Allzu schnell gelöste Rätsel

Der Placeboeffekt ist aufgeklärt! Solche Erfolgsmeldungen gibt es ständig in den Medien und meist wird dabei vom Enträtseln gesprochen. Doch mehr Skepsis wäre angebracht — und mehr Präzision in der Wortwahl.

Veröffentlicht: 08.10.2012

Kaum einen Ausdruck scheinen Redakteure in Wissenschaftsmeldungen mehr zu lieben als das Wörtchen “enträtseln”. Mal enträtseln Forscher das Geheimnis der Alzheimer-​Krankheit. Mal hat man gar das Gedächtnis enträtselt. Der Hirnscanner ist in solchen Fällen augenblicklich skeptisch, suggeriert das Wort doch, man habe ein Rätsel der Forschung endgültig gelöst. Warum Wissenschaftler aber überhaupt noch zu den eigentlich “gelösten” Rätseln weiter forschen, ist dann das eigentliche Rätsel. Auch wäre es schade, wenn sich die Geheimnisse des Lebens so einfach lüften ließen. Zumal dann die Medien bald nichts mehr zu berichten hätten aus der Wissenschaft.

Ein Rätsel der Hirnforschung scheint für das Hamburger Abendblatt kürzlich jedenfalls gelöst worden zu sein. “UKE-​Forscher enträtseln den Placebo-​Effekt” heißt es da in einer Meldung vollmundig. Offensichtlich schwingt hier auch ein wenig Lokalpatriotismus des Hamburger Abendblatts mit, immerhin handelt es sich bei dem UKE um das Universitätsklinikum Hamburg-​Eppendorf. Die Forscher hätten entdeckt, warum bei manchen Menschen allein der Glaube an ein Medikament ausreicht, um eine schmerzlindernde Wirkung zu erzielen — auch wenn dieses keinen Wirkstoff enthält: “Wenn jemand fest an die Wirksamkeit eines Medikaments glaubt oder positive Erfahrungen damit gesammelt hat, wird in seinem Gehirn ein schmerzhemmendes System aktiviert, das dafür sorgt, dass Schmerzsignale gar nicht erst im Gehirn ankommen.”

Gedächtnis

Gedächtnis/-/memory

Gedächtnis ist ein Oberbegriff für alle Arten von Informationsspeicherung im Organismus. Dazu gehören neben dem reinen Behalten auch die Aufnahme der Information, deren Ordnung und der Abruf.

Placeboeffekt im Alleingang gelöst

Tatsächlich haben Forscher um die Hirnforscherin Ulrike Bingel in den letzten Jahren aufsehenerregende Studien veröffentlicht. Beispielsweise konnten sie 2009 zeigen, dass sich die psychologische Wirkung von Placebos auch physiologisch niederschlägt, und zwar bereits im Rückenmark, also auf der frühesten Stufe der Schmerzwahrnehmung im zentralen Nervensystem. Doch in dem Artikel des Hamburger Abendblatts bekommt man leicht den Eindruck, die Hamburger Forschergruppe habe den Placeboeffekt quasi im Alleingang und gänzlich aufgeklärt – beides ist nicht der Fall.

Ärgerlich ist zudem, dass der Beitrag nahezu vollständig auf einer Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) beruht, die allerdings um wesentliche Informationen gekürzt wurde. Auf einem Kongress der Organisation hatte Ulrike Bingel ihre neuesten Forschunsgergebnisse vorgestellt – doch ausgerechnet diese ließ der Artikel im Hamburger Abendblatt unter den Tisch fallen. Die Forscher hatten herausgefunden, dass der Placeboeffekt auch beim Wechsel von Medikamenten auftritt. Die Erfahrung, die der Patient mit dem ersten Medikament gemacht hat, überträgt er zumindest teilweise auf die folgende Arznei.

