Auf der Suche nach dem verlorenen Zweifel

Autor: Ragnar Vogt

Forschungsergebnisse bieten selten Gewissheit. Doch das zu betonen, geht oft auf Kosten der Verständlichkeit. Nicht jedem gelingt dieser Spagat, wie das Beispiel einer aktuellen Autismus-​Studie zeigt.

Veröffentlicht: 03.12.2012

„Grund zu Zweifeln hatte ich nicht. Habe ich eigentlich nie“, antwortete eine anonyme freie Medizinjournalistin auf die Frage, wie sie mit einem Grundproblem der Wissenschaftsberichterstattung umgehe: Wenn Forscher etwas herausfinden, dann handelt es sich nie um absolute Gewissheit, sondern immer nur um eine Wahrscheinlichkeit dafür, dass eine bestimmte These stimmt. Ergebnisse sind zwar je nach Studienaufbau mal mehr, mal weniger plausibel, die Interpretation der Daten aber niemals eine unverrückbare Tatsache. Nie lassen sich sämtlich Fehlerquellen ausschließen, nie kann ein Forscher absolut sicher sein, dass sein Ergebnis nicht nur ein zufälliger Ausschlag im statistischen Rauschen ist. Zudem ist Wissenschaft ein Prozess, der oft sowohl Belege für eine These als auch für die Gegenthese liefert. Und gerade diese Widersprüchlichkeit ist der Motor für gute Forschung und motiviert zu neuen Denkansätzen und Theorien.

Doch wie gehen Journalisten mit dieser „Unsicherheit wissenschaftlicher Erkenntnisse“ um? Das untersucht der Medienwissenschaftler Markus Lehmkuhl von der Freien Universität Berlin. Von seinen Ergebnissen berichtete er jüngst im Rahmen der Wissenswerte in Bremen, einer Konferenz für Wissenschaftsjournalisten. Aus seinem Vortrag stammt auch das Zitat der Medizinjournalistin, die keine Zweifel haben will.

Die positive Nachricht: So ignorant sind nicht viele Kollegen. Markus Lehmkuhl fand heraus, dass die meisten sich der Problematik schon sehr bewusst sind. Und dennoch neigen sie dazu, dem Publikum die Unsicherheit wissenschaftlicher Erkenntnisse vorzuenthalten. Denn je mehr hätte, könnte, sollte in einem Text auftauchen, je öfter ein Autor schreibt, dass Wissenschaftler nur Vermutungen haben und es auch Gegenthesen gibt, desto eher steigen Leser, Hörer oder Zuschauer aus. Sie verlieren schlicht den Überblick. Zweifel und Gegenmeinungen gehen auf Kosten der Verständlichkeit, dem obersten Ziel der Berichterstattung.

Mit seinem Vortag brachte Lehmkuhl nicht wenige der anwesenden Journalisten zum Grübeln. So mancher im Saal fragte sich, wann er zuletzt eine Theorie als Tatsache dargestellt hat, einfach weil es dadurch viel „fluffiger“ klingt? Wann hat er eine Gegenthese weggelassen, weil sie ihm unplausibel erschien und der Platz nicht reichte? Wann einen Konjunktiv herausgenommen, um einen Text lesbarer zu machen? Der Autor dieses Hirnscanner-​Beitrags nimmt sich da selbst nicht aus.

Pflicht zum Zweifel?

Doch wann ist ein Journalist verpflichtet, ein Stück Verständlichkeit zu opfern und die Unsicherheiten darzustellen, die in den vorgestellten Forschungsergebnissen stecken? Die Antwort auf diese Frage hängt nicht nur von den persönlichen Vorlieben des Journalisten ab, sondern auch vom Medium, für das er arbeitet. Bei einem Beitrag im Privatfernsehen schlägt vielleicht das Pendel mehr aus in Richtung Verständlichkeit, bei einem Artikel für das​Ge​hirn​.info – hoffentlich – wieder zugunsten der wissenschaftliche Exaktheit.

Darüber hinaus gibt es aber auch Situationen, die geradezu dazu verpflichten, die Skepsis bezüglich eines Forschungsergebnisses zu betonen. Nämlich dann, wenn sogar der Forscher selbst hervorhebt, dass er nicht völlig sicher sein kann. Oder wenn die Datenlage schnell plausibel macht, dass es sich nur um eine vage Vermutung handelt, eine Interpretation, die in ein gewünschtes Bild passt. Oder wenn viele Forscherkollegen eine Studie in Zweifel ziehen. In solchen Fällen könnte man natürlich schlicht darauf verzichten, überhaupt über die Arbeit zu berichten. Tut man es aber, gilt es auch, die Unwägbarkeiten klar herauszuarbeiten.

Autismus und Luftverschmutzung

Dass das nicht immer gelingt, zeigt ein Beispiel der letzten Woche, die Berichterstattung über eine Studie in der Fachzeitschrift Archives of General Psychiatry. Dabei handelte es sich um eine Erhebung, die den möglichen Zusammenhängen zwischen Luftverschmutzung und Autismus nachging. US-​Forscher hatten 279 Kinder mit Autismus und 245 normal entwickelte Kinder verglichen und untersucht, welchen Umweltbedingungen sie ausgesetzt waren, ob Ihr Wohnort etwa an einer stark befahrenen Straße lag.

