Alter im Gehirn erkennen – zu leicht gemacht

Wer das Alter einer attraktiven Frau herausfinden möchte, der muss sich nur ihren Hirnscan anschauen. Das ist die Botschaft einiger fantasievoller Medienberichte – bei genauem Blick auf die Forschung zeigt sich aber: Das ist ein Trugschluss.

Veröffentlicht: 27.08.2012

Erfindungsreich zeigte sich die mediale Berichterstattung in den letzten Wochen. Allerdings ist das nicht unbedingt als Kompliment gemeint. Die Artikel über Hirnforschung erinnerten teilweise nur noch vage an die ursprüngliche Forschung.

Eine Agenturmeldung der dpa wurde dabei besonders begierig von den Medien aufgegriffen. Die Version der Hannoverschen Allgemeinen verkündet bereits in der Übrschrift sehr reißerisch: “Bilder des Gehirns verraten Alter des Menschen”. Auch der Vorspann der Meldung ist aus Sicht des Hirnscanners problematisch: “Zeig mir ein Foto deines Gehirns, und ich sag dir wie alt du bist”, heißt es da. Dem Leser wird damit einmal mehr fälschlicherweise vermittelt, Hirnaufnahmen seien leicht interpretierbare 1:1-Abbildungen von Strukturen oder Aktivitäten des Gehirns. Das führt in die Irre: Vielmehr bedarf es einer hochkomplexen Rekonstruktion, bis aus den eigentlichen Messungen statistisch gemittelte Hirnaufnahmen werden. Aber gut, geschenkt! Ein Vorspann soll dem Leser nun einmal Appetit auf den Beitrag machen.

Forscher hätten ein Computerprogramm erfunden, heißt es im Vorspann weiter, das mit Hilfe von Kernspin-​Bildern das Alter eines Menschen bestimme. Nach dem Verständnis des Hirnscanners sprechen die amerikanischen Forscher von der University of California in San Diego aber gar nicht von einem neuen und von ihnen entwickelten Programm. Laut der in der Fachzeitschrift “Current Biology” veröffentlichten Studie verwenden sie zwar durchaus einen neuen Ansatz, greifen dafür aber auf bereits bestehende Techniken zurück.

Hirnreifung auf dem Prüfstand

Auch die eigentliche Meldung findet der Hirnscanner nicht gerade gelungen: “Bilder des Gehirns könnten künftig ausreichen, um das Alter eines Menschen recht exakt festzustellen”, heißt es da beispielsweise. Dabei ging es den Wissenschaftlern eigentlich darum, die Hirnreifung nachzuvollziehen. Dafür untersuchten sie die strukturelle Hirnentwicklung von mehr als 800 Kindern und Jugendlichen mittels Magnetresonanztomografie. Besonders interessierte sie die Fläche der Großhirnrinde und das Volumen des Hippocampus. So wollten sie prüfen, inwieweit sich Kinder und Jugendliche gleichen Alters in ihrer Entwicklung unterscheiden. Das könnte schließlich helfen zu entscheiden, ob sich ein Kind altersgemäß entwickelt. Wissenschaftler sind schon länger auf der Suche nach Merkmalen, anhand derer sich objektiv messen lässt, wie reif ein Heranwachsender eigentlich ist. Das Alter anhand der Hirndaten einzuschätzen, war dabei eher ein Nebeneffekt der aktuellen Studie.

Außerdem ging eine Kernbotschaft der Untersuchung vollkommen unter: Anders als es frühere Studien hatten vermuten lassen, waren die Entwicklungsunterschiede zwischen Gleichaltrigen nur gering. Im Schnitt betrugen sie ein Jahr. Das Gehirn von Kindern und Jugendlichen entwickelt sich also offensichtlich nach einem strikteren Zeitplan als man bisher gedacht hat.

Viel besser als in der Agenturmeldung gefällt dem Hirnscanner die Darstellung in einem sehr fundierten Artikel im Wissensmagazin scinexx. Dass die Kollegen von über 300 statt von über 200 Messdaten der Forscher sprechen, will der Hirnscanner dann gerne verzeihen.

Heroinsucht stoppen leicht gemacht

Unverzeihlich findet der Hirnscanner allerdings, wie viele Medien mit einem ganz anderen Thema umgingen. Die Berichterstattung beruht die auf einer Agenturmeldung der AFP. Der Stern verkündet vollmundig “Präparat kann Heroinsucht stoppen”. Im Handelsblatt heißt es dann ebenfalls zugespitzt: “Gehirn kann Heroinsucht stoppen”. Der Meldung zufolge wirkten Opiate wie Morphium und Heroin über Immunrezeptoren im Gehirn, die als Verstärker für die Drogenabhängigkeit fungierten. Das Verlangen nach Opiaten könnte ganz einfach dadurch unterbunden werden, dass die Immunreaktion im Gehirn blockiert würde. Man habe schon seit Jahren vermutet, dass die entsprechenden Rezeptoren eine entscheidende Rolle spielten, aber jetzt habe man den Beweis, wird unter anderem eine Forscherin von der University of Colorado zitiert.

