Das Ende der Neuro-Nachrichten?

Autor: Ulrich Pontes

Macht das alles Sinn? Fast möchte der Hirnscanner in eine tiefe Herbstdepression versinken. Denn angeblich finden Nachrichten aus den Neurowissenschaften kaum Leser; und die Berichterstattung über zwei Neuro-​Studien dürfte daran nichts ändern.

Veröffentlicht: 17.11.2014

Es ist Mitte November – und der Hirnscanner würde am liebsten vom Halloween-​Trubel direkt in eine Herbst-​Depression fallen. Denn ihm ist ein erschreckender Befund untergekommen: Laut einer britischen Studie geht dem allgemeinen Publikum Neurowissenschaft schlicht am Allerwertesten vorbei. Relevant finden das Thema allenfalls diejenigen, die von neurologischen oder psychiatrischen Erkrankungen betroffen sind, dann aber auch nur im Hinblick auf die Erforschung von Therapiemöglichkeiten – so das Ergebnis von Interviews mit 48 Bürgern von London. In einer Kolumne des US-​amerikanischen Magazins WIRED fragt deswegen ein studierter Neurowissenschaftler, der jetzt als Wissenschaftsjournalist arbeitet: Sollte sich das Ergebnis der Befragung auch anderswo bestätigen lassen – warum in aller Welt sind Journalisten dann so Neuro-​fixiert, wie es sich in vielen Schlagzeilen à la „Wie Netflix unsere Gehirne verändert“ spiegele? Liegen diese Journalisten dann nicht grundfalsch?

Ein kritischer Blick auf die deutschsprachige Neuroberichterstattung der zurückliegenden zwei Wochen macht die Sache nicht besser. So entdeckte der Hirnscanner, dass etwa Geister die Schlagzeilen beherrschten – leicht verspätet, aber ansonsten gut zu Halloween passend, das den Hirnscanner ja auch in seiner vorherigen Ausgabe schon beschäftigte. „Wissenschaftliche Geisterbeschwörung“ titelte etwa wis​senschaft​.de; und auch das hier eher selten zitierte IT-​News-​Portal golem​.de zeigte sich beeindruckt: „Roboter beschwört Geister“. Etwas sachlicher kamen sued​deutsche​.de und welt​.de daher – mit „Illusion von Geistern: Künstlicher Spuk im Labor“ und „Wie Forscher das Erscheinen von Geistern erklären“. Die Sache am besten auf den Punkt brachte es die Neue Zürcher Zeitung: „Warum das Gehirn Geister sieht“.

Reinhold Messner überall

Forscher um Olaf Blanke an der Universität EPFL in Lausanne waren von der Tatsache ausgegangen, dass Patienten mit neurologischen Erkrankungen manchmal über den Eindruck berichten, dass Geister (wahlweise auch Engel oder Dämonen) präsent seien. Während solche Patienten offenbar durchgehend Beeinträchtigung in bestimmten Hirnregionen haben, haben es die Forscher geschafft, durch einen speziellen Apparat auch bei einigen Gesunden die entsprechenden Areale so zu verwirren, dass die Probanden anschließend die Illusion hatten, jemand stünde hinter ihnen – obwohl sie wussten, dass da nur der Apparat sie berührt.

So weit, so interessant. Liest man dann aber die Artikel zu den zitierten Überschriften, fällt auf, dass sie das Phänomen durchgängig mit einer dramatischen Szene aus dem Leben Reinhold Messners illustrieren: Der hatte einmal das Gefühl gehabt, nicht nur mit seinem Bruder von einem Berg herabzusteigen, sondern einen dritten Bergsteiger dabei zu haben. Kein Zufall: Die in PR-​Fragen offensichtlich gewieften Forscher stellten nicht nur Bild– und Videomaterial zu ihrem Experiment zur Verfügung, sondern stiegen schon in der wissenschaftlichen Originalveröffentlichung mit dem Beispiel des Bergsteigers ein. Auch die Pressemitteilung der Hochschule konnte darauf recht bequem aufbauen. Der Artikel auf sued​deutsche​.de ist immerhin so aufrichtig, deutlich zu machen, dass die Anekdote aus dem Originalpaper stammt und nicht etwa eine geniale Assoziation des Journalisten darstellt.

