Hirnscanner über die ultimative Ausrede: Ich kann nichts dafür – mein Gehirn ist schuld! Zudem beschäftigt ihn die Frage, ob ebendieses Gehirn durchs Internet zu verdummen droht.

Veröffentlicht: 13.03.2012

Kind müsste man noch mal sein – und zwar in neurobiologisch so aufgeklärten Zeiten wie der unsrigen! Diese Sehnsucht hat den Hirnscanner spontan befallen, als er vergangene Woche auf die Vielzahl von Schlagzeilen à la „Hirnforschung: Sechsjährige können noch nicht gerecht teilen“ wie in der Berliner Morgenpost stieß. Was wäre das schön gewesen: Der kleinen Schwester alle Spielsachen und Süßigkeiten wegzuschnappen, und dafür weder eine Standpauke noch einen Klaps zu ernten, sondern lediglich ein mitleidig wissendes Lächeln und Kommentare wie: „Tja, sein armes kleines Gehirn kann’s halt noch nicht besser.“

Wie praktisch, wenn an Verfehlungen nun die Biologie, das Gehirn, die Evolution, jedenfalls nicht mehr der Missetäter schuld ist! Vielleicht ließen sich ähnliche „Entschuldigungen“ ja auch für Erwachsene finden… Der Hirnscanner möchte anregen, doch mal neurobiologisch die Fähigkeit von Journalisten zu erforschen, Abgabetermine einzuhalten. Oder die hirnmäßigen Voraussetzungen von Ehemännern, einen frauenkompatiblen Grad an Ordnung in der gemeinsamen Wohnung aufrechtzuerhalten …

Kindliche und journalistische Impulse

Aber genug der süßen Träume, zurück zum Thema. Den zahlreichen Meldungen in den Medien liegt eine spannende Studie über Impulskontrolle und Fairness bei Kindern verschiedener Altersstufen zugrunde. Durchgeführt wurde sie am Max-​Planck-​Institut für Kognitions– und Neurowissenschaften in Leipzig, veröffentlicht im renommierten Fachmagazin Neuron. Darüber zu berichten, ist also lobenswert. Der Hirnscanner plädiert nur dafür, den journalistischen Impuls, maximal markige Formulierungen zu finden, beim Verfassen der Artikel ein Stück weit zu kontrollieren.

Sonst entsteht Nonsens wie der Satz „Kinder sind nicht egoistisch“ im Vorspann des Artikels der Augsburger Allgemeinen. Als hätte es nichts mit dem Kind zu tun, wenn sein Gehirn es nicht schafft, den „Haben wollen“-Impuls zu unterdrücken. Doch, Kinder sind egoistisch! Und das wollten die Leipziger Forscher auch überhaupt nicht infrage stellen. Vielmehr wollten sie herausfinden, woran es liegt. Dass es mit dem Gehirn zusammenhängt, wie etwa die Sächsische Zeitung als Kernbotschaft verkündet, ist für sich genommen freilich auch nicht wirklich eine Sensation. Dem Hirnscanner geht hier der — leider allzu oft passende — Spruch eines gestandenen Redakteurskollegen durch den Kopf: „Eine Nachricht wäre es, wenn es nicht so wäre!“

Die eigentliche Nachricht

Nein, die eigentliche Nachricht, wie es etwa in der Welt oder – Lob an die Kollegen – in der entsprechenden Meldung auf das​Ge​hirn​.info auch deutlich wird, ist die folgende: Dass jüngere Kinder so egoistisch sind, liegt nicht an mangelnder Einsicht oder fehlendem Verständnis von Fairness und ebenso wenig an Faktoren wie Intelligenz, Risikobereitschaft oder sozialer Kompetenz, sondern an einer (noch) eingeschränkten Impulskontrolle. Dies wiederum hängt, wie die Forscher durch Messung der Hirnaktivität zeigen konnten, mit dem präfrontalen Cortex zusammen, der sich bekanntermaßen erst spät in der kindlichen Entwicklung voll ausbildet und vernetzt.

Die Konsequenz — und hier muss der Hirnscanner eingestehen, dass er sich bei seinen eingangs geschilderten Fantasien zu unzulässigen Schlüssen hat hinreißen lassen — kann auch nicht sein, Kindern egoistisches Verhalten einfach durchgehen zu lassen. Folgern kann man aus der Studie allenfalls, dass es, statt sich den Mund über Fairness fusselig zu reden, sinnvoller ist, mit dem Nachwuchs Impulskontrolle zu üben. Wie das geht, ist eine andere Frage. Die beantwortet auch der ansonsten rundum gelungene und empfehlenswerte Artikel im Tagesspiegel nicht – weist aber immerhin als einziger in diesem Zusammenhang auf eine interessante Langzeitstudie hin, die ergab, dass die Fähigkeit zur Impulskontrolle in der Kindheit und Erfolg im späteren Leben Hand in Hand gehen.

