Entscheidende Diagnosen, das Google-Gehirn und ein unechter Berliner

Sehr heikle Themen beschäftigen den Hirnscanner diesmal: die Diagnose des Hirntods und das Google-​Brain. Daher die Mahnung: Eine behutsamere und präzisere Sprache, bitte! Und es gibt noch ein Paradebeispiel für die Gutgläubigkeit von Journalisten.

Veröffentlicht: 12.03.2014

Der Paukenschlag liegt zwar schon knapp drei Wochen zurück — doch er klingt noch nach: „Ärzte erklären Patienten oft fälschlich für hirntot“, meldete die Süddeutsche Zeitung (SZ) nach einer investigativen Recherché Mitte Februar. Andere Zeitungen nahmen das Thema auf, zum Beispiel die Regionalzeitung Ruhrnachrichten. Und auch die SZ legte in den vergangenen Wochen mit weiteren Beiträgen nach. Die SZ-​Artikel stammen alle aus der Feder von Christina Berndt, die im vergangenen Jahr den Wächterpreis der deutschen Tagespresse erhalten hat — für ihre Recherchen zu Unregelmäßigkeiten und Fehlentwicklungen in der Transplantationsmedizin.

Berndt berichtet aktuell von acht Fällen innerhalb von zwei Jahren, in denen Ärzte den Hirntod nicht entsprechend den Richtlinien der Ärztekammer festgestellt hatten. Diese Fehler waren Mitarbeitern der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) aufgefallen. Der Stiftung zufolge wurde die Diagnostik daraufhin korrekt wiederholt oder es wurde kein Organ entnommen. Im Artikel von Berndt klingt dies recht dramatisch: „gerade noch rechtzeitig vor der Organentnahme“. Dabei ist die Feststellung „Hirntod“ nur ein erster Schritt. Es gibt aber noch weitere, bevor tatsächlich entschieden wird, ob Organe transplantiert werden sollen, und diese dann auch entnommen werden. Zum Beispiel muss noch mit Angehörigen gesprochen werden. Die taz steigert die Dramatik der SZ-​Artikel sogar noch und titelt: „Tödliche Organentnahme“.

Über die Schlagzeile des Originalartikels „Ärzte erklären Patienten oft fälschlich für hirntot“, runzelt der Hirnscanner ebenfalls die Stirn. Natürlich sind acht Fälle acht Fälle zu viel. Aber „oft“ klingt nach erheblich mehr als „nicht einmal […] ein Prozent“. Auch an der Formulierung, dass die Ärzte die Patienten „fälschlich für hirntot“ erklären, stößt sich der Hirnscanner. Denn die Formulierung suggeriert, dass die Patienten tatsächlich alle noch lebten. Die Mitarbeiter der DSO prüfen aber nicht die Richtigkeit der Diagnose, sondern ob die Diagnostik korrekt durchgeführt wurde. Gerade weil immer weniger Menschen bereit sind, Organe zu spenden, wenn sie einmal nicht mehr sind, hätte sich der Hirnscanner eine genauere und weniger dramatisierende Sprache gewünscht. Dass dies möglich ist, zeigt Spiegel Online in einem Artikel über die Meldung der Süddeutschen Zeitung. Empfehlen kann der Hirnscanner auch ein Interview mit einem Anästhesisten in der ZEIT, das viele Fragen zum Ablauf der Hirntod-​Diagnostik aufgreift, die die Artikel der Süddeutschen Zeitung aufwerfen.

Trotz der teilweise reißerischen Schreibweise sind die SZ-​Artikel zu dem Thema sehr lesenswert: denn natürlich ist es gefährlich, wenn ein Arzt den vorgeschriebenen Atmungstest bei der Diagnostik nicht durchführt oder der Patient zuvor starke schmerzstillende Medikamente erhalten hat. Es ist die Aufgabe der Journalisten, darüber zu berichten. Auch hat Berndt umfassend recherchiert und stellt verschiedene Ansichten und Aspekte des Problems dar. Diese Arbeit hat sich gelohnt: Als Reaktion auf die SZ-​Berichte fordern nun drei Fachgesellschaften, die Anforderungen an die Mediziner, welche die Diagnostik durchführen, zu erhöhen .

Tausende Computerkerne für ein Google-​Gehirn

Noch ein anderes Neuro-​Thema, das so manchen beunruhigen wird, tauchte in den vergangenen Wochen in den Medien auf: Der Spiegel berichtete in seiner Ausgabe vom 01.03.2014 über das Google-​Gehirn. Ein System aus 16.000 zusammengeschlossenen Computerkernen versuche „die Neuronenverbindungen des menschlichen Gehirns nachzuahmen“, berichtet der Spiegel. Was das genau bedeutet, bleibt leider vage. Eine Million Neuronen simuliere das Gehirn bereits. Den Hirnscanner beeindruckt das nicht besonders, denn zum Vergleich: Im Gehirn eines Menschen gibt es schätzungsweise 86 Milliarden Nervenzellen. Die Idee sei, so Spiegel-​Autor Thomas Schulz, Maschinen klüger zu machen, indem sie ein menschliches Verständnis ihrer Umgebung entwickeln. Was genau soll ein menschliches Verständnis sein? Das fragt sich da der Hirnscanner. Auch hätte er gerne noch einen Nicht-​Google-​Experten gehört, der einschätzt, wie realistisch die Ideen und Ansätze der Computerwissenschaftler bei Google sind.

