Gefährliche Zeitungsanzeige

Autor: Ragnar Vogt

Tierschützer stellen mit einer Annonce einen deutschen Neurowissenschaftler an den Pranger, versuchen gar, ihm das Menschsein abzuerkennen. Manche Zeitungen veröffentlichten die Anzeige. Dabei hätten sie das aus ethischen Gründen besser abgelehnt.

Veröffentlicht: 05.05.2014

Normalerweise beschäftigt sich der Hirnscanner mit journalistischen Werken: mit Print– und Onlineartikeln, manchmal auch mit Radio– und Fernsehbeiträgen. Doch diesmal soll es um eine Anzeige gehen – denn auch die Werbung ist ein Teil der Medien, und der Umgang mit ihr verlangt eine gewisse Verantwortung. Das zeigt der aktuelle Fall Kreiter sehr deutlich.

Zur Vorgeschichte: Der Neurobiologe Andreas Kreiter von der Universität Bremen führt seit mehr als 15 Jahren Versuche an Rhesusaffen durch – und Tierschützer kämpfen ebenso lange erbittert dagegen. Die Kreiter-​Gegner hatten zuletzt eine juristische Niederlage erlitten: Richter des Bremer Oberverwaltungsgerichts erklärten die Affen-​Experimente für zulässig.

Der Verein „Tierversuchsgegner Bundesrepublik Deutschland“ reagierte auf diesen Misserfolg recht eigen: Er schaltete in ein paar überregionalen und regionalen Zeitungen eine Anzeige mit der Überschrift: „Kreiter macht eiskalt weiter“. Darin bezweifelt der Verein den wissenschaftlichen Sinn der Experimente und kritisiert die „mittelalterlichen Foltermethoden“, mit denen die Rhesusaffen behandelt würden. Eine sehr emotionale Sprache in einem sehr emotional geführten Streit: Das überrascht nicht in der Auseinandersetzung mit Tierschützern. Zudem unterstellt der Verein dem Forscher, nur mit Manipulationen die „gewünschten Ergebnisse“ zu bekommen – ein Vorwurf, der Kreiter, wie jeden Wissenschaftler, treffen dürfte.

Emotionen

Emotionen/-/emotions

Unter „Emotionen“ verstehen Neurowissenschaftler psychische Prozesse, die durch äußere Reize ausgelöst werden und eine Handlungsbereitschaft zur Folge haben. Emotionen entstehen im limbischen System, einem stammesgeschichtlich alten Teil des Gehirns. Der Psychologe Paul Ekman hat sechs kulturübergreifende Basisemotionen definiert, die sich in charakteristischen Gesichtsausdrücken widerspiegeln: Freude, Ärger, Angst, Überraschung, Trauer und Ekel.

Verletzte Menschenwürde

Doch: Wenn es nur bei diesen Anschuldigungen geblieben wäre, dann wären die anschließende Aufregung und auch diese Kolumne nicht notwendig. Schließlich handelt es sich um eine Meinungsäußerung. So diffamierend und falsch sie auch sein mag: In einem demokratischen System muss sie möglich sein. Allerdings geht der Tierschutz-​Verein einen Schritt weiter und überschreitet damit – nach Meinung des Hirnscanners – eine moralische Grenze: Tierexperimentatoren seien „Wesen besonderer Art“, die man „nicht leichtfertig Mensch nennen“ könne, schreiben die Aktivisten in der Anzeige gleich zu Beginn an prominenter Stelle, verpackt als Zitat des längst verstorbenen Mitbegründers der Organisation „Ärzte gegen Tierversuche“. Das ist eine gefährliche Äußerung, findet der Hirnscanner – immerhin haben viele Verbrechen gegen die Menschlichkeit damit begonnen, dass einer Gruppe von Menschen das Menschsein aberkannt wurde.

Dazu ist ein Foto von Kreiter veröffentlicht sowie sein voller Name und seine Abteilung in der Universität Bremen. Wer einen Menschen derart an den Pranger stellt und ihm gleichzeitig das Menschsein abspricht, der verletzt dessen Menschenwürde. In einem hoch emotionalen Konflikt, in dem auch schnell mal Morddrohungen geäußert werden, wird ein Mensch damit gar in Gefahr gebracht.

