Facebook, Sex und Süßigkeiten

Autor: Ulrich Pontes

Ging es vor zwei Wochen noch um Pestizide und Drogen, standen zuletzt schönere Seiten des Lebens im Mittelpunkt der Berichterstattung über Gehirnforschung. Deren Qualität bleibt indes durchwachsen — und die Freude des Hirnscanners getrübt.

Veröffentlicht: 21.05.2012

„Facebook-​Nutzung wirkt auf das Gehirn wie Sex“, titelten die Schlagzeilen-​Spezialisten der BILD kürzlich anlässlich einer Studie über die Auswirkungen selbstoffenbarender Mitteilungen aufs Belohnungssystem. „Gefällt mir!“, schießt es da wohl nicht nur dem Hirnscanner durch den Cortex – die Aktivität, welche die Neuronen des mesolimbischen Systems (das Belohnungssystem) vieler Journalisten angesichts eines solchen Themas entwickeln, dürfte es mit derjenigen der Probanden aus der Studie locker aufnehmen.

Kein Wunder also, dass viele Medien das Ergebnis aufgegriffen haben – etwa mittels einer dpa-​Meldung wie das Hamburger Abendblatt oder als kurzes Video wie die Süddeutsche. Daran will der Hirnscanner auch gar nicht kritteln. Immerhin scheint mindestens ein Kollege in der globalen Nachrichten-​Verwertungskette gut aufgepasst zu haben, denn von der ursprünglichen Mitteilung bis zur obigen Schlagzeile war noch einige journalistische Transformationsarbeit vonnöten. Die Pressemitteilung zur Studie fiel geradezu staubtrocken aus: Unter der Überschrift „Selbstoffenbarung ist intrinsisch belohnend“ zieht sie erst im letzten Satz einen direkten Vergleich zu Sex und Essen (die Wirkung aufs Gehirn sei „nicht unähnlich“); Facebook wird überhaupt nicht erwähnt.

Mesolimbisches System

Mesolimbisches System/-/mesolimbic pathway

Ein System aus Neuronen, die Dopamin als Botenstoff verwenden und das entscheidend an der Entstehung positiver Gefühle beteiligt ist. Die Zellkörper liegen im unteren Tegmentums und ziehen unter anderem in die Amygdala, den Hippocampus und – besonders wichtig – den Nucleus accumbens, wo sie ihre Endköpfchen haben.

Cortex

Großhirnrinde/Cortex cerebri/cerebral cortex

Der Cortex cerebri, kurz Cortex genannt, bezeichnet die äußerste Schicht des Großhirns. Sie ist 2,5 mm bis 5 mm dick und reich an Nervenzellen. Die Großhirnrinde ist stark gefaltet, vergleichbar einem Taschentuch in einem Becher. So entstehen zahlreiche Windungen (Gyri), Spalten (Fissurae) und Furchen (Sulci). Ausgefaltet beträgt die Oberfläche des Cortex ca 1.800 cm2.

Neuron

Neuron/-/neuron

Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

Mesolimbisches System

Mesolimbisches System/-/mesolimbic pathway

Ein System aus Neuronen, die Dopamin als Botenstoff verwenden und das entscheidend an der Entstehung positiver Gefühle beteiligt ist. Die Zellkörper liegen im unteren Tegmentums und ziehen unter anderem in die Amygdala, den Hippocampus und – besonders wichtig – den Nucleus accumbens, wo sie ihre Endköpfchen haben.

Verpasste Gelegenheiten und ein merkwürdiger Zufall

Schade an den vielen Kurzberichten ist freilich, dass sie die Zugkraft des Themas nicht nutzen, um die Leser ein wenig tiefer in Hirnforschung und Neurobiologie mit hineinzunehmen. Dass die Ausgangsmeldung dazu taugt, Funktionsweise und Bedeutung des Belohnungssystems und damit die Zusammenhänge zwischen Motivation und Sucht anschaulich greifbar zu machen, beweist die Welt mit einem gut geschriebenen Text.

