Bei Alzheimer nicht mehr vergessen: Vorsichtige Worte

Gute Nachrichten aus dem Hirnscanner: In mehreren Berichten über Alzheimer beweisen Journalisten, dass sie nicht vergessen, auf eine angemessene Wortwahl zu achten und skeptisch zu hinterfragen, wenn Forscher wieder einmal große Erfolge verkünden.

Veröffentlicht: 24.03.2014

Alzheimer ist jene Form von Demenz, die der alternden Gesellschaft am meisten zu schaffen macht: Darin sind sich alle einig. Doch da hört die Einigkeit schon auf – denn es ist heute immer noch unklar, ob und – wenn ja – wann ein Mensch an Alzheimer erkranken wird, was die genauen Ursachen dafür sind und wie sich diese Ursachen vermeiden oder behandeln lassen. Typisch für die Alzheimer-​Erkrankung ist, dass sich bestimmte Proteine – tau und Amyloid-​beta – im Gehirn ansammeln. Und das beginnt lange, bevor erste Symptome auftreten. Wieso erkranken manche Menschen an Alzheimer und andere nicht? Kann man etwas gegen die Erkrankung tun? Und wenn ja: was und wann? Allzu oft posaunten unvorsichtige Heilsverkünder Ergebnisse von Forschern als Lösung des Problems hinaus. Und nun? Mehrere Medienberichte über drei Fachpublikationen zum Thema sind in jenem Zeitraum in deutschen Medien erschienen, den der Hirnscanner für diese Ausgabe beobachtete. Und alle Artikel geben Anlass zu vorsichtiger Hoffnung. Nicht nur in Bezug auf Alzheimer selbst, sondern auch in Bezug auf die Berichterstattung darüber. Denn in allen journalistischen Artikeln wurde auf überzogene Versprechungen verzichtet.

Wie hoch ist mein Risiko, an Alzheimer zu erkranken?

„Neuer Test soll Ausbruch von Alzheimer vorhersagen“: So titelte Spiegel Online am 10. März 2014. Auch die Süddeutsche Zeitung berichtete sowohl in ihrer Printausgabe als dann auch in ihrer Online-​Ausgabe: „Neuer Test soll Alzheimer-​Risiko vorhersagen“. Ein solcher Test wäre hilfreich, denn nach heutigem Kenntnisstand gibt es keine Heilung (mehr), sobald Symptome auftreten. Denn die Symptome sind Zeichen für einen Schaden, der längst da ist und sich nicht mehr beheben lässt. Deshalb wäre es gut zu wissen, ob die Veränderungen, die im Gehirn eines alternden Menschen auftreten, einige Jahre später zur Alzheimer-​Demenz führen oder nicht. Kein Wunder, dass Spiegel Online, Süddeutsche Zeitung und andere Medien über einen neu entwickelten Früherkennungstest berichten, der im Fachjournal „Nature Medicine“ publiziert wurde. Der neuartige Test des Neurologen Mark Mapstone von der Rochester Universität in New York und Kollegen basiert nicht auf einem Lipid, das als Marker dient, sondern auf zehn Lipid-​Markern, die laut Spiegel Online „auf den Ausbruch von Alzheimer hinweisen könnten“. „Könnten“ – nicht „können“: Alleine dieses Wort macht den Hirnscanner froh. Der Hirnscanner freut sich bei beiden Artikeln – jenem bei Spiegel Online und jenem der Süddeutschen – über die bedachte Wortwahl.

Auch wird in beiden Medienberichten erwähnt, dass der Test die Wahrscheinlichkeit abschätzt, ob die Krankheit bei einem Patienten in den kommenden zwei bis drei Jahren ausbrechen wird, und dass diese Zeitspanne zu kurz sein kann, um noch etwas gegen den Ausbruch der Krankheit zu unternehmen. Außerdem kritisieren die Kollegen von Spiegel Online und Süddeutsche Zeitung – und zwar zu Recht –, dass der Test nur an 106 Probanden untersucht worden ist. Lobenswerterweise hat Spiegel Online mit zwei unabhängigen Forschern aus München und Köln gesprochen. Deren Einschätzungen tun dem Artikel gut.

Wieso werde ich an Alzheimer erkranken?

Eine weitere Neuigkeit aus der Welt der Alzheimer-​Forschung fand seinen Weg in die deutschen Medien: Ein Team um den Neurologen Bruce Yankners von der Harvard Medical School in Boston berichtete im Fachjournal „Nature“ über ein besonderes Regulierungsprotein: Es heißt „repressor element 1-​silencing transcription factor“ oder kurz REST. Neurone, die dieses Protein in ihrem Zellkern haben, sollen geschützt sein vor der Aktivität von Genen, die zu Zelltod oder zur Alzheimer-​Pathologie führen. Außerdem schützt das aktivierte REST-​Regulierungsprotein die Zellen, indem es die Expression so genannter „stress response“-Gene ankurbelt: also solcher Gene, die bei schädlichem Stress eine Schutzfunktion ausüben. Bekannt ist REST Forschern bisher vor allem aus der Entwicklungsphase des Gehirns. Die neue Fachpublikation weist auf eine wichtige Schutzfunktion von REST auch im Erwachsenenalter hin, denn der Verlust von REST geht einher mit der Erkrankung an Alzheimer, Frontotemporaler Demenz und Demenz mit Lewy-​Körperchen. Auch Spiegel Online berichtet darüber am 20. März – und zwar mit der Überschrift: „Protein REST bewahrt das Hirn vor Alzheimer“. Leider bleiben in der Schlagzeile und auch im gesamten Artikel die beiden anderen Demenzformen aus der Studie unerwähnt, was suggeriert, dass REST nur für Alzheimer wichtig ist – auch wenn das so gar nicht gegeben ist.

