Gelbe Karte für den Journalismus

Ein querschnittsgelähmter Mensch sollte den Anstoß zur Fußball-​WM ausführen, per Exoskelett und Computer-​Hirn-​Schnittstelle. Für den Hirnscanner vor allem auch ein großer PR-​Coup, bei dem die Medien allzu bereitwillig mitgespielt haben.

Veröffentlicht: 30.06.2014

Lange hatte man uns hirnforschungsinteressierte Menschen medial auf diesen Tag eingestimmt. Der Tag der WM-​Eröffnung sollte nicht nur ein Fest für Fußball-​Begeisterte werden, sondern auch ein Meilenstein in der Hirnforschung: Ein querschnittsgelähmter junger Mann sollte aus eigener Kraft 25 Schritte bis zur Spielfeldmitte laufen und den Anstoß ausführen. Mit Hilfe eines Exoskeletts, einer Art Stützkorsett, das über eine Computer-​Hirn-​Schnittstelle durch die eigene Hirnaktivität gesteuert wird. Ein internationales Forscherteam des Walk Again Projects hatte auf diesen Tag jahrelang hingearbeitet.

Auch der Hirnscanner, sonst eher ein Fußball-​Muffel, saß gebannt vor dem Bildschirm. Doch was dann folgte, war eine Enttäuschung: Der Antstoß wurde ganz normal von den Spielern ausgeführt. Bei einer fieberhaften Suche wurde der Hirnscanner fündig: Bei Youtube gibt es ein Video. Aber erneut folgte Ernüchterung: Man sah ganz kurz einen jungen Mann im Exoskelett – und zwar am Spielfeldrand! Und erst durch wiederholtes Schauen konnte der Hirnscanner mit Mühe und Not ausmachen, dass der querschnittsgelähmte Mann das rechte Bein leicht noch vorne zu bewegen schien und der Ball dann gemächlich ein paar Meter aufs Spielfeld rollte. Das sah nun nicht gerade weltbewegend aus.

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Eine Lagebezeichnung – medial bedeutet „zur Mitte hin“ gelegen. Im Bezug auf das Nervensystem handelt es sich um eine Richtung zum Körper hin, weg von den Seiten.

Mediale Vorschusslorbeeren

Im Vorfeld hingegen hatten die Medien das Thema wie gesagt ordentlich gepusht. Wir von das​ge​hirn​.info nahmen es zum Beispiel zum Anlass, Computer-​Hirn-​Schnittstellen zum Monatsthema zu machen. Dabei haben wir versucht, mit mehreren Beiträgen die Möglichkeiten und Grenzen des bislang Machbaren aufzuzeigen und auch die ethischen Fragen zu beleuchten. Derweil fokussierten sich andere Medien allein auf den WM-​Anstoß.

Auf N24​.de war von einer „Weltsensation“ die Rede. Bild​.de sprach von einer „medizinischen Sensation“. Und auf der Onlineseite der Deutschen Welle ist die Rede von einem „sensationellen Startschuss“. Besonders diesen letztgenannten Artikel findet der Hirnscanner wenig gelungen. Er ist offensichtlich am Tag vor der Eröffnung der WM veröffentlicht worden, klingt aber so, als würde er die tatsächlichen Ereignisse am folgenden Tag beschreiben: „Da betritt ein Wesen das Stadion, halb Mensch, halb Maschine, statt normaler Beine hat es mechanische Extremitäten. Es läuft zum Mittelkreis, langsam, ruckartig, von Milliarden von Augenpaaren auf den großen Leinwänden und Bildschirmen verfolgt, und tritt gegen den Ball, den ersten, der bei dieser WM gespielt werden wird.“

Nur: So hat es sich eben gar nicht ereignet. Und von einem Wesen „halb Mensch, halb Maschine“ zu sprechen, findet der Hirnscanner ebenfalls reichlich unpassend. Immerhin ist das Exoskelett nicht in den Körper integriert. Und dann folgt auch noch ein weiterer faktischer Fehler: „Erstmals ist es einem internationalen Team von Neurowissenschaftlern und Ingenieuren gelungen, eine Roboter-​Prothese allein durch die Kraft der Gedanken zu steuern.“ Dabei hatten (andere) Forscher schon zuvor ihre Patienten eine Neuroprothese, einen Roboterarm oder einen Exoskelett lenken lassen.

Interessanterweise ist von demselben Autor ein Artikel zum gleichen Thema auf Spiegel Online erschienen – und der ist wesentlich gehaltvoller. So kommt etwa der Pionier der Computer-​Hirn-​Schnittstellen Niels Birbaumer für eine Einschätzung zu Wort. Zudem stellt der Journalist die Frage, ob nicht bei Millionen Behinderten eine Hoffnung geweckt wird, die zumindest verfrüht sein könnte.

