Die ignorierte Streitschrift zur Hirnforschung

Autor: Ragnar Vogt

Es gibt Streit in der Wissenschaftscommunity! Eine Gruppe von Psychologen, Psychiatern und Philosophen wirft den Neurowissenschaften vor, zu einseitig zu forschen. Doch leider bekommen die Medien den Konflikt nicht mit.

Veröffentlicht: 24.02.2014

Stellen Sie sich vor, 14 Bundestagsabgeordnete finden sich über die Parteigrenzen hinweg zusammen und formulieren eine Art Streitschrift. Darin beschreiben sie, was im Parlamentsbetrieb alles falsch läuft und wie mit einem neuen Demokratieverständnis viel bessere Politik gemacht werden könnte. Was würde passieren? Unabhängig davon, ob sie recht haben, wären die Medien voll davon. Die Rebellen wären auf allen Kanälen, ebenso ihre Widersacher. Ähnlich würde es vermutlich bei einem vergleichbaren Streit in der Kultur oder der Wirtschaft ablaufen.

Und was passiert in der Wissenschaftsberichterstattung, wenn 14 namhafte Wissenschaftler die Arbeitsweise vieler Kollegen infrage stellen und neue Denkansätze einfordern? Das konnte man in den letzten Wochen beobachten. Um die Antwort vorwegzunehmen: Fast nichts passierte in den Medien, die Debatte über eine mögliche Neuausrichtung der Neurowissenschaften findet beinahe unbeachtet von der Öffentlichkeit statt.

Forscher auf der Euphoriewelle

Doch der Reihe nach: Vor zehn Jahren wurde schon mal eine Streitschrift von Neurowissenschaftlern veröffentlicht, 11 Forscher waren es damals. Manifest nannten sie ihre Schrift. Die Wissenschaftler surften auf einer Euphoriewelle, der Boom der Neurowissenschaft hatte gerade begonnen. So wagten sie mutige Prognosen, was bereits in zehn Jahren (also heute) vollbracht sein könnte: „Die wichtigsten molekularbiologischen und genetischen Grundlagen neurodegenerativer Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson“ könnten verstanden werden. Eine „neue Generation von Psychopharmaka“ würde entwickelt werden. Ja, sogar das „kleine Einmaleins des Gehirns“ könne in absehbarer Zeit entschlüsselt werden.

Das Manifest war Ausdruck eines Hochgefühls in der Szene. Durch immer bessere Hirnscanner, Mikroskope und Computertechniken glaubte man, dass man nicht mehr weit davon entfernt ist, zu verstehen, wie unser Denken funktioniert. Heute hält dieses Hochgefühl noch immer bei vielen an, auch wenn die allzu mutigen Prognosen bisher nicht eingetroffen sind. Und das Hochgefühl hat sich auf die Forschungspolitik übertragen: Unglaublich viel Geld wurde in die Neurodisziplinen gesteckt, zuletzt in die Milliardenprojekte Human Brain Project der EU und die US-​Initiative Brain.

Enttäuschende Bilanz

Anlass genug, zehn Jahre nach dem euphorischen Manifest eine Zwischenbilanz zu ziehen. Das machten nun 14 Forscher – vor allem Psychologen, Psychiater und Philosophen: Dem Manifest von damals setzen sie ein Memorandum gegenüber, veröffentlicht in Psychologie Heute. Darin stellen sie zunächst fest, dass viele der Prognosen von damals nicht eingetroffen sind. Sie sprechen von einer „eher enttäuschenden“ Bilanz. Doch nicht nur das, sie formulieren zudem eine sehr grundsätzliche Kritik an der Herangehensweise vieler ihrer Kollegen.

Die letzten Jahre der immer besseren neurowissenschaftlichen Techniken hätten zwar „immer detailliertere Beschreibungen“ geliefert. Doch auf diese Weise könne man die Arbeitsweise des Gehirns nicht verstehen. Und die Memorandum-​Schreiber werden noch grundsätzlicher. Der Glaube daran, alles was den menschlichen Geist ausmache, könne man den Neuronen zuordnen, sei nicht mehr naturwissenschaftlich, sondern naturphilosophisch. Ja, sogar eine „Metaphysik“ wird mechanistischen Neurowissenschaftlern unterstellt.

