Bedauernswert reumütige Ratten

Wissenschaftler, die bei Ratten Erfahrungen wie Reue untersuchen wollen, müssen vorab genau definieren, was Reue ist – das gilt auch für Journalisten, die über die Studienergebnisse berichten.

Veröffentlicht: 17.06.2014

„Weh mir“, sagt Julia, nachdem sie erfährt, dass Romeo wegen des Mords an Tybalt verbannt wurde. „Weh mir“, sagt auch der Mönch Lorenzo, als er den toten Romeo in seiner Kapelle findet. Was drücken die beiden damit aus? Ist Julia enttäuscht, dass ihr Geliebter ihren Verwandten umgebracht hat? Oder bedauert sie seine Verbannung? Drückt der Priester Enttäuschung aus? Bedauern? Oder Reue, weil er es war, der Romeo und Julia getraut hatte und dem Unglück somit Vorschub leistete?

Nein, der Hirnscanner hat nicht das Feld gewechselt: Es geht ihm bei diesem Exkurs in die Literaturwissenschaft darum zu zeigen, dass beim Menschen Erfahrungen wie Enttäuschung, Bedauern und Reue unterschiedliche Empfindungen sind, aber gleich ausgedrückt werden können. Wer derartige Dinge an Tieren untersuchen möchte, die sich uns bekanntlich nicht verbal erklären können, muss die Begriffe vorab genau definieren.

Genau das haben die Neurobiologen Adam P. Steiner und David Redish von der University of Minnesota, USA, getan, bevor sie untersuchten, ob Ratten eine mit Reue vergleichbare Reaktion zeigen können. „Bei der Auswertung von Erfahrungen wie Reue ist es wichtig, zwischen Reue und Enttäuschung zu unterscheiden. Enttäuschung ist die Erkenntnis, dass ein Ergebnis schlechter ist als erwartet. Reue ist die Erkenntnis, dass das schlechtere Ergebnis aufgrund der eigenen Handlung erfolgte.“ Das schreiben sie denn auch gleich zu Beginn ihres Fachartikels, der in Nature Neuroscience erschienen ist.

Weiterhin betonten die Forscher, dass Reue sich durch einen Einfluss auf zukünftige Handlungen auszeichnet. Um Reue empfinden zu können, ist Reflexion der eigenen Handlung unabdingbar. Etwas, was Nagetieren im Allgemeinen abgesprochen wird.

Ratten in der „Restaurant Row“

In den Experimenten haben die Forscher Ratten durch einen Parcours laufen lassen, in dem die Tiere in verschiedenen Kammern unterschiedlich schmeckendes Futter erhielten. Bei Probeläufen lernten die Ratten schon einmal die Menüfolge kennen und zeigten bestimmte Geschmacksvorlieben. Bei den Experimenten betrat eine Ratte eine Kammer und dann erschall ein Ton, dessen Höhe die Wartezeit für das Futter angab. Da die Gesamtzeit des Versuchs begrenzt war und jedes Tier seine Präferenz für eine bestimmte Geschmacksrichtung hatte, mussten sich die Tiere bei dem Test also entscheiden: Lohnt es sich beispielsweise, in einer Kammer auf Banane zu warten, wenn die Chance besteht, in einer anderen vielleicht schneller an die bevorzugte Schokolade zu kommen? Untersucht werden sollte, welche Reaktion das Tier zeigt, wenn es nicht wartet und in der nächsten Kammer noch länger auf das leckerere Futter warten muss.

Während des Experiments wurden Aktivitäten aus Gehirnregionen der Ratten aufgezeichnet, deren Entsprechung beim Menschen mit Entscheidungsfindung und Reue in Verbindung gebracht werden. Der Orbitofrontale Cortex (OFC) ist laut Originalveröffentlichung „für die Entscheidungsfindung mitverantwortlich, im Besonderen für die Erwartung einer zukünftigen Belohnung“ und „Menschen mit Schäden am OFC äußern keine Reue“. Zusätzlich wurden die Aktivitätsmuster des ventralen Striatums (VST) abgeleitet, denn diese Hirnregion „wird mit der Evaluation von Ergebnissen in Verbindung gebracht“.