„Luftverschmutzung als Ursache für Autismus“ titelt daraufhin heil​praxis​.net – ohne einen Anflug von Zweifel. Das Studienergebnis klingt im Beitrag folgendermaßen: „Das Risiko einer Autismus-​Erkrankung lag laut Angaben der Forscher an den am stärksten belasteten Wohnorten rund dreimal höher, als an den Wohnstandorten mit der geringsten Luftverschmutzung.“

Tatsächlich haben die Forscher diesen Zusammenhang gefunden. Aber ob die beiden Faktoren Autismus und dreckige Luft auch ursächlich verknüpft sind, ist damit nicht bewiesen. Es könnte auch eine zufällige Koinzidenz sein. Eine Einschränkung, die man im Bericht auf heil​praxis​.net vergeblich sucht. Lediglich ein eingestreutes „offenbar“, mag an einer Stelle dazu dienen, die Aussage ein wenig zu relativieren.
An anderer Stelle ist vom „Verdacht“ der Forscher die Rede, dass die Umwelt bei der Entstehung von Autismus eine Rolle spielt. Allerdings heißt es dann aber auch, der Verdacht sei „einmal mehr bestätigt“ worden.

Ein wenig besser macht die Online-​Redaktion des ORF ihre Arbeit. Zwar lässt sich aus der Überschrift „Je schlechter die Luft, desto mehr Autisten“ noch kein Fünkchen Zweifel herauslesen. Aber bereits der Vorspann verdeutlicht, dass die Ursache für die Behinderung „noch immer unklar“ sei. Und er betont, dass die Annahme, die Luftverschmutzung könne eine Rolle spielen, lediglich die Meinung bestimmter Forscher widerspiegle. Der Text bietet sogar eine Einordnung der Ergebnisse in den Stand der Autismusforschung: „Als relativ sicher gilt die Annahme, dass es sich wohl um ein Ursachenbündel handeln muss.“ Sowohl die Gene als auch Umwelteinflüsse spielen demnach eine Rolle. Die aktuelle Erkenntnis der US-​Forscher liefere lediglich einen „weiteren Puzzlestein“.

Autismus

Autismus/-/autism

Gravierende Entwicklungsstörung, die sich oft in reduzierten sozialen Fähigkeiten, verminderter Kommunikation und stereotypem Verhalten ausdrückt.

Gen

Gen/-/gene

Informationseinheit auf der DNA. Den Kernbestandteil eines Gens übersetzen darauf spezialisierte Enzyme in so genannte Ribonukleinsäure (RNA). Während manche Ribonukleinsäuren selbst wichtige Funktionen in der Zelle ausführen, geben andere die Reihenfolge vor, in der die Zelle einzelne Aminosäuren zu einem bestimmten Protein zusammenbauen soll. Das Gen liefert also den Code für dieses Protein. Zusätzlich gehören zu einem Gen noch regulatorische Elemente auf der DNA, die sicherstellen, dass das Gen genau dann abgelesen wird, wenn die Zelle oder der Organismus dessen Produkt auch wirklich benötigen.

Nur BBC fragt bei anderen Forschern nach

Noch ein Stück weiter geht Welt Online. Hier kann man den entscheidenden Satz lesen, auf den heil​praxis​.net und orf​.at verzichten: „Ob es sich dabei allerdings tatsächlich um eine Ursache-​Wirkung-​Beziehung handelt, könne man noch nicht abschließend sagen, räumt das Forscherteam um Heather Volk von der University of California in Los Angeles ein.“ Die Wissenschaftler selbst benennen also schon die Zweifel am kausalen Zusammenhang zwischen Autismus und Luftverschmutzung. Die Autorin hat sich auch darüber hinaus um eine ausgewogene Berichterstattung bemüht. Stilistisch unbeliebte Konjunktive und Formulierungen wie „Es scheint allerdings eine genetische Veranlagung zu geben“ oder „Hinweise“ auf die Rolle von Umweltfaktoren verdeutlichen, dass Forscher bei der Suche nach den Ursachen von Autismus noch weitgehend im Dunkeln stochern.

Doch auch beim Artikel auf Welt​.de fehlt letztlich eine Prise Qualitätsjournalismus, um den Artikel komplett rund zu machen: die unabhängige Meinung. Dafür braucht es im Fall dieser Studie den Blick ins Ausland. Die britischen Kollegen auf den Seiten der BBC haben sich die Mühe gemacht, bei unabhängigen Forschern nachzufragen, wie sie das Ergebnis einschätzen. Sie zitieren eine Londoner Neurowissenschaftlerin, die es „very unlikely“ findet, also sehr unwahrscheinlich, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und Autismus bestehen könnte. Sie hält offensichtlich wenig von der Studie, zumal sie mit keinem überzeugenden Mechanismus aufwarten könne, wie schlechte Luft das Gehirn bei seiner Entwicklung derart beeinflussen könne, dass Autismus entstehe. Die Zweifel an den propagierten Zusammenhängen sind demnach groß – nur schade, dass man in den deutschsprachigen Medien mit der Lupe danach suchen muss.

Autismus

Autismus/-/autism

Gravierende Entwicklungsstörung, die sich oft in reduzierten sozialen Fähigkeiten, verminderter Kommunikation und stereotypem Verhalten ausdrückt.

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