Burnout und Träume vom Gedankenlesen

Erst die zweite Folge des Hirnscanners und schon Burnout! Schuld ist der Stapel Neuronachrichten neben meinem Schreibtisch, auf dem ganz oben der Focus von vorletzter Woche liegt: „Generation Burnout“ lautet der Titel.

Veröffentlicht: 28.09.2011

Tatsächlich scheint die Krankheit in den Medien enorm um sich zu greifen. Der Spiegel hatte dieses Jahr schon zwei Titelgeschichten darüber, im vergangenen Jahr war es Miriam Meckels Buch „Brief an mein Leben: Erfahrungen mit einem Burnout“, das viel Aufmerksamkeit erregte. Und in der vergangenen Woche begann mit dem Rücktritt von Schalke-​Trainer Ralf Rangnick wieder eine Runde Burnout-​Betrachtung, etwa in der Ärzte-​Zeitung.

Schade für den Hirnscanner: Auf die genauen Mechanismen und Ursachen wird meistens nicht eingegangen, stattdessen wabert das Burnout als Krankheit durch die Medienlandschaft, die vermeintlich jeder sofort versteht: „Ja klar, der ist ausgebrannt!“ In der Titelgeschichte des Focus wird immerhin die Stress-​Reaktion des Körpers erklärt: Wird eine Bedrohung wahrgenommen, werden im Gehirn Stresshormone produziert, die Nebennierenrinde schüttet daraufhin Cortisol aus. Außerdem wird Adrenalin hergestellt, Blutdruck und Herzschlag steigen an, Glukose wird von Leberzellen freigesetzt, Appetit, Schlaf, Lust auf Sex werden gedrosselt.

Viele dieser Verhaltensanpassungen werden von den „Stresshormonen“ Vasopressin und CRH im Gehirn gesteuert, erklärt der Neurowissenschaftler Florian Holsboer dem Focus im Interview: „Vasopressin und CRH lösen Signale aus, durch die Angst entsteht. Nach erfolgreicher Bewältigung der gefährlichen Situation normalisieren sich die Stresshormonwerte wieder, wir können wieder schlafen, die Angst verschwindet, das zentrale Nervensystem beruhigt sich.“ Burnout entsteht laut Holsboer, wenn diese Stressreaktion nicht wieder eingefangen wird: „Wir empfinden dauerhafte Angespanntheit, chronische Angst, Freudlosigkeit und leiden unter Schlafstörungen. Man gleitet dann nach und nach in eine depressive Verstimmung.“

Aber was unterscheidet dann eigentlich eine Depression vom neumodischen Burnout, fragt sich der Hirnscanner. Nicht sehr viel, laut Holsboer: „Burn-​Out kann eine Vorstufe der Depression sein. Warum das so populär ist, leuchtet ein: Wer ausgebrannt ist, hat ja vorher schon einmal für etwas gebrannt. Das ist immerhin schon ganz gut.“ Während die Depression also häufig noch ein Tabuthema ist, kann man sich guten Gewissens dazu bekennen, ausgebrannt zu sein. Und während die Neurowissenschaft der Depression noch viele offene Fragen bereithält, wäre zumindest die Popularität des Burnout damit erklärt.

Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit/-/attention

Aufmerksamkeit dient uns als Werkzeug, innere und äußere Reize bewusst wahrzunehmen. Dies gelingt uns, indem wir unsere mentalen Ressourcen auf eine begrenzte Anzahl von Bewusstseinsinhalten konzentrieren. Während manche Stimuli automatisch unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, können wir andere kontrolliert auswählen. Unbewusst verarbeitet das Gehirn immer auch Reize, die gerade nicht im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen.

Cortisol

Cortisol/-/cortisol

Ein Hormon der Nebennierenrinde, das vor allem ein wichtiges Stresshormon darstellt. Es gehört in die Gruppe der Glucocorticoide und beeinflusst im Körper den Kohlenhydrat– und Eiweißstoffwechsel.