Die Forscher fanden drei Indizien für Reue in ihren Versuchstieren – und schlossen daraus verschiedene Dinge. Erstens: Nach einer „Fehlentscheidung“ blickten die Ratten oft zurück zur verschmähten Kammer – das weise den Forschern zufolge darauf hin, dass sich das Tier mit der vorangegangenen Situation beschäftigt. Zweitens: Im Anschluss waren die Tiere bereit, länger auf Futter zu warten, aßen dies schneller und gingen danach zügiger in die nächste Kammer – das zeige, dass die Erfahrung Einfluss auf künftiges Verhalten hat. Drittens: Die neuronalen Aktivitätsmuster in den zwei genannten Hirnregionen während der schlechteren Futter-​Wartezeit-​Kombination glichen denen, die während der zuvor verschmähten Kombination aufgezeichnet worden waren – das zeige, dass während des Vorgangs Gehirnregionen aktiv sind, die beim Menschen mit Entscheidungsfindung und Reue in Verbindung gebracht werden.

Cortex

Großhirnrinde/Cortex cerebri/cerebral cortex

Der Cortex cerebri, kurz Cortex genannt, bezeichnet die äußerste Schicht des Großhirns. Sie ist 2,5 mm bis 5 mm dick und reich an Nervenzellen. Die Großhirnrinde ist stark gefaltet, vergleichbar einem Taschentuch in einem Becher. So entstehen zahlreiche Windungen (Gyri), Spalten (Fissurae) und Furchen (Sulci). Ausgefaltet beträgt die Oberfläche des Cortex ca 1.800 cm2.

Orbitofrontaler Cortex

Orbitofrontaler Cortex/-/orbitofrontal cortex

Windung im Bereich des orbitofrontalen Cortex der Großhirnrinde, die sich anatomisch etwa hinter den Augen befindet. Der orbitofrontale Cortex spielt eine entscheidende Rolle bei der Entscheidungsfindung und der Überwachung sozialer Interaktionen und entsprechend komplex ist er aufgebaut. Insgesamt besteht er aus vier verschiedenen Substrukturen: der mediale, laterale, anteriore und der posteriore Gyrus orbitalis sowie der Gyrus rectus.

Striatum

Striatum/Corpus striatum/striatum

Eine Struktur der Basalganglien. Sie umfasst den Nucleus accumbens, das Putamen und den Nucleus caudatus. Das Striatum ist die Eingangsstruktur der Basalganglien und spielt eine tragende Rolle bei Bewegungsabläufen.

Unechte Reue?

Es sei an dieser Stelle außen vorgelassen, inwieweit Untersuchungen an Empfindungen, die sich so ähnlich äußern können wie Enttäuschung, Bedauern und Reue an Nagetieren sinnvoll und zielführend sind. Das ändert jedoch nichts daran, dass bei der Berichterstattung darüber besondere Sorgfalt geboten ist – und in diesem Fall leider nicht gegeben war. Da werden die Begriffe Bedauern und Reue synonym verwendet, zum Beispiel bei n-​tv und PC Games und in einer Meldung der Deutsche Presseagentur dpa, die leicht abgewandelt zumindest bei der Online-​Ausgabe der Welt und bei Spiegel Online erschienen ist. Die Online-​Ausgabe von Gehirn und Geist sprach zusätzlich dazu von Trauer. Es wäre einfacher und vor allem richtig gewesen, sich auf den Begriff „Reue“ zu beschränken, denn nur die wurde untersucht.