Die Originalveröffentlichung gibt dennoch Anlass zur vorsichtigen Hoffnung. Das bestätigt in dem Artikel von Spiegel Online auch ein unabhängiger Experte. Eine weitere Stimme wäre an dieser Stelle schön gewesen; zumal die Autorin von „Experten“ in der Mehrzahl spricht. Der zitierte Genetiker Thorsten Hoppe von der Universität Köln rückt die Ergebnisse aber auch alleine in ein genaueres Licht. Die Wahrscheinlichkeit für einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Vorhandensein von REST im Zellkern von Neuronen und dem Ausbruch von Alzheimer sei zwar hoch. Zugleich gibt er zu bedenken: Es ist noch ungeklärt, wie die Funktion von REST gesteuert wird. Davon abgesehen macht die Lage von REST im Kern der Zelle eine Verwendung als Marker für Alzheimer momentan unmöglich. Dass die spiegel.de-Redakteurin im letzten Satz ihres Artikels vor zu großer Euphorie warnt, ist also nur folgerichtig.

Demenz

Demenz/Dementia/dementia

Demenz ist ein erworbenes Defizit kognitiver, aber auch sozialer, motorischer und emotionaler Fähigkeiten. Die bekannteste Form ist Alzheimer. „De mentia“ bedeutet auf Deutsch „ohne Geist“.

Neuron

Neuron/-/neuron

Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

Kern

Kern/-/nucleus

Der Kern ist in einer Zelle der Zellkern, der unter anderem die Chromosomen enthält. Im Nervensystem ist der Kern eine Ansammlung von Zellkörpern – im zentralen Nervensystem als graue Masse, ansonsten als Ganglien bezeichnet.


Kann ich den Ausbruch von Alzheimer verhindern?

Marker für Alzheimer hin oder her: Manch einer fände eine Impfung gegen Alzheimer noch besser. Schließlich lässt sich die Krankheit – wenn erst einmal Vergesslichkeit und andere Symptome da sind – nicht heilen; der Verlauf kann nur verlangsamt werden. Der Wunsch, den Ausbruch durch eine Impfung zu verhindern oder zumindest zu verzögern, ist da eine logische Konsequenz. Laut einem Fachartikel im Journal „Science Translational Medicine“ könnte dies bald möglich sein. Die Süddeutsche Zeitung berichtet in ihrer Ausgabe vom 20. März sehr differenziert darüber; der Artikel ist auch online verfügbar. Die Autorin des SZ-​Artikels beschreibt nicht nur das Design der groß angelegten Studie, sondern auch die Mängel daran und, warum die Studie trotzdem unabhängigen Experten zufolge „der beste Ansatz [ist], den es momentan gibt“. Denn: Eigentlich hatte das Medikament Solanezumab bei Alzheimer-​Patienten schon einmal enttäuscht. Doch soll es nun an Probanden getestet werden, die zwischen 65 und 85 Jahre alt und noch nicht an Alzheimer erkrankt sind, allenfalls eine leichte Vergesslichkeit zeigen. In den vorangegangenen Untersuchungen zeichnete sich bei dieser Gruppe ein positiver Nutzen ab. Denn, man kann es nicht oft genug betonen: Alzheimer beginnt bereits zehn oder mehr Jahre vor „Ausbruch“ der Krankheit. Sollte Solanezumab sich also eher als Impfstoff statt als Behandlung eignen? Das wäre ein echter Fortschritt. Ein Fortschritt ist auch, dass in dem Zeitungsartikel immer wieder der Konjunktiv verwendet wird – ein Dank an die Autorin. Schließlich geht die Autorin auf die verschiedenen Probanden-​Gruppen genauso ein wie auf die Unterschiede zwischen Alzheimer und seinen vererbbaren Formen, die lediglich wenige Prozent der weltweiten Fälle ausmachen. Des Weiteren versäumt sie nicht zu schreiben: Alle drei Teilstudien basieren auf der Annahme, Amyloid-​beta eigne sich als Angriffspunkt für eine Behandlung. Anhänger der tau-​Hypothese dürften dagegen sein. All das macht die hohe Qualität dieses Artikels aus – weshalb der Hirnscanner dem geneigten Leser diesen Text besonders ans Herz legt.

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