Was Medical Observer Online aus der selben Pressemitteilung machte, begeisterterte den Hirnscanner ebensowenig. Irritiert und leicht verängstigt las er schon die Schlagzeile: “Beibackzettel machen Patienten krank”. Eine Überschrift, die übrigens direkt von der DGN-​Pressemitteilung übernommen wurde und die auf einem Zitat von Ulrike Bingel beruht. Liest man dann die Meldung, lässt sich zugegebenermaßen durchaus nachvollziehen, wie die Forscherin zu solch einer Aussage kommt. Sie bezieht sich auf das negative Gegenstück von Placebos, so genannte Nocebos: Das sind schädliche Nebenwirkungen, die auch bei Scheinmedikamenten auftreten. Sie treten besonders dann auf, wenn ein Patient den Beipackzettel gelesen hat und daher eine negativen Erwartung hat. Daher die Aussage von Ulrike Bingel, das diese Zettel krank machen können. Dennoch hätte der Hirnscanner hier gerne noch eine Einschätzung der Forscherin vernommen, ob man denn aus ihrer Sicht die Nebenwirkungen auf den Beipackzetteln nicht mehr auflisten sollte.

Irreführende Artikel zu Autogesichtern

Wenig gelungen findet der Hirnscanner auch die Berichterstattung zu einem ganz anderen Thema. “Autofans sehen Fahrzeuge wie menschliche Gesichter”, behauptete die Welt in der Überschrift einer Agenturmeldung der dpa und weckte zumindest beim Hirnscanner ganz falsche Erwartungen. Die Schlagzeile führt in die Irre, denn Forscher von der Vanderbilt University in den USA äußerten sich in ihrer Studie gar nicht zu der subjektiven Wahrnehmung ihrer Probanden. Vielmehr berichteten sie darüber, wie das Gehirn auf verschiedene Bilder von Gesichtern, Autos und Flugzeugen reagierte. Die Überschrift von Spiegel Online zu der gleichen Agenturmeldung war da schon passender: “Autonarren: Hirn reagiert auf Fahrzeuge wie auf Gesichter”.

Bei all dem Gerede von Autoliebhaberei und Gesichtererkennen ging in beiden Artikeln fast unter, um was es den Forschern eigentlich ging. Sie wollten herausfinden, ob eine bestimmte Hirnregion – das fusiforme Gesichtsareal – tatsächlich nur einseitig spezialisiert ist. Normalweise spricht man dem Hirnareal lediglich die Fähigkeit zu, Gesichter zu erkennen. Nun wollten die Wissenschaftler schauen, ob es auch an anderen Formen des visuellen Erkennens beteiligt ist. Sie fanden heraus, dass Bereiche des fusiformen Gesichtsareals sowohl beim Anblick von Gesichtern als auch beim Anblick von Autos aktiv waren – allerdings nur bei den Autokennern.

Das Hirnareal regt sich offensichtlich dann verstärkt, wenn man sich mit den betrachteten Gegenständen auskennt, mit ihnen vertraut ist. Die Forscher vermuten daher, dass die Region aktiv wird, wenn wir Objekte identifizieren und wiedererkennen. Leider kommt in den beiden Beiträgen ein Fakt nicht zur Sprache: Die Forscher wissen bisher nicht, ob es exakt die gleichen Gruppen von Nervenzellen sind, die Gesichter und andere vertraute Objekte verarbeiten.

Dem Hirnscanner gibt also oft die Berichterstattung der Medien Rätsel auf – doch leider sind das meist nicht die tatsächlichen Rätsel der Wissenschaft.

Wahrnehmung

Wahrnehmung/Perceptio/perception

Der Begriff beschreibt den komplexen Prozess der Informationsgewinnung und –verarbeitung von Reizen aus der Umwelt sowie von inneren Zuständen eines Lebewesens. Das Gehirn kombiniert die Informationen, die teils bewusst und teils unbewusst wahrgenommen werden, zu einem subjektiv sinnvollen Gesamteindruck. Wenn die Daten, die es von den Sinnesorganen erhält, hierfür nicht ausreichen, ergänzt es diese mit Erfahrungswerten. Dies kann zu Fehlinterpretationen führen und erklärt, warum wir optischen Täuschungen erliegen oder auf Zaubertricks hereinfallen.

Neuron

Neuron/-/neuron

Das Neuron ist eine Zelle des Körpers, die auf Signalübertragung spezialisiert ist. Sie wird charakterisiert durch den Empfang und die Weiterleitung elektrischer oder chemischer Signale.

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