Ein bisschen Optimismus und viel Alkohol

Anfang 2012 schaut der Hirnscanner zuversichtlich nach vorn. Zumal Forscher offenbar erstmalig bewiesen haben, dass Alkohol die Stimmung verbessert – oder so ähnlich…

Veröffentlicht: 17.01.2012

In ein neues Jahr startet man am Besten mit sehr viel Zuversicht. Das hat sich offenbar auch der Spiegel gedacht und in der ersten Ausgabe 2012 das Thema Optimismus auf den Titel gehoben: Auf neun Seiten schreibt Manfred Dworschak über den „Zaubertrank der Zuversicht“.

Der unterhaltsame Text greift viele aktuelle Themen auf: Obama-​Optimismus und Positive Psychologie, Guttenbergs Plagiatdesaster, Schaefflers Continental-​Übernahme, die Kostenexplosion der Hamburger Elbphilharmonie. Auch Robert Trivers evolutionsbiologische Theorie zur Selbsttäuschung als Überlebensvorteil wird kurz erwähnt. Leider bleibt der Artikel trotz vieler interessanter Statistiken immer ein wenig an der Oberfläche, ist mehr Lifestyle-​Stück als Wissenschaftstext. Dabei hat die Wissenschaft – und vor allem die Neurowissenschaft — zum Thema einiges zu sagen. Etwa dass die Tendenz, zu glauben, dass die Dinge besser stehen, als sie bei realistischer Betrachtung tatsächlich sind, im Gehirn verankert ist. Oder dass Optimismus offenbar auf einer Fehlfunktion des Frontalhirns – dem Sitz der Vernunft – beruht.

Präfrontaler Cortex

Präfrontaler Cortex/-/prefrontal cortex

Der vordere Teil des Frontallappens, kurz PFC ist ein wichtiges Integrationszentrum des Cortex (Großhirnrinde): Hier laufen sensorische Informationen zusammen, werden entsprechende Reaktionen entworfen und Emotionen reguliert. Der PFC gilt als Sitz der exekutiven Funktionen (die das eigene Verhalten unter Berücksichtigung der Bedingungen der Umwelt steuern) und des Arbeitsgedächtnisses. Auch spielt er bei der Bewertung des Schmerzreizes eine entscheidende Rolle.

Pop-​Psychologie statt Wissenschaft

Dies wissend hätte der Hirnscanner auf den neun Seiten dann doch gerne ein bisschen genauer erfahren, was denn da im Gehirn (schief) läuft und die Welt so rosarot aussehen lässt. Aber mehr als ein Absatz ist nicht drin: „Der Blick ins Gehirn zeigt, wie dabei der Mandelkern, Teil des Gefühlszentrums tief im Denkorgan, mit einer kleinen Region im Stirnlappen zusammenspielt. Bei Optimisten geht es da besonders rege zu“, schreibt Dworschak. Hier sitze vermutlich der „Akku des inneren Sonnenscheins“. Das war’s. Im gesamten Beitrag, der sich ja einer offenbar grundlegenden Hirnfunktion widmet, kommt das Wort Gehirn nur vier Mal vor. Dabei gibt es inzwischen von Tali Sharot, die im Text auch zitiert wird, und anderen Forschern eine ganze Reihe interessanter Untersuchungen, die den pop-​psychologischen Phrasen ein bisschen wissenschaftliches Fundament geben könnten. Vielleicht hatte man Angst, dem Leser zu viel zuzumuten und wollte ihn am Tag nach Neujahr nicht gleich überfordern. Da hätte sich der Hirnscanner dann ein bisschen mehr Zuversicht vom Spiegel gewünscht.

Neben guten Wünschen bringt der Jahreswechsel meist auch viel Alkohol mit sich: Man verabschiedet das vergangene Jahr mit einem Wodka-​Martini, trinkt den obligatorischen Mitternachts-​Sekt oder begrüßt das neue Jahr mit einem Bier. Kaum vom Kater kuriert (oder eben nicht), haben sich viele Wissenschaftsredakteure auch gleich wieder beruflich dem Alkohol gewidmet. Besonders eine Studie im Fachblatt Science Translational Medicine erregte viel mediale Aufmerksamkeit – und Verwirrung.