An dieser Stelle ein Hinweis an die Tierschützer: Jedes Tier wertet die Angehörigen der eigenen Art höher als die Angehörigen jeder anderen Art. Insofern ist es nicht verwerflich, wenn wir Menschen ein Menschenleben höher werten als ein Tierleben. Egal, ob wir das instinktiv tun oder nicht. So wichtig der Einsatz für die gequälte Kreatur auch sein mag: Tierschützer sollten sich an diese Regel halten und keine Menschen leichtfertig in Gefahr bringen.

Emotionen

Emotionen/-/emotions

Unter „Emotionen“ verstehen Neurowissenschaftler psychische Prozesse, die durch äußere Reize ausgelöst werden und eine Handlungsbereitschaft zur Folge haben. Emotionen entstehen im limbischen System, einem stammesgeschichtlich alten Teil des Gehirns. Der Psychologe Paul Ekman hat sechs kulturübergreifende Basisemotionen definiert, die sich in charakteristischen Gesichtsausdrücken widerspiegeln: Freude, Ärger, Angst, Überraschung, Trauer und Ekel.

Auch Verlage haben eine Verantwortung

Doch des Hirnscanners Kritik richtet sich nicht in erster Linie an die Tierschützer, sondern an die Zeitungsverlage, die die Anzeige abgedruckt haben: Schließlich ist das hier eine Medienkolumne. In der ZEIT, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, im Tagesspiegel, im Weser-​Kurier und in den Bremer Nachrichten ist die Anzeige ganzseitig erschienen. Auf Spiegel Online rechtfertigt die FAZ-​Geschäftsführung den Abdruck: Die Anzeige „in einer Art Zensur“ zu verhindern, wäre „mit unserem Verständnis der freien Meinungsäußerung nicht zu vereinbaren gewesen“. Eine verständliche Logik für Zeitungen – veröffentlichen sie doch regelmäßig Inserate von Parteien und Organisationen sowie Kleinanzeigen. So bieten Zeitungen ein zusätzliches Forum, das möglichst unzensiert sein sollte.

Aber: Der Abdruck von Anzeigen ist zunächst ein rein finanzielles Geschäft, und ein Unternehmen kann ein solches Geschäft durchaus ablehnen. Natürlich müssen sich Verlage nicht die Mühe machen und prüfen, ob jede Werbung inhaltlich korrekt ist. Das erscheint auch unmöglich – wie etwa lassen sich die Heilsversprechen von Anti-​Schuppen-​Shampoos und Anti-​Falten-​Cremes überprüfen? Aber eine Anzeige, in der schon im ersten Satz einer Gruppe von Menschen das Menschsein abgesprochen wird, die sollte man aus ethischen Gründen ablehnen. Die FAZ schreibt in ihren Geschäftsbedingungen, sie würde Anzeigen nicht drucken, deren „Veröffentlichung für den Verlag unzumutbar“ sei. Ist es nicht unzumutbar für eine Zeitung, die von ihrem guten Ruf lebt, moralisch fragwürdige Inhalte zu verbreiten?

Ethische Verbreiterhaftung

Die ZEIT erklärt gegenüber Spiegel Online, juristische Grenzen seien „nach Ansicht unserer Justiziare durch die Anzeige nicht überschritten worden“. Aber: Unternehmen – und besonders Zeitungsverlage – sollten sich nicht nur nach juristischen Kriterien entscheiden, sondern auch nach ethischen. Damit hätte eine Ablehnung des Anzeigen-​Abdrucks gut begründet werden können.

Juristen sprechen von einer „Verbreiterhaftung“, die es Medien verbietet, illegale Inhalte in den Umlauf zu bringen. Diese gilt auch, wenn die Inhalte nicht von den Medien selbst stammen, sondern von Dritten, etwa in Gast-​Kommentaren, Interviews oder Leserbriefen. Da es sich bei der Anti-​Kreiter-​Anzeige – zumindest laut ZEIT – nicht um etwas Illegales handelt, greift dieses Rechtsgebilde nicht. Aber neben der juristischen Verbreiterhaftung sollte man auch eine ethische Verbreiterhaftung definieren, nach der sich die Verlage richten sollten.