Auch über die Natur des Menschen sagt die Studie etwas aus, was in seiner Bedeutung weit über den aktuellen Facebook-​Hype hinausgeht: Der Drang zu Selbstmitteilungen wurde im Laufe der Evolution offenbar in ähnlicher Weise begünstigt wie eindeutig überlebensnotwendige Verhaltensweisen. Was das bedeutet, diskutiert zumindest ansatzweise der ansonsten leider etwas verquaste und weitschweifige Blog-​Beitrag aus der FAZ-​Redaktion zum Thema.

Fast noch mehr beschäftigt den Hirnscanner freilich die Frage, warum eine derartige Studie just einige Tage vor dem mit Spannung erwarteten Börsengang von Facebook veröffentlicht wird. Adelt sie doch das Bedürfnis, welches Facebook zu befriedigen verspricht, als quasi überlebensnotwendig. Hätte die Wissenschaft dem Facebook-​Gründer Mark Zuckerberg einen größeren Gefallen erweisen können? Höchstens vielleicht durch eine Widerlegung der These, ständiges Vor-​dem-​Rechner-​Rumhängen müsse zu sozialer Verarmung im „echten Leben“ führen. Da der wissenschaftliche Befund diesbezüglich zwiespältig ist, wusste sich Zuckerberg aber anders zu behelfen: Er trat den Nachweis bekanntlich in Person und vor dem Traualtar an.

Mesolimbisches System

Mesolimbisches System/-/mesolimbic pathway

Ein System aus Neuronen, die Dopamin als Botenstoff verwenden und das entscheidend an der Entstehung positiver Gefühle beteiligt ist. Die Zellkörper liegen im unteren Tegmentums und ziehen unter anderem in die Amygdala, den Hippocampus und – besonders wichtig – den Nucleus accumbens, wo sie ihre Endköpfchen haben.

Motivation

Motivation/-/motivation

Ein Motiv ist ein Beweggrund. Wird dieser wirksam, spürt das Lebewesen Motivation – es strebt danach, sein Bedürfnis zu befriedigen. Zum Beispiel nach Nahrung, Schutz oder Fortpflanzung.

Macht Zucker dumm?

Erstaunlicherweise wurde die mediale Aufmerksamkeit für die Auswirkungen von Facebook und Sex in den vergangenen zwei Wochen durch ein anderes Hirnforschungsthema noch getoppt. Auch da ging es um Angenehmes, allerdings in diesem Fall mit potenziell gesundheitsschädlichen Auswirkungen: „Zu viel Zucker macht dumm“, so die Schlagzeile in der reißerischen Fassung der BILD. Auch hier war die Berichterstattung in fast allen Fällen sehr kurz und knapp – die meisten Redaktionen (beispielsweise Focus, die Welt, Augsburger Allgemeine) beschränkten sich darauf, eine Meldung der Nachrichtenagentur afp wiederzugeben.

Wie die zugrunde liegende Studie an Ratten darin beschrieben wird, ist zwar sehr verkürzt, aber nicht grundlegend falsch. Trotzdem haben die erwähnten Artikel den Hirnscanner geärgert. Denn zum einen bleiben zwei entscheidende Fragen offen: Lässt sich das Tierversuchs-​Ergebnis auf Menschen übertragen? Und wie viel ist zuviel – sprich ab welcher Zuckermenge setzt ein schädlicher Effekt ein? Beides geht aus der Studie nicht hervor. Aber genau darauf sollte ein Artikel in einem Massenmedium wenigstens hinweisen.

Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit/-/attention

Aufmerksamkeit dient uns als Werkzeug, innere und äußere Reize bewusst wahrzunehmen. Dies gelingt uns, indem wir unsere mentalen Ressourcen auf eine begrenzte Anzahl von Bewusstseinsinhalten konzentrieren. Während manche Stimuli automatisch unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, können wir andere kontrolliert auswählen. Unbewusst verarbeitet das Gehirn immer auch Reize, die gerade nicht im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen.