Focus, Kölner Stadtanzeiger, Bild der Wissenschaft und andere berichteten über die Studie. Was hatten die Forscher herausgefunden? Dass nach Alkoholgenuss körpereigene Opiate im Nucleus accumbens — dem „Belohnungszentrum“ — und dem orbitofrontalen Cortex (OFC) ausgeschüttet werden. Das wurde vor allem für den Nucleus accumbens schon lange vermutet, hier aber erstmals direkt im menschlichen Gehirn gezeigt. Bei Vieltrinkern fand sich außerdem ein interessanter Zusammenhang: Die Trinker, die ein größeres Alkoholproblem hatten, schütteten auch mehr Opiate im OFC aus: Sie fühlten sich betrunkener und ihnen schmeckte der Alkohol besser, was nach Meinung der Studienautoren erklären könnte, warum sie anfälliger sind für die Freuden des Alkohols.

Frontallappen

Frontallappen/Lobus frontalis/frontal lobe

Der frontale Cortex ist der größte der vier Lappen der Großhirnrinde und entsprechend umfassend sind seine Funktionen. Der vordere Bereich, der so genannte präfrontale Cortex, ist für komplexe Handlungsplanung (so genannte Exekutivfunktionen) verantwortlich, die auch unsere Persönlichkeit prägt. Seine Entwicklung (Myelinisierung) braucht bis zu 30 Jahren und ist selbst dann noch nicht ganz abgeschlossen. Weitere wichtige Bestandteile des frontalen Cortex sind das Broca-​Areal, welches unser sprachliches Ausdrucksvermögen steuert, sowie der primäre Motorcortex, der Bewegungsimpulse in den gesamten Körper aussendet.

Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit/-/attention

Aufmerksamkeit dient uns als Werkzeug, innere und äußere Reize bewusst wahrzunehmen. Dies gelingt uns, indem wir unsere mentalen Ressourcen auf eine begrenzte Anzahl von Bewusstseinsinhalten konzentrieren. Während manche Stimuli automatisch unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, können wir andere kontrolliert auswählen. Unbewusst verarbeitet das Gehirn immer auch Reize, die gerade nicht im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen.

Nucleus

Nucleus/Nucleus/nucleus

Nucleus, Plural Nuclei, bezeichnet zweierlei: Zum einen den Kern einer Zelle, den Zellkern. Zum zweiten eine Ansammlung von Zellkörpern im Gehirn.

Nucleus accumbens

Nucleus accumbens/Nucleus accumbens/nucleus accumbens

Der Nucleus accumbens ist ein Kern in den Basalganglien, der dopaminerge (auf Dopamin reagierende) Eingänge vom ventralen Tegmentum bekommt. Er wird mit Belohnung und Aufmerksamkeit, aber auch mit Sucht assoziiert. In der Schmerzverarbeitung ist er an motivationalen Aspekten des Schmerzes (Belohnung, Schmerzabnahme) sowie an der Wirkung von Placebos beteiligt.

Orbitofrontaler Cortex

Orbitofrontaler Cortex/-/orbitofrontal cortex

Windung im Bereich des orbitofrontalen Cortex der Großhirnrinde, die sich anatomisch etwa hinter den Augen befindet. Der orbitofrontale Cortex spielt eine entscheidende Rolle bei der Entscheidungsfindung und der Überwachung sozialer Interaktionen und entsprechend komplex ist er aufgebaut. Insgesamt besteht er aus vier verschiedenen Substrukturen: der mediale, laterale, anteriore und der posteriore Gyrus orbitalis sowie der Gyrus rectus.

Orbitofrontaler Cortex

Orbitofrontaler Cortex/-/orbitofrontal cortex

Windung im Bereich des orbitofrontalen Cortex der Großhirnrinde, die sich anatomisch etwa hinter den Augen befindet. Der orbitofrontale Cortex spielt eine entscheidende Rolle bei der Entscheidungsfindung und der Überwachung sozialer Interaktionen und entsprechend komplex ist er aufgebaut. Insgesamt besteht er aus vier verschiedenen Substrukturen: der mediale, laterale, anteriore und der posteriore Gyrus orbitalis sowie der Gyrus rectus.

