Ein Kleid im Hype

Autor: Ragnar Vogt

Ist das Kleid nun schwarz-​blau oder weiß-​gold? Eine optische Täuschung ging die vergangenen Tage viral. Auf der Suche nach einer Erklärung wurden viele Medien in der Hirnforschung fündig. Doch nicht allen gelang es, das Phänomen zu erklären.

Veröffentlicht: 09.03.2015

War vor ein paar Tagen auch Ihre Facebook-​Timeline oder Ihr Twitterfeed voll mit Bildern von diesem komischen weiß-​goldenen Stickkleid? Oder war es schwarz-​blau? Der Hirnscanner zumindest war ob der Omnipräsenz irgendwann leicht genervt. Er fragte sich, ob nicht andere Themen – wie der Mord an einem russischen Oppositionellen oder eine von Fanatikern zerstörte antike Ruine – wichtiger sind. Doch nachdem er die professionelle Hirnscanner-​Brille aufgesetzt hatte, war der Ärger schnell wieder verflogen. Schließlich sorgte der Hype um dieses Kleid dafür, dass sich alle Welt auf einmal mit einer optischen Täuschung und deren neurowissenschaftlicher Erklärung beschäftigt hat.

Zur Erläuterung für die Social-​Media-​Abstinenten: Eine Userin namens swiked hatte auf Tumblr ein Bild gepostet und gefragt, ob das Kleid darauf nun schwarz-​blau oder weiß-​golden sei. Auch wenn die beiden Farbalternativen sehr weit auseinander zu liegen scheinen: Es gibt viele Betrachter, die das Kleid auf dem Bild entweder so oder eben so sehen. Dieser Effekt hat viele Menschen so verblüfft, dass das Kleiderfoto viral ging und tagelang die sozialen Medien beherrschte.

Schließlich kamen auch die klassischen Medien nicht mehr um das Thema herum. Sie suchten auch nach Erklärungen für dieses seltsame Phänomen. Das ist nicht immer gelungen. Der Focus hat gleich mehrere Experten befragt, aber nicht begriffen, dass diese eigentlich alle ähnliche Erkläransätze haben. So listete die Webiste des Magazins unter den Überschriften „Die Beleuchtung“, „Die Reflexion“, „Die individuellen Seherfahrungen“ und „Die persönliche Farbkorrektur“ vier Versuche auf, das Phänomen begreifbar zu machen.

Dabei ist die Erklärung ganz einfach: Wenn man alle vier Schlagworte zusammennimmt, wird ein Schuh daraus. Das Hirn nimmt Beleuchtung und Reflexionen wahr und errechnet daraus einen Weißabgleich – und dieser Weißabgleich kann je nach individueller Seherfahrung von Mensch zu Mensch unterschiedlich sein. Weißabgleich bedeutet: Jede Beleuchtung unterscheidet sich, eine Glühbirne etwa strahlt gelber als Sonnenlicht. Diese Unterschiede jedoch rechnet das Gehirn heraus, damit uns Gegenstände egal bei welchem Licht in der gleichen Farbe erscheinen.

Farbliche Verzerrung

The Wired macht es besser: „Während du das Bild betrachtest, versucht dein visuelles System die farbliche Verzerrung abzuziehen, die durch ein bestimmtes Tageslicht hervorgerufen wird“, zitiert die Zeitschrift den Neurowissenschaftler Bevil Conway. „Deswegen ignorieren manche Leute den bläulichen Einschlag und nehmen letztendlich Weiß– und Goldtöné wahr, oder sie ignorieren den goldenen Einschlag und nehmen das Kleid daher blau und schwarz wahr.“ Zu dem gleichen Schluss kommt ein von Vice befragter Experte. Und wem diese Erklärungen alle zu unanschaulich sind, dem sei das schöné und aufschlussreiche Video von AsapSCIENCE ans Herz gelegt.

Binnen weniger Tage wurde übrigens das Rätsel gelöst, welche Farbe das Kleid tatsächlich hat: Es ist blau-​schwarz. Die Wahrnehmung des Hirnscanners lag also daneben. Er kann sich aber damit trösten, dass durch dieses seltsame Foto ganz viele Hirnforscher mediale Aufmerksamkeit bekommen haben.

Wahrnehmung

Wahrnehmung/Perceptio/perception

Der Begriff beschreibt den komplexen Prozess der Informationsgewinnung und –verarbeitung von Reizen aus der Umwelt sowie von inneren Zuständen eines Lebewesens. Das Gehirn kombiniert die Informationen, die teils bewusst und teils unbewusst wahrgenommen werden, zu einem subjektiv sinnvollen Gesamteindruck. Wenn die Daten, die es von den Sinnesorganen erhält, hierfür nicht ausreichen, ergänzt es diese mit Erfahrungswerten. Dies kann zu Fehlinterpretationen führen und erklärt, warum wir optischen Täuschungen erliegen oder auf Zaubertricks hereinfallen.

Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit/-/attention

Aufmerksamkeit dient uns als Werkzeug, innere und äußere Reize bewusst wahrzunehmen. Dies gelingt uns, indem wir unsere mentalen Ressourcen auf eine begrenzte Anzahl von Bewusstseinsinhalten konzentrieren. Während manche Stimuli automatisch unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, können wir andere kontrolliert auswählen. Unbewusst verarbeitet das Gehirn immer auch Reize, die gerade nicht im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen.

Mäuse mit Riesenhirn

Doch es gab es auch andere spannende Geschichten aus der Hirnforschung – auch wenn diese nicht ganz so locker-​leicht daher kommen. Wenn das Schimpansen-​Genom und das Menschen-​Genom zu 99 Prozent identisch ist, wie schafft es dann das eine Prozent, dass wir uns so sehr unterscheiden? Einen Hinweis auf die Antwort haben jetzt Forscher der Duke-​University gefunden. Sie identifizierten eine DNA-​Sequenz, HARE5 genannt, die sich bei Mensch und Schimpanse in nur 16 DNA-​Bausteinen unterscheidet. Doch dieser kleine Unterschied könnte eine Rolle dabei spielen, dass wir größere Gehirne besitzen.

Trockene Genetik allein hätte jedoch bestimmt nicht so viel Resonanz in den Medien hervorgerufen, wenn nicht die wissenschaftliche Methode spektakulär und anschaulich gewesen wäre – und auch ein wenig gruselig. Denn um herauszufinden, was dieses HARE5 macht, haben die Forscher die DNA-​Sequenz in Mäuse übertragen. Und damit tatsächlich Mäuse mit größeren Gehirnen gezüchtet. Stammte die Sequenz vom Schimpansen, so hatte das Mäusehirn schon mehr Volumen, doch mit der Menschensequenz von HARE5 war es noch mal deutlich größer. Mäuse, die dank Menschengenen große Hirne bekommen, das klingt ein wenig wie der Beginn eines Horrorfilmes, in dem die Nager die Macht übernehmen.

Und so haben viele Medien berichtet, allen voran Spiegel Online mit der Zeile: „Forscher schaffen Maus mit Riesenhirn“ und Tagesspiegel mit „Genschalter lässt Hirn sprießen“. Die Materie ist kompliziert – die HARE5-​Sequenz ist ein Genschalter, der die Aktivität des Genes FZD8 steuert, das wiederum Einfluss auf die Teilung von Stammzellen in der Hirnentwicklung nimmt –, dennoch lassen sich in den Texten keine größeren Fehler entdecken. Das liegt wohl auch daran, dass die Pressemitteilung der Duke-​University gut und verständlich geschrieben ist. Und diese scheint Grundlage für alle Berichte gewesen zu sein, schließlich finden sich in fast allen Texten griffige Forscherzitate aus der Pressemitteilung. Eine Bewertung durch unabhängige Forscher indes gibt es nirgendwo. Das ist ein Punkt, den der Hirnscanner immer wieder kritisiert, der aber wohl leider inzwischen Standard ist in der Berichterstattung über einzelne Forschungsstudien.

Gen

Gen/-/gene

Informationseinheit auf der DNA. Den Kernbestandteil eines Gens übersetzen darauf spezialisierte Enzyme in so genannte Ribonukleinsäure (RNA). Während manche Ribonukleinsäuren selbst wichtige Funktionen in der Zelle ausführen, geben andere die Reihenfolge vor, in der die Zelle einzelne Aminosäuren zu einem bestimmten Protein zusammenbauen soll. Das Gen liefert also den Code für dieses Protein. Zusätzlich gehören zu einem Gen noch regulatorische Elemente auf der DNA, die sicherstellen, dass das Gen genau dann abgelesen wird, wenn die Zelle oder der Organismus dessen Produkt auch wirklich benötigen.

Missverständliche Überschriften

Bemängeln muss der Hirnscanner zudem, wie manche Medien das Forschungsergebnis aufmachen. Etwa die Überschriften, die Clixxoom („Warum der Mensch mehr Gehirn hat als der Affe“) und Wissenschaft aktuell („Evolution des Menschen: Warum wir größere Hirne haben als Schimpansen“) gefunden haben. Diese Schlagzeilen sind gleich auf mehreren Ebenen missverständlich: Zum einen wurde die Größenzunahme durch die Experimente nur bei der Maus nachgewiesen, nicht beim Menschen. Das Ergebnis kann nicht ohne weiteres übertragen werden. Zum anderen wird die Entwicklung des menschlichen Gehirns durch ein sehr komplexes Zusammenspiel von vielen Genen gesteuert. So beantwortet die einzelne gefundene Sequenz sicher nur zu einem kleinen Teil die Frage, wie die Größenzunahme des menschlichen Gehirns genetisch gesteuert wird.

