Die Pille und das Schrumpfhirn

Autor: Ragnar Vogt

Wenn Frauen mit der Pille verhüten, dann wirkt sich das auf die Morphologie ihres Hirns aus. Über dieses Forschungsergebnis berichteten einige Medien – manche leider mit verkürzenden Schlagzeilen.

Veröffentlicht: 20.04.2015

Was assoziieren Sie, wenn von einem geschrumpften Gehirn die Rede ist? Vermutlich eine geringere Intelligenz, oder? Wenn Sie also die Schlagzeile „Lässt ‚Pille‘ das Gehirn schrumpfen?“ lesen, dann könnte vermutlich auch bei Ihnen die Angst entstehen, dass die Antibabypille dumm macht. Auch wenn es nur als Frage formuliert ist, ist es doch möglich, dass diese Überschrift Zweifel an der Verhütungsmethode entstehen lässt. Das zeigt, wie gefährlich eine nicht präzise formulierte Schlagzeile sein kann.

Diese Zeile gibt es wirklich, sie stammt von rtl​.de – und sie stimmt nur ungefähr mit dem Forschungsergebnis einer aktuellen Studien überein, über die berichtet werden soll. Die Studie deutet zwar wirklich auf einen Zusammenhang zwischen Hirnanatomie und der Einnahme der Antibabypille hin. Allerdings fanden die Forscher nur bestimmte Bereiche im Gehirn, die bei Frauen, die mit der Pille verhüten, verändert sind. Diese Einschränkung findet sich zwar weiter hinten im rtl.de-Artikel, aber es ist die Schlagzeile, die beim Leser hängen bleibt – und damit auch die Fehlinformation.

Dabei ist das Ergebnis der Studie sehr spannend: Bei Frauen, die die Pille nehmen, sind demnach ausgewählte Cortex-​Areale deutlich dünner als normal. Es sind vor allem Bereiche betroffen, die zum Belohnungssystem gehören, sowie Gebiete, in denen der innere Zustand bewertet wird. Die Einnahme der Antibabypille also könnte Denken und Verhalten beeinflussen. Ob dem jedoch so ist, haben die Forscher nicht untersucht. Dennoch schreibt rtl​.de, dass die „Gehirnfunktionen beeinträchtigt seien.“ Eine zweite Überinterpretation der Ergebnisse.

Mesolimbisches System

Mesolimbisches System/-/mesolimbic pathway

Ein System aus Neuronen, die Dopamin als Botenstoff verwenden und das entscheidend an der Entstehung positiver Gefühle beteiligt ist. Die Zellkörper liegen im unteren Tegmentums und ziehen unter anderem in die Amygdala, den Hippocampus und – besonders wichtig – den Nucleus accumbens, wo sie ihre Endköpfchen haben.

Kurz und knapp – aber bitte korrekt

Nun könnte man sagen, es ist doch nur ein einzelner Bericht, der irgendwo auf rtl​.de erschienen ist, warum regt sich der Hirnscanner so auf? Aber gerade Internetseiten wie rtl​.de haben eine besondere Verantwortung, denn sie sind allgemein sehr niedrigschwellig und erreichen viele Menschen – darunter auch manche, die solche Schlagzeilen nicht unbedingt hinterfragen.

Verstehen Sie den Hirnscanner nicht falsch: Natürlich sollte berichtet werden, wenn über die Pille neue Nebenwirkungen bekannt werden. Zumal schon länger bekannt ist, dass dieses Verhütungsmittel das psychische Befinden beeinflussen kann. So berichten einige Frauen von Stimmungsschwankungen. Zudem nimmt bei Nutzerinnen die Rate von Depressionen zu – übrigens ein Grund für die erwähnte Studie. Aber der Forschungsstand zu den Nach– und Vorteilen der Pille sollte präzise dargestellt werden – anstatt mit verkürzenden Schlagzeilen zu verwirren.

Wie man über das Forschungsergebnis kurz und knapp und dennoch korrekt berichtet, zeigen übrigens vorbildlich 20 Minuten (dort gibt es auch eine schöné Infografik, die die verschiedenen Verhütungsmethoden vergleicht) und focus​.de. Frauen​z​im​mer​.de berichtet auch solide. Doch auch hier ist an einer Stelle davon die Rede, dass die Hirnfunktion beeinträchtigt sei – wie schon erwähnt, wurde die Funktion nicht gemessen.