Trinker stiften Verwirrung

Und was machten die Medien daraus? Focus und Nachrichtenagentur dapd — hier im Kölner Stadtanzeiger — geben den Kern der Untersuchung verständlich und richtig wieder. Aber die Studie hat viele Feinheiten und Differenzierungen, die schnell verlorengehen: Die New York Times etwa vertut sich ein wenig und schreibt, nur bei Viel-​Trinkern habe die Menge an freigesetzten Endorphinen im OFC mit dem Gefühl der Trunkenheit korreliert. Dabei zeigt die Studie diesen Zusammenhang für alle Studienteilnehmer. Viel-​Trinker fühlten sich dabei lediglich besser. Wissenschaft aktuell behauptet, die Forscher hätten entdeckt, „dass sich das Gehirn der Alkoholiker im Vergleich zu den Nicht-​Trinkern durch die Droge verändert hatte. Dadurch empfanden sie Alkohol als noch angenehmer und berauschender als die Vergleichsgruppe.“ Dabei kann die Studie über die Ursache in den Gehirnunterschieden keine Aussage treffen. Möglicherweise sind Menschen, deren Gehirn so reagiert, deshalb zu Trinkern geworden, und nicht umgekehrt.

Der Preis für unfreiwillige Komik geht aber an das Hamburger Abendblatt. Der Alkoholkonsum habe im Gehirn aller Versuchsteilnehmer zur Ausschüttung körpereigener Opiate geführt, heißt es dort richtigerweise. Dann kommt der Autor, der offenbar noch nie abends auf der Reeperbahn unterwegs war, zu einem gewagten Schluss: „Damit liefert die Untersuchung den ersten Beweis, dass Alkohol die Stimmung von Menschen positiv beeinflusst.“ Und auch im weiteren Verlauf geht der Text haarscharf am Studienergebnis vorbei: „Bei Alkoholikern führte der Anstieg des Endorphinanteils im Hirn zu einem Gefühl der Trunkenheit.“ Auch das gilt natürlich für alle Menschen.

Kern

Kern/-/nucleus

Der Kern ist in einer Zelle der Zellkern, der unter anderem die Chromosomen enthält. Im Nervensystem ist der Kern eine Ansammlung von Zellkörpern – im zentralen Nervensystem als graue Masse, ansonsten als Ganglien bezeichnet.

Orbitofrontaler Cortex

Orbitofrontaler Cortex/-/orbitofrontal cortex

Windung im Bereich des orbitofrontalen Cortex der Großhirnrinde, die sich anatomisch etwa hinter den Augen befindet. Der orbitofrontale Cortex spielt eine entscheidende Rolle bei der Entscheidungsfindung und der Überwachung sozialer Interaktionen und entsprechend komplex ist er aufgebaut. Insgesamt besteht er aus vier verschiedenen Substrukturen: der mediale, laterale, anteriore und der posteriore Gyrus orbitalis sowie der Gyrus rectus.

Kleinlich macht richtig

Wie Redakteure dazu kommen, solche Sätze zu schreiben? Indem sie stille Post spielen. Das geht so: In der Pressemitteilung des Instituts wird die Forscherin Jennifer Mitchell mit diesem Satz zitiert: „It provides the first direct evidence of how alcohol makes people feel good.“ Focus übersetzt das noch ziemlich richtig als: „Das ist der erste direkte Beweis dafür, warum Alkohol uns glücklich macht.“ Bei wis​senschaft​.de wird daraus: „Das ist der erste direkte Beweis, dass Alkohol die Stimmung von Menschen positiv beeinflusst.“ Und das Hamburger Abendblatt, das wis​senschaft​.de zitiert, lässt dann auch noch das Wörtchen „direkt“ weg. So einfach ist das. Mit der Originalaussage hat der Satz inhaltlich nichts mehr zu tun. Das mag alles furchtbar kleinlich wirken. Aber der Hirnscanner plädiert dafür, hier kleinlich zu sein. Denn in der Wissenschaft ist es eben ein entscheidender Unterschied, ob man herausgefunden hat, wie etwas funktioniert oder dass es funktioniert. Und ein direkter Nachweis ist etwas anderes als ein indirekter.