Präfrontaler Cortex

Präfrontaler Cortex/-/prefrontal cortex

Der vordere Teil des Frontallappens, kurz PFC ist ein wichtiges Integrationszentrum des Cortex (Großhirnrinde): Hier laufen sensorische Informationen zusammen, werden entsprechende Reaktionen entworfen und Emotionen reguliert. Der PFC gilt als Sitz der exekutiven Funktionen (die das eigene Verhalten unter Berücksichtigung der Bedingungen der Umwelt steuern) und des Arbeitsgedächtnisses. Auch spielt er bei der Bewertung des Schmerzreizes eine entscheidende Rolle.

Gedanken, die die Welt bewegen

Um Kontrolle und Gehirn, aber in ganz anderem Zusammenhang, ging es auch in einer größeren Geschichte in der Wirtschaftswoche. Unter dem schönen Titel „Gedacht, getan“ befasst sich der Artikel mit Brain-​Computer-​Interfaces, also direkten Schnittstellen zwischen Gehirn und Maschine: Statt technische Geräte wie bisher mit den Händen zu bedienen, surfen wir möglicherweise bald „per Geistesblitz durchs Internet, verfassen E-​Mails oder steuern Autos“, schreibt der Autor Jens Tönnesmann. Das scheint dem Hirnscanner gar arg optimistisch.

Allerdings, und deshalb soll der Artikel hier auch eher gelobt als kritisiert werden, gesteht dies der Autor selbst ein. Dass es in Form eines scheibchenweisen Rückzugs geschieht, nachdem zuerst große Hoffnungen geweckt werden, ist wohl im Kampf um Aufmerksamkeit und Zeit des Lesers verzeihlich: So wird vom tatsächlich schon per EEG-​Kappe zu lenkenden Auto berichtet, aber später dann auch nicht verschwiegen, dass die futuristische Steuerung nur bei manchen Menschen funktioniert — beim leitenden Forscher des Projekts beispielsweise nicht. Oder es ist von bereits funktionierender Texteingabe per Gedankenkraft die Rede, ohne den Hinweis zu unterschlagen: „Manche schaffen fünf Buchstaben pro Minute.“

Das Fazit lautet zu Recht: Noch leben wir in der Steinzeit des Gedankenlesens. „Gedacht, getan“ – so einfach ist es in der Forschung dann eben leider nicht. Visionäre Ideen zu verfolgen, ist trotzdem ein guter Ansatz. Und bemerkenswert ist, dass tatsächlich eine Wirtschaftszeitschrift auf das Thema Brain-​Computer-​Interfaces einsteigt und auch belegt, welches große wirtschaftliche Potenzial in diesen gesehen wird. Ein Indiz dafür, dass diese so nach Science Fiction klingenden Technologien in absehbarer Zeit tatsächlich relevant für unser Alltagsleben werden könnten.

Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit/-/attention

Aufmerksamkeit dient uns als Werkzeug, innere und äußere Reize bewusst wahrzunehmen. Dies gelingt uns, indem wir unsere mentalen Ressourcen auf eine begrenzte Anzahl von Bewusstseinsinhalten konzentrieren. Während manche Stimuli automatisch unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, können wir andere kontrolliert auswählen. Unbewusst verarbeitet das Gehirn immer auch Reize, die gerade nicht im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen.

Internet und Gehirn

Der letzte Hinweis des Hirnscanner für diesmal bezieht sich auf die offenbar zyklisch wiederkehrende Debatte, wie sich das Internet auf das menschliche Gehirn auswirkt. 2008 etwa trat der US-​Schriftsteller Nicholas Carr mit dem Aufsatz „Is Google making us stupid“ eine Welle aufgeregter Diskussionen los. Anderthalb Jahre später schlug Frank Schirrmacher mit dem Buch „Payback“ in eine ähnliche Kerbe. Und nun kommt also Profil – das österreichische Pendant zum Nachrichtenmagazin Der Spiegel – mit der Frage „Macht Internet dumm?“ daher.

Bei näherer Betrachtung zeigt sich aber erfreulicherweise, dass hier keine kulturkämpferischen Thesen proklamiert werden, sondern differenziert über Wissenschaft berichtet wird. Der Artikel fasst verschiedene Forschungsergebnisse zu den positiven wie negativen Auswirkungen sozialer Netzwerke zusammen. Zwar wird als Quelle ganz nonchalant auf den „jüngsten Kongress der amerikanischen Psychologen“ hingewiesen, ohne zu erwähnen, dass er bereits im August letzten Jahres stattfand und die dazugehörige Pressemitteilung ebenso „jung“ ist. Aber darüber sieht der Hirnscanner gern hinweg – immerhin haben die anderen deutschsprachigen Medien den besagten Kongress komplett verschlafen. Zumal der Artikel dank seiner unaufgeregten Darstellung der Faktenlage auch gleich den Beweis liefert, dass das Internet bei richtiger Nutzung durchaus auch klüger machen kann.

Auch Artikel über das Hirn können hirnlos sein. Darum will der Hirnscanner nicht nur auf spannende Beiträge aufmerksam machen, Interviews empfehlen und Themen kommentieren, sondern auch Schlagzeilen hinterfragen und Fehler aufzeigen (wo sie anderen passiert sind) . Hinweise auf interessante Interviews, aufregende Artikel und peinliche Porträts werden unter redaktion@​dasgehirn.​info gerne entgegengenommen.

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