Magnetresonanztomographie

Magnetresonanztomographie/-/magnetic resonance imaging

Ein bildgebendes Verfahren, das Mediziner zur Diagnose von Fehlbildungen in unterschiedlichen Geweben oder Organen des Körpers einsetzen. Die Methode wird umgangssprachlich auch Kernspin genannt. Sie beruht darauf, dass die Kerne mancher Atome einen Eigendrehimpuls besitzen, der im Magnetfeld seine Richtung ändern kann. Diese Eigenschaft trifft unter anderem auf Wasserstoff zu. Deshalb können Gewebe, die viel Wasser enthalten, besonders gut dargestellt werden. Abkürzung: MRT.

Hippocampus

Hippocampus/Hippocampus/hippocampual formatio

Der Hippocampus ist der größte Teil des Archicortex und ein Areal im Temporallappen. Er ist zudem ein wichtiger Teil des limbischen Systems. Funktional ist er an Gedächtnisprozessen, aber auch an räumlicher Orientierung beteiligt. Er umfasst das Subiculum, den Gyrus dentatus und das Ammonshorn mit seinen vier Feldern CA1-​CA4.

Veränderungen in der Struktur des Hippocampus durch Stress werden mit Schmerzchronifizierung in Zusammenhang gebracht. Der Hippocampus spielt auch eine wichtige Rolle bei der Verstärkung von Schmerz durch Angst.

Rezeptor

Rezeptor/-/receptor

Signalempfänger in der Zellmembran. Chemisch gesehen ein Protein, das dafür verantwortlich ist, dass eine Zelle ein externes Signal mit einer bestimmten Reaktion beantwortet. Das externe Signal kann beispielsweise ein chemischer Botenstoff (Transmitter) sein, den eine aktivierte Nervenzelle in den synaptischen Spalt entlässt. Ein Rezeptor in der Membran der nachgeschalteten Zelle erkennt das Signal und sorgt dafür, dass diese Zelle ebenfalls aktiviert wird. Rezeptoren sind sowohl spezifisch für die Signalsubstanzen, auf die sie reagieren, als auch in Bezug auf die Antwortprozesse, die sie auslösen.

Unabhängige Expertin gesucht!

Allerdings muss man schon genau lesen, um zu verstehen, dass es sich um keine Einschätzung einer unabhängigen Expertin handelt. Vor allem in dem Artikel des Handelsblattes, der zunächst nur von australischen Forschern spricht, kommt man leicht auf den Gedanken, die amerikanische Forscherin gebe eine unabhängige Einschätzung ab. Das ist aber nicht richtig, denn auch die University of Colorado war an der Untersuchung beteiligt. So fehlt in der Berichterstattung die Einordnung duch unabhängige Wissenschaftler.

Vermutlich stützt sich die Agenturmeldung der AFP auf eine Pressemitteilung der University of Adelaide. Immerhin stammen die Zitate der Forscher offensichtlich daher. Auch im reißerischen Tonfall ähneln sich die Mitteilungen. “Scientists can now block heroin, morphine addiction”, heißt es in der englischen Pressemitteilung. Gleich zu Beginn spricht sie — typisch PR — von einem großen Durchbruch.

Schaut man sich dann die Studie im Journal of Neuroscience an, ergibt sich ein ganz anderes Bild. Es kann keine Rede davon sein, dass die australischen und amerikanischen Forscher Drogensucht blockiert oder gestoppt hätten. Tatsächlich hatten sie zunächst bei Ratten die Dopaminkonzentrationen im Gehirn gemessen. Diese steigt typischerweise stark an nach der Gabe Morphium. Schon lange ist bekannt, dass dieser Effekt – als Teil des Belohnungssystems – eine wichtige Rolle bei der Ausbildung einer Sucht hat. Die australischen und amerikanischen Forscher nun haben ein Präparat gefunden, das bei den Ratten einen Dopamin-​Anstieg nach Morphiumgabe verhinderte.

Mesolimbisches System

Mesolimbisches System/-/mesolimbic pathway

Ein System aus Neuronen, die Dopamin als Botenstoff verwenden und das entscheidend an der Entstehung positiver Gefühle beteiligt ist. Die Zellkörper liegen im unteren Tegmentums und ziehen unter anderem in die Amygdala, den Hippocampus und – besonders wichtig – den Nucleus accumbens, wo sie ihre Endköpfchen haben.

Studie mit Tieren statt mit menschlichen Drogenabhängigen

Nun waren die Ratten aber alles andere als jahrelange Drogenabhängige. Man hatte ihnen lediglich mehrere Tage lang Opiate verabreicht. Die Agenturmeldung lässt aber an keiner Stelle durchblicken, dass es sich um eine Studie mit Tieren und nicht mit menschlichen Drogensüchtigen handelt.

Fantasie hält auch der Hirnscanner prinziepiell für etwas Gutes. Wenn sie aber mit den Autoren in der wissenschaftsjournalistischen Berichterstattung durchgeht, plädiert er für: Weniger Fantasie ist manchmal mehr!

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