Die sprachliche Unklarheit hinderte die Journalisten nicht daran, die Ergebnisse plakativ darzustellen. Die Welt ist sich sicher: „Treffen Ratten bei der Futtersuche nicht die lohnendste Entscheidung, bedauern sie dies.“ Spiegel Online glaubt zu wissen: „Entscheiden Ratten sich auf Nahrungssuche falsch, empfinden sie anschließend Reue.“ n-​tv lässt die Suche weg und generalisiert: „Ratten fühlen Reue.“ Während pcgames sich nicht zwischen Bedauern und Reue entscheiden kann und schreibt, dass „die Ratte tatsächlich Reue und Bedauern“ empfand. Ähnlich die Online-​Ausgabe von Bild der Wissenschaft und scinexx​.de, wo es hieß: „Wenn uns klar wird, dass wir uns falsch entschieden haben, dann empfinden wir Bedauern und Reue“, um sich kurz darauf zu fragen, „ob Tiere (…) dazu fähig sind, echte Reue zu empfinden“. Die Frage danach, was echter von unechter Reue unterscheidet, blieb leider unbeantwortet.

Die geringe sprachliche Sorgfalt in der Berichterstattung enttäuscht den Hirnscanner. Dass die Kollegen viele Punkte nicht korrekt wiedergegeben haben: Das bedauert der Hirnscanner, aber er bereut dies nicht – denn er hatte selber keinen Einfluss darauf.

Das Onlinemagazin Scinexx und dessen Partner Bild der Wissenschaft amüsierten den Hirnscanner zudem mit folgender Formulierung: „Im orbitofrontalen Cortex zeigten die Hirnströme das gleiche Muster wie in der Futterzone, die die Ratten zu früh verlassen hatten.“ Wenn tatsächlich aus einer Futterzone Hirnströme abgeleitet werden konnten, dann wäre das doch eine eigene Meldung wert gewesen.

n-​tv erstaunte den Hirnscanner zudem, da es einen wichtigen Punkt des Experiments missverstanden hatte: „Die Beschäftigung mit dem, was hätte sein können, machte die Ratten unsicher. Ihre Entscheidungen wurden weniger vernünftig. Anstatt die langen Wartezeiten an der nächsten Station zu überspringen und die nächste Option auszukundschaften, tendierten sie zum Ausharren.“ Woher n-​tv weiß, ob oder wie unsicher die Ratten waren, ist hierbei unwichtig – in der Fachpublikation war von Unsicherheit jedenfalls keine Rede. Wichtiger ist, dass das, was der Nachrichtensender als Beweis für Unsicherheit ansieht, das „Ausharren“, in Wirklichkeit der bereits erwähnte Einfluss einer Erfahrung auf zukünftige Entscheidungen war. Die Bereitschaft länger zu warten, war demnach keine Unsicherheit, sondern ein Indiz für einen durch Reue induzierten Lernprozess.

Der Hirnscanner wird daher nicht müde zu betonen, dass Korrelation keine Kausalität ist, dass plakative Äußerungen komplexen Sachverhalten nur selten gut tun und dass ungenügende Vorsicht beim Beschreiben wissenschaftlicher Ergebnisse zu unnötigen Komplikationen führen kann.

Orbitofrontaler Cortex

Orbitofrontaler Cortex/-/orbitofrontal cortex

Windung im Bereich des orbitofrontalen Cortex der Großhirnrinde, die sich anatomisch etwa hinter den Augen befindet. Der orbitofrontale Cortex spielt eine entscheidende Rolle bei der Entscheidungsfindung und der Überwachung sozialer Interaktionen und entsprechend komplex ist er aufgebaut. Insgesamt besteht er aus vier verschiedenen Substrukturen: der mediale, laterale, anteriore und der posteriore Gyrus orbitalis sowie der Gyrus rectus.

Polemischer Matsch

Es sei dem Leser außerdem eine „Polemik“ ans Herz gelegt, die zunächst in Wochenzeitung ZEIT erschienen ist und dann auch online frei zugänglich wurde. Der Artikel beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern das Verhalten von Mäusen auf den Menschen übertragen lässt. Da heißt es: „Hirnforschung hantiert mit Begriffen, die schlecht umschrieben und schwammig definiert sind. Kombiniert mit reduktionistischen Modellen, wird das Ganze zu einer Vermengung von Regen und Erde – es entsteht: Matsch. Und wird dieser Matsch journalistisch aufbereitet, strotzt es nur so von fragwürdigen Hypothesen.“ Oder, um es mit Shakespeare zu sagen: Weh mir!

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