Adrenalin

Adrenalin/-/adrenaline

Gehört neben Dopamin und Noradrenalin zu den Catecholaminen. Adrenalin ist das klassische Stresshormon. Es wird im Nebennierenmark produziert und bewirkt eine Steigerung der Herzfrequenz sowie der Stärke des Herzschlags und bereitet so den Körper auf erhöhte Belastung vor. Im Gehirn wirkt Adrenalin auch als Neurotransmitter (Botenstoff), hier bindet es an sogenannte Adenorezeptoren.

Schlafstörungen

Schlafstörung/-/sleep disorder

Ein Sammelbegriff für verschiedene Phänomene, die sich dadurch auszeichnen, dass die Betroffenen keinen erholsamen Schlaf haben. Hierzu können sowohl psychische als auch organische Ursachen beitragen. Die Symptome reichen von Problemen beim Einschlafen und Durchschlafen bis hin zu unerwünschten Verhaltensweisen im Schlaf wie etwa Schlafwandeln, ruhelose Beine beim Einschlafen („restless legs“), Atemaussetzer im Schlaf („Schlafapnoe“) etc. Schätzungen zufolge leiden in den westlichen Ländern bis zu 30 Prozent aller Erwachsenen an irgendeiner Form von Schlafstörung. Die Suche nach den Ursachen ist häufig kompliziert, eine Analyse im Schlaflabor die beste Untersuchungsmethode.

Depression

Depression/-/depression

Phasenhaft auftretende psychische Erkrankung, deren Hauptsymptome die traurige Verstimmung sowie der Verlust von Freude, Antrieb und Interesse sind.

Wenn Zahlen in die Irre führen

Dass die Depression eine schlimme Krankheit ist, das ist inzwischen wohl den allermeisten Menschen bekannt. Weniger Menschen wissen, dass sie eine ganze Reihe unangenehmer Folgeerkrankungen auslösen kann. Knochenschwund, Diabetes und Herz-​Kreislauf-​Erkrankungen gehören dazu. Und wie diese Woche viele Zeitungen berichteten: Auch das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, steigt, wenn man depressiv ist. Amerikanische Forscher hatten im Fachblatt Jama eine große Metastudie publiziert, für die sie 28 Studien mit insgesamt mehr als 300.000 Patienten analysierten und die von deutschen Medien häufig aufgegriffen wurde.

Symptomatisch ist ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung. Dort schreibt der Autor: „Dabei ergab sich, dass eine Depression das Gesamtrisiko für einen Schlaganfall um 45 Prozent erhöht; die Gefahr, dass dieser tödlich ausgeht, steigt sogar um 55 Prozent.“ 55 Prozent! Das klingt nach viel. Die Frage ist jedoch: 55 Prozent wovon? Das zugrunde liegende Schlaganfallrisiko wird dem Leser im Text nicht mitgeteilt. Den Fehler begehen auch andere Medien, die Ärztezeitung bringt ebenfalls keine absoluten Zahlen.

Dabei enthält die Pressemitteilung von Jama genau diese, zumindest für die USA. Demnach entspricht das erhöhte Schlaganfall-​Risiko von Depressiven in etwa 106 zusätzlichen Schlaganfällen pro 100.000 Einwohner pro Jahr. Diese Zahlen könnten ungefähr so auch auf Deutschland übertragen werden, sagt der Berliner Schlaganfallexperte Ulrich Dirnagl von der Charité dem Hirnscanner. Die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) versucht es richtig zu machen. Sie erwähnt die amerikanischen Zahlen und schiebt hinterher: „In Deutschland beziffert die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften das Schlaganfallrisiko für die allgemeine Bevölkerung auf 160 bis 240 Fälle pro 100.000 Einwohner. Eine Depression erhöht demnach diese Zahl um noch einmal rund die Hälfte.“ Das ist leider auch nicht ganz richtig, weil die Zahl für die allgemeine Bevölkerung depressive Menschen bereits beinhaltet. Klar wird aber, um welche Größenordnung es bei der Erhöhung um 50 Prozent geht: Grob gerechnet erhöht sich das Schlaganfall-​Risiko von 0,2 auf 0,3 Prozent pro Jahr.