Trotzdem freut sich der Hirnscanner, dass in Deutschland überhaupt jemand der Frage nachgeht, warum Google auch Neurowissenschaftler angeworben und beispielsweise für 450 Millionen Dollar ein britisches Künstliche-​Intelligenz-​Labor gekauft hat. Empfehlen möchte der Hirnscanner an dieser Stelle auch noch den im Guardian erschienenen Text „Are the robots about to rise? Google’s new director of engineering thinks so…“. Darin geht es um Raymond Kurzweil, der die Abteilung Technische Entwicklung bei Google leitet. Kurzweil sorgte immer wieder für Schlagzeilen mit Prophezeiungen wie, dass bis zum Jahr 2029 Computer Menschen überlisten können. Das Porträt ist nun wohl vor dem Hintergrund von Googles neuen Ambitionen im Bereich der künstlichen Intelligenz entstanden. Dem Autor gelingt es, die exzentrische und selbstverliebte Seite Kurzweils zu zeigen und sowohl seine genialen wie auch bizarren Ideen und Vorhersagen zu skizzieren. Der Hirnscanner sieht den Artikel deswegen als wertvolle Mahnung, die technischen Entwicklungen von Google zu beobachten und kritisch zu hinterfragen.

Neuron

Neuron/-/neuron

Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

Neuron

Neuron/-/neuron

Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

Intelligenz

Intelligenz/-/intelligence

Sammelbegriff für die kognitive Leistungsfähigkeit des Menschen. Dem britischen Psychologen Charles Spearman zufolge sind kognitive Leistungen, die Menschen auf unterschiedlichen Gebieten erbringen, mit einem Generalfaktor (g-​Faktor) der Intelligenz korreliert. Demnach lasse sich die Intelligenz durch einen einzigen Wert ausdrücken. Hierzu hat u.a. der US-​Amerikaner Howard Gardner ein Gegenkonzept entwickelt, die „Theorie der multiplen Intelligenzen“. Dieser Theorie zufolge entfaltet sich die Intelligenz unabhängig voneinander auf folgenden acht Gebieten: sprachlich-​linguistisch, logisch-​mathematisch, musikalisch-​rhythmisch, bildlich-​räumlich, körperlich-​kinästhetisch, naturalistisch, intrapersonal und interpersonal.

Nobelpreisträger zurück nach Deutschland – oder doch nicht

Mehr solcher Artikel, die Visionen und Technik-​Enthusiasmus kritisch hinterfragen, wünscht sich der Hirnscanner. Doch auch die eigene Begeisterung sollte ein guter Journalist zu bändigen wissen, wie sich in den vergangenen Wochen mal wieder zeigte: „Nobelpreisträger Thomas Südhof ist jetzt ein Berliner“, jubelte nämlich die Berliner Morgenpost und mit ihr weitere lokale aber auch überregionale Blätter Ende Februar. Für drei Jahre käme der Neurowissenschaftler und Biochemiker Thomas Südhof als Gastwissenschaftler, schreibt der Journalist der Morgenpost. Wenige Absätze später träumt er davon, dass der Hirnforscher vielleicht für immer in Deutschland bleibt („Wer weiß, vielleicht überlegt es sich Thomas Südhof tatsächlich“). Auch Spiegel Online freut sich, erwähnt aber schon im Titel, dass der Wissenschaftler nur „in Teilzeit“ nach Deutschland zurückkehrt. Trotzdem sieht die Redakteurin von Spiegel Online in Südhof ein lobenswertes Gegenbeispiel zum so genannten „Brain Drain“. Denn kurz zuvor hatte die von der Bundesregierung eingerichtete Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) gemeldet, dass zu viele sehr gute deutsche Wissenschaftler ins Ausland abwandern.

Eine Woche lang glaubten die Berliner also, dass sie zwar keinen neuen Flughafen, aber dafür einen echten Nobelpreisträger bekommen. Dann interviewt der Wissenschaftsressortleiter der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), Joachim Müller-​Jung, den Neurowissenschaftler. Und da macht Südhof deutlich, dass er keineswegs nach Berlin ziehen oder dort ein Labor eröffnen wird, nicht einmal in Teilzeit. Zwei bis dreimal pro Jahr käme er nach Berlin, um ein gemeinsames Forschungsprojekt zur synaptischen Übertragung zu unterstützen. Als Müller-​Jung nachfragt: „Sie haben keine Pläné, Stanford zu verlassen und nach Deutschland zurückzukehren?“, erklärt Südhof, dass er in den USA gut familiär und professionell verankert sei und zudem seine 30 Mitarbeiter in Stanford nicht nach Berlin schicken möchte. Solche naheliegenden Gründe hatten die Journalisten in ihrer Euphorie offenbar übersehen. Dabei hätten ein bisschen gesunde Skepsis und ein kurzer Anruf etwa bei Thomas Südhof selbst schnell geklärt: Die Pressemeldung des Bundesministerium für Bildung und Forschung, auf die sich alle gestürzt hatten, war zu schön, um wahr zu sein.

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