Der hohe Preis der Intelligenz?

Ist Schizophrenie der Preis für unser komplexes menschliches Gehirn? Und das Rauchen ein Auslöser dieser Erkrankung? Die Medien berichten von zwei Studien hierzu – und das mal mehr, mal minder ausgewogen.

Veröffentlicht: 27.07.2015

Haben Sie sich auch schon einmal gefragt, warum es überhaupt psychische Störungen gibt? Immerhin senken mentale Störungen evolutionsbiologisch betrachtet die Wahrscheinlichkeit zu überleben und sich fortzupflanzen. Die Evolution müsste daher psychische Leiden eigentlich „ausgemerzt“ haben. Im Falle der Schizophrenie hat man nun eine Antwort gefunden. Das legt jedenfalls ein Artikel auf Welt​.de nahe: „Schizophrenie ist der Preis für komplexes Gehirn“, lautet die Überschrift des Beitrags. Der Artikel beginnt mit einer interessanten Beobachtung: Psychische Störungen wie Depressionen oder Zwangsstörungen gebe es auch bei Tieren, Schizophrenie hingegen finde sich im Tierreich nicht. Wieso eigentlich?

Depression

Depression/-/depression

Phasenhaft auftretende psychische Erkrankung, deren Hauptsymptome die traurige Verstimmung sowie der Verlust von Freude, Antrieb und Interesse sind.

Zwangsstörungen

Zwangsstörung/-/obsessive compulsive disorder

Diese Bezeichnung fasst neuropsychiatrische Erkrankungen zusammen, die sich einerseits in Form von Zwangsgedanken und andererseits in Form von Zwangshandlungen manifestieren. Die Betroffenen haben beispielsweise den Drang, sich ständig wiederkehrenden, meist angstvollen Gedanken zu widmen, sich übermäßig oft zu waschen oder ihre Mitmenschen unverhältmismäßig stark zu kontrollieren. Während Neurowissenschaftler Zwangsstörungen früher rein psychologisch zu erklären versuchten, ist man mittlerweile davon überzeugt, dass auch einige biologische Faktoren zu ihrer Entstehung beitragen, wie etwa ein gestörter Stoffwechsel verschiedener Neurotransmitter im Gehirn.

Komplexe Funktionen fördern komplexe Dysfunktionen

Der Beitrag beschreibt gut nachvollziehbar eine neue Studie zu dieser Frage. Sie stammt von Wissenschaftlern um den Genetiker Joel Dudley von der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York. Die Forscher nahmen so genannte Human accelerated regions (HARs) unter die Lupe. Dabei handelt es sich um kleine Abschnitte der DNA, die sich in großem Tempo veränderten, als sich der menschliche Vorfahre in der Evolution genetisch vom Schimpansen abzuspalten begann – möglicherweise, weil das dem Menschen evolutionäre Vorteile brachte. Diese Abschnitte der DNA steuern die Aktivität von benachbarten Genen mit. Dudley und seine Kollegen fanden nun, dass die HARs überzufällig oft in direkter Nähe zu Genen saßen, die Schizophrenie mitverursachen. „Das ließ die Wissenschaftler vermuten, dass sie deren Aktivität regulierten“, so Welt​.de.

Wie eine anschließende Genanalyse offenbarte, hatten HAR-​assoziierte Schizophrenie-​Gene Einfluss auf Hirnregionen und Botenstoffe, deren Funktion bei der Erkrankung aus dem Gleichgewicht gerät. Ein schizophrenes Gehirn sei also sozusagen die Schattenseite des hochkomplexen menschlichen Gehirns, so Welt​.de.

Der Hirnscanner findet die Untersuchung spannend. Doch noch scheint es ihm etwas verfrüht zu sein, um solch eine steile These in den Medien zu verbreiten. Ein Beitrag auf Sci​en​tifi​cAmer​i​can​.com klingt da auch schon viel vorsichtiger. Er lässt Joel Dudley selbst zu Wort kommen: „Wichtig ist, dass unsere Studie nicht gezielt darauf angelegt war, die evolutionäre Kosten-​Nutzen-​Abwägung einzuschätzen.“ Dennoch unterstütze seine Forschung die Hypothese, dass die Entwicklung der mentalen Fertigkeiten des Menschen möglicherweise ihren Preis gehabt habe.

