Alles eine Frage des Glaubens?

Der Hirnscanner beschäftigt sich diesmal viel mit dem Glauben: Mit dem Gottesglauben, der laut Medienberichten im Gehirn vermeintlich ausgeschaltet wurde und den Glaubensätzen der Küchenpsychologie.

Veröffentlicht: 02.11.2015

In der Wissenschaft – der Name sagt es schon – geht es eigentlich um Wissen. Freilich kann sich das Wissen jederzeit als bloß scheinbar herausstellen. Aber es geht jedenfalls nicht um puren Glauben. Doch wenn der Hirnscanner sich Medienberichte zu neurowissenschaftlichen und psychologischen Themen zu Gemüte führt, beschleicht ihn nicht selten das Gefühl: Bei vielen sensationellen Meldungen ist mehr Glauben als Wissen im Spiel. Das Gefühl hatte er wieder einmal, als er kürzlich auf dieses Thema stieß: Hirnforscher hatten sich mit dem Glauben beschäftigt — wie passend!

Konkret lautete die Überschrift eines Beitrags auf Focus Online: „Flüchtlingshass und Gottesglaube lassen sich im Gehirn ausschalten.“ Zwar verweist der Artikel darauf, dass es sich um eine Behauptung der beteiligten Forscher handelte. Doch liest man den Text zu Ende, macht das die Sache auch nicht besser.

Aber bleiben wir kurz noch bei der Überschrift. In der zugrundeliegenden amerikanischen Studie ging es nämlich überhaupt nicht um Flüchtlinge, sondern um Migranten, was nun wirklich nicht das gleiche ist. Offensichtlich wollte der zuständige Redakteur einfach an die aktuelle Flüchtlingskrise andocken.

Die Forscher jedenfalls stimulierten mit Magnetstimulation bei ihren Probanden den medialen frontalen Cortex, der laut Focus mit dem Erkennen und Lösen von einfachen Problemen zusammenhängt und emotionale Prozesse reguliert. Die eine Hälfte der Freiwilligen stimulierten sie nur schwach. Bei der anderen Hälfte bewirkte eine stärkere Behandlung, dass sich die Aktivität der betreffenden Gehirnregion reduzierte.

Im Anschluss daran hätten die Wissenschaftler die Studienteilnehmer zu ideologischen Themen befragt. „Im Fokus standen Fragen zum Tod und zu Nationalismus“, so die Onlineausgabe des Nachrichtenmagazins. Was dabei überhaupt nicht deutlich wird: Die Forscher hatten die Probanden mit dem Thema Tod konfrontiert, um bei ihnen eine Hinwendung zu Trost spendenden Ideologien wie Religion auszulösen. Außerdem mussten die Teilnehmer eine vermeintlich von einem Migranten verfasste Kritik an der eigenen Nation lesen — mit dem Ziel, bei ihnen eine ablehnende Haltung gegenüber Zuwanderern hervorzurufen.

Glaube ausgeschaltet oder die Kritikfähigkeit?

Laut Focus Online zeigte sich nun: „Von denjenigen Probanden, deren Hirnregion vorübergehend gehemmt war, glaubten 32,8 Prozent weniger an Gott, Engel oder den Himmel als in der Vergleichsgruppe. Gleichzeitig reagierten sie um 28,5 Prozent positiver auf Zuwanderer. Vermeintlich grundsätzliche Einstellungen lassen sich also erstaunlich einfach verändern, behaupten die Forscher.“

Doch ob es sich wirklich um eine Änderung der ideologischen Einstellung handelt, ist für den Hirnscanner gerade fraglich. Schließlich verglichen die Forscher „nur“ die Unterschiede zwischen zwei Gruppen. Sie hatten sich gerade nicht angeschaut, was eine Stimulation beziehungsweise das Ausbleiben derselben bei ein und derselben Person bewirkt. Auch wird in der Studie aus Sicht des Hirnscanners nicht deutlich, ob die Probanden grundsätzlich religiöse Tendenzen gehabt hatten und ob diese zwischen den beiden Gruppen vergleichbar gewesen waren. Es lässt sich also nicht ausschließen, dass die unterschiedlichen Antworten der Freiwilligen auf grundlegende Unterschiede zwischen den Gruppen zurückzuführen sind. Schön wäre im Übrigen auch gewesen, die Größe der untersuchten Gruppe zu erfahren. Doch weder die Pressemeldung noch Focus Online liefern diese. Zur Information: Es waren genau 38 Studierende. Also pro Gruppe 19 Probanden. Recht wenig, um davon überhaupt irgendetwas abzuleiten.