Auch passt „Warum wir größere Hirne haben“ nicht präzise zum Forschungsthema. Denn auf die Frage würde man eigentlich eine evolutionsbiologische Antwort erwarten, sprich warum sich im Laufe der Menschwerdung das Hirn vergrößert hat. Die in der Studie gefundene Antwort auf die Frage – weil die Gene die Hirnzunahme steuern – ist eher trivial, denn natürlich steuern die Gene die Entwicklung fast aller menschlichen Merkmale.

Auch wecken etwa Spiegel Online und Yahoo​.de die Erwartung, dass die gefundene Gensequenz erklären könnte, warum wir Menschen – und nicht die Schimpansen – Sprachen lernen und Matheaufgaben lösen können. Aber die Forscher haben die Intelligenz der Mäuse gar nicht geprüft – es wurde nur die Hirngröße der Mäuseembryonen gemessen. Hirngröße allein sagt jedoch nichts über die Intelligenz aus, sonst wären Wale und Elefanten zum Beispiel eindeutig schlauer als wir Menschen. Darauf weisen die Artikel nicht hin. Natürlich ist die Vermutung naheliegend, dass die Sequenz HARE5 für komplexe Hirnleistungen wichtig ist. Aber in den Berichten hätte stärker herausgearbeitet werden müssen, wie sehr sich die Forscher noch im Bereich der Spekulation bewegen.

Gen

Gen/-/gene

Informationseinheit auf der DNA. Den Kernbestandteil eines Gens übersetzen darauf spezialisierte Enzyme in so genannte Ribonukleinsäure (RNA). Während manche Ribonukleinsäuren selbst wichtige Funktionen in der Zelle ausführen, geben andere die Reihenfolge vor, in der die Zelle einzelne Aminosäuren zu einem bestimmten Protein zusammenbauen soll. Das Gen liefert also den Code für dieses Protein. Zusätzlich gehören zu einem Gen noch regulatorische Elemente auf der DNA, die sicherstellen, dass das Gen genau dann abgelesen wird, wenn die Zelle oder der Organismus dessen Produkt auch wirklich benötigen.

Gen

Gen/-/gene

Informationseinheit auf der DNA. Den Kernbestandteil eines Gens übersetzen darauf spezialisierte Enzyme in so genannte Ribonukleinsäure (RNA). Während manche Ribonukleinsäuren selbst wichtige Funktionen in der Zelle ausführen, geben andere die Reihenfolge vor, in der die Zelle einzelne Aminosäuren zu einem bestimmten Protein zusammenbauen soll. Das Gen liefert also den Code für dieses Protein. Zusätzlich gehören zu einem Gen noch regulatorische Elemente auf der DNA, die sicherstellen, dass das Gen genau dann abgelesen wird, wenn die Zelle oder der Organismus dessen Produkt auch wirklich benötigen.

Gen

Gen/-/gene

Informationseinheit auf der DNA. Den Kernbestandteil eines Gens übersetzen darauf spezialisierte Enzyme in so genannte Ribonukleinsäure (RNA). Während manche Ribonukleinsäuren selbst wichtige Funktionen in der Zelle ausführen, geben andere die Reihenfolge vor, in der die Zelle einzelne Aminosäuren zu einem bestimmten Protein zusammenbauen soll. Das Gen liefert also den Code für dieses Protein. Zusätzlich gehören zu einem Gen noch regulatorische Elemente auf der DNA, die sicherstellen, dass das Gen genau dann abgelesen wird, wenn die Zelle oder der Organismus dessen Produkt auch wirklich benötigen.

Intelligenz

Intelligenz/-/intelligence

Sammelbegriff für die kognitive Leistungsfähigkeit des Menschen. Dem britischen Psychologen Charles Spearman zufolge sind kognitive Leistungen, die Menschen auf unterschiedlichen Gebieten erbringen, mit einem Generalfaktor (g-​Faktor) der Intelligenz korreliert. Demnach lasse sich die Intelligenz durch einen einzigen Wert ausdrücken. Hierzu hat u.a. der US-​Amerikaner Howard Gardner ein Gegenkonzept entwickelt, die „Theorie der multiplen Intelligenzen“. Dieser Theorie zufolge entfaltet sich die Intelligenz unabhängig voneinander auf folgenden acht Gebieten: sprachlich-​linguistisch, logisch-​mathematisch, musikalisch-​rhythmisch, bildlich-​räumlich, körperlich-​kinästhetisch, naturalistisch, intrapersonal und interpersonal.