Gen

Gen/-/gene

Informationseinheit auf der DNA. Den Kernbestandteil eines Gens übersetzen darauf spezialisierte Enzyme in so genannte Ribonukleinsäure (RNA). Während manche Ribonukleinsäuren selbst wichtige Funktionen in der Zelle ausführen, geben andere die Reihenfolge vor, in der die Zelle einzelne Aminosäuren zu einem bestimmten Protein zusammenbauen soll. Das Gen liefert also den Code für dieses Protein. Zusätzlich gehören zu einem Gen noch regulatorische Elemente auf der DNA, die sicherstellen, dass das Gen genau dann abgelesen wird, wenn die Zelle oder der Organismus dessen Produkt auch wirklich benötigen.

Gen

Gen/-/gene

Informationseinheit auf der DNA. Den Kernbestandteil eines Gens übersetzen darauf spezialisierte Enzyme in so genannte Ribonukleinsäure (RNA). Während manche Ribonukleinsäuren selbst wichtige Funktionen in der Zelle ausführen, geben andere die Reihenfolge vor, in der die Zelle einzelne Aminosäuren zu einem bestimmten Protein zusammenbauen soll. Das Gen liefert also den Code für dieses Protein. Zusätzlich gehören zu einem Gen noch regulatorische Elemente auf der DNA, die sicherstellen, dass das Gen genau dann abgelesen wird, wenn die Zelle oder der Organismus dessen Produkt auch wirklich benötigen.

Der Preis des Rauchens?

Neben einer genetischen Veranlagung spielen auch Umweltfaktoren eine Rolle bei der Entstehung von Schizophrenie. Einen entscheidenden solchen Faktor wollen die Medien nun ausgemacht haben: „Rauchen kann Schizophrenie auslösen“, heißt es bei Heil​praxis​.net. Und Focus Online überschreibt einen Beitrag mit den Worten: „Erschreckende Zahlen: Studie zeigt, warum Schizophrenie und Rauchen zusammengehören“.

Der äußerst knappe Beitrag auf Focus Online verweist auf einen lange bekannten Zusammenhang: Schizophreniepatienten sind überdurchschnittlich oft auch Raucher. Nun sei die Frage, ob die Betroffenen zuerst geraucht hätten oder erst nach dem Ausbrechen ihrer Erkrankung zum Glimmstängel gegriffen hätten. Focus Online zufolge haben Forscher herausgefunden, dass oftmals zuerst das Rauchen kommt.

Tatsächlich hatten Forscher in einer systematischen Übersichtsarbeit mehr als 60 Studien zu dem Thema ausgewertet. Das erfährt man auf Ärzteblatt.de. In Fall-​Kontroll-​Studien sei die Chance, an der Psychose zu erkranken, bei Rauchern gegenüber Nichtrauchern dreifach erhöht gewesen. Der Beginn des Rauchens bei Patienten und Gesunden hingegen sei vergleichbar gewesen, so Ärzteblatt.de. Das sähen die Forscher als Hinweis dafür, dass schizophrene Patienten Zigaretten nicht zur Selbstmedikation nutzen, etwa um mit den Symptomen der Erkrankung besser umgehen zu können. Rauchen könnte stattdessen ursächlich an der Entstehung von Schizophrenie beteiligt sein. Ärzteblatt.de wählt eine sehr zurückhaltende Überschrift für den Artikel: „Rauchen könnte Schizophrenie-​Risiko erhöhen“.

Ganz anders auf Focus Online. Hier behauptet man, die Studie habe „enthüllt, dass das Rauchen von Tabak tatsächlich eine Ursache für eine Psychose sein kann.“ Und Focus Online kennt auch den Grund: „Das in den Zigaretten enthaltene Nikotin bewirkt, dass mehr Dopamin im Gehirn freigesetzt wird. Und ein Überschuss an Dopamin gilt in vielen Fällen als Erklärung für die Entstehung einer Psychose.“ Doch in Wahrheit handelt es sich hierbei nicht um ein Ergebnis der Studie, sondern nur um eine Vermutung der Forscher. Untersucht haben sie diese Vermutung in der vorliegenden Studie nicht. Das alles hätte der Autor bei Focus Online wissen und dem Leser erklären können.