Wilde Spekulationen

Extrem spekulativ findet der Hirnscanner dann auch ein Forscherzitat, das der Beitrag auf Focus Online einer Pressemitteilung der University of York entnommen hat: „Wir wollten herausfinden, ob eine Hirnregion, die mit dem Lösen konkreter Probleme in Verbindung steht, auch bei abstrakten durch Ideologien ausgelösten Fragestellungen aktiv wird.“ Und die Antwort: „Egal ob wir über einen am Boden liegenden Baumstamm klettern, unser Heil in einer Religion suchen oder uns mit Fragen der Zuwanderung beschäftigen – in unserem Gehirn laufen dieselben grundlegenden Mechanismen ab.“ Gerade dieses letztes Zitat hätte Focus Online einordnen und deutlich machen sollen, dass es sich hierbei durchaus um eine gewagte und noch ziemlich ungesicherte These handelt. Statt dessen setzt das Medium noch einen drauf – mit einer wilden Spekulation: „Womöglich könnte ein Rechtsruck in der Gesellschaft durch medizinische Eingriffe verhindert werden.“

Womöglich, spekuliert nun auch der Hirnscanner, war hier sowohl bei Forschern als auch Autoren ebenfalls eine Hirnregion lahmgelegt ­- die der Kritikfähigkeit. Der Hirnscanner ist jedenfalls immer skeptisch, wenn komplexe psychische Prozesse wie etwa die Hinwendung zu einer Ideologie an einer Hirnregion festgemacht werden. Und noch skeptischer, wenn dann gleich die „Heilung“ von wenig erwünschten Denkrichtungen via medizinischen Eingriff in Aussicht gestellt wird.

Die Küchenpsychologie behält recht?

Ein anderes Thema hat gewissermaßen auch mit dem Glauben zu tun. Allerdings mit den Glaubensätzen der Küchenpsychologie. In dieser Alltagspsychologie kursiert schon lange die Vorstellung, dass die Reihenfolge, in der Geschwister auf die Welt kommen, Einfluss auf die Persönlichkeit hat. So seien beispielsweise Erstgeborene später im Leben gewissenhafter, weil sie etwa schon früh Verantwortung für ihre kleinen Geschwister übernehmen müssten.

Und die Überschriften der Medien schienen der Küchenpsychologie kürzlich recht zu geben: „Erstgeborene sind intelligenter als ihre Geschwister“ titelt welt​.de. Und auf süddeutsche.de heißt es: „Kluge Erstgeborene, rebellische Nesthäkchen“. Solche Überschriften wecken schlicht falsche Erwartungen, was in Zeiten von Twitter und Co., wo oftmals nur die Überschrift weiter gezwitschert wird, besonders irreführend sein kann.

Dabei ist die Haupterkenntnis der den Medienberichten zugrundeliegenden Studie gerade eine ganz andere: Die Reihenfolge, in der Geschwister zur Welt kommen, hat demnach praktisch keine Auswirkungen auf die Persönlichkeit. Und der Vorsprung, den Erstgeborene in Sachen Intelligenz haben, ist nicht nur winzig klein, sondern auch lediglich statistischer Natur. Nur im Schnitt haben Erstgeborene bei der Intelligenz die Nase vorn. Immerhin schreiben das auch süddeutsche.de und welt​.de in ihrem Beitrag.

Dass über das Thema jenseits irreführender Überschriften insgesamt recht kompetent berichtet wird, liegt sicherlich auch an der Erstautorin der Studie: der Psychologin Julia Rohrer von der Universität Leipzig. Denn ihre differenzierten Zitate prägen viele der Beiträge in den Medien. Und Rohrer hat zu ihrer Studie selbst einen äußerst empfehlenswerten Beitrag auf vice​.com verfasst. Sie erklärt auch auf eine für Statistikmuffel sehr nachvollziehbare Weise, was es beispielsweise bedeutet, dass sich Geschwister statistisch um ein paar IQ-​Punkte unterscheiden.

Intelligenz

Intelligenz/-/intelligence

Sammelbegriff für die kognitive Leistungsfähigkeit des Menschen. Dem britischen Psychologen Charles Spearman zufolge sind kognitive Leistungen, die Menschen auf unterschiedlichen Gebieten erbringen, mit einem Generalfaktor (g-​Faktor) der Intelligenz korreliert. Demnach lasse sich die Intelligenz durch einen einzigen Wert ausdrücken. Hierzu hat u.a. der US-​Amerikaner Howard Gardner ein Gegenkonzept entwickelt, die „Theorie der multiplen Intelligenzen“. Dieser Theorie zufolge entfaltet sich die Intelligenz unabhängig voneinander auf folgenden acht Gebieten: sprachlich-​linguistisch, logisch-​mathematisch, musikalisch-​rhythmisch, bildlich-​räumlich, körperlich-​kinästhetisch, naturalistisch, intrapersonal und interpersonal.

Nase

Nase/Nasus/nose

Das Riechorgan von Wirbeltieren. In der Nasenhöhle wird die Luft durch Flimmerhärchen gereinigt, im oberen Bereich liegt das Riechepithel, mit dem Gerüche aufgenommen werden.

Was die Psychologie nicht über uns verrät

Und mit viel Humor räumt sie mit der verbreiteten Vorstellung auf, psychologische Studien könnten viel über uns selbst verraten. Zwar ist das Medieninteresse und das der Bevölkerung an Forschungsergebnissen gerade aus der Persönlichkeitspsychologie im Allgemeinen sehr groß. Man denke nur an den Klassiker schlechthin — Persönlichkeitsunterschiede zwischen Frauen und Männern. Doch Rohrer macht deutlich: „Weniger oft wird darüber berichtet, wie groß diese Effekte letztlich sind und was sie für den Einzelfall bedeuten, falls sie überhaupt irgendwas bedeuten auf der individuellen Ebene.“ Sie endet den Beitrag mit den Worten: „Persönlichkeit ist komplex, und wenn überhaupt, können wir bislang nur kleine Teile davon erklären.“ Dem kann sich der Hirnscanner nur anschließen. Und möchte hinzufügen: Glaube ist eben (noch) nicht Wissen.

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