Anstelle dieses eingeschränkten Blicks fordern sie, dass die theoretische Neurowissenschaft ausgebaut werden solle. Vor allem aber setzen sie sich für ein ganzheitlicheres Herangehen ein: Die Biologen sollen eng mit Psychologen und Philosophen zusammenarbeiten, „um der Gefahr eines methodisch-​technischen Aktionismus und drohender Überinterpretation naturwissenschaftlicher Befunde zu begegnen“. Herauskommen solle auf diese Weise eine „nachdenkliche Neurowissenschaft“.

Also ziemlich steile Thesen, ziemlich scharfe Angriffe auf die Kollegen in dem Manifest. Der Verfasser dieser Kolumne kann nicht beurteilen, wie nötig dieses Aufrütteln ist. Sein – zugegebenermaßen sehr subjektiver und nicht-​repräsentativer – Eindruck ist: Bei vielen Neurowissenschaftlern ist dieses die eigene Herangehensweise hinterfragende Denken ohnehin schon sehr verbreitet. Auch wird der Austausch mit Philosophen und Psychologen bereits gesucht – wenn auch vielleicht in nicht ausreichendem Maße.

Neuron

Neuron/-/neuron

Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

Die Medien lieben Konflikte – eigentlich

Aber in dieser Kolumne soll es nicht um die Bewertung der Inhalte dieses lesenswerten Manifests gehen. Sondern: Hier bezieht eine Gruppe von Wissenschaftlern eine sehr streitbare Position, das sollte das Interesse der Medien wecken. Ein vergleichbarer Diskurs in Politik, Kultur oder Wirtschaft würde, wie schon am Anfang dieses Artikels gesagt, dankbar abgefeiert werden. Die Medien lieben Konflikte! Konflikte bringen Emotionen, fesseln den Leser, über Konflikte lassen sich trockene Sachverhalte spannend erzählen.

Also sollten Wissenschaftsjournalisten dankbar sein über die Steilvorlage: Sie könnten die Autoren des Memorandums befragen, was sie dazu gebracht hat, in so einem für die Wissenschaftswelt unüblichen Ton Kollegen öffentlich anzugreifen. Unabhängige Forscher könnten eine Einordnung bringen: Wie relevant ist der Konflikt in der Wissenschaftscommunity? Und man könnte die Verfasser des Manifests von vor zehn Jahren befragen, was sie zu der Kritik an ihrer damaligen Euphorie sagen.

Beinahe keine Nachfragen

Der Leser ahnt es schon: Fast nichts davon ist geschehen. Beinahe keine Nachfragen. Noch nicht mal erwähnt wurde das Memorandum. Doch halt: In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kommentiert Wissenschaftsressortleiter Joachim Müller-​Jung die Streitschrift: Mit der geforderten „nachdenklichen Neurowissenschaft“ solle eine Lücke geschlossen werden, die keiner beklagt. Und der Wochenzeitung Zeit ist das Memorandum aufgefallen. Sie zitiert einen der Verfasser mit den Worten: „Das Gehirn allein denkt nicht“, es sei „immer die ganze Person, die etwas wahrnimmt, überlegt, entscheidet, sich erinnert und so weiter, und nicht ein Neuron oder ein Cluster von Molekülen.“

Ansonsten Stille in der Medienwelt. Warum? Vermutlich sind Journalisten, die über Naturwissenschaften berichten, so einen grundsätzlichen Streit innerhalb der Forschercommunity nicht gewohnt. Sie berichten normalerweise über Forschungsergebnisse. Manchmal gibt es Streit darüber, ob eine Studie stimmt oder nicht. Doch ansonsten ist sich die Forschergemeinschaft weitgehend einig, dass möglichst alles mit möglichst allen zur Verfügung stehenden Methoden erforscht werden sollte. Das macht dieses Memorandum so besonders: Die Forderung an eine gesamte Forschungsdisziplin, einen Schritt zurückzutreten und nochmal nachzudenken, ob man nicht auf andere Weise eher zum Ziel kommen könnte. Leider zu besonders, als dass es die Wissenschaftsjournalisten bemerkt hätten.

Neuron

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Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

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