Dopamin

Dopamin/-/dopamine

Dopamin ist ein wichtiger Botenstoff des zentralen Nervensystems, der in die Gruppe der Catecholamine gehört. Es spielt eine Rolle bei Motorik, Motivation, Emotion und kognitiven Prozessen. Störungen in der Funktion dieses Transmitters spielen eine Rolle bei vielen Erkrankungen des Gehirns, wie Schizophrenie, Depression, Parkinsonsche Krankheit, oder Substanzabhängigkeit.

Gute Alzheimer-​Berichterstattung

Angenehm zurückgehalten haben sich die Medien erfreulicherweise bei einem Thema, bei dem sich der Hirnscanner schon förmlich die Sensationslust in den Augen der Redakteure vorstellen konnte: Alzheimer. Auf einer Alzheimer-​Konferenz in Washington hatten Pharmaunternehmen Studienergebnisse zu neuen Therapieansätzen vorgestellt. Anders als frühere Therapien setzen die neuen Präparate nicht an Symptomen an, sondern an einer der möglichen Ursachen: an Ansammlungen des Proteins Beta-​Amyloid im Gehirn.

Am weitesten fortgeschritten ist offenbar ein Wirkstoff des US-​Pharmakonzerns Eli Lilly. „Die bisherigen Studienresultate waren zwar nicht sehr ermutigend“, schreibt der schweizerische Tagesanzeiger über das Präparat. Denn die Wirkung über alle Patientengruppen gesehen sei enttäuschend ausgefallen. „Bei der detaillierten Auswertung der Daten wurde jedoch festgestellt, dass das Mittel bei Patienten mit der milden Ausprägung von Alzheimer gewisse Erfolge zeigt.“ Eine erneute Analyse habe ergeben, dass das Mittel eine Zeitlang den Abbau der Gedächtnisleistung und die Verminderung anderer Gehirnfunktionen im Vergleich zu Placebo verlangsame. Der Tagesanzeiger spricht in der Überschrift des Beitrags daher auch nur von „Zaghaften Fortschritten bei Alzheimer-​Präparaten“.

Auch das Hamburger Abendblatt berichtet ausgewogen. Neben optimistischen Stimmen lassen sie auch vorsichtige zu Wort kommen: Es sei „noch viel zu früh, um definitiv zu sagen, dass dieses Medikament einen positiven Einfluss auf den Krankheitsverlauf haben wird“, sagt etwa Tim Magnus vom Uniklinikum Hamburg-​Eppendorf.

Auf ein großes Problem weist ein Beitrag auf S üddeutsche.de hin: „Eine Schwierigkeit ist, den frühen, symptomlosen Alzheimer-​Prozess eindeutig erkennbar zu machen. Das wäre nötig, um neue Therapien rechtzeitig anzuwenden und nicht erst dann, wenn die Zellen im Gehirn bereits abgestorben sind.“

Offensichtlich haben die Medien aus der Vergangenheit, in der sie immer wieder vorläufige Therapieergebnisse als Durchbruch in der Alzheimer-​Forschung gefeiert haben, gelernt. Vielleicht gibt es solche Lerneffekte in Zukunft auch bei anderen Themen. Wie die Alzheimerforschung schwankt auch der Hirnscanner zwischen Hoffnung und Skepsis. Doch die Hoffnung, sie stirbt bekanntlich zuletzt. Drücken wir in beiden Fällen die Daumen.

Auge

Augapfel/Bulbus oculi/eye bulb

Das Auge ist das Sinnesorgan zur Wahrnehmung von Lichtreizen – von elektromagnetischer Strahlung eines bestimmten Frequenzbereiches. Das für den Menschen sichtbare Licht liegt im Bereich zwischen 380 und 780 Nanometer.

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