So oder so sei es wichtig, sich klar zu machen, dass hier alle Menschen über einen Kamm geschert werden, sagt Dirnagl: „Für das Risiko spielt das Alter eine erhebliche Rolle. Ein Mensch, der 20 oder 30 oder 40 Jahre alt ist, hat ein so geringes Schlaganfallrisiko, dass eine Erhöhung um 50 Prozent, wenn er an einer Depression leidet, kaum relevant ist.“ Darum würden solche Zahlenspiele Menschen, die ohnehin schon an einer Depression leiden, zu Unrecht beunruhigen, kritisiert Dirnagl. Dagegen sei das Risiko eines älteren Menschen viel höher und deswegen falle die Erhöhung des Risikos auch mehr ins Gewicht.

Neurobiologisch ist vor allem interessant, was der Grund für den Zusammenhang zwischen Depression und Schlaganfall ist. Eine offensichtliche Erklärung ist der andere Lebensstil depressiver Menschen: Weniger Bewegung, weniger soziale Kontakte, häufigeres Rauchen, mehr Alkohol. Dirnagl ist allerdings überzeugt, dass darüber hinaus ein Zusammenhang besteht. Wie genau die Hirnchemie bei Depressionen verändert ist, das sei noch nicht gut verstanden, sagt Dirnagl. Klar sei aber: Diese Veränderungen aktivieren dann das vegetative Nervensystem übermäßig, das unter anderem das Immunsystem herunterfährt und den Blutdruck erhöht. Die spannendsten Fragen sind aber auch hier die offenen.

Eine interessante Antwort auf bislang Ungeklärtes haben vergangene Woche Forscher um Noam Sobel von der Weizmann-​Universität in Jerusalem geliefert. In einer Studie im Fachmagazin Nature Neuroscience haben sie die Anordnung der Geruchsrezeptoren in der Nase untersucht und dabei entdeckt, dass Rezeptoren für verschiedene angenehme Gerüche stets nah beieinanderliegen – ebenso wie Rezeptoren für verschiedene unangenehme Gerüche. Das Thema, das in Deutschland kaum aufgegriffen wurde, lässt sich auf der Website des Scientific American oder bei ScienceNews nachlesen.

Depression

Depression/-/depression

Phasenhaft auftretende psychische Erkrankung, deren Hauptsymptome die traurige Verstimmung sowie der Verlust von Freude, Antrieb und Interesse sind.

Schlaganfall

Schlaganfall/Apoplexia cerebri/stroke

Bei einem Schlaganfall werden das Gehirn oder Teile davon zeitweilig nicht mehr richtig mit Blut versorgt. Dadurch kommt es zu einer Unterversorgung mit Sauerstoff und dem Energieträger Glukose. Häufigster Auslöser des Schlafanfalls ist eine Verengung der Arterien. Zu den häufigsten Symptomen zählen plötzliche Sehstörungen, Schwindel sowie Lähmungserscheinungen. Als Langzeitfolgen können verschiedene Arten von Gefühls– und Bewegungsstörungen auftreten. In Deutschland ging 2006 jeder dritte Todesfall auf einen Schlaganfall zurück.

Schlaganfall

Schlaganfall/Apoplexia cerebri/stroke

Bei einem Schlaganfall werden das Gehirn oder Teile davon zeitweilig nicht mehr richtig mit Blut versorgt. Dadurch kommt es zu einer Unterversorgung mit Sauerstoff und dem Energieträger Glukose. Häufigster Auslöser des Schlafanfalls ist eine Verengung der Arterien. Zu den häufigsten Symptomen zählen plötzliche Sehstörungen, Schwindel sowie Lähmungserscheinungen. Als Langzeitfolgen können verschiedene Arten von Gefühls– und Bewegungsstörungen auftreten. In Deutschland ging 2006 jeder dritte Todesfall auf einen Schlaganfall zurück.

