Amok, Asperger und vorschnelle Schlüsse

Autor: Ulrich Pontes

Nach dem Schul-​Massaker von Newtown fragt sich alle Welt: Warum? Doch die Schlussfolgerungen einiger Journalisten sind allzu voreilig. Ein Vorwurf, den man neuerdings ganz allgemein auch der Neurowissenschaft macht.

Veröffentlicht: 18.12.2012

Erst in der vergangenen Ausgabe hat sich der Hirnscanner mit Autismus beschäftigt sowie mit der Frage, wie Journalisten mit unsicheren Erkenntnissen umgehen. Damals konnte er nicht ahnen, dass kurze Zeit später die gleichen Themen — leider — schon wieder topaktuell sein würden.

Der Amoklauf eines 20-​Jährigen in Newtown im US-​Bundesstaat Connecticut hat kürzlich die Welt erschüttert. Sich nun angesichts eines unvermittelten Blutbads unter Kindern und Lehrern zu fragen, was einen Menschen zu solch einer Tat treibt, ist zutiefst menschlich. Dass Journalisten sich auf jedes entfernt damit in Zusammenhang stehende Informationsfitzelchen stürzen, ebenfalls. Es ist also nicht verwunderlich und aus Sicht des Hirnscanners auch in Ordnung, wenn berichtet wird, was zunächst Ryan Lanza, der ältere Bruder des 20-​jährigen Amokschützen, ausgesprochen hat: Dass nämlich Adam Lanza „etwas autistisch“ gewesen sei und eine Persönlichkeitsstörung gehabt habe. Später konkretisierten sowohl der Bruder also auch andere Quellen, neben der Persönlichkeitsstörung sei bei Adam Lanza das Asperger-​Syndrom diagnostiziert worden. Dieses kann man als milde Form des Autismus auffassen. Anders als der frühkindliche Autismus bringt das Asperger-​Syndrom keine massiven kognitiven und sprachlichen Entwicklungsverzögerungen mit sich, sondern eher eine Art emotionalen Analphabetismus: Betroffene können zwar intensiv fühlen und auch mitfühlen. Sie verstehen aber nonverbale Gefühlsäußerungen anderer schlecht, was ihre soziale Interaktion beeinträchtigt. Hinzu kommen oft stark spezialisierte Interessen und stereotype Verhaltensmuster.

Autismus

Autismus/-/autism

Gravierende Entwicklungsstörung, die sich oft in reduzierten sozialen Fähigkeiten, verminderter Kommunikation und stereotypem Verhalten ausdrückt.

Emotionen

Emotionen/-/emotions

Unter „Emotionen“ verstehen Neurowissenschaftler psychische Prozesse, die durch äußere Reize ausgelöst werden und eine Handlungsbereitschaft zur Folge haben. Emotionen entstehen im limbischen System, einem stammesgeschichtlich alten Teil des Gehirns. Der Psychologe Paul Ekman hat sechs kulturübergreifende Basisemotionen definiert, die sich in charakteristischen Gesichtsausdrücken widerspiegeln: Freude, Ärger, Angst, Überraschung, Trauer und Ekel.

Wenn aus Apfel und Birne eine Apfelbirne wird

Dies alles darf natürlich thematisiert werden — nur bitte ohne Gerüchte zu sicheren Tatsachen in die Welt zu setzen, wie es etwa der Focus im Hinblick auf die Asperger-​Diagnose tut. Und bitte, ohne die Kombination aus Apfel und Birne zur Apfelbirne zu machen. Genau das haben die Medien aber leider reihenweise getan: So litt Lanza laut Stuttgarter Zeitung unter „einer Persönlichkeitsstörung … dem Asperger-​Syndrom“. Eine unter anderem in der Welt abgedruckte Meldung der dapd schreibt von einer „autistischen Persönlichkeitsstörung“. Da wird zweierlei vermischt: Bei Autismus und Asperger handelt es sich um eine tiefgreifende und wohl im wesentlichen angeborene Entwicklungsstörung. Persönlichkeitsstörungen betreffen dagegen einzelne Aspekte der Persönlichkeitsstruktur und können im Lauf des Lebens erworben werden.

Das ist keine Haarspalterei: Sollte Adam Lanza tatsächlich Autist gewesen sein — zur Erklärung des Amoklaufs trüge das rein gar nichts bei, wie beispielsweise die Süddeutsche Zeitung knapp aber unmissverständlich schreibt. Asperger-​Betroffene befolgen Gesetze eher besonders gewissenhaft. In den weiten Bereich der Persönlichkeitsstörungen fällt dagegen beispielsweise die dissoziale Persönlichkeitsstörung, in ihrer extremen Form auch als Psychopathie bekannt. Gerade entgegengesetzt zu Autisten können Psychopathen Gefühle anderer in der Regel sehr gut lesen, haben aber kein Mitgefühl. Die mutmaßliche Persönlichkeitsstörung des Amokläufers könnte also eine heiße Spur für die Beantwortung der Warum-​Frage sein.