Depression

Depression/-/depression

Phasenhaft auftretende psychische Erkrankung, deren Hauptsymptome die traurige Verstimmung sowie der Verlust von Freude, Antrieb und Interesse sind.

Lob an Spiegel Online

Doch der Hirnscanner möchte heute nicht nur nörgeln, er hat auch einen Anlass gefunden, ohne Einschränkung zu loben, und zwar Spiegel Online. Dort berichtet die Autorin Heike Le Ker über einen in der Gesellschaft kaum bekannten Auslöser von Depressionen: Entzündungen. Zahnwurzelentzündungen, Harnwegsinfekte oder chronische Darmerkrankungen, heißt es da, könnten oftmals die Ursache für diese psychische Erkrankung sein.

In dem Artikel wird dieser Zusammenhang sehr anschaulich beschrieben. So ruft die Autorin bei den Lesern ihre eigenen Erfahrungen ab, um den Zusammenhang zwischen Entzündungen und Depressionen plausibel zu machen. Wer etwa einen Infekt habe, heißt es in dem Artikel, der sei antriebslos, ziehe sich zurück und schone sich. Das zeige, wie leicht das Immunsystem die Psyche beeinflussen könne. Und genau solche Veränderungen seien Symptome von Depressionen. Zudem erfährt der Leser die neuesten Erkenntnisse der Forschung zu dem Thema. Mit anderen Worten: Die Autorin hat ihren Job sehr gut gemacht.

Depression

Depression/-/depression

Phasenhaft auftretende psychische Erkrankung, deren Hauptsymptome die traurige Verstimmung sowie der Verlust von Freude, Antrieb und Interesse sind.

Gut gewählter Zeitpunkt

Das allein wäre allerdings kein Anlass für ein herausgehobenes Lob in dieser Kolumne. Der Hirnscanner freut sich vielmehr zusätzlich über den Zeitpunkt der Veröffentlichung des Artikels wenige Wochen nach dem Absturz der Germanwings-​Maschine 4U9525. Das Unglück mit 150 Toten soll ein Copilot mutwillig herbeigeführt haben, bei dem eine Depression diagnostiziert worden war. Die Krankheit wurde fortan in vielen Medien als Erklärung für die schreckliche und unerklärliche Tat gehandelt (warum das falsch ist, hier ein älterer Artikel der Süddeutschen Zeitung). Die Boulevard-​Medien überschlugen sich mit entsprechenden Berichten – was leider die Politik nicht unbeeindruckt lies: Bayerns Innenminister Joachim Herrmann forderte gar ein Berufsverbot für Depressive. Ein menschenfeindlicher und weltfremder Vorschlag, der zudem verkennt, wie verbreitet Depressionen sind.

So tat der nüchterne und aufklärerische Artikel auf Spiegel Online gut, zumal mit der körperlichen Ursache, der Entzündung, deutlich wird, was eine Depression tatsächlich ist: Kein Stigma, vor dem man Angst haben muss. Keine Laune, die man mit positivem Denken wegbekommt. Eine Depression ist eine Krankheit. Sehr belastend, aber mit der richtigen therapeutischen Hilfe auch oft behandelbar. An dieser Stelle noch ein Nachtrag: Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde hat Anfang April eine lesenswerte Stellungnahme zum Germanwings-​Absturz veröffentlicht. Darin fordert sie dazu auf, sensibel mit dem Thema Depression umzugehen und warnt eindringlich davor, die Krankheit zu stigmatisieren. Der Hirnscanner wird weiterhin überwachen, ob das den Journalisten-​Kollegen gelingt.

Depression

Depression/-/depression

Phasenhaft auftretende psychische Erkrankung, deren Hauptsymptome die traurige Verstimmung sowie der Verlust von Freude, Antrieb und Interesse sind.

Depression

Depression/-/depression

Phasenhaft auftretende psychische Erkrankung, deren Hauptsymptome die traurige Verstimmung sowie der Verlust von Freude, Antrieb und Interesse sind.

Psychosomatik

Psychosomatik/-/psychosomatic medicine

Die Psychosomatik untersucht die Auswirkungen von emotionalen und kognitiven Prozessen auf den Körper, insbesondere auf das subjektive Krankheitsempfinden. Hierzu zählen seelische Probleme mit physischen Folgen wie etwa Essstörungen genauso wie Hypochondrie. Nachdem Psychologen zunächst theoretische Modelle zur Erklärung psychosomatischer Phänomene herangezogen hatten, ist das Fachgebiet seit Mitte des 20. Jahrhunderts auch Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Seit 2003 gibt es offiziell Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.

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