Auch erstaunlich: Kein Journalist fand das Institut, an dem die Studie stattfand, ein paar Sätze wert. Dabei ist der Namensgeber der Ernest Gallo Clinic in San Francisco in diesem Zusammenhang eine spannende Persönlichkeit: Ernest Gallo war einer von zwei Brüdern, die 1933 nach dem Ende der Prohibition in den USA das Unternehmen E & J Gallo Winery gründeten. Gallo machte mit dem Weinverkauf Milliarden und finanzierte damit das Forschungsinstitut, in dem auch heute noch zwei der drei Direktoren aus der Familie Gallo kommen. Wie es im Kurztext zu einem der Direktoren heißt: „Mr. Gallo and the Gallo family are committed to helping grow wine consumption throughout the world and contributing to the long-​term success of the global wine industry.“ Eigentlich eine interessante und durchaus delikate Hintergrund-​Info zu einem Institut, das gerade eine Studie über Alkoholismus veröffentlicht hat.

Fraglicher Wert nicht hinterfragt

Doch zurück zur Kleinlichkeit mit Kleinigkeiten. Ähnliche Probleme wie bei der Alkoholiker-​Studie tauchten nämlich auch in Berichten über eine in „Plos One“ erschienene Untersuchung zum Thema „Internetsucht“ auf. So schreibt etwa der Independent, Wissenschaftler hätten gezeigt, wie Internetsucht das Gehirn verändere. Wie bei der Alkoholstudie, bleiben aber Ursache und Wirkung hier ebenfalls im Dunkeln. Außerdem sind die diagnostischen Kriterien für Internetsucht weitgehend unklar und die Zahl der Testpersonen war mit 17 „Internetsüchtigen“ und 16 „Kontrollen“ sehr gering. Leider bleiben diese Fakten, die Aussagekraft und wissenschaftlichen Wert der Untersuchung zumindest mindern, häufig unerwähnt, so auch bei Zeit online. Ein Lob gebührt hier dem Guardian, der die Studie kritisch hinterfragt.

Vielleicht liegt es ja auch wirklich daran, dass in den Redaktionen so früh im Jahr 2012 noch Katerstimmung herrschte. Die Substanz Dihydromyricetin aus dem Japanischen Rosinenbaum könnte dagegen in Zukunft helfen. Das schreiben jedenfalls Forscher der Universität von Kalifornien in Los Angeles in einer Studie im Journal of Neuroscience, über die unter anderem New Scientist und Spek​trum​.de berichten. Die Substanz reduzierte bei Ratten Anzeichen für Trunkenheit, Alkoholsucht und auch den Kater danach. Der Spektrum-​Artikel kreiert das schöné Wort Rattenkater, das der Hirnscanner in Anlehnung an „rattenvoll“ aber lieber für einen besonders schlimmen Kater verwenden würde. Ein wenig wundert es den Hirnscanner, dass die Geschichte nicht von mehr Medien aufgenommen wurde, zumal es sich offenbar um eine alte Substanz aus der traditionellen chinesischen Medizin handelt, sonst ein Garant für eine ausgiebige Berichterstattung. Interessant: Der Artikel im New Scientist weist auch auf die Gefahr hin, dass so eine Pille Menschen zu noch mehr Alkoholgenuss verführen – und so unterm Strich die Situation verschlimmern könnte. Das war’s wohl schon wieder mit dem Optimismus…

Auch Artikel über das Hirn können hirnlos sein. Darum will der Hirnscanner nicht nur auf spannende Beiträge aufmerksam machen, Interviews empfehlen und Themen kommentieren, sondern auch Schlagzeilen hinterfragen und Fehler aufzeigen (wo sie anderen passiert sind). Hinweise auf interessante Interviews, aufregende Artikel und peinliche Porträts werden unter hirnscanner@​kaikupferschmidt.​de gerne entgegengenommen.

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