Scheinbare Interferenz

Bei der Vorrecherche zu den Mäuse-​Riesenhirnen war der Hirnscanner mehrmals irritiert. Fand er doch eine scheinbare Interferenz: Berichte zu dem selben Thema, die aber ein klein wenig anders gedreht schienen. Ein genauerer Blick brachte dann die Aufklärung: Wenige Tage nach der Veröffentlichung der Duke-​Studie brachten Forscher des Max-​Planck-​Instituts für molekulare Zellbiologie und Genetik eine Studie heraus, bei der auch Mäuse mit vergrößerten Hirn gezüchtet worden waren. Und zwar auch mit einer menschlichen Gensequenz. Der große Unterschied zu der US-​Studie ist, dass ein Gen untersucht wurde, das nur im Menschen existiert, nicht aber im Schimpansen oder in anderen Tieren.

In der Pressemitteilung des MPI wird die kurz zuvor veröffentlichte Studie der Duke-​University leider nicht erwähnt. Ein kleiner Hinweis hätte genügt und einen Mehrwert beim Leser geschaffen. Schließlich bedeutet das doch, dass es mehrere Gene mit ähnlicher Wirkung gibt und dass die Forschung im Augenblick dabei ist, auf vielen unterschiedlichen Wegen das Rätsel der menschlichen Hirnentwicklung zu lösen. Sprich: Der Hinweis auf institutsfremde Forschung hätte die Ergebnisse der MPI-​Forscher nicht entwertet, sondern noch spannender gemacht. Zumal ja die Leser im Netz schnell auch die anderen Ergebnisse finden können. Allerdings ist diese einfache Übung den Journalistenkollegen, die über diese zweite Studie berichtet haben, nicht gelungen: Weder spek​trum​.de, biotech​nolo​gie​.de, noch DocCheck verweisen auf die ganz ähnliche Studie.

So bleibt dem Hirnscanner nur zu hoffen, dass das eine Prozent DNA-​Unterschied zum Schimpansen künftig noch mehr Auswirkung hat in der Berichterstattung über Hirnforschung– und natürlich, dass bald wieder ein viraler Hype mit Hirnbezug das Netz erfasst.

Gen

Gen/-/gene

Informationseinheit auf der DNA. Den Kernbestandteil eines Gens übersetzen darauf spezialisierte Enzyme in so genannte Ribonukleinsäure (RNA). Während manche Ribonukleinsäuren selbst wichtige Funktionen in der Zelle ausführen, geben andere die Reihenfolge vor, in der die Zelle einzelne Aminosäuren zu einem bestimmten Protein zusammenbauen soll. Das Gen liefert also den Code für dieses Protein. Zusätzlich gehören zu einem Gen noch regulatorische Elemente auf der DNA, die sicherstellen, dass das Gen genau dann abgelesen wird, wenn die Zelle oder der Organismus dessen Produkt auch wirklich benötigen.

Gen

Gen/-/gene

Informationseinheit auf der DNA. Den Kernbestandteil eines Gens übersetzen darauf spezialisierte Enzyme in so genannte Ribonukleinsäure (RNA). Während manche Ribonukleinsäuren selbst wichtige Funktionen in der Zelle ausführen, geben andere die Reihenfolge vor, in der die Zelle einzelne Aminosäuren zu einem bestimmten Protein zusammenbauen soll. Das Gen liefert also den Code für dieses Protein. Zusätzlich gehören zu einem Gen noch regulatorische Elemente auf der DNA, die sicherstellen, dass das Gen genau dann abgelesen wird, wenn die Zelle oder der Organismus dessen Produkt auch wirklich benötigen.

Gen

Gen/-/gene

Informationseinheit auf der DNA. Den Kernbestandteil eines Gens übersetzen darauf spezialisierte Enzyme in so genannte Ribonukleinsäure (RNA). Während manche Ribonukleinsäuren selbst wichtige Funktionen in der Zelle ausführen, geben andere die Reihenfolge vor, in der die Zelle einzelne Aminosäuren zu einem bestimmten Protein zusammenbauen soll. Das Gen liefert also den Code für dieses Protein. Zusätzlich gehören zu einem Gen noch regulatorische Elemente auf der DNA, die sicherstellen, dass das Gen genau dann abgelesen wird, wenn die Zelle oder der Organismus dessen Produkt auch wirklich benötigen.

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