Nur zwei Fragen lassen den Hirnscanner angesichts aller gescannten Texte zu dieser Studie nicht los: Welchen Mehrwert bietet eigentlich die journalistische Aufarbeitung? Was haben die zitierten Artikel, das nicht schon die – zugegebenermaßen sehr fundierte – Pressemitteilung liefert? Die bedrückende Antwort: Nichts. Jedenfalls inhaltlich gesehen. Keine zusätzlichen Infos, keine Einbettung in einen größeren Horizont, keine Stimmen von Wissenschaftlern, die nicht zu den Autoren der Studie zählen. Lediglich etwas gestrafft und ins Deutsche übersetzt haben die betreffenden Redakteure das PR-​Material. Ein Beispiel, das leider exemplarisch für einen Trend steht: Während die Öffentlichkeitsarbeit für wissenschaftliche Institutionen ein immer größeres Gewicht bekommt und entsprechend ausgebaut wird, stehen die meisten Redaktionen unter enormem Kostendruck. Folglich fehlt es zunehmend an Zeit für fundierte Recherché – oder gleich ganz an kompetenten Wissenschaftsjournalisten, die wissen, woher sie etwa eine unabhängige Einschätzung zu einer Studie bekommen können.

Neues Killer-​Virus befällt menschliches Gehirn – oder so ähnlich

Etwas anders, aber nicht besser sieht es bei einem zweiten aktuellen Beispiel aus. US-​Forscher haben entdeckt, dass manche Menschen ein Virus in sich tragen, das eigentlich Süßwasseralgen befällt – und dass dieses Virus offenbar manche Leistungen des Gehirns beeinträchtigt, auch wenn es keine echte Erkrankung hervorruft. Über dieses „dümmer machende Virus“ berichten im deutschsprachigen Raum etwa n24​.de und die Schweizer Gratiszeitung 20min​.ch.

Nicht nur an der geringen Resonanz wird ersichtlich, dass in diesem Fall keine große PR-​Arbeit die – immerhin im renommierten Fachjournal PNAS erschienene – Studie begleitet hat. Es schleichen sich auch kleinere Ungenauigkeiten ein. „Bei den Betroffenen ruft das Virus offenbar eine Genveränderung im Gehirn hervor“, schreibt etwa 20min​.ch – was so klingt, als ob das Gehirn ein Gen enthält oder sogar ein Gen ist. Dabei sind Gene Abschnitte der Erbsubstanz, die wiederum in jeder einzelnen Zelle steckt, also zum Beispiel in den Nervenzellen oder den Gliazellen im Gehirn, die diesen Monat das große Thema bei das​ge​hirn​.info sind (Glia: die unbekannten Hirnzellen). Tatsächlich mutmaßen die Forscher, dass das Algenvirus beim Menschen eine Immunreaktion bewirkt, die ihrerseits die Genexpression im Gehirn beeinflusst, also die Herstellung von Proteinen gemäß der genetischen Information. Allerdings ist lobend zu erwähnen, dass 20min​.ch eine (relativierende) Expertenmeinung bringt, auch wenn hier nur ein Nachrichtenartikel des Wissenschaftsmagazins Science zitiert wird – und zwar mit den Worten: „Wenn Sie mich fragen, ob mich die Existenz dieses Virus beunruhigt, dann muss ich verneinen.“

Irritiert war der Hirnscanner über den Text, den focus​.de zu dieser Studie veröffentlicht hat: Da wird in der Überschrift das sonst harmlose Algen-​Virus zum „Killer“, und Algen werden zu Pflanzen. Gleich im Vorspann wird behauptet, die Forscher hätten das Virus im Gehirn entdeckt, wo es Schaden anrichte – tatsächlich haben die Forscher das Virus gerade nicht im Gehirn entdeckt, weshalb sie den bereits erwähnten indirekten Wirkmechanismus über das Immunsystem vermuten. Aber woher sollte der Autor oder die Autorin dieses Artikels das auch so genau wissen: Der Text erweckt den Eindruck, die wissenschaftliche Originalveröffentlichung in PNAS überhaupt nicht zur Kenntnis genommen zu haben, denn er bezieht sich ausschließlich auf einen journalistischen Bericht des US-​Magazins Newsweek. Der Hirnscanner findet diese Praxis nicht sehr professionell.

Gen

Gen/-/gene

Informationseinheit auf der DNA. Den Kernbestandteil eines Gens übersetzen darauf spezialisierte Enzyme in so genannte Ribonukleinsäure (RNA). Während manche Ribonukleinsäuren selbst wichtige Funktionen in der Zelle ausführen, geben andere die Reihenfolge vor, in der die Zelle einzelne Aminosäuren zu einem bestimmten Protein zusammenbauen soll. Das Gen liefert also den Code für dieses Protein. Zusätzlich gehören zu einem Gen noch regulatorische Elemente auf der DNA, die sicherstellen, dass das Gen genau dann abgelesen wird, wenn die Zelle oder der Organismus dessen Produkt auch wirklich benötigen.