Autismus

Autismus/-/autism

Gravierende Entwicklungsstörung, die sich oft in reduzierten sozialen Fähigkeiten, verminderter Kommunikation und stereotypem Verhalten ausdrückt.

Autisten landauf, landab verärgert

Nur — und das wundert den Hirnscanner doch sehr: Bis Redaktionsschluss ging niemand dieser Spur nach. Vielmehr bekommt der Autismus Platz und Aufmerksamkeit eingeräumt. Auf die Spitze getrieben hat das Spiegel Online. Ein langer Artikel widmet sich dem vermeintlichen Zusammenhang von Asperger und Amoklauf — und hat damit wütende Proteste einer Vielzahl von Bloggern ausgelöst, die sich dabei oft selbst als Autisten outen und durch den Text verunglimpft fühlen.

Und tatsächlich: Zwar stimmen die wesentlichen Fakten, und in der aktuellen Form des offenbar mehrfach überarbeiteten Artikels findet sich sogar der sehr vorsichtig klingende Satz: „Sollte Adam Lanza tatsächlich an einer Form von Autismus gelitten haben, ist das noch lange keine Erklärung für seine grausamen Taten.“ Diese Differenzierung wird aber konterkariert, indem gleich im Anschluss zwei Beispiele von Amokläufern mit Asperger-​Syndrom folgen. Unterm Strich dürfte bei vielen Lesern das diffuse Gefühl bleiben, dass eben doch ein kausaler Zusammenhang zwischen Autismus und der Tat bestehen könnte. Hier scheint dem Hirnscanner der Spiegel-​Artikel — wenn auch nicht dem Buchstaben nach, so doch im Geiste — nicht wirklich im Einklang mit dem Pressekodex. Unter Ziffer 12, die sich gegen die Diskriminierung von Minderheiten und auch von Menschen mit Behinderung wendet, heißt es explizit: „Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung [der Gruppenzugehörigkeit] Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.“

Autismus

Autismus/-/autism

Gravierende Entwicklungsstörung, die sich oft in reduzierten sozialen Fähigkeiten, verminderter Kommunikation und stereotypem Verhalten ausdrückt.

Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit/-/attention

Aufmerksamkeit dient uns als Werkzeug, innere und äußere Reize bewusst wahrzunehmen. Dies gelingt uns, indem wir unsere mentalen Ressourcen auf eine begrenzte Anzahl von Bewusstseinsinhalten konzentrieren. Während manche Stimuli automatisch unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, können wir andere kontrolliert auswählen. Unbewusst verarbeitet das Gehirn immer auch Reize, die gerade nicht im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen.

Neuroglamour, Neuromythologie, Neurozweifler

Von den Unsicherheiten und offenen Fragen in diesem sehr konkreten Fall noch kurz zur Unsicherheit (neuro-)wissenschaftlicher Erklärungen im Allgemeinen. Ein Vierteljahr nach der Verleihung des Ig-​Nobelpreises für Hirnscan-​Untersuchungen an toten Lachsen hat die damals vom Hirnscanner geforderte Diskussion über die Tragfähigkeit und Reichweite neurowissenschaftlicher Befunde in der deutschen Presse wenigstens ansatzweise begonnen. Das dürfte zum guten Teil an dem im Herbst erschienenen Buch „Neuromythologie“ des Pharmakologen Felix Hasler liegen. Nachdem der Autor seinerzeit gleich im dasGehirn.info-Podcast Rede und Antwort stand, durfte er nun im Spiegel darauf hinweisen, wie leicht sich die Öffentlichkeit vom „Neuroglamour“ blenden lässt. Auch auf die toten Lachse geht er in dem Interview ein.

Damit es nicht bei der einen Stimme in dieser wichtigen Diskussion bleibt, abschließend noch drei Linktipps des Hirnscanners: Die New York Times thematisiert in einem Essay die verführerische Kraft der Neurowissenschaften und stellt erfreut fest, dass sich gerade im Netz zunehmend „Neurozweifler“ zu Wort meldeten. Der New Yorker fragt unter der Überschrift „Neuroscience Fiction“ nach Chancen und Grenzen der Hirnforschung und kommt auf die interessante These, dass sich die besten Neuroforscher womöglich unter den Wissenschaftlern finden, die die wenigsten Schlagzeilen bekommen. Und schließlich gibt es eine ausgezeichnete Vorlesung der Oxforder Neurowissenschaftlerin Dorothy Bishop für alle, die etwas gründlicher einsteigen möchten. In der frei zugänglichen Emanuel Miller Lecture berichtet sie sehr anschaulich über wissenschaftliche Studien zum Neuro-​Hype und über methodische Unzulänglichkeiten, die sich mitunter selbst in vielbeachteten Neuro-​Studien finden.

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