Amerika ist anders

Zum anderen lassen die Artikel ein möglicherweise entscheidendes Detail komplett unter den Tisch fallen: Die Studie zielte laut Aussage der Forscher eindeutig auf die Ernährungssituation in den USA. Und diese weist beim Thema Zucker eine Besonderheit auf. Bedingt durch Importzölle auf Zucker und Subventionen für einheimischen Mais, werden industriell gefertigte Lebensmittel in den USA nämlich zum großen Teil mit einem Fructose-​angereicherten Maissirup gesüßt. Dieser „high-​fructose corn syrup“, kurz HFCS, kommt in Softdrinks und allen möglichen Fertiggerichten zum Einsatz, wo bei uns normaler Zucker verwendet wird.

Um die US-​Situation abzubilden, bekamen die Ratten in der Studie also sechs Wochen lang statt Wasser eine Fruktose-​Lösung zu trinken. In der Folge geriet der ganze Energiestoffwechsel durcheinander, die Tiere litten unter dem sogenannten metabolischen Syndrom. Das wirkte sich auf die kognitiven Leistungen schädlich aus – sofern die Tiere nicht gleichzeitig Omega-​3-​Fettsäuren, wie sie etwa in Fisch oder Leinsamen enthalten sind, verabreicht bekamen.

Nun steht Fructose aber unter Verdacht, generell problematischer als Glucose oder normaler Zucker (Saccharose) zu sein. So wird etwa die Zunahme von Fettleibigkeit in den USA in den vergangenen Jahrzehnten mit einem rasant ansteigenden Fructose-​Konsum in Verbindung gebracht. Unbestritten ist, dass Fructose und Glucose oder Saccharose unterschiedlich mit dem Hormon Insulin wechselwirken – und dieses scheint in dem Rattenexperiment eine wichtige Rolle gespielt zu haben.

Gut möglich also, dass andere Zuckerarten auf die Versuchsratten einen anderen Effekt gehabt hätten. Und genau das müsste eine verantwortliche Berichterstattung auch deutlich machen, findet der Hirnscanner. Zumal es aus der Pressemitteilung zur Studie klar hervorgeht. Ebenso wie aus der lobenswerten Meldung auf net​dok​tor​.de. Viele andere Berichte erwecken leider den Eindruck, man müsse ab sofort jeden Zuckerwürfel im Kaffee gegen mögliche IQ-​Einbußen abwägen. Das ist leichtsinnige Irreführung.

Auch Artikel über das Hirn können hirnlos sein. Darum will der Hirnscanner nicht nur auf spannende Beiträge aufmerksam machen, Interviews empfehlen und Themen kommentieren, sondern auch Schlagzeilen hinterfragen und Fehler aufzeigen (wo sie anderen passiert sind). Hinweise auf interessante Interviews, aufregende Artikel und peinliche Porträts werden unter redaktion@​dasgehirn.​info gerne entgegengenommen.

Hormon

Hormon/-/hormone

Hormone sind chemische Botenstoffe im Körper. Sie dienen der meist langsamen Übermittlung von Informationen, in der Regel zwischen dem Gehirn und dem Körper, z.B. der Regulation des Blutzuckerspiegels. Viele Hormone werden in Drüsenzellen gebildet und in das Blut abgegeben. Am Zielort, z.B einem Organ, docken sie an Bindestellen an und lösen Prozesse im Inneren der Zelle aus. Hormone haben eine breitere Wirkung als Neurotransmitter, sie können verschiedene Funktionen in vielen Zellen des Körpers beeinflussen.

No votes have been submitted yet.

Lizenzbestimmungen

Dieser Inhalt ist unter folgenden Nutzungsbedingungen verfügbar.

BY-NC: Namensnennung, nicht kommerziell