Gen

Gen/-/gene

Informationseinheit auf der DNA. Den Kernbestandteil eines Gens übersetzen darauf spezialisierte Enzyme in so genannte Ribonukleinsäure (RNA). Während manche Ribonukleinsäuren selbst wichtige Funktionen in der Zelle ausführen, geben andere die Reihenfolge vor, in der die Zelle einzelne Aminosäuren zu einem bestimmten Protein zusammenbauen soll. Das Gen liefert also den Code für dieses Protein. Zusätzlich gehören zu einem Gen noch regulatorische Elemente auf der DNA, die sicherstellen, dass das Gen genau dann abgelesen wird, wenn die Zelle oder der Organismus dessen Produkt auch wirklich benötigen.

Neuron

Neuron/-/neuron

Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

Gliazellen

Gliazellen/-/glia cells

Gliazellen stellen neben den Neuronen die zweite Gruppe große Gruppe von Zellen im Gehirn. Sie wurden lange Zeit als die inaktiven Elemente des Gehirns, als „Nervenkitt“ bezeichnet. Heute weiss man, dass die verschiedenen Typen von Gliazellen (Astrozyten, Oligodendrozyten und Mikrogliazellen) klar definierte Aufgaben im Nervensystem erfüllen. So reagieren sie z. B. auf Krankheitserreger, spielen eine wichtige Rolle bei der Ernährung der Nervenzellen oder isolieren Nervenfasern. Ihr Anteil im Vergleich zu den Neuronen liegt bei etwas über 50 Prozent.

Die Allgemeinheit interessiert Neurowissenschaft schlichtweg nicht?!

Ist das also, was man dem Neurowissenschaftsjournalismus zutrauen kann: Hier und da eine spannende Studie ausgraben, (bestenfalls) gutes PR-​Material eindeutschen und mit ein paar alarmierend klingenden Schlagwörtern versehen? Sollte man da angesichts des offenbar kaum vorhandenen Interesses, siehe oben, die Neuro-​Berichterstattung vielleicht lieber gleich ganz den gut ausgestatteten Pressestellen sowie den bloggenden Neuroforschern überlassen, die unter den positiven Erwähnungen, die in dieser Kolumne ja durchaus vorkommen, einen hohen Anteil haben?

Statt nun tatsächlich einer Depression zu verfallen, möchte der Hirnforscher lieber eine These aufstellen, die beides in Beziehung setzt: Die fehlende journalistische Sorgfalt, die der Hirnscanner hier regelmäßig beklagt, und die offenbar geringe Nachfrage des Publikums, hängen miteinander zusammen.

Beides zusammengenommen legt nämlich die Deutung nahe, dass der Neurowissenschaftsjournalismus einfach in der Breite noch nicht präsent oder nicht gut genug ist, um echtes Interesse bei einem breiten Publikum zu wecken! Bloggende Wissenschaftler erreichen wohl schlichtweg nicht übermäßig viele Menschen; Massenmedien wiederum verbreiten meist nur kurzlebige Einzelstudien-​Schlagzeilen. Wie sollte sich da die Erkenntnis durchsetzen, dass die Neurowissenschaft – in ihren Erfolgen wie in ihren riesigen Lücken – faszinierende Einblicke in unser Innerstes ermöglichst, ja dass sie zutiefst unser Selbstverständnis als Menschen betrifft?

Der Hirnscanner bleibt deswegen überzeugt, dass es für einen richtig verstandenen und kompetenten Neurowissenschaftsjournalismus ein weites, brach liegendes Feld zu beackern gibt – www​.das​ge​hirn​.info ist da ja durchaus dran. Ein Feld zumal, das echten Wissenschaftsjournalisten so schnell niemand streitig machen wird. Wie das gehen kann, zeigen zumindest englischsprachige Medien immer wieder. Und der Hirnscanner nimmt sich vor, öfter entsprechende Leseempfehlungen auszusprechen. Ein Beispiel diesmal wäre die zitierte WIRED-​Kolumne über das geringe Interesse an Neuro-​Berichterstattung, und ein weiterer Lesetipp ist ein ausführliches Porträt der New York Times über einen Physiker, der zu einem außergewöhnlichen Neurowissenschaftler wurde.

Depression

Depression/-/depression

Phasenhaft auftretende psychische Erkrankung, deren Hauptsymptome die traurige Verstimmung sowie der Verlust von Freude, Antrieb und Interesse sind.

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