Spektakel oder Wissenschaft?

Bei vielen deutschen Beiträgen vermisste der Hirnscanner vor allem eine kritische Einordnung der wissenschaftlichen Leistung des Projekts. Die lieferte das amerikanische Technologiemagazin Wired. Der Artikel fragt schon im Titel, ob das gedankengesteuerte Exoskelett eher Wissenschaft sei oder eher ein Spektakel. Einige Experten auf dem Gebiet hegen dem Artikel zufolge Bedenken, ob die Technik so ausgereift ist, wie die beteiligten Forscher behaupten. Letztlich sei es entscheidend, in welchem Ausmaß das Exoskelett vom Gehirn des Nutzers gesteuert werde: „Wenn das Gehirn bloß Stop-​Go-​Signale sendet und damit den Roboter veranlasst, ein programmiertes Set von Bewegungen auszuführen, ist das ungefähr in einer Linie mit dem derzeitigen Stand der Wissenschaft.“

Was waren nun die Gründe für die wenig eindrucksvolle Präsentation bei der WM? Es ist nicht ganz leicht, die Frage zu beantworten. Die meisten Medien schienen ihr Pulver schon vorab verschossen zu haben oder sie hielten das tatsächliche Ergebnis dann doch nicht mehr für so spektakulär. Dementsprechend gab es zumindest nach den Recherchen des Hirnscanners nur wenige Berichte nach dem Eröffnungsspiel.

Maulkorb für Wissenschaftler

Bei der Spurensuche stieß der Hirnscanner auf einen aufschlussreichen Beitrag von Technology Review auf Heise​.de. Der Autor hatte versucht, einen der beteiligten Forscher – Gordon Cheng von der TU München – zu fragen, doch der habe kein Interview geben wollen. Seine Mitarbeiter an der TU seien selbst überrascht von dem dürftigen Auftritt und wüssten nicht, ob die FIFA den Ablauf kurzfristig geändert hatte. Cheng habe unterschreiben müssen, keine Einzelheiten weiterzugeben, nicht einmal an die eigenen Mitarbeiter. „Dass der Roboteranzug noch nicht ausgereift war, schließen die Münchner Wissenschaftler allerdings aus“, schreibt Wired. In den Proben habe der Anstoß mehrmals geklappt. „Als Erklärung bleibt die Kontrollwut der FIFA.“

Das Fazit des Hirnscanners: Die Medien haben sich offensichtlich einmal mehr vor den gut geölten PR-​Karren spannen lassen. Im Fußball würde man jetzt die gelbe Karte zücken und damit so manche Medien verwarnen.
Zumal es kaum einer versäumte, die nett anzusehende Computeranimation einer Frau mit Exoskelett abzudrucken – zugegeben, auch das​ge​hirn​.info in seinem einführenden Artikel zum Thema Computer-​Hirn-​Schnittstellen. Die Animation stammt von einer brasilianischen PR-​Agentur und hat mit dem tatsächlichen, wuchtigen Aussehen des Exoskeletts herzlich wenig zu tun.

Sprachrohr der Wissenschafts-​PR

Der Journalismus läuft Gefahr, immer stärker unkritisches Sprachrohr der Wissenschafts-​PR zu werden. Diese Vermutung legte auch kürzlich eine Untersuchung der deutschen Wissenschaftsakademien nahe. Sie hatten zwei Jahre lang die Kommunikation zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Medien unter die Lupe genommen. Nach einer vorsichtigen Schätzung, müsse man davon ausgehen, dass gut jede zehnte von Wissenschaftsinstitutionen herausgegebene Pressmitteilung 1:1 von den Massenmedien aufgegriffen und weiterverbreitet würde. Und auch die Themenauswahl sehen die Gutachter kritisch: „Wichtige, aber medial sperrigere Themen aus der Wissenschaft (inklusive der kompetent-​kritischen Beobachtung des Wissenschaftssystems und der Wissenschaftspolitik) treten oft gegenüber den Mainstream-​Themen wieder in den Hintergrund – von wenigen Leitmedien abgesehen.“

Eine Linkliste mit Reaktionen auf die Studie hat der Wissenschaftsjournalist Marcus Anhäuser in seinem Blog zusammengestellt. Und der Deutschlandfunk zitierte den Projektleiter der Untersuchung Peter Weingart: Der ökonomische Konkurrenzdruck für kritischen Wissenschaftsjournalismus sei immens angesichts kostenloser Internetangebote. Der Soziologe empfiehlt den Medien: weg vom Hype der schnellen Sensation! Dem kann sich der Hirnscanner nur anschließen.

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Eine Lagebezeichnung – medial bedeutet „zur Mitte hin“ gelegen. Im Bezug auf das Nervensystem handelt es sich um eine Richtung zum Körper hin, weg von den Seiten.

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