ZEIT-​Artikel nennt Inserat „inakzeptabel“

Die ZEIT kündigte gleich nach Erscheinen der Anzeige an, das Thema der Tierversuche in Bremen „redaktionell aufzugreifen“. Ganz sauber findet der Hirnscanner diese Lösung nicht. Denn so wird auf eine ungewöhnliche Weise die vom Presserat geforderte Trennung von Redaktion und Werbung missachtet: Der Rechtfertigungsdruck durch eine moralisch fragwürdige Anzeige beeinflusst die Themensetzung des Blattes. Aber das Argument ist vielleicht zu erbsenzählerisch. Immerhin wurde das Thema inzwischen sehr breit diskutiert, etwa durch ein Statement von der Universität Bremen, auch auf hor​i​zont​.net, in der Ärztezeitung und auf mee​dia​.de. Da lässt sich die Themensetzung der ZEIT begründen, unabhängig davon, dass die Anzeige auch dort erschienen ist.

In der aktuellen Ausgabe der ZEIT ist also zu lesen: „Die Anzeige mag juristisch vom hohen Wert der Meinungsfreiheit gedeckt sein. Als Versuch der persönlichen Demontage eines Menschen, dem man nun auf bezahlten Zeitungsseiten sogar das Menschsein abzusprechen versucht, ist sie jedoch inakzeptabel.“ Damit distanziert sich löblicherweise der Wissen-​Ressortleiter Andreas Sentker sehr deutlich vom Inserat der Tierschützer. Sentker weist zudem darauf hin, dass sein Verlag den Abdruck der Anzeige ohne genaue Kenntnis des Falles Kreiter geprüft habe. Eine Absprache mit seinem Ressort, das den Fall gut kenne, sei nicht möglich gewesen – wegen der Trennung von Redaktion und Werbung.

Die Süddeutsche Zeitung macht es besser

Auch die FAZ hat in der Zwischenzeit das Thema redaktionell aufgegriffen, aber ohne dass sie sich derart deutlich distanziert. Dort kommt zwar die Universität Bremen zu Wort, die in der „Entmenschlichung einer Person“ die Grenze zulässiger Meinungsäußerung überschritten sieht. Allerdings bezieht die Zeitung selbst nicht klar Stellung gegen die Diffamierung Kreiters: Sie spricht nur neutral davon, dass es keinen Frieden geben könne zwischen radikalen Tierversuchsgegnern und Forschern.

Wie man es besser macht, zeigt die Süddeutsche Zeitung: Der Tierschutzverein wollte laut mee​dia​.de auch dort eine Anzeige schalten – der Verlag hat schlicht und einfach abgelehnt.

Ob die BILD-​Zeitung angefragt wurde, ist nicht überliefert. Die BILD greift das Thema dennoch auf: Sie fragte Kreiter in einem Interview: „Sind Sie ein brutaler Tierquäler?“ So schrill die Aufmachung auch ist: Immerhin bekommt der Neurowissenschaftler in dem Boulevardblatt ein Forum, um seine Arbeit zu erklären, und er tut es auch auf angenehm sachliche Weise. Die Anzeige mit den persönlichen Angriffen gegen ihn nennt er lediglich „dümmlich“.

Nachtrag zum Memorandum

Abschließend noch ein Nachtrag zu einem anderen Thema: Der Hirnscanner hatte sich darüber geärgert, dass ein Memorandum von Forschern vor allem aus der Psychologie und der Philosophie sowie der folgende Richtungsstreit über die Neurowissenschaften in den Medien kaum wahrgenommen wurde. Nun hat die Neue Zürcher Zeitung einen der Autoren des Memorandums interviewt: den österreichischen Psychiater und Psychologen Felix Tretter. In dem lesenswerten Stück konfrontiert der Interviewer den Forscher mit der Kritik aus der Neurowissenschaft – und bekommt kluge Antworten.

Hinweis: Der Autor dieser Zeilen arbeitet regelmäßig als freier Nachrichtenredakteur für Zeit Online.

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