Depression

Depression/-/depression

Phasenhaft auftretende psychische Erkrankung, deren Hauptsymptome die traurige Verstimmung sowie der Verlust von Freude, Antrieb und Interesse sind.

Autonomes Nervensystem

Autonomes Nervensystem/-/autonomous nervous system

Der Teil des Nervensystems, der die Vitalfunktionen – wie Atmung, Herzschlag, Blutdruck – steuert. Unterteilt wird das autonome Nervensystem in einen sympathischen, anregenden, und einen parasympathischen, entspannenden Bereich.

Nase

Nase/Nasus/nose

Das Riechorgan von Wirbeltieren. In der Nasenhöhle wird die Luft durch Flimmerhärchen gereinigt, im oberen Bereich liegt das Riechepithel, mit dem Gerüche aufgenommen werden.

Rezeptor

Rezeptor/-/receptor

Signalempfänger in der Zellmembran. Chemisch gesehen ein Protein, das dafür verantwortlich ist, dass eine Zelle ein externes Signal mit einer bestimmten Reaktion beantwortet. Das externe Signal kann beispielsweise ein chemischer Botenstoff (Transmitter) sein, den eine aktivierte Nervenzelle in den synaptischen Spalt entlässt. Ein Rezeptor in der Membran der nachgeschalteten Zelle erkennt das Signal und sorgt dafür, dass diese Zelle ebenfalls aktiviert wird. Rezeptoren sind sowohl spezifisch für die Signalsubstanzen, auf die sie reagieren, als auch in Bezug auf die Antwortprozesse, die sie auslösen.

Kopfkino und der Traum vom Gedankenlesen

Aber die faszinierendste Studie der vergangenen zwei Wochen war für den Hirnscanner eine andere: Forscher der University of California in Berkeley haben Personen im Magnetresonanztomografen kurze Filmsequenzen sehen lassen und dann anhand der aufgezeichneten Hirnaktivität den Film rekonstruiert. Das berichten sie im Fachblatt Current Biology und wie das Ergebnis aussieht, zeigt dieser kurze Clip. Die Geschichte ist bei spektrumdirekt schön aufgeschrieben.

Interessant ist allerdings, dass selbst so eine spektakuläre Arbeit allein nicht mehr auszureichen scheint, um mediale Aufmerksamkeit zu erregen. Das scheinen zumindest die Presseleute der beteiligten Universität so zu sehen. Der Autor eines Artikels bei Telepolis weist darauf hin, dass in der Pressemitteilung der Universität gleich die Visualisierung von Träumen und den Gedanken von Komapatienten herbeigeträumt wird. Als wäre es nicht Fortschritt genug, dem Gehirn beim Videosehen gewissermaßen zusehen zu können. Wie Markus Becker bei Spiegel Online hervorhebt, hatten die Forscher vor zwei Jahren erstmals statische Bilder an Hand der Hirnaktivität rekonstruiert. Nun sind sie bereits bei Videos angelangt. Der Hirnscanner ist sich jedenfalls sicher, dass es noch einige spannende Ergebnisse der Hirnforschung zu präsentieren gibt, ehe er in der Lage sein wird, seine Träume bei YouTube hochzuladen.

Auch Artikel über das Hirn können hirnlos sein. Darum will der Hirnscanner nicht nur auf spannende Beiträge aufmerksam machen, Interviews empfehlen und Themen kommentieren, sondern auch Schlagzeilen hinterfragen und Fehler aufzeigen (wo sie anderen passiert sind) . Hinweise auf interessante Interviews, aufregende Artikel und peinliche Porträts werden unter hirnscanner@​kaikupferschmidt.​de gerne entgegengenommen.

Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit/-/attention

Aufmerksamkeit dient uns als Werkzeug, innere und äußere Reize bewusst wahrzunehmen. Dies gelingt uns, indem wir unsere mentalen Ressourcen auf eine begrenzte Anzahl von Bewusstseinsinhalten konzentrieren. Während manche Stimuli automatisch unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, können wir andere kontrolliert auswählen. Unbewusst verarbeitet das Gehirn immer auch Reize, die gerade nicht im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen.

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